Posted on Jan 23, 2012

Rassismuskritik in den Medien: Die ZEIT und das N-Wort.

Es ist beachtlich, welch hohe Wellen die rassistische Praxis am Schlosspark-Theater in Berlin in den Medien schlägt. Seit Bekanntwerden des keineswegs Einzelfalles am Theater häufen sich Beiträge zu Alltagsrassismus, Rassismuskritik und Rassismuserfahrungen von Schwarzen, Afrodeutschen, People of Color und den “Migrationsanderen” in Deutschland, selbst das europäische Ausland berichtet.

Nach wie vor ist es wichtig, die Sprache genauer unter die Lupe zu nehmen, mit der das geschieht. Aufgefallen ist mir die Seite 3 in der ZEIT, in der der Fabian Dannenberg von seinen Erfahrungen berichtet. Die Gewalt, die ihm widerfahren ist und widerfährt, äußert sich auch in der Sprache, mit der er konfrontiert wird. Häufig ist im Artikel das N-Wort zu lesen.

Der Artikel von Fabian ist ein Gastbeitrag. Gastbeiträge folgen häufig auf Anfragen des entsprechenden Mediums. Gängige Praxis: Autor_innen liefern den Volltext ohne Überschrift und Schlagwörter. Redakteur_innen des Mediums, die den Artikel betreuen und/oder das Lektorat liefern den Rest. Es ist eher unüblich, die Überschrift noch einmal mit dem_der Autor_in abzuklären. Als Überschrift prangt “Was willst du hier, N.?”, Schlagwort der ZEIT ist “Rassenhass” (siehe URL), ein_e wohl etwas hellerer Kolleg_in hat im Artikel für ZEIT Online in der Stichzeile “Rassismus” geschrieben (über der Überschrift). Ich frage mich, was das soll…

Die Überschrift ist ein Zitat aus Fabians Text. Offenbar ist/sind sich die/_der zuständigen Redakteur_innen bewusst, dass N. ein rassistisches Schmähwort ist. Trotzdem schreiben sie es ausgeschrieben in die Überschrift. Auch wenn von Rassismus Betroffene dieses Wort in aller Deutlichkeit benutzen, steht es Weißen nicht zu, dieses Wort wieder und wieder zu annektieren. Auch wenn das N-Wort eine weiße Erfindung früherer Kolonialherren ist, steht es Weißen nicht zu, dieses Wort wieder und wieder zu annektieren. Für mich sagt diese Überschrift aus, dass die ZEIT sich vielleicht nicht darüber im Klaren zu sein scheint, welche triggernde und verletzende Wirkung dieses Wort auslösen kann bei Betroffenen oder sie stellen sich einfach keine_n nicht-weiße_n Leser_in vor. Vielleicht ist ihnen die aufmerksamkeitsheischende Wirkung des N-Wortes wichtiger als der sensible Umgang mit Sprache, ich weiß es nicht. Ich kann nur vermuten. Was soll diese Überschrift bei diesem Inhalt? Ist es nicht möglich, eine ebenfalls drastische Überschrift für den drastischen Inhalt zu finden, die ohne rassistisches Sprachvokabular auskommt?

Zum Label “Rassenhass”. Ich hatte kurz den Gedanken an Apartheidsregime. Rassismus ist kein Äquivalent für “Rassenhass”. Es gibt keine “Menschenrassen”. Das ist ein biologistisches Konstrukt, das in der Zeit der Aufklärung eingeführt wurde, um Hierarchien entlang einer biologistischen Achse zu rechtfertigen. Schwarz und Weiß sind politische Begriffe und keine “Beschreibungen” phänotypischer Merkmale, keine Hautfarben-Farben und keine Einteilungskategorien von “Menschenrassen”.

Der Artikel von Fabian spricht für sich. Rassismus ist Normalzustand, Realität für viele, die in der BRD leben. Rassismus ist Gewalt. Die sich u.a. durch und mittels Sprache äußert. Weiße besitzen Definitionsmacht über Rassismus und rassistische Sprache. Es ist zynisch, Fabians Text mit solch einer Überschrift und solch einem Label zu versehen, die sinnbildhaft für das stehen, was nach wie vor existent ist. Sprache bildet Gesellschaft ab. In diesem Fall die rassistische, dekonstruierbar ist das allerdings nur für geschulte/sensibilisierte Menschen. Und selbst, wenn alle diese Konstruktionen als solche erkennen würden, obliegt es nicht den Weißen darüber zu entscheiden, ob das “trotzdem okay” ist.

Ich würde mir wünschen, wenn in Zukunft solche wenigen, von der weißdeutschen Mehrheitsgesellschaft autorisierten subalternen Stimmen wie die von Fabian Dannenberg wenigstens konsequent beachtet werden würden und nicht erneut mit Rassismen belegt. Der Gebrauch von rassistischer Sprache trägt zur Normalisierung dessen bei und er gibt Weißen das Signal, dass es okay ist, Wörter wie N. zu benutzen, solange die “gute Absicht”(TM) dahinter steht.

Wenn über Herrschaft gesprochen wird, ist es wichtig zu beachten: Wer redet wie über wen in welchem Kontext? Zwangsläufig schreiben/sprechen nicht ausschließlich Betroffene über Herrschaft. Es wäre natürlich sinnvoll, allerdings ist das alles etwas komplexer als bloße Zugehörigkeit zu Kollektiven, als Identität. Herrschaft betrifft auch diejenigen, die keine Gewalt erfahren. Wenn Weiße ausschließlich über Weißsein und Verantwortung schreiben, Schwarze ausschließlich über Rassismus und Empowerment, dann haben wir wenig aufgebrochen von diesem aufteilenden und Entitäten schaffenden Prinzip, das Herrschaft innewohnt. Gerade weil dieses Prinzip so allgegenwärtig ist und ständig am Werk, sollte der sensible Umgang mit Sprache zu den ersten Schritten bei der Analyse von gesellschaftlichen Zuständen gehören. Herrschaftskritik ist nicht zuletzt eine Frage der Konsequenz. Zur Konsequenz zählt auch, sich als dominante Gruppe endlich von Herrschaftssprache zu befreien, auch wenn diese irgendwann mal von irgendeiner politischen/wissenschaftlichen Autorität zur “Abbildung” und Analyse geschaffen wurde. Das bedeutet auch, Definitionsmacht darüber abzugeben, wie über Herrschaft gesprochen wird. Das heißt auch, Worte wie Fremd(enfeindlichkeit), “Rasse(nhass)” und N. endlich aus dem Vokabular zu streichen, Ausländer(feindlichkeit) nur dann zu benutzen, wenn Ausländer_innen gemeint sind und sich auch da mal zu überlegen, für wen der Begriff “Ausländer” eigentlich gilt und für wen nicht, wer in diesem Land Bürger_innenrechte erhält unter welchen Bedingungen. Nationalismus ist eine Komponente im rassistischen System, nicht die ausschließliche. Aber dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.

UPDATE: Die ZEIT hat auf diesen Artikel geantwortet.

Posted on Jan 6, 2012

Was das Recht zu Blackface sagt…

Das AGG und die entsprechenden Änderungen in den Sozialgesetzbüchern formulieren ein
umfassendes Diskriminierungsverbot. Dort ist auch geregelt, dass in bestimmten Fällen unterschiedlich behandelt werden darf, wenn dafür sachliche Gründe vorliegen. So ist es beispielsweise nach wie vor legitim, wenn bei einer Filmproduktion eine schwarze Person von einer schwarzen Schauspielerin oder einem schwarzen Schauspieler dargestellt wird.

(Quelle)

Jo, bevor ich mich über die Formulierung lustig mache, ein Beispiel zur Verdeutlichung: Das Schlosspark-Theater Berlin will gern irgendein Stück aufführen. Im Original/Drehbuch/Text ist einer der Rollen ein Schwarzer älterer Mann, genannt “Midge”. Es werden Schauspieler gecastet. Schwarze und weiße bewerben sich auf die Rolle des “Midge”. Im Idealfall wird die Rolle mit einem Schwarzen Schauspieler besetzt, weil das Theater keine Lust auf rassistisches Anmalen von weißen (“Blackface”) hat. Der weiße kann nun Diskriminierung schreien, weil er nicht für die Rolle ausgewählt wurde, obwohl er evtl. einen “qualitativ hochwertigeren Lebenslauf” in der Darstellerei vorzuweisen hat, es ist lediglich eine Ungleichbehandlung, weil sie durch “sachliche Gründe” (Antirassismus, Logik) gerechtfertigt werden kann. Unerwähnt bleibt hierbei die Tatsache, dass der deutsche Kulturbetrieb aus Gründen von Rassismus sowieso viel weniger nicht-weiße für Rollen castet als weiße und daher sowieso weder Chancen- noch Ergebnisgleichheit, was die Rollenverteilung von Schwarzen und weißen Darsteller_innen angeht, vorliegt.

Diskriminierung läge vor, (und wäre damit auch arbeitsrechtlich durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz – AGG – relevant), die Rolle des “Midge” mit einem weißen zu besetzen mit der Begründung, es gäbe einfach keine Schwarzen Darsteller für die Rolle, denn offensichtlich haben sich ja Schwarze auf die Rolle beworben. Ebenfalls diskriminierend wäre die Begründung, ein weißer könnte einen Schwarzen “besser” spielen als ein Schwarzer. Warum? Weil in beiden Fällen kein “sachlicher Grund” für die Ungleichbehandlung vorliegt. Nein, Rassismus ist kein “sachlicher Grund”.

Im aktuellen Fall hat sich das Schlosspark-Theater Berlin für einen weißen Darsteller entschieden und sie haben ihn angemalt, damit er “schwarz aussieht”. Ich weiß nicht genau, ob sich für die Rolle des “Midge” tatsächlich Schwarze beworben haben, ich kenne mich im Theaterbetrieb mit der Ausschreibung und Vergabe von Rollen nicht aus. Wenn dem so sein sollte, dann liegt hier kein sachlicher Grund vor und es handelt sich um diskriminierende Rollenvergabe, die in den Relevanzbereich des AGG fällt. Aber wahrscheinlich wurde gar nicht ausgeschrieben, sondern einfach jemand aus dem festen Ensemble ausgewählt. Warum hier kein Schwarzer Darsteller zur Verfügung stand, steht auf einem anderen rassistischen Blatt und dürfte ggf. ebenfalls auf diskriminierende Einstellungspraxis (“Schwarze können doch wohl keine normalen Rollen spielen”) hindeuten.

Was leider nicht rechtlich relevant ist, ist die Blackface-Performance als solche. Das AGG ist lediglich anwendbar auf die Behandlung von Arbeitnehmer_innen und Bewerber_innen, beim Zugang zu Bildung, bei der Inanspruchnahme von Dienstleistungen und Versicherungen, sowie im Mietrecht. Das AGG ist kein Gesetz, dass bspw. rassistische Diskriminierung generell und überall verbietet, zudem auch nur Einzelpersonen klagen können und keine Verbände, Gruppen oder ähnliche. Das Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 3 greift hier ebenfalls nicht, weil das unterschiedliche Rechts- und Anwendungsbereiche sind, um es mal so profan auszudrücken. Andere Gesetze gegen rassistische Diskriminierung haben wir in Deutschland, soweit mir bekannt ist, nicht.

Was sagt uns das? Das geltende Antidiskriminierungsrecht in Deutschland ist nicht weitreichend genug. Wir werden nach wie vor konfrontiert mit rassistischer Kackscheiße, die als Kunst behauptet wird, und kein Schwarzer Darsteller wird bei Blackface-Praxis eines Theaters ernsthaft auf Einstellung klagen. Denn: im AGG ist es so geregelt, dass der_die Kläger_in glaubhaft an der Stelle interessiert sein muss, um Aussichten auf Gewinn des Prozesses zu haben. Neben einem Schadensersatz in sehr geringer Höhe – materieller Ausgleich – werden dann noch die Prozesskosten und ggf. eine Entschädigung – immaterieller Ausgleich – gezahlt. Der Preis für die Einstellung dürfte ungleich höher liegen: Rassistische Gewalterfahrungen im Beruf. Ist das der Fall (vielleicht sogar bei der Vergabe der Rolle von “Midge”?), greift das AGG ebenfalls, allerdings gilt auch hier: Der_die Kläger_in muss weiterhin diese Stelle behalten wollen/auf Wiedereinstellung (bei Kündigung ohne sachliche Gründe) klagen. Furchtbar. Eine Zumutung.

Noch kurz zum Zitat oben: Eine nichtrassistische Vergabe von Rollen als “nach wie vor legitim” zu bezeichnen bei einer sowieso rassistisch strukturierten Theaterlandschaft (und Gesellschaft) ist an Zynismus kaum zu überbieten. Antidiskriminierung darf also permanent auf dem Prüfstand stehen. Diskriminierung nicht. Ekelhaft.

Ich bin froh, dass mittlerweile so viele Beschwerden beim Schlosspark-Theater eingegangen sind. Die Facebook-Wall des Theaters quillt über vor Krawall&Remmidemmi. Gut so. Das macht Betroffenen Mut und lässt auch weiße Antira-Aktivist_innen auf Besserung hoffen. Danke.

Posted on Jan 4, 2012

Nur zur Erinnerung: Es ist 2012.

Und in Deutschland ist es noch immer kein Tabu Blackface-Kackscheiße auf die Theaterbühnen zu bringen.

Erst vorgestern blieb ich voller Entsetzen vor diesem Plakat stehen und musste drei Mal hinschauen, um mich der traurigen Tatsache zu vergewissern: Deutschland, Rassismusland. Und nein, es wird nicht besser. Eher im Gegenteil.

Wer sich beim Schlosspar-Theater beschweren möchte, schreibt eine E-Mail an betriebsbuero@schlosspark-theater.de.

[via accalmie]

Posted on Jan 4, 2012

Wenn berechtigte Kritik in Verharmlosung rassistischer Gewalt umschlägt.

Ich finde es ja gut, wenn sich zur Zeit endlich mal der lächerlichen und zuweilen sexistischen Hetze gegen gut situierte Muttis zur Wehr gesetzt wird. Da spielen schließlich viele Dinge mit hinein: verkürzte Kapitalismus- und Gentrifizierungskritik, internalisierter Wohlstandschauvinismus, der irgendwo auf dem Weg der Kritik an sozialer Ungleichheit unproduktiv gewendet wurde, Muttermythos, stereotype Bilder und Gedanken über Frauen, Frauenselbsthass wegen Muttermythos und stereotypen Bildern und Gedanken über Frauen und noch einiges anderes, was mir jetzt auf die analytische Schnelle nicht einfallen will.

Was mir dann aber doch aufstößt, sind unzulässige Vergleiche mit sogenannten “migrantischen” Muttis und Milieus, Burka-Bildern und stillenden Müttern sowie Empörung über “Boot-ist-voll-Rhetorik”. Lassen wir die Kirche doch mal bitte im Dorf bei aller berechtigten Kritik. Wir reden hier über privilegierte Frauen, Bürgertum, Bildungshintergrund, gefälliges Einkommen, gefällige Lohnarbeit, mehrheitsdeutsch, emanzipiert und nicht über eine diffuse Durchschnittsmama, der von allen Seiten der blanke “Euterhass” entgegenweht.

Dass die Prenzlbergmutti nichts für die Gentrifizierung und für ihre sonnige soziale Position kann – geschenkt. Wer auf sowas rumreitet, hat nun wahrlich nicht die konstruktive Kritik auf seiner_ihrer Seite geparkt. Muss ja auch nicht. Wütend sein geht klar, aber dann bitte ohne Bücher, Tweets und Texten mit sexistischem und anderweitig verkürztem Bockmist bei völliger Vernachlässigung der eigenen Position. Um jetzt mal die eigenen Beispiele zu bemühen: Ich lese Pbergmutti-Bashing immer von solchen Leuten, die sich mit ihren Objekten der Kritik auf dem Rasen der Privilegien und Situiertheit prima die Hände reichen können, also Schluss damit. Teile und Herrsche für Dummies ist billig und verharmlosend.

Leider nur verfahren die Pbergmutti-Bashings-Basher_innen nach genau dem gleichen Dummy-Prinzip. Mit den oben skizzierten unzulässigen Vergleichen wird mal eben die eigene soziale Position der gut situierten Mutti mit von Rassismus Betroffenen (Müttern/Frauen) gleichgesetzt (neben dem, dass diese durch den Klassenrassismus der BRD sich auch in einer völlig anderen ökonomischen Position befinden). WTF?! Die Krone des Ganzen setzt sich Esther Kogelboom auf, die einfach mal die nationalistisch-rassistische Ausländerhetze der republikanisch-konservativen Kohl-Ära mit Pbergmutti-Bashing auf eine Stufe stellt. WTF?! “Das Boot ist voll” steht sinngemäß für die Kulmination der staatlich legitimierten und geförderten, z.T. völkerrechtswidrigen Ausbeutung von nicht-weißen “Gastarbeiter_innen” nach 1945 im postkolonialen Deutschland. Als die Menschen, die für das “deutsche Wirtschaftswunder” und den Aufstieg weißer Mehrheitsdeutscher verantwortlich zeichnen (und wahrscheinlich auch traurigerweise zum sozialen Stand der Pbergmutti und deren Mutti beigetragen haben), nicht mehr wichtig genug schienen (weil wirtschaftliche Krisenzeiten immer dazu genutzt wurden, die z.T. illegalisierten und staatsbürgerlich entrechteten “Gastarbeiter_innen” zu entlassen und abzuschieben), da hat sich Arschloch Kohl hingestellt und gesagt, das “Boot ist voll”. Danach kamen die Verschärfung des Asyl- und Ausländerrechts, rassistische Pogrome, Neonazis, mehr als 180 Morde durch Neonazis, “Kinder statt Inder”, Hessen, Thilo Sarrazin und was weiß ich nich noch alles. Strukturell abgesicherte und durch einen dominanzdeutschen rassistischen Diskurs abgesicherte Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung, etc. pp. Das war schon zu Bismarck so, das ist bis heute so. Rassistische Kontinuität. Pbergmutti-Bashing ist nicht auf strukturelle Gewalt zurückzuführen, besitzt keine über 200-jährige Geschichte, wird nicht totgeschwiegen und umgedreht und mit Meinungsfreiheit gerechtfertigt. Und “Hassprediger”, werte Esther Kogelboom, sind rassistische Arschlöcher wie Kohl, Wilders, Sarrazin, Broder & Co. Nicht irgendein Mensch, der nicht weiß wohin mit seinem Sexismus und seiner verkürzten Kapitalismuskritik. Zumal das ja noch nicht mal Erwähnung findet in dem berechtigten Gejaule.

Sexismus ist scheiße. Rassismus und weißes Privilegiengejammer auch. Intersektionalität zu erwarten, wäre doch zu viel des Guten, aber Verharmlosung von Gewalt und Geschichtsklitterung müssen nun echt nicht noch sein.

Ergänzung: Ich benutze das Wort ‘Klassenrassismus’ nicht im Sinne der rassismusverharmlosenden Konnotation, sondern beziehe mich auf Serhat Karakayali, der den Begriff in “Paranoic Integrationism. Die Integrationsformel als unmöglicher (Klassen-)Kompromiss” (aus: Hess/Binder/Moser (Hg.): No Integration?!, Bielefeld, transcript, 2009, 95-104) einer anderen Definition unterzog. Er definiert ‘Klassenrassismus” als Zusammenspiel von kapitalistischer Ausbeutung und Rassismus, welches u.a. eine ethnisierende Unterschichtung von Gesellschaft zur Folge hat. Interessant auch hierzu die Beiträge und Herausgeberschaften von Kien Nghi Ha, der sich mit deutscher Kolonialgeschichte, Rassismus und Arbeitsmigration aus politik- und kulturwissenschaftlicher Perspektive auseinandersetzt.

Posted on Dez 14, 2011

Noch viel zu wenig beachtet: Klassismus

Klassismus, Classism, Sozialchauvinismus, Wohlstandschauvinismus, Sozialimperialismus, etc. sind Begriffe, die auf ein Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnis hinweisen, Machtverteilungen aufzeigen, die mit sozialer Herkunft, Status, Stand, Klassenzugehörigkeit, soziale Position innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, Ökonomie und weiteren Dingen zu tun haben. Wie das in den kritischen Wissenschaftsfeldern so ist, wo noch immer über die Bedeutung von Begriffen wie Dominanz, Hegemonie, Macht und Herrschaft gestritten und keine Einigkeit erzielt wird (ich hänge da auch an vielen Stellen), ist es auch in diesem Bereich nach wie vor nicht eingängig, ob von Klasse oder Schicht gesprochen werden soll, an einigen Stellen findet sich auch Milieu. Je nach theoretischer Herkunft und Zielsetzung des Wissenschaftsfeldes finden unterschiedliche Herangehensweisen an diese Riesenthematik statt. Ein gutes Einführungsbuch haben Andreas Kemper und Heike Weinbach geschrieben. Kemper betreibt ebenfalls das Blog The Dishwasher – Das Magazin für studierende Arbeiterkinder.

Zum ersten Mal wirklich in Berührung gekommen mit der Thematik bin ich über das immer viel zitierte angeblich anarchistisch organisierte Internet gekommen, wo alle mitmachen können. Abgesehen von anderen Hindernissen, die ein “alle” ad absurdum führen, wurde mir da bewusst, dass weder “alle” die Hardware dafür besitzen geschweige denn sich einen DSL-Anschluss leisten können (oder mobiles Internet auf einem mobilen Endgerät) oder die nicht die Möglichkeit haben, an Diskursen teilzunehmen, weil sie viel mehr als bspw. ich in Produktions- und Reproduktionsarbeit eingebunden sind. Nach wie vor findet darüber keine Diskussion in den netzpolitischen Kreisen statt, zumindest keine die über Freies W-Lan für alle hinausgeht. Produktionsbedingungen und Privilegien im Zusammenhang mit Technik werden kaum thematisiert. Als ich in diesem Jahr zusammen mit Helga und Magda von der Mädchenmannschaft einen Vortrag zu Cyberfeminismus auf der re:publica hielt, sprachen wir diese globalen Produktionsbedingungen an, die Achse zwischen Nord-Süd, doch die Diskussion wechselte schnell die Richtung hin zu “Aber guck doch mal die nordafrikanischen Revolutionen, die hamm doch auch alle Internet” oder “Die verdienen in den Fabriken von Apple doch trotzdem mehr als woanders”. Natürlich gab es auch Bewusstsein für die Thematik, aber irgendwie war das alles diffus, Expert_innen und Nicht-Expert_innen sprangen hin und her. Vielleicht ist die re:publica als Techie/Geek/iPhone-Privilegienbubble mit ihren horrenden Eintrittspreisen auch gerade _nicht_ der Ort, wo sowas überhaupt vernünftig diskutiert werden kann.

Da ich selbst kein Crack auf dem Gebiet “Kritik an der global organisierten kapitalistischen Ausbeutung” bin (wahrscheinlich aufgrund meiner eigenen sozialen Position auch nicht zwangsweise muss), ist für mich ein einfacherer Einstieg in die Thematik die Beschäftigung mit den eigenen Privilegien in diesem Zusammenhang und das Klein-Klein des täglichen Alltagsbullshits. Der oben verlinkte Blog von Kemper bringt schon viel Erhellendes mit sich, auf Straßen aus Zucker, ein linkes Magazin, das sich an eine jüngere Zielgruppe richtet, kann mensch auch viel Interessantes und Erklärbär_innenmäßiges zum Thema finden.

Noch ein weiteres sehr empfehlenswertes Blog ist Class Matters von ClaraRosa. ClaraRosa ist ein_e sogenannte_r Poverty Class Academic, die_der sich viel mit linkem Aktivismus, Wissenshierarchien, Konsumkritik, DIY-Problematiken und Privilegien beschäftigt. Das Tolle an den hier verlinkten Seiten ist der Fakt, dass sie keine wissenschaftliche Lektüre voraussetzen. Also auch das Privileg mitdenken, Zeit und andere Ressourcen aufbringen zu können, sich die dicken Wälzer um Politische Ökonomie und das Kapitalverhältnis reinzuziehen und in der Gänze durchdringen zu können.

Besonders fabelhaft ist das Audiostück, das ClaraRosa zusammen mit Margret Steenblock konzipiert und eingesprochen hat zu Klassismus und Privilegien.