Posted on Mrz 30, 2011

Migration = Integration?

Ich sitze gerade an einer Seminararbeit zu Rassismus- und postkolonialer Kritik an den Integrationskursen der Bundesrepublik, die ich demnächst hier in Auszügen und komplett veröffentlichen werde und wollte euch schon mal mein Literaturverzeichnis zukommen lassen. Die Bibliographie ist natürlich auf meine Arbeit zugeschnitten und kann daher keine Vollständigkeit gewährleisten.

Vielleicht dient sie euch als Anregung sich eingehender mit verschiedenen kritischen Perspektiven auf Migration und Integration sowie mit Rassismustheorien und postkolonialer Theorie zu befassen. Ihr könnt das Verzeichnis hier als PDF laden oder nach dem Klick komplett einsehen. Viel Spaß beim Lesen!

PS: Nicht beigefügt habe ich das Zuwanderungsgesetz, den Nationalen Integrationsplan, die Integrationskursverordnung, den Integrationsindikatorenbericht sowie andere Broschüren des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Das könnt ihr euch aber schnell unter den genannten Begriffen ergooglen.

PPS: wenn euch noch mehr Quellen bekannt sind, könnt ihr sie gern in die Kommentare posten, damit wir alle von euerm Wissen profitieren können.

Continue Reading

Posted on Mrz 4, 2011

Masterplan.

Ich: “Du machst auf jeden Fall Bourdieu und Theorien der Sozialen Ungleichheit.”

Sie: “Also eigentlich Bourdieu. Ja.”

Ich: “Ja. Und ich mache Queer Theory.”

Sie: “Ja.”

Ich: “Bleiben noch Intersektionalität und die Gerechtigkeitstheorien. Was willst du machen?”

Sie: “Ist mir egal. Such’ dir was aus.”

Ich: “Ich hab’ Bock auf Nancy Fraser. Machst du Intersektionalität? Sind wir ja beide gleich fit drin.”

Sie: “Klar. Cool. Du Gerechtigkeit, ich Intersektionalität.”

Ich: “Perfekt.”

Und im Frühsommer können Sie lesen, wie N. und ich Diversity-Konzepte durch den theoretischen Fleischwolf drehen. Arbeitstitel: Trümmer cum laude.

Posted on Jan 24, 2011

Grada Kilomba – Rassismus als Trauma

Rassismus und Rassismuserfahrungen als Trauma und damit Untersuchungsgegenstände psychologischer Betrachtungsweisen – Die Schwarze* Psychologin Grada Kilomba schildert in ihrem Werk „Plantation Memories“ verschiedene Alltagssituationen Schwarzer Menschen. In diesen Situationen, in denen Rassismen stattfinden, lässt Kilomba die Betroffenen größtenteils selbst zu Wort kommen. Diese beschreiben darin die Handlungen und Positionierungen der verschiedenen Akteur_innen und deren Reaktion auf Rassismus.

In erschütternden, minutiösen Ich-Erzählungen, denen ein beinahe lyrischer Charakter anhaftet, wird der Schock deutlich, den die Betroffenen erfahren und die Gewalt, die hinter Rassismus steckt. Gewalt und Schock treffen auf Seele und Körper, die gezeichnet sind von der Unterdrückung und Zerstörung Schwarzer Menschen durch Sklaverei, Kolonialisierung und bis in die heutige Zeit herrschenden Rassismen und Rassifizierungen durch weiße.

Aus diesen Gesprächsprotokollen, die eher einer Fotografie, einer bildhaften Momentaufnahme gleichen, formt Kilomba anschließend psychologische Analysen, die sie mit postkolonialer Theorie und Erkenntnissen der Critical-Whiteness-Forschung anreichert, um den Leser_innen ein Bild vermitteln zu können, eine Erklärung für das zu geben, was in diesen Situationen passiert und was deren Ursachen und Motive sind.

In dem Essay „Das N-Wort“, das die Geschichte der jungen Schwarzen Kathleen aus „Plantation Memories“ im Zusammenhang des psychologischen Begriffs Trauma erzählt, gibt Kilomba zunächst eine kurze Einführung, warum sie sich dafür entschieden hat N. einerseits als Euphemismus für den kolonialrassistischen Begriff zu benutzen, demnach nicht auszuformulieren, und andererseits N. in seiner brutalen Klarheit zu verwenden. Sie will N. dekonstruieren: N. nicht länger nur als diskriminierendes Wort, das aus politischer Korrektheit oder Rücksichtnahme nicht ausgesprochen wird. N. nicht länger als rassistisches Dämon, das Sklaverei und Kolonialisierung von der Gegenwart entfremdet.

Continue Reading

Posted on Sep 16, 2010

Die Dialektik des kolonisierten Geistes

In seinem Buch „Die Identitätsfalle – Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“ versucht sich der indischstämmige Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen an der Widerlegung von Samuel Huntingtons Thesen der „Clash of Cultures“. Während Huntington die Welt in verschiedene Kulturen aufteilt, die in sich geschlossene, homogene und voneinander völlig unterschiedliche Gruppen sind, deren Unterschiede darauf angelegt sind, Konflikte herauf zu beschwören, zeichnet Sen ein differenzierteres Bild von Kulturen.

Seiner Ansicht nach gibt es diese signifikanten Unterschiede zwischen Kulturen nicht, sie finden sich eher innerhalb einer Kultur. Zudem haben schon immer Austauschprozesse zwischen Kulturen stattgefunden, sowie können Mitglieder einer Kultur zeitgleich einer anderen angehören, Identitäten können sich wandeln, abgestreift und wieder angenommen werden. Es existiert also eine hohe Fluktuation an Mitgliedern einer Kultur, außerdem kann sich Kultur an verschiedenen Merkmalen festmachen. Huntingtons Grenzziehung beschränkt sich in „Clash of Cultures“ hauptsächlich auf das Merkmal Religion, wobei er zusätzlich in westlich und nicht-westlich geprägte Kulturen unterscheidet. Auch hier widerspricht Sen Huntingtons Methode, westlichen Kulturen demokratische Werte von Freiheit und Gleichheit als ursprünglich zuzuschreiben und findet viele Beispiele, um seine Argumentation gegen eine dichotome, naturalisierende und essentialisierende Aufteilung der Welt zu untermauern.

Besonders geschickt ist dabei Sens Vorgehensweise die wesentlichen Punkte aus Huntingtons Buch herauszugreifen und sie aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Er betrachtet Huntington also als seinen „Tandempartner“, erkennt die Motive und Ursachen für Huntingtons Thesen an und nimmt ihn ernst. Sen zeigt ebenso wie Huntington auf, dass es Widersprüchlichkeiten und Konflikte zwischen Kulturen gibt. Er erliegt damit keinem Kulturrelativismus und keiner antiwestlichen Rhetorik. Sen ist daran gelegen, sich der Ängste der Menschen, die Huntington zustimmen, anzunehmen und ihnen einen konstruktiveren, auf interkultureller Verständigung ausgelegten, Zugang zu kulturellen Konflikten und deren Ursachen aufzuzeigen.

Im Kapitel „Westen und Antiwesten“ widmet sich Sen der Problematik um die Unterscheidung der Welt in eine westliche und antiwestliche. Als wesentliche These aus diesem Kapitel kann die „Dialektik des kolonisierten Geistes“ hervorgehoben werden. Die Kolonialgeschichte vieler Länder, der Umgang mit Kolonialismus von Seite der Kolonisierten und Kolonisierenden, die postkoloniale Periode sind zentrale Ansatzpunkte für Sen, um darzulegen, wie es zu einer westlichen beziehungsweise antiwestlichen Haltung oder Argumentation kommen kann. Die „Dialektik des kolonisierten Geistes“ besagt, dass ehemals kolonisierte Staaten sich gegen jegliche Einflussnahme durch (vermeintlich) westlich zivilisierte Länder wehren, gegen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, gegen alle Formen von Kultur, Kunst und des sozialen Zusammenlebens, gegen politische Praxen und Auffassungen. Stattdessen heben sie eigene Errungen-schaften besonders hervor, was mitunter in einem sogenannten „antikolonialen Nationalismus“ gipfeln kann. Hier wird der Wunsch ehemals kolonisierter Staaten deutlich, möglichst unabhängig und frei von westlichen Einflüssen zu agieren und deutlich zu machen, dass die Fähigkeit besteht, Eigenes hervorzubringen, ohne auf Hilfe oder Belehrungen von anderen oder außen angewiesen zu sein.

Im Gegensatz dazu, und das macht die Dialektik aus, besteht nach Worten von Sen eine „Besessenheit“ vom Westen. Für Sen umfasst diese Besessenheit ein großes Spektrum, das von „sklavischer Nachahmung bis zur entschiedenen Feindschaft“ reicht. Noch immer sind diese Länder also in irgendeiner Weise vom Westen abhängig, beziehungsweise von dem, was sie als westlich verstehen und konstruieren. Diese Konstruktion bleibt stets unhinterfragbare und unhinterfragte Norm und Maxime eigenen Denkens und Handelns.

Sen ist es wichtig zu betonen, dass die Ursache für diesen Widerspruch nicht allein in der in den real stattgefundenen Gewaltakten des Kolonialismus und damit einer als gerechtfertigt empfundenen Wiedergutmachung zu suchen sei. Folgenreicher und tiefgehender sei der psychologische Aspekt der Kolonisierung: Die Narben der Demütigung und einer aufgezwungenen Wahrnehmung von Minderwertigkeit, die sich bis in die postkoloniale Zeit fortsetzt. Zudem haben die ehemaligen Kolonialmächte „politische und wirtschaftliche Asymmetrien“ hinterlassen, die es zu überwinden gelte.

Um diese Dialektik aufzubrechen und sich von einem homogenen westlichen Bild zu lösen, dass man hassen oder dem man nacheifern kann, plädiert Sen für eine neue Form des Selbstverständnisses ehemals kolonisierter Länder. Dabei ist es zunächst wichtig anzuerkennen, dass die Ablehnung vieler Ideen mit dem Argument, sie seien westlich, die Gefahr mit sich bringt, entscheidenden Fortschritt und die Überwindung der Folgen des Kolonialismus zu verpassen. Auch müsse man begreifen, dass eine antiwestliche Einstellung und Rhetortik religiösen Fundamentalismus in ehemals kolonisierten Ländern fördere, dessen einzige Grundlage das Feindbild „Westen“ ist.
Ebenfalls gilt es die fortwährende Konstruktion des Eigenen und des Anderen, des Westen und Antiwesten, die eigene Wahrnehmung als Andere zu beenden, da auch diese wiederum einseitige Sichtweisen darstellen und so pluralismus-feindliche Strukturen befördern können. Mit dieser in die postkoloniale Zeit verlängerten Denkweise in Dichotomen üben Kolonialmächte noch immer einen großen Einfluss auf ehemals Kolonisierte aus und erschweren die Etablierung einer neuen, unabhängigen und empathischen Identität. Dominanz- und Abhängigkeitsverhältnisse bleiben bestehen.

Was Sen fordert, ist nicht minder die geistige Loslösung von der Zeit des Kolonialismus und das Einnehmen einer objektiven Perspektive, die sich gleichzeitig Freiheit, Gleichheit und Pluralismus als Handlungsmaxime anerkennt und aus dieser neuen Perspektive heraus, andere Strategien zur Überwindung der Folgen des Kolonialismus zu entwickeln und eine eigenständige, selbstbewusste Identität zu begründen versucht. Sens Ansatz hat also eindeutig einen Empowerment-Charakter, der von eindeutiger Täter-Opfer-Zuweisung, „Westen-Antiwesten-Konstruktionen“ und Epistemen absieht.

Bei Sens Vorschlägen ist auffällig, dass er sich selbst stets in der Rolle des unabhängigen Betrachters sieht, der als Mediator in einem Konflikt von zwei Streitparteien fungiert. Unbestritten ist, dass die „Dialektik des kolonisierten Geistes“ dazu beiträgt, die Dichotomie von Westen und Antiwesten aufrecht zu erhalten und die totalitären Denksysteme des Kolonialismus in die Zeit des Postkolonialismus zu übertragen. Leider bezieht Sen wenig Erkenntnisse aus den Postcolonial Studies und der Critical Whiteness Forschung in seine Argumentation ein, um wirklich ein umfassendes Bild von den Ursachen der bipolaren Konstellation von Kolonialmächten und Kolonisierten zu ermöglichen. Denn auch der „Westen“ trägt seinen Teil zur Fortführung des Konfliktes bei. Handlungsvorschläge erarbeitet Sen hingegen nur für eine Seite.

Freilich ließe sich auch im westlichen Handeln eine Dialektik erkennen: Eine möglichst weite Abgrenzung vom sogenannten Antiwesten, die nicht minder gewaltvoll gestaltet wird, Konstruktion vom Eigenen und Anderen, ohne Hinterfragung und Selbstreflektion. Dem gegenüber steht beständiges Hegemonalverhalten sowie Versuche, normierend in die Lebenswelt von ehemals kolonisierten Staaten einzugreifen. Eine alleinige Veränderung des Selbstverständnisses dieser Länder würde also die Dichotomie nicht auflösen.

Literatur:
Sen, Amartya (2007): Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, Bonn.

[Disclaimer: Ich veröffentliche in unregelmäßigen Abständen Texte, die ich im Rahmen meines Studiums schreiben muss. Bisher gibt es hier eine Textrezension zum Thema  Unterdrückung, einen Kommentar zu Zweigeschlechtlichkeit sowie eine politische Rede zum Staatsbürgerschaftstest zu lesen. Auf Mädchenmannschaft habe ich ebenfalls eine Textrezension zum Thema Differenz, Gleichheit und Dekonstruktion fallen lassen.]

Foto: sarahbü. Lizensiert unter Creative Commons.

Posted on Jun 9, 2010

Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis: Gender als Identität?

Obwohl Diversity mit seiner Prozessorientiertheit gegenüber älteren Gleichstellungsinstrumenten den Vorteil für sich beansprucht, Strukturen anzuvisieren und nicht einfach Personen an diese anzupassen (vgl. Krell 2004a: 372), nimmt auch dieses Konzept letztlich eine individualisierende Perspektive ein, insofern nämlich Strukturen auch hier primär als Werthaltungen verstanden werden. Die Fokussierung auf Ausschließungsmechanismen hegemonialer Gruppen geht letztlich doch wieder davon aus, dass es sich bei Prozessen der Hierarchisierung um ein Problem der Werthaltung Einzelner, hier nun der Mitglieder der hegemonialen Gruppe handelt. Ungleichheit wird so auf „mangelndes Problembewusstsein und Wissen der einzelnen Individuen“ zurückgeführt (Hofbauer/Ludwig 2005: 38), und die Überwindung von Ungleichheit mit Aufklärung, Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung für möglich gehalten. Obwohl also Managing Diversity Machtstrukturen zu ändern beansprucht, bleibt die Frage auch in diesem Konzept theoretisch unbelichtet, welches eigentlich die Strukturen sind, die Geschlechtersegregation hervorrufen. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Geschlechternormen in Form von stereotypisierenden Zuschreibungen heute keine Rolle mehr spielen. Aber ich möchte doch die Frage stellen, ob die allzu selbstverständliche Annahme, dass Geschlechtersegregation primär mit geschlechterstereotypisierenden Zuschreibungen erklärt werden kann, heute so noch stimmt. Meines Erachtens folgt diese Annahme, an der sich zunehmend die gesamte Geschlechterpolitik orientiert, jener kulturalistischen Verkürzung des Gender-Begriffs, der sich im Zuge des cultural turns gegenwärtig in den Gender Studies des gesamten deutschsprachigen Raums etabliert. Mit Cornelia Klinger möchte ich hier von einer Verlagerung der Gesellschaftsanalyse auf das Gebiet der Identitätspolitik sprechen (2003: 25). Eine Verlagerung, die insofern problematisch ist, als sie in einer Art „politizistischen Missverständnisses“ (Atzmüller 2001: 87) die Konstruktion von Identitäten zunehmend losgelöst von den Produktionsverhältnissen denkt. Dabei stellt sich darüber hinaus die Frage, ob es sich bei Geschlechterhierarchien überhaupt um ein Problem von Identitäten handelt. So weist beispielsweise Helga Krüger darauf hin, dass geschlechtersegmentierende Lebensverläufe mit entsprechend geschlechterhierarchischen Folgen nicht mehr mit bestimmten Rollenerwartungen der AkteurInnen erklärt werden können. Im Gegenteil stellt sie eine Gegenläufigkeit fest zwischen den Wertvorstellungen der beteiligten Personen einerseits, die sich einem sozialen Wandel verdanken, und der Persistenz oder sogar erneuten Zunahme von Ungleichheitsverhältnissen zwischen den Geschlechtern andererseits.

aus Soiland, Tove (2008): “Gender als Selbstmanagement. Zur Reprivatisierung des Geschlechts in der gegenwärtigen Gleichstellungspolitik”