Mein Unbehagen mit dem Weißsein

Im vergangenen Jahr war ich an der HU in Berlin auf einer Veranstaltung, auf der Philosophin Isabell Lorey und Rassismusforscherin Urmila Goel sich mit Privilegien und Hegemonie im Kontext Weißsein auseinandersetzten. Beide bekundeten ihren Argwohn mit Selbstpositionierungen von Weißen im universitären Kontext und Critical Whiteness. Hier sei angemerkt, dass die HU in den Gender Studies viel zu Critical Whiteness anbietet und in den Seminaren oft eine Selbstpositionierung sowie eine kritische Auseinandersetzung damit von den Studierenden verlangt. Auch in schriftlichen Ausarbeitungen.

Urmila Goels Punkt war der, dass sich die Selbstpositionierung der Studierenden häufig nicht in den Inhalten der Texte wiederfindet. Somit die Markierung von Weißsein oft zu „Ich hab das jetzt mal genannt und damit kann meine Arbeit als kritisch gelten“ verkommt. Isabell Loreys Ausführungen waren abstrakter und enorm komplex. Heruntergebrochen problematisierte sie die Rezentrierung einer dominanten Kategorie im Kontext einer Forschung, die sich als kritisch (gegen Dominanz) begreift und doch in den Rahmenbedingungen einer rassistischen Gesellschaft funktioniert. Oft gleiche die Auseinandersetzung mit Weißsein von Weißen einem Ablasshandel, ja einem Freispruch von rassistischer Dominanz. Eine Dominanz, die kaum durchbrochen werden kann, die durch Weiße repräsentiert wird, durch die Wissenschaft als solche und der damit einhergehenden Wissensproduktion. Kurz gesagt: Wir müssen uns immer fragen: Wo befinden wir uns im sozialen Gefüge, wie ist es strukturiert, wer kann sprechen worüber und wie internalisiere ich meine Position so in meinen Gedanken, dass sie mir dabei hilft, kritisch zu bleiben, Partikularwissen sichtbar zu machen, sich gegen Universalismus zu wehren, wo es Hegemonien herstellt und reproduziert, die machtvoll und nicht herrschaftskritisch wirken. Das Publikum der Veranstaltung war in der Mehrzahl weiß. Was schon viel aussagt, wie ich finde.
[Texte von Isabell Lorey zum Thema: 1, 2]

Vor einer Weile war ich in Berlin auf der Buchvorstellung von „Wie Rassismus aus Wörtern spricht – Koloniale (K)Erben im Wissensarchiv deutsche Sprache„. Es wurden Kapitel vorgelesen. Noah Sow und Philipp Khabo Köpsell begeisterten das mehrheitlich weiße Publikum mit ihren satirischen Beiträgen, in denen sie sich über Weiße und ihren Entdecker_innengeist lustig machten. Um das lustig zu finden, muss sich mensch schon in irgendeiner Form kritisch mit Rassismus und Weißsein beschäftigt haben. Trotzdem war mir unwohl, dass so viele Weiße über etwas lachten, was für Nicht-Weiße Herrschaft und Gewalt bedeutet. Ich lachte auch an einigen Stellen, aber hatte dabei das Gefühl einer Externalisierung. „Heißt das jetzt, dass ich nicht mehr rassistisch bin, weil ich darüber lachen kann?“, dachte ich mir.

Das Problem lichtete sich mir etwas, als ich in den oben verlinkten Texten von Lorey las. Das Ding ist das Weißsein, eine Rekurrierung auf eine Identität. Ich bin weiß. Allerdings: Ich werde mich davon auch nicht lösen können, weil meine Hautfarbe zu jedem Zeitpunkt eine gewichtige Rolle spielt. Sie ist immer erkennbar, ich kann mich nicht aus meinem Körper lösen und was dieser Körper repräsentiert – Strukturen, Sprechpositionen, Machtverhältnisse. Ich schrieb dazu neulich schon in Sachen Geschlecht, glaube aber, dass das ein bisschen anders gelagert ist, weil wir unser Geschlecht bis zu einem gewissen Grad veruneindeutigen können. Was jedoch bleibt, ist unser Sozialisiertsein in einem Geschlechtskörper bis zu einem gewissen Zeitpunkt und den damit verbundenen Anrufungen, denen dieser Geschlechtskörper ausgesetzt ist/war. Das macht etwas mit uns, ob und wie weit wir uns davon loslösen können, ist eine Frage kritischer (Selbst)Praxis.

Doch zurück zum Weißsein. Das kann ich nicht veruneindeutigen. Ich kann mich nicht schwarz anmalen, denn das sogenannte Black Facing ist kolonialrassistisch markiert. Ich komme als Weiße zur Welt und werde es immer bleiben. Mein rassifizierter Körper (in dem Fall rassifiziert, weil weiß die antipode Norm zu Schwarz ist, von der aus rassifizierte nichtweiße Subjekt konstruiert und untergeordnet wird) ist mein Leben lang Anrufungen ausgesetzt. Was ich tun kann, ist mich zu markieren. Mein Sprechen deutlich zu machen als ein weißes Sprechen. Doch wie entkomme ich der Falle des Essentialismus? Ich bin keine Freundin von Differenzartikulationen, solange sie dazu dienen, irgendetwas festzuschreiben, was doch nur wieder ausgrenzt, Dominanz fortschreibt und Emanzipation verhindert und dennoch: Ich kann es nicht verändern. Ich kann mich nicht lossagen, auch wenn ich mich kritisch positioniere, handele, rassismuskritisch Politik mache. In einer rassistischen Welt ist mein Körper Differenz- und Dominanzartikulation zugleich. Wenn ich mich mit Critical Whiteness beschäftige, dann weil ich’s kann, nicht, weil ich muss. Weil dieses Wissen für mich produziert wurde (von Schwarzen und Weißen), auf das ich jederzeit zurückgreifen kann, ich in (nahezu) jedem (auch kritischen) Raum mit dem Sprechen (nicht nur) über Critical Whiteness gehört werde, sogar anerkannt werde. Weil mir meine weißen Privilegien locker durch’s Leben helfen. Immer. Überall. Mich von diesen Privilegien lossagen zu wollen, ist auch ein Privileg. Weil ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es ist, ohne diese Privilegien zu leben. Könnte ich es, würde ich es mit Sicherheit nicht wollen.

Ein Dilemma, dieses Weißsein? Sehr wohl.

Was also tun? Ich habe für mich entschieden, dass ich weniger über „weißkritische“ Satire lachen werde, egal ob von Schwarzen oder Weißen vorgetragen, egal, ob der Raum, in dem ich mich befinde, weiß dominiert ist. Ich werde schneller akzeptieren (lernen müssen), wenn People of Color und Schwarze nicht mit mir zusammenarbeiten wollen. Ich werde nicht/weniger mit meinem kritischen Wissen rumprahlen (egal, ob die Räume weiß dominiert sind oder nicht), öfter und mehr Texte über Rassismuskritik und Critical Whiteness lesen, öfter rassismuskritisch intervenieren, beim Zitieren verstärkt darauf achten, dass People of Color und Schwarze angemessen repräsentiert sind. Einfach weil ich’s kann. Ich kann meine Dominanz rassismuskritisch nutzen, aber ich muss mich nicht selbst dafür nutzen. Die Frage, die ich mir immer wieder stellen muss, ist also die: Wann dient Rassismuskritk und Critical Whiteness nur meiner weißen Eigen(re)produktion oder der Sichtbarmachung subalterner Stimmen?