Der Stuhl, der mehr ein Sessel ist.

Ich hänge meine Jacke auf den Kleiderbügel und streife mir die große Wollmütze vom Kopf, fahre mit der linken Hand durch mein Haar. „Ich brauche noch ihre Krankenkassenkarte, Frau Lantzsch.“

„Sie können schon mal Platz nehmen, suchen Sie sich einen Stuhl aus.“ Ich betrete den Raum, er soll Gemütlichkeit ausstrahlen, es gibt nur indirektes Licht. Vor den Fenstern bewegen sich Kiefernbäume. Ich überlege einen kurzen Augenblick, auf welchen Stuhl ich mich setze und ob es einen Unterschied macht, auf welche Wand des Raumes ich gleich schauen werde. Ob es für sie einen Unterschied macht.

Meine Wahrnehmung ist leicht gedämpft, die Zeit scheint dahin zu wabern, ganz so als konzentrierte sich eine auf das Ticken einer lauten Uhr. Eigentlich sollte ich jetzt unter Stress stehen, doch die Tabletten zeigen ihre wohltuende Wirkung. Ich wähle den Stuhl, der mir einen Überblick über den gesamten Raum gibt. Neben mir steht eine Uhr. Es ist Nachmittag.

Während ich fast im Stuhl versinke, ein Stuhl, der mehr ein Sessel ist, weil er wohl Behaglichkeit spenden soll, wenn die Worte, die den Mund verlassen Unwohlsein auslösen, schaue ich auf meine Beine. Die Jeans schlottert um sie herum und der Gürtel hat Mühe, die Hose auf Kurs zu halten. Der schwarze Hoodie hängt an mir herunter und will auf keiner Körperfalte ruhen, weil es keine gibt. Das letzte Mal war ich so dünn während meiner Jugendweihe, denke ich.

Ich habe seit Monaten kaum gegessen. Was sonst zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, ist Zwang geworden, Stress, Nerverei, ein Muss. Beim Gedanken an Essen wird mir übel und mein Herz beginnt zu rasen. Mein Magen zieht sich zusammen und ich bekomme Angst. Ein paar Happen schaffe ich am Tag, es ist mühselig, mir fehlt der Appetit und die Lust, in irgendetwas hinein zu beißen. Kein Essen, keine Angst.

Die Ränder unter meinen Augen sind dunkel und hartnäckig, mein Gesicht ist eingefallen und kantig. Ich falte permanent die Hände und beobachte, wie die Sehnen an meinen Fingern ziehen. „So Frau Lantzsch, wollen Sie anfangen oder soll ich?“

Sie sitzt mir gegenüber, die Beine übereinander geschlagen und die Brille auf der Nase. Sie kneift ein wenig die Augen zusammen und schaut mich konzentriert an. Während ich erzähle, warum ich hier auf diesem Stuhl, der mehr ein Sessel ist, sitze, legt sie öfter den Kopf von der einen Seite auf die andere. Sie nickt verständnisvoll, macht sich Notizen und stellt mir Fragen. Beim Reden fasse ich mir abwechselnd über die Hände, die Beine, meine knochige Wirbelsäule, die Wangen oder an meine Schnürsenkel.

Automatisiert gebe ich die letzten Monate wider, ich habe ja schon Übung darin. Zwei Ärztinnen in einer Praxis und einer Assistenzärztin im nahegelegenen Krankenhaus habe ich das Gleiche erzählt. Ich merke, dass ich noch viel mehr erzählen will, doch dann sind 60 Minuten um und wir müssen das Gespräch beenden.

Zwei Wochen später treffen wir uns wieder, weil ich mehr über sie und ihre Arbeit erfahren will. Ich bin noch immer beeindruckt, wie viel Verständnis mir begegnet und wie viel Handlungsspielräume mir eröffnet werden, wo ich mich doch die letzten Monate fast täglich ohnmächtig, gelähmt und eingeschränkt gefühlt habe. Sie erinnert mich an eine Lehrerin aus der Schulzeit, ich kann gar nicht genau sagen, an welche. Eigentlich imaginiere sie als Verkörperung meiner Lieblingslehrerinnen. Wenn sie Einschätzungen zu mir gibt, muss ich immer schmunzeln, weil sie meine Gedanken in Worte kleidet. Nahezu jeder ihrer Sätze kitzelt mich ein wenig. Ich sage ihr das, sie lächelt und kommentiert bescheiden: „Naja, die Erfahrung, wissen Sie…“

Wenn ich das Haus mit dem Stuhl, der mehr ein Sessel ist, verlasse und zur U-Bahn laufe, weiß ich, dass bald alles besser wird. Dann freue ich mich auf den Weg nach Hause und überlege mir, worauf ich Appetit habe.