Posted on Mrz 30, 2011

Migration = Integration?

Ich sitze gerade an einer Seminararbeit zu Rassismus- und postkolonialer Kritik an den Integrationskursen der Bundesrepublik, die ich demnächst hier in Auszügen und komplett veröffentlichen werde und wollte euch schon mal mein Literaturverzeichnis zukommen lassen. Die Bibliographie ist natürlich auf meine Arbeit zugeschnitten und kann daher keine Vollständigkeit gewährleisten.

Vielleicht dient sie euch als Anregung sich eingehender mit verschiedenen kritischen Perspektiven auf Migration und Integration sowie mit Rassismustheorien und postkolonialer Theorie zu befassen. Ihr könnt das Verzeichnis hier als PDF laden oder nach dem Klick komplett einsehen. Viel Spaß beim Lesen!

PS: Nicht beigefügt habe ich das Zuwanderungsgesetz, den Nationalen Integrationsplan, die Integrationskursverordnung, den Integrationsindikatorenbericht sowie andere Broschüren des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Das könnt ihr euch aber schnell unter den genannten Begriffen ergooglen.

PPS: wenn euch noch mehr Quellen bekannt sind, könnt ihr sie gern in die Kommentare posten, damit wir alle von euerm Wissen profitieren können.

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Posted on Dez 13, 2010

Institutionelle Diskriminierung

Das Konzept der institutionellen Diskriminierung widerspricht der Annahme, dass Diskriminierung vorrangig als Resultat von Vorurteilen einzelner Personen oder Gruppen gegenüber „den Anderen“ erklärt werden kann. Es begreift Diskriminierungsmuster zudem nicht in der Artikulation von (körperlicher) Gewalt oder verbalen Anfeindungen gegen Marginalisierte, sondern beschreibt das Phänomen vor allem als institutionell verankertes Exklusionsmuster, dass die Gesellschaft tiefgreifend strukturiert und differenziert.

Das Konzept der institutionellen Diskriminierung schaut hinter die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen, die das Setting darstellen, in dem sich Individuen und Gruppen innerhalb einer Gesellschaft bewegen (können) und untersucht diese nach diskriminierenden oder benachteiligenden Mustern, Strategien, Handlungen, Praktiken, Diskursen und Normen, etc.

Darüber hinaus gilt es herauszufinden, wer/welche durch die institutionelle Einbettung herrschender Dominanzverhältnisse profitiert/profitieren, wer/welche im Besitz von Privilegien ist/sind und an welchen Stellen sich diese reproduzieren und verfestigen. Das Konzept der institutionellen Diskriminierung konzentriert sich also im Wesentlichen auf Mechanismen und Effekte strukturell verankerter Differenzachsen und Machtverhältnisse.

Dabei ist es irrelevant, ob die einzelnen Repräsentant_innen und Akteur_innen dieses Settings selbst diskriminierende Absichten oder Einstellungen pflegen. Diskriminierung wird mit diesem Konzept als sozialer Prozess (und nicht: Interaktion) begriffen, der die strukturellen Dimensionen in den Blick nimmt.

Die Verantwortung für soziale Ungleichheit wird somit vom Individuum auf die Gesamtgesellschaft übertragen. Vielfältige Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit und Herrschaft, die den Zugang und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Ressourcen erschweren, werden so sichtbar(er).

nach Gomolla (2010): Institutionelle Diskriminierung. Neue Zugänge zu einem alten Problem, in: Hormel/Scherr (Hrsg.): Diskriminierung. Grundlagen und Forschungsergebnisse, Wiesbaden: 61-94.

Posted on Okt 20, 2010

_innenansichten. Über die Wirkung von Diskriminierung.

Seit nun mehr als einem Jahr, vielleicht auch zwei, schreibe ich über meine Erfahrungen mit Homosexualität, Homophobie, Heterosexismus, Sexismus und Chauvinismus. Mal mehr, mal weniger reflektiert, mal kurz, mal lang, mal wütend, mal polemisch oder – eher selten – hoch erfreut.

Die Geschichte meiner persönlichen Diskriminierungserfahrungen reicht bis in meine Coming-Out-Phase zurück, das war vor sieben Jahren. Meine offen gelebte Homosexualität begann nicht gerade ersprießlich. Danach würde sich meine homosexuelle Biografie, hätte sie je eine_r aufgeschrieben, auch nicht viel besser lesen. Meine regelmäßigen Leser_innen wissen, das Leben als Lesbe ist nicht leicht, das Leben als lesbisches Paar noch viel weniger.

Ich habe mittlerweile etwa drei Phasen im Umgang mit Diskriminierung durchlebt: 1. völlige Ignoranz aus Unbedarftheit (wir sind ja post und so), 2. Rückzug in die Opferrolle, 3. Aufbegehren. Sicherlich gibt es noch mehr Stadien und ich gehöre aufgrund meines Daseins als autochthone weißen Deutsche noch zu denen, die sich glücklich schätzen dürfen, nur wegen zwei (zugeschriebenen) Identitäten ausgegrenzt und diffamiert zu werden. (Mein Dasein als Feministin nicht mitgezählt).

Besonders die dritte Phase hat mir viel Kraft und Mut gegeben, mich relativ selbstsicher in unterschiedlichen Kontexten zu bewegen und relativ offen mit meiner Homosexualität umzugehen. Dabei geholfen hat mir der Austausch mit meinen Freunden und den tollen Menschen, die mir das Netz irgendwann zugespült hat. Danke an dieser Stelle.

Als ich vor kurzem mit meiner Freundin über einen unsäglichen Modelesben-Artikel (don’t ask!) diskutierte, spürte ich dennoch einen merkwürdigen Impuls: Ich wollte allen hauptsächlich Privilegierten mal so richtig ans Bein pissen. Sie vollbrüllen und ihnen die Fresse polieren, allen den Stinkefinger zeigen, die sich normkonform verhalten können und nicht müssen, die freiwillig aus dieser Norm heraustreten können, ohne Gefahr zu laufen ausgegrenzt zu werden, die sich die Codes und Markierungen dominierter Gruppen aneignen können, weil sie privilegiert sind und eben aus diesem Grund auch wieder ablegen können. Ich wollte aufschreien gegen diese Aneignung, weil sie, wenn sie durch Privilegierte passiert, Normen, die mein Leben nachhaltig einschränken, reproduziert und festschreibt. Implizit und explizit. Normen wie Strukturen stehen schließlich nicht unabhängig neben den Individuen, die in ihnen agieren (müssen). Beide sind Partner_innen in einem System, das minütlich Ungleichheit schafft und über diese herrscht.

Als halbwegs reflektierter Mensch weiß ich, dass ich ebenfalls Teil dieses Systems bin und ebenfalls herrsche, auch wenn ich zeitgleich dominiert werde. Ich kann mich also noch so sehr in meine Opferrolle zurückziehen, irgendwer wird früher oder später kommen, die Taschenlampe anschalten und sie auf mich richten. Dann werde ich gerichtet. Und damit weiterhin zugerichtet in einem System von komplexen Zusammenhängen, aus dem ich nur selten ausbrechen kann. Das ist mein rationales Verständnis und die Konsequenz meiner Gedanken, wenn ich das, was ich hier aufschreibe, fortführe. Das, wozu ich stehen muss, will ich nicht der Bigotterie zum Opfer fallen. Dass ich zu diesem Verständnis gekommen bin, ist der Auseinandersetzung mit Diskriminierung zu verdanken.

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Posted on Apr 19, 2010

Sex is back in the Tapes

Da ist er, der Podcast mit @deef über sexuelle Identitäten. So richtig queere Fragen haben wir uns nicht mehrheitlich gestellt, aber ein paar Einblicke fernab von Queer Theory und Politikfeldern, war irgendwie – erfrischend.
Wer möchte, kann den Podcast auch über iTunes downloaden. Ansonsten einfach unten den Player bedienen. Viel Spaß beim Hören, wir freuen uns über reges Feedback.



UPDATE: HIER GIBT ES ALLE 4 TEILE ZUM DOWNLOAD

Posted on Apr 12, 2010

Die eigene politische Korrektheit oder:
Über den Umgang mit Differenz

Foto: neillanwarne (CC)

Obwohl sogenannte political correctness als Begriff keineswegs nur positiv konnotiert ist, und ich deswegen lieber “politische Korrektheit” benutze, finde ich es wichtig, das eigene Handeln so pc wie möglich zu gestalten. Wer darauf achtet, pc zu sein, zeigt seinem sozialen Umfeld, dass er/sie in erster Linie Respekt hat. Respekt vor  jahrhundertelanger und immernoch währender Ungleichbehandlung und Diskriminierung. pc ist keineswegs zu verwechseln mit: “Es ist mir egal, was andere tun, ich akzeptiere alles, weil ich tolerant bin”. pc sein, pc zu handeln heißt: Der Wille zur Entwicklung von interkultureller Kompetenz, zur Anerkennung und Wertschätzung von Unterschieden. Wer pc handelt, verurteilt Menschenrechtsverletzungen jeglicher Art, egal wo und in welchem Kontext sie passieren.

Dennoch, wir sind “auch nur Menschen”. Mensch-Sein heißt nämlich u.a.: Wir gestalten unser Mensch-Sein in Beziehung zu unserem Umfeld. Mensch-Sein und Identitäten als soziale Praxis. Und genauso wie ich glaube, dass “man” Geschlecht nicht NICHT machen kann (doing gender), glaube ich, dass das auch mit Differenzen so ist (doing difference). Die Ansätze von individual-konstruktivistischen Theorien. Doch soweit will ich gar nicht gehen. Will nur sagen, wir konstruieren Differenzen, wo wir sie mit unserem Auge erfassen können, wir konstruieren Differenzen zu Dingen, denen wir uns aus bestimmten Gründen nicht zugehörig fühlen und wir konstruieren Differenzen aus eigenen Stereotypen, mit denen wir sozialisiert wurden. Doing difference ist also in erster Linie nicht mehr als eine soziale Praxis zur eigenen Identitätsbildung. Das bin ich. Und das bin ich nicht. Das bist du, weil du nicht ich bist. Natürlich ist Differenzbildung und die Kategorien, die wir benutzen um eine Differenz herzustellen, auch Ausschluss. Mit dem, was wir glauben zu sein und was wir in anderen sehen, wie sie sein könnten, ziehen wir eine Linie. Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Draußen und drinnen.

Diesen Ausschlussprozess können wir sehen als das, was er ist – Die Konstitution eigener Identität – oder wir können mehr daraus machen: nämlich unsere Identität vergleichen und werten zu anderen. Erst mit dieser Wertung und der damit einhergehenden Hierarchisierung wird die Differenz zu einem negativ wirkenden Ausschluss. Dann akzeptieren wir im besten Fall zwar die Differenz (die nicht einmal real existieren muss), aber sehen sie nicht als Teil von uns. Ich bin NICHT so gehört schließlich auch zu Ich BIN so. Alles, was wir demnach meinen, nicht zu sein, gehört zu den anderen. Alles, was wir demnach meinen, dass es zu den anderen gehört, steht hierarchisch unter dem, was wir sind (oder meinen, dass wir es sind).

Dieses Othering macht aus einer Differenz ein Vorurteil, wir erlauben uns Urteile über das, was andere ausmacht oder von dem wir glauben, dass sie es ausmacht, obwohl wir es von unserem Sein extrahiert haben. Wir erlauben uns ein Urteil über andere. Wir erlauben uns ein Urteil über das, von dem wir glauben, dass wir es nicht (mehr) kennen. Anmaßend, nicht?

Doch bis es zur Diskriminierung bzw. Ungleichbehandlung kommt, fehlt ein entscheidender Schritt. Vom Gedanke zur Tat. Wir setzen also dieses Vorurteil um in eine Handlung, die andere ausschließt, aber nicht, weil sie vermeintlich anders sind, sondern weil wir denken, dass dieses Andere, nicht nur nicht zu uns gehören kann (!), sondern weil es dieses Andere weniger Wert hat. Ihr ahnt vielleicht, worauf ich hinaus will. Ganz recht: Eine Diskriminierung einer Person oder Gruppe, von der wir glauben sie sei homogen zusammengesetzt, ist letztlich nicht mehr als eine Abwertung und Einschränkung der eigenen Individualität.

Wir ermöglichen dem, was wir uns nicht zu eigen machen, keine gleichwertige Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen. Im schlimmsten Fall führt diese Praxis zu ungleichen Verteilungen von Ressourcen, Privilegien und Chancen sowie Unterdrückung und Gewalt. Eine Situation, wie sie in jedem Land dieser Welt Wirklichkeit ist.

Was letztlich zu diesem Übersprung führt, also zur Diskriminierung führt, dafür habe ich noch keine befriedigenden Antworten gefunden, glaube aber, dass die Motivation zur Tat in einem selbst liegt. In nicht geäußerten Bedürfnissen und Wünschen, in Emotionen wie Wut, Neid, Hass, Trauer, Verzweiflung, Freude, Selbstsucht; diese Emotionen zu haben, ist letztlich nichts Verwerfliches, doch wir schließen die negativen von ihnen ebenfalls aus. Und wenn wir sie doch haben, sind wir so erschrocken darüber, dass wir auch SO sind, dass wir die Ursache dafür bei den anderen suchen. Dass die anderen sie ausgelöst haben, dass diese negativen Emotionen eigentlich zu ihnen gehören und wir als temporärer Wirt dafür herhalten müssen.

In meinem Studium lerne ich u.a. so etwas zu erkennen, in Selbstreflektion, in kritischer Auseinandersetzung mit meiner Umwelt, mit Politiken, Praxen und Strukturen. Ich lerne, was LOS ist, was GEHT und was es BRAUCHT. In nur einem Semester lernte ich jedoch hauptsächlich mich selbst besser kennen. Am Ende des Studiums könnte dabei herausspringen, dass ich reflektierter bin. Am Ende des Studiums kann nicht dabei herausspringen, dass ich ein besserer Mensch bin. Ich lerne aber, wie es ist zu sagen und zu erkennen “dein Schön ist mein Schön, dein Schlimm ist mein Schlimm” (frei nach Tocotronic), bei all diesen Differenzen. Ich lerne vielleicht, wie es ist, diese Differenzen wieder zu dekonstruieren, zu mir zurückzuführen und mich selbst damit zu bereichern.

Und weil ich “auch nur ein Mensch” bin, möchte ich nicht ausschließlich daran gemessen werden, inwiefern wir uns im Umgang mit Differenz und doing difference unterscheiden.

Ich habe in den vergangenen Tagen über Rentner geschimpft und dafür Kritik geerntet. Ich habe über eine alte Wessi-Katholikin geschimpft und dafür Kritik geerntet. In beiden Fällen habe ich also nicht auf meine eigene politische Korrektheit geachtet. In beiden Fällen hatten die Kritiker vielleicht nicht ganz unrecht. In beiden Fällen aber wurde ich kritisiert, weil ich doch dieses Dings da studiere und es besser wissen müsste. Ich bin nicht dieses Dings. Ich bin anders.