Posted on Jan 4, 2012

Nur zur Erinnerung: Es ist 2012.

Und in Deutschland ist es noch immer kein Tabu Blackface-Kackscheiße auf die Theaterbühnen zu bringen.

Erst vorgestern blieb ich voller Entsetzen vor diesem Plakat stehen und musste drei Mal hinschauen, um mich der traurigen Tatsache zu vergewissern: Deutschland, Rassismusland. Und nein, es wird nicht besser. Eher im Gegenteil.

Wer sich beim Schlosspar-Theater beschweren möchte, schreibt eine E-Mail an betriebsbuero@schlosspark-theater.de.

[via accalmie]

Posted on Jan 4, 2012

Wenn berechtigte Kritik in Verharmlosung rassistischer Gewalt umschlägt.

Ich finde es ja gut, wenn sich zur Zeit endlich mal der lächerlichen und zuweilen sexistischen Hetze gegen gut situierte Muttis zur Wehr gesetzt wird. Da spielen schließlich viele Dinge mit hinein: verkürzte Kapitalismus- und Gentrifizierungskritik, internalisierter Wohlstandschauvinismus, der irgendwo auf dem Weg der Kritik an sozialer Ungleichheit unproduktiv gewendet wurde, Muttermythos, stereotype Bilder und Gedanken über Frauen, Frauenselbsthass wegen Muttermythos und stereotypen Bildern und Gedanken über Frauen und noch einiges anderes, was mir jetzt auf die analytische Schnelle nicht einfallen will.

Was mir dann aber doch aufstößt, sind unzulässige Vergleiche mit sogenannten “migrantischen” Muttis und Milieus, Burka-Bildern und stillenden Müttern sowie Empörung über “Boot-ist-voll-Rhetorik”. Lassen wir die Kirche doch mal bitte im Dorf bei aller berechtigten Kritik. Wir reden hier über privilegierte Frauen, Bürgertum, Bildungshintergrund, gefälliges Einkommen, gefällige Lohnarbeit, mehrheitsdeutsch, emanzipiert und nicht über eine diffuse Durchschnittsmama, der von allen Seiten der blanke “Euterhass” entgegenweht.

Dass die Prenzlbergmutti nichts für die Gentrifizierung und für ihre sonnige soziale Position kann – geschenkt. Wer auf sowas rumreitet, hat nun wahrlich nicht die konstruktive Kritik auf seiner_ihrer Seite geparkt. Muss ja auch nicht. Wütend sein geht klar, aber dann bitte ohne Bücher, Tweets und Texten mit sexistischem und anderweitig verkürztem Bockmist bei völliger Vernachlässigung der eigenen Position. Um jetzt mal die eigenen Beispiele zu bemühen: Ich lese Pbergmutti-Bashing immer von solchen Leuten, die sich mit ihren Objekten der Kritik auf dem Rasen der Privilegien und Situiertheit prima die Hände reichen können, also Schluss damit. Teile und Herrsche für Dummies ist billig und verharmlosend.

Leider nur verfahren die Pbergmutti-Bashings-Basher_innen nach genau dem gleichen Dummy-Prinzip. Mit den oben skizzierten unzulässigen Vergleichen wird mal eben die eigene soziale Position der gut situierten Mutti mit von Rassismus Betroffenen (Müttern/Frauen) gleichgesetzt (neben dem, dass diese durch den Klassenrassismus der BRD sich auch in einer völlig anderen ökonomischen Position befinden). WTF?! Die Krone des Ganzen setzt sich Esther Kogelboom auf, die einfach mal die nationalistisch-rassistische Ausländerhetze der republikanisch-konservativen Kohl-Ära mit Pbergmutti-Bashing auf eine Stufe stellt. WTF?! “Das Boot ist voll” steht sinngemäß für die Kulmination der staatlich legitimierten und geförderten, z.T. völkerrechtswidrigen Ausbeutung von nicht-weißen “Gastarbeiter_innen” nach 1945 im postkolonialen Deutschland. Als die Menschen, die für das “deutsche Wirtschaftswunder” und den Aufstieg weißer Mehrheitsdeutscher verantwortlich zeichnen (und wahrscheinlich auch traurigerweise zum sozialen Stand der Pbergmutti und deren Mutti beigetragen haben), nicht mehr wichtig genug schienen (weil wirtschaftliche Krisenzeiten immer dazu genutzt wurden, die z.T. illegalisierten und staatsbürgerlich entrechteten “Gastarbeiter_innen” zu entlassen und abzuschieben), da hat sich Arschloch Kohl hingestellt und gesagt, das “Boot ist voll”. Danach kamen die Verschärfung des Asyl- und Ausländerrechts, rassistische Pogrome, Neonazis, mehr als 180 Morde durch Neonazis, “Kinder statt Inder”, Hessen, Thilo Sarrazin und was weiß ich nich noch alles. Strukturell abgesicherte und durch einen dominanzdeutschen rassistischen Diskurs abgesicherte Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung, etc. pp. Das war schon zu Bismarck so, das ist bis heute so. Rassistische Kontinuität. Pbergmutti-Bashing ist nicht auf strukturelle Gewalt zurückzuführen, besitzt keine über 200-jährige Geschichte, wird nicht totgeschwiegen und umgedreht und mit Meinungsfreiheit gerechtfertigt. Und “Hassprediger”, werte Esther Kogelboom, sind rassistische Arschlöcher wie Kohl, Wilders, Sarrazin, Broder & Co. Nicht irgendein Mensch, der nicht weiß wohin mit seinem Sexismus und seiner verkürzten Kapitalismuskritik. Zumal das ja noch nicht mal Erwähnung findet in dem berechtigten Gejaule.

Sexismus ist scheiße. Rassismus und weißes Privilegiengejammer auch. Intersektionalität zu erwarten, wäre doch zu viel des Guten, aber Verharmlosung von Gewalt und Geschichtsklitterung müssen nun echt nicht noch sein.

Ergänzung: Ich benutze das Wort ‘Klassenrassismus’ nicht im Sinne der rassismusverharmlosenden Konnotation, sondern beziehe mich auf Serhat Karakayali, der den Begriff in “Paranoic Integrationism. Die Integrationsformel als unmöglicher (Klassen-)Kompromiss” (aus: Hess/Binder/Moser (Hg.): No Integration?!, Bielefeld, transcript, 2009, 95-104) einer anderen Definition unterzog. Er definiert ‘Klassenrassismus” als Zusammenspiel von kapitalistischer Ausbeutung und Rassismus, welches u.a. eine ethnisierende Unterschichtung von Gesellschaft zur Folge hat. Interessant auch hierzu die Beiträge und Herausgeberschaften von Kien Nghi Ha, der sich mit deutscher Kolonialgeschichte, Rassismus und Arbeitsmigration aus politik- und kulturwissenschaftlicher Perspektive auseinandersetzt.

Posted on Dez 14, 2011

Noch viel zu wenig beachtet: Klassismus

Klassismus, Classism, Sozialchauvinismus, Wohlstandschauvinismus, Sozialimperialismus, etc. sind Begriffe, die auf ein Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnis hinweisen, Machtverteilungen aufzeigen, die mit sozialer Herkunft, Status, Stand, Klassenzugehörigkeit, soziale Position innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, Ökonomie und weiteren Dingen zu tun haben. Wie das in den kritischen Wissenschaftsfeldern so ist, wo noch immer über die Bedeutung von Begriffen wie Dominanz, Hegemonie, Macht und Herrschaft gestritten und keine Einigkeit erzielt wird (ich hänge da auch an vielen Stellen), ist es auch in diesem Bereich nach wie vor nicht eingängig, ob von Klasse oder Schicht gesprochen werden soll, an einigen Stellen findet sich auch Milieu. Je nach theoretischer Herkunft und Zielsetzung des Wissenschaftsfeldes finden unterschiedliche Herangehensweisen an diese Riesenthematik statt. Ein gutes Einführungsbuch haben Andreas Kemper und Heike Weinbach geschrieben. Kemper betreibt ebenfalls das Blog The Dishwasher – Das Magazin für studierende Arbeiterkinder.

Zum ersten Mal wirklich in Berührung gekommen mit der Thematik bin ich über das immer viel zitierte angeblich anarchistisch organisierte Internet gekommen, wo alle mitmachen können. Abgesehen von anderen Hindernissen, die ein “alle” ad absurdum führen, wurde mir da bewusst, dass weder “alle” die Hardware dafür besitzen geschweige denn sich einen DSL-Anschluss leisten können (oder mobiles Internet auf einem mobilen Endgerät) oder die nicht die Möglichkeit haben, an Diskursen teilzunehmen, weil sie viel mehr als bspw. ich in Produktions- und Reproduktionsarbeit eingebunden sind. Nach wie vor findet darüber keine Diskussion in den netzpolitischen Kreisen statt, zumindest keine die über Freies W-Lan für alle hinausgeht. Produktionsbedingungen und Privilegien im Zusammenhang mit Technik werden kaum thematisiert. Als ich in diesem Jahr zusammen mit Helga und Magda von der Mädchenmannschaft einen Vortrag zu Cyberfeminismus auf der re:publica hielt, sprachen wir diese globalen Produktionsbedingungen an, die Achse zwischen Nord-Süd, doch die Diskussion wechselte schnell die Richtung hin zu “Aber guck doch mal die nordafrikanischen Revolutionen, die hamm doch auch alle Internet” oder “Die verdienen in den Fabriken von Apple doch trotzdem mehr als woanders”. Natürlich gab es auch Bewusstsein für die Thematik, aber irgendwie war das alles diffus, Expert_innen und Nicht-Expert_innen sprangen hin und her. Vielleicht ist die re:publica als Techie/Geek/iPhone-Privilegienbubble mit ihren horrenden Eintrittspreisen auch gerade _nicht_ der Ort, wo sowas überhaupt vernünftig diskutiert werden kann.

Da ich selbst kein Crack auf dem Gebiet “Kritik an der global organisierten kapitalistischen Ausbeutung” bin (wahrscheinlich aufgrund meiner eigenen sozialen Position auch nicht zwangsweise muss), ist für mich ein einfacherer Einstieg in die Thematik die Beschäftigung mit den eigenen Privilegien in diesem Zusammenhang und das Klein-Klein des täglichen Alltagsbullshits. Der oben verlinkte Blog von Kemper bringt schon viel Erhellendes mit sich, auf Straßen aus Zucker, ein linkes Magazin, das sich an eine jüngere Zielgruppe richtet, kann mensch auch viel Interessantes und Erklärbär_innenmäßiges zum Thema finden.

Noch ein weiteres sehr empfehlenswertes Blog ist Class Matters von ClaraRosa. ClaraRosa ist ein_e sogenannte_r Poverty Class Academic, die_der sich viel mit linkem Aktivismus, Wissenshierarchien, Konsumkritik, DIY-Problematiken und Privilegien beschäftigt. Das Tolle an den hier verlinkten Seiten ist der Fakt, dass sie keine wissenschaftliche Lektüre voraussetzen. Also auch das Privileg mitdenken, Zeit und andere Ressourcen aufbringen zu können, sich die dicken Wälzer um Politische Ökonomie und das Kapitalverhältnis reinzuziehen und in der Gänze durchdringen zu können.

Besonders fabelhaft ist das Audiostück, das ClaraRosa zusammen mit Margret Steenblock konzipiert und eingesprochen hat zu Klassismus und Privilegien.

Posted on Dez 13, 2011

Lookism in herrschaftskritischen Szenekontexten

Leah hat einen wunderbaren Text über Lookismus geschrieben, der auch die Problematik anspricht, wo und wie sich das in queer-/feministischen linken Räumen wiederfindet. Da mein Kommentar länger geworden ist und ich nicht die Diskussion dort vereinnahmen will, habe ich das mal hierher gepackt.

“Danke für den Text, Leah!

Die Erfahrungen aus der Schulzeit kann ich in etwa weitergeben, Sanktionen wegen “nichtweiblicher” Kleidung, Körperbehaarung und Gewicht ohne Ende. Das war auch erst im Studium so halbwegs vorbei, aber auch nur so halbwegs. Es zieht sich eigentlich durch’s gesamte Leben, warum sollten lookistische Normierungsversuche vor queer-/feministischen linken Szenen Halt machen? Sowas wurde uns ja antrainiert und wird im täglichen Leben so gut wie nie in Frage gestellt.

Ich finde auch, dass mensch in der Analyse von Mainstreamgesellschaft und diesen Räumen differenzieren muss, sonst ist mensch schnell bei dem Dogma: “Siehste, die sind genauso scheiße wie alle anderen” und dann ist der Weg frei für Sanktionierung dieser Kontexte, die sowieso kaum diskursives Gegengewicht haben.

Woher diese Fem/me/initätsfeindlichkeit herrührt, hat Laura in ihrem Zine zusammengetragen, ich fand das echt bereichernd zu lesen. Auch in dem Interview, was du verlinkt hast, finden sich Verweise. Aus meinen ersten Jahren als Lesbe habe ich auch oft gehört, dass der “Butch-Style” angeeignet wurde, um nicht mehr als Frau gelesen zu werden auf der Straße, um nicht betroffen von Alltagssexismus zu sein. Ich denke schon, dass hier eine historisch kontextualisierende Perspektive auf feministische/queere/-/feministische Kontexte Sinn macht, also die Frage zu stellen, woher kommt das alles? Wieso hat sich das bis heute fortgeführt?

Dass die Abwertung von Weiblichkeiten einem umgekehrten internalisierten heterosexistischen Blick folgt finde ich genauso wichtig zu adressieren wie die Tatsache, dass solche Kontexte auch überhaupt erstmal den Raum eröffneten für Frauen*, sich von den Weiblichkeitsnormen und Abwertungen des eigenen Genders durch den CisHetero-Mainstream zu emanzipieren. Mit der Öffnung für Trans*personen kamen neue Dynamiken hinzu. Ich finde wichtig, dass das einbezogen und anerkannt wird. Schwierig wird es lediglich da, wo den Normen, die mensch ablehnt, einfach gegenteilige entgegensetzt und etabliert werden. So funktioniert Divide-et-Impera.

Etwas anders erlebe ich den Lookismus in linken Räumen, die sich nicht dezidiert als queer-/feministisch begreifen, dort wo hoher Männerüberschuss herrscht, diese “Antifa-Kontexte”. Verkürzte Konsum- und Kapitalismuskritik trifft dort auf Abwertung von Weiblichkeiten, die als “bürgerlich, stylisch, mainstream” gelesen werden, gleichzeitig herrscht aber ein Mackertum und ein Sexismus vor, teilweise unerträglich. Die Frauen*, die dort verkehren, spielen das Spiel teilweise mit, indem sie sich mackerhaftes Verhalten aneignen, in Kleidung sich den Typen anpassen und Frauen abwerten, die eben nicht den Codes entsprechen. Da fällt schnell mal das Wort “Tussi” und homophobe Sprüche erlebe ich auch en masse, während obendrüber “Antisexismus, Antifaschismus, gegen Homophobie, Antisemitismus, etc etc etc” prangt.

Diese ganze Kackscheiße führt dazu, dass ich mich immer einem Kontext entsprechend kleide, manchmal stelle ich sogar fest, dass ich die Klamotten gar nicht besitze, um mich permanent sanktionsfrei in solchen Räumen bewegen zu können, selbst, wenn ich es wollte. Ich finde es zum Kotzen, dass ich mich selbst regulieren muss, um dort anerkannt sein. Regierungstechniken des Selbst: Lookism wird zu meinem Problem, individualisiert, nicht mehr geschlossen adressierbar – auch weil es nach wie vor nicht common sense ist, Herrschaft in ihrer Verquickung und Komplexität zu kritisieren. Ich frage mich seit geraumer Zeit, warum diese Räume ihre eigenen Ausschlüsse nicht bemerken… Suche noch nach einer Antwort. Vielleicht können wir das mal initiieren. Ich möchte nicht auf die Vorstöße der Femme Mafia, feminine Queers, Trans*frauen und queer Femmes drauf springen, das wäre mir zu viel Aneignung, ich verstehe das nicht so ganz als meinen eigenen Kampf, auch wenn ich mit den Leuten solidarisch bin.

Was meinst du?”

Posted on Dez 1, 2011

Weiße Integrationsverweigerer

Millionen von Weißen Deutschen verweigern die Integration in eine pluralistische Gesellschaft. Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Kluft so groß zwischen jenen, die für eine pluralistische, demokratische und moderne Gesellschaft stehen, und jenen, die sich sehr schwer damit tun, sich an jene Werte anzupassen, die es ALLEN Gruppen erlauben, vollständig an der Gesellschaft zu partizipieren und dabei gleichzeitig ihre verschiedenen Identitäten beibehalten zu können.

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