Posted on Jun 15, 2010

Deutschland. Re/Visionen.

WM 2006. Deutschland - Italien. Fanmeile Berlin.

Es ist Weltmeisterschaft in Südafrika, es ist wieder Zeit für unreflektierte Deutschtümelei, impliziten Nationalismus, hegemonial abgesicherte Diskurshoheit über Rassismus, Nationalsozialismus und Exotismus (siehe Fußballkommentator_innen und -moderator_innen Müller-Hohenstein, Béla Réthy und Günter Netzer). Kritik ist nicht erlaubt oder vollkommen überzogen. Der/die gemeine Deutsche kämpft für sein/ihr Recht auf Selbstbestimmung sondergleichen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich kotzen könnte ob so viel Borniertheit und mangelnder Selbstreflektion.

Doch genug der Wut und zunächst ein kurzer biografischer Rückblick: Ich bin Deutsche, in Deutschland geboren, meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern ebenso. Soweit mir bekannt ist, habe ich also keinen Migrationshintergrund und gehöre somit ganz selbstverständlich zur weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft. Meine Urgroßeltern stützten das Nazi-Regime durch Kriegseinsätze oder Rumsitzen, meine Oma nähte in der Schule Hakenkreuze auf Flaggen oder schmiss sich während russischer Luftangriffe in Schützengräben. Später war mein Opa in der NVA, genoss viele Privilegien, mit der Stasi hatten wir allerdings wenig am Hut (soweit mir bekannt ist). Als die Mauer fiel, war ich vier Jahre alt.

Meine Kindheit war toll, ich wuchs in einer homogenen Kleinstadt auf, wohnte zwei Blöcke neben DEM Asylheim, dass 1992 von Neonazis mit Molotow-Cocktails beschmissen wurde, unter dem Beifall der Bewohner_innen Hoyerswerdas fuhr die Polizei irgendwann die Gastarbeiter_innen aus der Stadt. Ich wunderte mich lediglich, warum ich nicht raus durfte zum Spielen. Bis ich 19 war, verbrachte ich also mein Leben in Hoyerswerda, genoss das Dasein in der unteren Mittelschicht ebenso wie meine Freund_innen. Ich kannte weder People of Colour, noch Homosexuelle oder behinderte Menschen. Ich würde mich im Nachhinein als unsozial und hedonistisch beschreiben, ich hatte ja niemanden, der mich mal zur Seite nahm.

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