Posted on Mai 23, 2012

Gendercamp 2012 – Review zu Reproduktionsarbeit

Auch dieses Jahr war ich wieder auf dem Gendercamp. Ich habe noch nicht alles realisieren können, was dort passiert ist und ich selbst erfahren habe, für mich ergaben sich aber aus den vier Tagen etwa drei Themen, die ich für diskutierens- und bedenkenswert erachte. Ich werde daher meine Gedanken zum Gendercamp in mehrere Blogposts aufteilen.

I. Reproduktionsarbeit
II. Strukturen eines sich als politisch-emanzipatorisch verstehenden Events
III. Feministischer Aktivismus im Netz

Zunächst: Anders als im vergangenen Jahr empfand ich das Camp und seine Teilnehmer_innen dieses Jahr als wesentlich angenehmer. Das kann damit zusammenhängen, dass ich anders als 2011 keine großen Erwartungen mehr mit nach Hüll nahm, ich mich durch die Anwesenheit und die Arbeit des Awarenessteams sicherer fühlte und somit einen anderen Zugang zu neuen Menschen und deren Ideen entwickeln konnte. Die Redner_innenlisten gaben den Diskussionen während der Sessions einen anderen Drive, ich freute mich über fast jede Wortmeldung, war neugierig, was die Person beizutragen hatte, nahm das Gesprächsklima insgesamt sehr viel offener, wohlwollender und “ich will darüber nachdenken, was du gerade gesagt hast” wahr. Das fand ich sehr schön. Ich habe selbst kaum Erfahrung mit Redner_innenlisten und bin in Diskussionen deshalb schnell überfordert, genervt und angespannt. Der Workshop gleich zu Beginn des Camps zu dominantem Redeverhalten ließ offenbar werden, dass die meisten von uns dominante Strategien des Kommunizierens anwenden und zwar so, dass sie eben keine Interventionen in Kackscheiße darstellen, sondern wirklich interessante und hörenswerte Stimmen verstummen lassen. Was auch dazu führen kann, dass sich Gespräche inhaltlich im Kreis drehen und keinen Input von außen mehr zulassen. Ich war froh, Hinweise zu bekommen, mein eigenes Redeverhalten zu überdenken, öfter mal nichts zu sagen, mich auf das Gesagte von anderen mehr einzulassen und so insgesamt mehr aus einem Gespräch mitzunehmen. Ich hatte (wahrscheinlich auch durch die Awarenessstrukturen drumherum und das Klima unter den Teilnehmer_innen insgesamt) keine Angst, nicht in Kackscheiße intervenieren zu können, weil das evtl. als dominant wahrgenommen werden könnte und ließ mich – weil angstfreier – mehr auf die Perspektiven anderer ein. Das hat Spaß gemacht, ich habe viel mitgenommen. Danke an alle Teilnehmer_innen und das Awarenessteam im Besonderen, das dieses Gesprächsklima ermöglicht hat! Leider haben nicht alle Teilnehmer_innen (und damit meine ich auch die Orga) dieses Angebot als Chance begriffen, das Camp für alle angenehm zu gestalten, das hat mich in Teilen wütend und traurig gemacht. Awareness-Raising als Einschränkung/Beschränkung wahrzunehmen – wohlgemerkt auf einer Veranstaltung mit emanzipatorischem und queer-/feministischem Anspruch – empfand ich als Derailing und Angriff auf eben jenen Anspruch.

I. Reproduktionsarbeit

Ein sehr bestimmender Aspekt auf dem Gendercamp in diesem Jahr waren Kinder. Zunächst, weil mehr Kinder anwesend waren, ebenso deren Bezugspersonen/Betreuer_innen/Eltern. Dass Kinder auch in den Sessions waren, war an der einen oder anderen Stelle etwas anstrengend, weil sie laut waren und ihren eigenen Willen hatten. In der Regel bin ich davon schnell genervt, habe aber an mir festgestellt, dass ich Kinder lediglich als störend empfinde, wenn ich gerade von ganz anderen Dingen angepisst bin und eher die Stille suche und es eigentlich keine Frage der Lautstärke ist/sein sollte, wenn mich Menschen stören, sondern konkretes kackscheißiges Verhalten. Das kann ja laut, leise, subtil, offensichtlich, habitusorientiert, durch Körpersprache kommuniziert oder am Duktus liegen. Ich fände es spannend, wenn Kinder auf politischen Veranstaltungen mehr integriert werden könnten, als Teilnehmende wahrgenommen werden, deren Perspektiven auf bestimmte Themen auch interessant wären. Das gestaltet sich sicher schwieriger, wenn die Kinder noch sehr klein sind und sich kaum verbal artikulieren können, aber Perspektiven von Kindern auf die Welt, ihre Unbekümmertheit und ihr Durchsetzungswillen provozieren tatsächlich eine gewisse Faszination bei mir. Gerade auch, weil das Geschlechterverhältnis an Kindern permanent ausprobiert/ihnen aufgedrückt wird, würde mich interessieren, was sie eigentlich zu diesen Normierungen und Anrufungen zu sagen haben. Wie Kinder Stereotype verhandeln (ließe sich noch auf andere Kategorien außer Geschlecht erweitern), wie Kinder aufnehmen und verarbeiten, wenn Eltern sie möglichst normfrei erziehen wollen, wie sie mit dem Umstand umgehen, dass sie Projektions- und Verhandlungsfläche gesellschaftlicher Verhältnisse sind. Wie sie sich selbst als handelnd, gestaltend und eigen denkend wahrnehmen.

Warum ich Kinder unter dem Punkt Reproarbeit zusammenfasse, hat zwei Gründe: Zum einen, dass Kinder selten als Akteur_innen wahrgenommen werden, wenn es um Reproduktion geht, sondern nur als jene, an denen eben diese Arbeit vollzogen wird. Für mich haben Kinder auf diesem Camp aber ebenfalls diese Arbeit ausgeführt, zumindest fühlte ich mich bisweilen, wenn ich mich mit ihnen beschäftigt habe, sehr wohl, sehr entspannt, ausgeglichen.

Zum anderen, weil in meinen Augen die Betreuungsarbeit zu Beginn nicht sehr gut organisiert war, was zu einigen Konflikten führte (Wer betreut die Kinder wann? Wie könnte die Betreuungsarbeit für Eltern und Bezugspersonen angenehmer & stressfreier gestaltet werden?). Die Anwesenheit von Kindern wird meist unverhandelt gelassen. Das bisschen Reproarbeit, nech? Ich finde es wichtig, dass nicht einfach stillschweigend davon ausgegangen wird, die Eltern und Bezugspersonen (und hier auch wieder — in der Mehrzahl Frauen) machen das eh unter sich aus oder regeln das. Unter Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses in dieser Gesellschaft fände ich es gut, auch mehr männlich Sozialisierte in die Reproverantwortung zu nehmen und stärker zu thematisieren, dass Kinder anwesend sind und nicht sich selbst und ihren Bezugspersonen überlassen werden. Ich denke, dass das Aufgabe eines Orgateams ist, diese Dinge anzusprechen und dahingehend eine Struktur bereitzustellen.

Aber es gibt da noch einen dritten Punkt, der mir wichtig ist. Ähnlich, wie Melanie schreibt, sollte es für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen oder zu erziehen/zu betreuen. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir den Familienstatus zumindest sehr erschwert, mich aus dem heteronormativen Setting “Vater-Mutter-Kind(er)” ausschließt und mir kaum Möglichkeiten gewährt, Erziehungsarbeit zu übernehmen. Ich bin sehr oft traurig deswegen und mache mir schon seit Jahren Gedanken darüber, wann und vor allem wie ich als Mutter/Erziehende auftreten kann und will. Sich mit Kindern unwohl fühlen, heißt daher nicht, Kinder abzulehnen, sondern kritisch auf den eigenen sozialen Status zu blicken. Viele entscheiden sich beispielsweise gegen “eigene” Kinder oder Erziehungsarbeit, weil sie die permanente Anrufung als Mutter satt haben, bei anderen löst die Anwesenheit von Kindern Wut, Trauer und Verletztheit aus. Auch die Reaktualisierung eigener Gewalterfahrungen in der Kindheit/Jugend ist durch die Anwesenheit von Kindern denkbar. Da Kinder all diese Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken von Erwachsenen zu Kindern weder komplett erfassen oder mitbedenken, geschweige denn darauf reagieren können, sehe ich hier vor allem Eltern/Erziehende/Bezugspersonen in der Pflicht dahingehend Sensibilität zu entwickeln. Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als (körperlich) unversehrter CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden. Dann von jenen noch unterstellt zu bekommen, eine selbst sei kinderfeindlich, das Thema Kinder sei tabuisiert oder die Anwesenheit von Kindern werde von denen ohne Kinder als heterosexistisch interpretiert, da war für mich echt Ende im Gelände. Hier zeigte sich ganz offensichtlich die wenig queer-sensible bzw. heteronormative Struktur des Camps und ja, diese Vorwürfe und Umkehrungen sind nichts anderes als heterosexistische und transphobe Kackscheiße und ja, sie sind diskriminierend. Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung 1: Dass gerade unter diesem Aspekt, Kinder als “problematisch für andere” von einigen Erziehenden konstruiert wurden, empfand ich als Unverschämtheit. Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Dass das Thema Kinder so prominent auf dem Camp verhandelt wurde, lag auch daran, wer für sich in Anspruch nehmen kann, Dinge zu thematisieren und wer die eigenen Probleme als permanent verhandelbar betrachten kann und wer nicht. Aber dazu an anderer Stelle mehr. Vorerst helfen vielleicht Adrians Gedanken und Hinweise zu Kindern und Kollektivität

Ergänzung 2:Ich möchte noch einen Gedanken teilen, der von einer nicht-teilnehmenden Person zu meinen Erlebnissen rund um das Thema Kinder & Eltern auf dem Camp kam, den ich für mich als horizonterweiternd wahrnahm: Da Kinder häufig mit “Zukunft” in Verbindung gebracht werden und Reproduktion von Gesellschaft auch über “Kinder bekommen”, “sich vermehren/reproduzieren” verhandelt wird, wäre es gut konservative bis rechtskonservative/nationalistische/völkische/biologistische/eugenische Diskurse mit hineinzudenken, wenn es um Kinder, Elternschaft und Erziehungsarbeit geht. Nicht selten passiert es, dass Eltern einen Anspruch geltend machen, der lauten könnte: “Hey wir setzen Kinder in die Welt, wir tragen zur Zukunft des Staates bei, wir erhalten den Volkskörper, jetzt seid uns bitte dankbar dafür und/oder übernehmt auch Reproduktionsarbeit”.

Dass Reproduktionsarbeit aber nicht nur heißt, Kinder zu betreuen oder generell Kindererziehung und Hausarbeit, sondern auch Sorgearbeit bedeutet, das hätte ich auf politischen Veranstaltungen gerne stärker herausgearbeitet. Gerade wenn ein Großteil der Teilnehmer_innen “draußen” mit gewaltvollen Strukturen konfrontiert ist und so eine Veranstaltung auch die Möglichkeit bietet, Reproduktion des Selbst als Wiederherstellung der eigenen Kräfte und Ressourcen leisten zu können. In der Praxis hieße dies: mehr Pausen, mehr Möglichkeiten für informelle Gespräche, Handarbeit (die DIY- und Craftingangebote wurden rege und mit Begeisterung genutzt), Ansprechpersonen für Konflikte, mehr Räume des Kuschelns nicht nur auf körperlicher Ebene, sondern als einen Raum der Nähe. Ich bin da, ich verstehe dich/will dich verstehen, ich sorge mich um dich, ich sorge für dich, ich sorge auch für mich selbst. Es gab konkret einen Rückzugsraum, in meinen Augen mindestens einer zu wenig. Immerhin brachte die Logistik des Landes mit sich, dass viele die umgrenzen Felder, Wiesen und Wege für ausführliche Spaziergänge und Ruhephasen genutzt haben. Reproduktionsarbeit hieße aber in der Praxis auch, nicht nur das Awarenessteam in die Verantwortung dafür zu nehmen, sondern auch selbstverantwortlich Reproarbeit zu leisten. Ich weiß, dass viele das nicht können oder wollen, aber solange eine Sensibilität für verantwortungsvollen Umgang miteinander da ist, sollten sich einige reproduktionsverringernde Dynamiken vielleicht gar nicht erst einschleichen können.

Posted on Mai 16, 2012

Derailing für Rassist_innen und white privilege denying du_dettes

bingo, bingo, bingo. immer das gleiche muster bei menschen, die nicht von rassismus betroffen sind.

1. definieren, was rassismus ist/nicht ist
2. definieren, wie antirassistische arbeit auszusehen hat
3. definitionsmacht leugnen
4. sich persönlich angegriffen fühlen
5. anderen unterstellen, sich persönlich angegriffen zu fühlen, emotionalität bei anderen kritisieren.
6. sich selbst für sachlich und objektiv halten.

[Hitler-/NS-/Holocaust- Vergleiche bringen - Jokerkarte]

7. eigene “antirassistische” “arbeit” hervorheben (danach wahlweise wiederholung der punkte 1-3, wahrscheinlich zur “argumentationsführung”)
8. Unterdrücker_innen/Gewaltausübende/Diskriminierende mit denen auf eine Stufe stellen, die Widerstand zeigen/leisten
9. sich selbst als unabhängig vom thema/nicht-rassist_in begreifen (rassismus sei also somit nur ein problem von siehe 8.) außerdem: siehe 6.
10. Perspektiven von Betroffenen leugnen
11. sich als Opfer inszenieren
12. Diskussion um die eigene “Rassismusfähigkeit” kreisen lassen
13. siehe 1-12, danach selbstbestimmte wiederholungen zur eigenversicherung in un/regelmäßigen abständen

Wow, du hast es weit geschafft. Viele deiner Vorgänger_innen kamen nicht mal bis zur Hälfte. Gratulation für soviel Durchhaltevermögen! Die Empörungsindustrie verleiht dir hiermit den Preis für die beste Beweisführung, dass Rassismus nach wie vor existent und wirkmächtig ist.

Posted on Apr 21, 2012

Argumentationsgrundlage.

aus einer diskussion um das kuchendings in schweden ist folgende antwort meinerseits entstanden, die sehr lang wurde, viele grundsätzliche punkte enthält und daher auch inhaltlich für das blog interessant ist. ich habe die antwort deshalb aus der diskussion herausgelöst und hier veröffentlicht, weil einiges davon in fast jeder diskussion um machtverhältnisse auftaucht.

ich poste hier einen link, der vier zitate und links zu weiteren texten von women of color enthält, die diese kuchengeschichte sehr kritisch sehen. sie ordnen die angelegenheit als rassistisch und sexistisch ein, begründen ihre argumentation, hintergründe zum künstler usw usw. wem die argumente bis dato nicht bekannt waren, findet in den verlinkten texten genügend anhaltspunkte, sich das ganze mal aus einer rassismuskritischen und antisexistischen und feministischen perspektive anzuschauen.

was kunst darf/nicht darf, steht überhaupt nicht zur debatte, weil dürfen tut sie erstmal alles, siehe aktueller fall. jeder mensch _darf_ sich künstlerisch betätigen aus jeglicher motivation heraus mit jeglicher intention, es sei denn sowas wird von staatlicher seite aus politischen gründen unterbunden und per gewaltmonopol durchgesetzt. sowas nennt sich dann zensur. zensiert wird heutzutage an künstlerischen darstellungen zumindest in deutschland lediglich, was nicht mit der FDGO vereinbar ist und wo das recht auf meinungsfreiheit das auch nicht kompensieren kann. da in der BRD so einiges (auch menschenverachtendes) unter meinungsfreiheit und FDGO geführt wird, wird sehr wenig bis kaum etwas zensiert. das kann eine_r jetzt gut oder schlecht finden, ist aber nicht der punkt der diskussion.

kunst entsteht in einem gesellschaftlichen kontext, der u.a. von rassismus und sexismus durchzogen ist, daher lässt sie sich auch aus dieser perspektive heraus analysieren und ggf. kritisieren. zu anderen zeiten wurden solche darstellungen wie vorliegend massenhaft produziert, heute sind solche erzeugnisse zumindest mit einigen tabus belegt, sonst wäre ja die kritik daran nicht so groß. tabus, die daraus entstehen, dass zumindest bei einigen gruppen der konsens vorherrscht, dass rassistische und sexistische darstellungen rassismus und sexismus reproduzieren, daher gewaltvoll sind und machtverhältnisse aufrecht erhalten und ideologien propagieren, die die grundlage für unterdrückung und ausbeutung darstellen. wenn mensch damit kein problem hat (weil sie_er nicht davon persönlich betroffen ist, bspw.), hat sie_er auch kein problem mit solchen darstellungen. die einzelnen argumente, was an der darstellung, der präsentation kritisch ist und welche _wirkung_ das alles hat, wurde ja in den texten zur genüge beschrieben, deswegen wiederhole ich das jetzt nicht noch einmal.

du führst an, dass _dir_ das kunstwerk gefallen hat, _du_ die darstellung dem anlass entsprechend angemessen findest, lediglich den rahmen (also präsentation und reaktion der zuschauerinnen) nicht gut heißt. ok. insofern stimmst du ja den texten zu, dass solche darstellungen in weißen räumen nicht den gewünschten effekt (künstler wollte ja angeblich zum nachdenken über FGM und rassismus anregen) erzielen. nur: was _du_ vom kunstwerk hältst, entsteht auch nicht im luftleeren raum und ist genauso teil von machtverhältnissen. was _du_ vom kunstwerk hältst, ändert nichts an der kritik, denn deine meinung zum kunstwerk ist teil der kritik, die women of color vorbringen. da wir beide darin übereinstimmen, dass die präsentation und die reaktion unangemessen sind, müsste sich hier eigentlich die frage aufdrängen, warum so eine darstellung nicht ihren gewünschten effekt hat. das liegt – wie in den texten begründet – v.a. an der darstellung und an den räumen, in denen sie stattfand. warum so eine darstellung überhaupt erzeugt wird (durch den schwarzen künstler, der privilegiert genug ist, um stimmen von betroffenen frauen(!) einfach übergehen zu können) und in weiß dominierten räumen zu lob&lachern, statt zur kritik an der darstellung führt, steht auch in den texten.

was ist deine reaktion: du wiederholst, was eigentlich gegenstand der kritik ist und rechtfertigst das mit der intention des künstlers und kunstfreiheit im allgemeinen. das ist nicht illegitim, entfernt sich jedoch vom kontext, in dem die kritik stattfindet. weil ich noch einmal wiederhole, was kontext und argumente sind, hat zur folge, dass du dich belehrt und unverstanden fühlst, deine argumente weggewischt siehst und kritik an sexismus und rassismus als herrschaftswissen bezeichnest. letzteres ist schlichtweg falsch, denn gesellschaftlicher konsens ist: dass es kein problem darstellt mit rassistischen darstellungen und der unsichtbarmachung wie aneignung von stimmen von betroffenen geld zu verdienen, das ganze wird staatlich hofiert. herrschaftswissen ist hier also in erster linie rassistisches wissen (verleugnung von rassismus, unsichtbarkeit von weißsein, eurozentrismus, usw usw). dass ein typ mit der gewalt an frauen und völlig ekelhaften eigeninterpretationen dessen (nämlich der wiederholung der gewalt und nachäffung des schmerzes) geld verdient, ist aus feministischer perspektive mindestens fragwürdig, stellt aber ganz offensichtlich auch gesellschaftliche normalität dar.

die kritik an diesen normalzuständen einfach übergehen zu können und rechtfertigungen dafür zu finden (stichwort: argumente wegwischen), ist teil von herrschaftswissen, ist belehrend, aber auch seit jahrhunderten gängige praxis jener gruppen, die von herrschaft profitieren, ist auch grund, warum sich bspw. women of color nicht selten unverstanden fühlen mit ihrer kritik. der einzige unterschied, der jetzt besteht in deinem unverstanden- und belehrtwerdengefühl und deren: du kannst dich dessen entziehen, in dem du das haus verlässt oder diese diskussion hier wegklickst oder dir einfach aussuchen kannst, ob du dich mit rassismus auseinandersetzen möchtest oder nicht. ich kann das auch. das ist aber nicht mein anspruch, weil rassismus ein weißes problem ist, und daher auch meines. weswegen ich mir hier die zeit nehme, noch einmal meinen standpunkt zu verdeutlichen und die kritik stark zu machen. was allerdings nicht mein problem ist: deine emotionen, die bei dir hochkommen, weil dir eine sichtweise präsentiert wird, die deiner und meiner normalität widersprechen, deine definitionsmacht in sachen rassismus, die du als weiße europäerin nun einfach mal hast, in frage stellt. hier wäre es doch hilfreich, sich mit den eigenen abwehrmechanismen auseinanderzusetzen, um zur eigentlichen kritik überhaupt erst vordringen zu können.

mir geht es nicht darum, recht zu haben, weil das kann ich allein nicht entscheiden, das wird ja auf größerer diskursiver ebene verhandelt, was gelten kann und was delegitimiert wird – also eher verhandelt wird, wer recht _behält_ und nicht, wer recht hat. delegitimiert werden gesellschaftlich erstmal kritik an machtverhältnissen, weil es das herrschende system angreift, in dem wir leben. meine motivation besteht lediglich darin, meine gedanken mit anderen zu teilen, die bspw. rassismus und sexismus (egal in welcher form) kritikwürdig finden. dass ich daher nicht die verharmlosung dessen einfach so stehen lasse (weil die überall andernorts zu finden ist und sich dort menschen zusammenfinden können, die das ganz okay so finden), sollte also nachvollziehbar sein.

Posted on Apr 20, 2012

Schmeckt’s noch?

Es gibt ja so Dinge, die machen eine sprachlos. Wie diese widerliche “Kuchensache” in Schweden. Auf Facebook las ich den Kommentar: “It’s getting worst!” – fand ich ganz zutreffend. Nachfolgend vier sehr gute, messerscharfe, zynische und trockene Kommentare von Women of Color.

With allies like this, who needs enemies?

[...]

I felt pain looking at that cake. It leaves me speechless and unable to articulate the hurt. That this was done by a supposed liberal group of White women comes as no surprise, because there is a long history of White people claiming to be concerned with the plight of people of colour, even as they work to support and strength White supremacy. These women may well have felt that because their intent was good that no harm was done, but they are wrong. Intent is not a magical elixir and much harm has been done in the name of good intentions. Womanist Musings

What makes the cake episode so deeply offensive is the appropriation, by both artist and his audience, of African women’s bodies and experiences, while completely excluding real African women from the discourse. It is a pornography of violence. The missing ingredient in Sweden’s racist-misogynist cake by Shailja Patel

Initially I did not know who created this work, I had just seen snippets of conversations on the internet. And then when I learned that the creator was an Afro Swedish man, I immediately thought about the intersection of race and gender. The question then became how do we talk about the intersection of racism, and sexism when the creator of a problematic and offensive piece of art is a Black man? Why is this “okay” for Makoda to create this but not a White woman artist? Lastly, where are the women who are apparently the “subjects” of this work? Bodies have Histories. Crunk Feminist Collective.

The symbolism of the whole affair is poignant. They are literally eating a black body as they laugh at its (performed) pain. The fact that this huge error in judgement, common sense and plain decency comes from the anti-racist faction of government in Sweden does not surprise me. What passes for anti-racism in Europe is people with a deep white savior complex that allow them to keep patronizing ideas about people of color while meeting their own needs to appear good and charitable. 5 Ways to eat your racist cake & have it too.

Posted on Mrz 14, 2012

Jan Feddersen. Oder: Das Paradebeispiel an Trans*phobie in Homokreisen

Ist das widerlich. Jan Feddersen, taz-Redakteur und schwuler Aktivist macht sich Gedanken über die unzähligen Transsexuellen, die sich einfach umoperieren lassen, weil sie nicht als schwul oder lesbisch gelten wollen. Das einzige Problem, mit denen Trans* also zu kämpfen haben, sei das Begehren. Weil das in unserer Gesellschaft tendenziell der Heteronorm untersteht, sind Trans* findig wie Füchse und wechseln einfach das Geschlecht, na sowas! Anstatt zu ihrer Homosexualität zu stehen, machen die sich qua OP hetero. Diese unsolidarischen Trans*, die sich bei den Heten anbiedern. Geht’s noch bescheuerter?

Dieser Artikel ist so fail, dass eine hier gar nicht weiß, wo sie ansetzen soll. Es besteht Nachholbedarf, aber schleunigst. Zu Trans* und Trans*phobie bitte hier entlang. Für alle, die lieber hören statt lesen wollen, hier geht’s weiter.

Vielleicht sind Begriffe wie heterosexuelle Matrix, Heteronormativität, Trans-Identitäten, Gender-Performance, Geschlecht, Körper, Begehren, zu komplex. Vielleicht ist es gar nicht nötig, vollständig dahinter zu steigen, was das alles tut und macht. Vielleicht ist es auch nicht so wesentlich vollkommen zu verstehen, was Trans* und Trans*phobie ist. Wie sich die Dominante Cis in all dem wiederfindet und reproduziert. Es reicht vielleicht an dieser Stelle auch einfach das: Rede nicht über Dinge, von denen du keine Ahnung hast. Versuche nicht eine Kritik an normativen und gewaltvollen Verhältnissen auf dem Rücken von Betroffenen zu führen. Zeige dich solidarisch mit Betroffenen, auch wenn deren Verhalten und Entscheidungen nicht in dein partikulares Weltbild passen. Akzeptiere und respektiere die Definitionsmacht und Selbstbezeichnungen von Betroffenen.

Der Artikel tut so, als würde er Heteronormativität kritisieren. Als müsste noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Körper auch sozial konstruiert sind. Wow! Dafür hat das Soziologiestudium offenbar gereicht. Für Selbstreflexion und respektvollen Umgang mit Betroffenen der heteronormativen Kiste offenbar nicht.

Dass Trans* strukturell gesehen ganz anders dastehen, auch im Alltag, als Homos, das geht nicht in Feddersens Kopf. Dass kein Mensch sich freiwillig, um das “homo” aus seinem_ihren Sein zu prügeln, der Gewalt von Trans*phobie aussetzt, das versteht er auch nicht. Nein, es ist in seiner Welt auch noch nicht mal möglich, Gender & Begehren voneinander zu trennen. Dass es homosexuelle Trans* gibt? Da verschwendet er offenbar keinen Gedanken dran. “Geschlechtsangleichende” Operationen sind mittlerweile Routineeingriffe? Ich kann nur den Kopf schütteln über so viel Unwissen über die Gesetzeslage und Lebenssituationen von Trans*.

Solche Artikel wie der von Feddersen machen mich unglaublich wütend. Einerseits, weil sie all meine Vorurteile bestätigen, die ich über die Schwulenbewegung in Deutschland habe bzw. über jene, die sich für ihre Sprecher halten: gut situierte, weiße, Cis-Schnösel, die sich -istischer Rhetoriken bedienen und einen chauvinistischen Habitus verinnerlicht haben, um möglichst nah an die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft ranzureichen. Unkritisch, anti-emanzipatorisch und unglaublich spießig bis konservativ. Andererseits machen mich diese Allianzen mit dem Reaktionären wütend. Einfach mal die eigene Geschichte über Bord geworfen, die eigenen Ausgrenzungen, die eigene erfahrene Gewalt, um dann schön nach unten zu treten. Solidarität war gestern.

Wenn meine Wut verflogen ist, dann habe ich nur Mitleid übrig für Menschen wie Jan Feddersen. Weil sie denken, sie gehörten als deviante Subjekte in einer heteronormativen, rassistischen, sexistischen, ableistischen, etc. Gesellschaft irgendwie dazu. Meinen, sie sonnen sich zusammen mit all den anderen Gewinner_innen auf einer grünen Wiese, es gibt Cocktails, Sahnetorten und alle haben sich lieb. Das ist Herrschaft: Menschen im Glauben zu lassen, sie wären angekommen, Assimilation zum erstrebenswerten Ziel zu machen. Es ist beinahe traurig mit anzusehen, wie sie sich anbiedern und dabei fortwährend auf die da unten spucken, so als warte irgendwo das Schlaraffenland. Die da unten, das sind die, die einfach nicht wollen. Die Opfer, die selbstverschuldet Unmündigen, die Faulen, die Diskurszensuria, die Dauerempörten, Radikalen und Gutmenschen, die einfach ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen, die nie zufrieden sind. Jene, die lieber meckern statt machen. Immer, wenn diese Gedanken durch die Köpfe von Menschen von Feddersen rattern, während sie ihre Entsolidarisierungspamphlete schreiben, die eigentlich einer Unterzeichnung einer Kapitulationserklärung gleichkommen, denke ich mir und grinse dabei:

Du bist eine_r von uns. Du warst es schon immer und wirst es auch weiterhin sein. Und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst.