#emmaistfürmich oder: Deutschland, dein Netzfeminismus.

Das „feministische“ Magazin Emma wollte wohl auch mal bei diesem Netzaktivismus mitspielen und rief unter ?#?emmaistfürmich? ihre Leser_innen dazu auf, Videobotschaften, Emails, Selfies, Tweets usw an die Redaktion zu senden. Auf Twitter kam der Hashtag besonders gut an und erfreut sich derzeit großer Beliebtheit, damit alle ™ endlich ™ mal sagen können, was vom Zentralorgan Alice Schwarzers zu halten ist. Nun sollte es nicht wirklich verwundern, dass an diesem Heft kein gutes Haar gelassen wird und der überwiegende Teil der Emma-Fans offenbar Twitter selten bis gar nicht benutzt.

Allerdings ist ja nicht erst seit gestern bekannt, dass die Emma so ziemlich alles ist, nur nicht feministisch. Bereits die fast zeitgleich gegründete, oft als „Gegenmagazin“ gewertete, Courage, und viele andere feministische, lesbische und frauenbewegte gedruckte Publikationen, die heute nicht mehr existieren (wen wundert’s?), verfolgten andere Strategien feministische Bewegungen und Debatten abzubilden und zu diskutieren als Paternalismus pur, auch wenn sie es oft genug nicht schafften, über den eigenen weißen, christlich geprägten, deutschen, frau=feminismus Tellerrand hinauszublicken. Alice Schwarzers Meinungen, die im übrigen keine Erfindung von Alice Schwarzer selbst sind, sondern gerade hierzulande auf fruchtbaren, anschlussfähigen Boden fallen, wurden, seitdem sie das erste Mal den Stift und öffentlich Reden geschwungen hat, als mindestens unzureichend und verkürzt kritisiert – so wie es die gesamte weißdeutsche FrauenLesbenbewegung wurde. Festgehalten in unzähligen Schriftstücken, archiviert und auffindbar mit ein bisschen Recherche. Im Allgemeinwissen haften geblieben dürften lediglich wenige „Interventionen“ (eher Inszenierungen) sein, z.B. das gruselige Gespräch mit Antifeministin Esther Vilar und Verona (damals noch) Feldbusch. Aktivist_innen erinnern sich auch gern an die großzügigen Geldspenden der ehemaligen Frauenministerin Kristina Schröder für das Schwarzer-Imperium.

Sich von der Emma und Alice Schwarzer zu distanzieren ist leicht, dienten beide doch schon immer als perfekte Projektionsfläche für antifeministische Diskurse und Schuldzuweisungen, dass der Feminismus(tm) so einen schlechten Ruf hat. Beides hängt leider miteinander zusammen. Schuldzuweisungen werden erteilt, weil Antifeminismus (auch) auf dem Rücken von Emma/Alice Schwarzer ausgetragten wird, allerdings wäre dann die Verantwortung eher in einer durch und durch antifeministischen Gesellschaft zu suchen. Solange Antifeminismus als Abwehr von Gleichstellungsbestrebungen verstanden wird. Dass auch letztere antifeministisch wirken, weil sie in dem Sinne nur eine marginale Gruppe von lediglich Frauen überhaupt im Blick haben und ein sehr eindimensionales Verständnis von Feminismus besitzen, ja das Gleichstellungsbestrebungen in Deutschland auf anderen Diskriminierungen aufbauen, wird gar nicht erst gesehen oder kritisiert. Intersektionale Praxis bedeutet auch im hiesigen Netzfeminismus oft: Erst ich (also weiß, middle-class, hetero) und (wenn überhaupt) dann alle anderen.

Im Grunde wird hier mal wieder eine Scheindebatte initiiert, um sich selbst als die_der bessere Feminist_in zu fühlen, die_der alles richtig_er macht. Nun ja, höchst problematische Personen und ihre Werke (aktuelles Beispiel: Lena Dunham, Emma Watson) werden solange abgefeiert, bis eine andere Schwarze Feminist_in, die nicht in Europa lebt und in den Augen der hiesigen weiß dominierten feministischen Gemeinde genügend Credibility und Famefaktor besitzt, sie kritisiert. Dann wird entweder mitkritisiert oder stillschweigend vergessen, was mal für gut und richtig befunden wurde. Das ist dann intersektional. Street Harassment, sexualisierte und häusliche Gewalt gilt solange als Bürde weißer Heteras, bis zu eben jenen mal vorgedrungen ist, dass weder alle Typen gleichermaßen Gewalt im öffentlichen Raum ausüben oder vom Patriarchat profitieren noch weiße Heteras der enormen Gewaltrealität ausgesetzt sind, die z.B. Schwarze Trans* Frauen und Trans* Frauen of Color erleben. Hauptsache ?#?aufschrei? lässt sich gut kapitalisieren. Über „die Migrantinnen und Transgender“ kann ja nicht auch noch gesprochen werden. Mein Körper gehört mir, solange er weiß, dünn, normschön ist und der deutsche Staat an seiner Reproduktion interessiert. Aber mitdenken, das tun wir. Irgendwie. Das ist nämlich intersektional. Und die Alice macht das nicht, deswegen ist die auch voll doof. Außerdem hat sie Queen Bey als Schlampe betitelt.

Dass überhaupt in den Köpfen zunehmend jüngerer weißdeutscher Feminist_innen angekommen ist, dass Feminismus nicht gleich Kampf gegen Sexismus bedeutet, den weiße Heteras erleben, ist in Deutschland Aktivist_innen wie Benjamin Baader oder May Ayim oder dem Zusammenschluss FeMigra zu verdanken, die sich vehement für Mehrdimensionalität eingesetzt haben und Kämpfe kämpften, die sich weit entfernt der eigenen privilegierten Radare abspielten. Nicht erst seitdem Audre Lordes Selfcare-Zitate cool gefunden werden oder bell hooks Schriften als kostenlose PDF regelmäßig auf Twitter verlinkt werden, um nie gelesen in den eigenen Bookmarks ihr Dasein zu fristen.

Mensch könnte sich auch mal fragen, ob der eigene Lippenbekenntnis-Aktivismus und Bullshittröten wie Alice Schwarzer so weit voneinander entfernt sind, wenn es um die Zentrierung eines weißen, heterosexuellen, bürgerlichen Frauenbildes und den damit verbundenen Erfahrungen geht. Solange immernoch von Minderheiten und Mainstream die Rede ist, solange immernoch der Bezugsrahmen die eigene Befreiung – entschuldigung – die eigene Gleichstellung mit den lukrativen Privilegien weißer deutscher Typen ist. Klar ist es wichtig, sich gegen all das zu stellen, was Alice Schwarzer stellvertretend für viele deutsche Mitbürgerinnen und Harald Martenstein für viele deutsche Mitbürger so meinen, dennoch kann die Alternative nicht sein, sich nur auf rhetorischer oder symbolischer Ebene dagegen zu stellen, damit das Absichern eigener Vorteile unerkannter bleibt.

why white people have to re-center QTPOC perspectives in feminist and LGBT activism

„we do not yet have a word in the english language
capable of accounting for all of the hurt
hurt people do
because this is not what english is for.
you see english is for hurting.
english has no words to discuss
itself because then maybe it would have to stop speaking.
in the mean time we will use
‘colonialism’ instead of ‘gay’
and maybe things will start making
sense again
[…]
2. PRIDE
definition: white men dance on stolen land and call it activism.
send wedding invitations to the rest of us who
hate ourselves enough to attend“

When Brown looks in the mirror and comes out white

read this from Alok Vaid-Menon, follow them and Janani Balasubramanian, together they are Darkmatter and @DarkMatterRage on Twitter: QueerTransPeopleofColor (QTPOC) perspectives on (LGBT and queer_feminist) activism and academia culture, on how white supremacy, racism and colonialism are inherently intertwined with gender, class and race. how we (white people) think of (racialized) bodies, how they are ‚gendered‘ (or not), how ‚gender‘ itself is a colonial construct, how we perceive trans (bodies), who is trans and who is not, what is (often practiced as) trans_activism and why, and why white people can think of and act in feminism and (LGB)trans_activism without regarding racism, colonialism and capitalism. also read them for critique on so-called ‚intersectionality‘, ‚inclusion‘ and ‚diversity‘. also read them for why it is so important to re-center our activism on the lives and realities of QTPOC to make a better living for everyone.

Of not fitting in and being an imposition

„Access, as Tanya Titchkosky (2011) has observed, should not be understood simply as a bureaucratic procedure, but is about how spaces are experienced and lived as oriented toward bodies, with their differing capacities and incapacities. That we notice some modifications of spaces to make them more accessible reveals how spaces are already shaped around certain bodies. As Nirmal Puwar (2004) describes some bodies are perceived as “space invaders.” The modifications required for spaces to be opened to other bodies are often registered as willful impositions on those spaces.“

Sara Ahmed on racism, ableism, misgendering and heterosexist assumptions. She argues that, if your body and your very being don’t fit into spaces (because they are already built and fit for others), you not only feel like an imposition, but you become an imposition to those spaces (and to others, who already fit in). Accomodations have to be made, so you can fit in. Therefore „you must be willing to minimize differences in order to fit in“.

Her sharp and sometimes metaphorical analyses of how individuals keep discriminatory structures and spaces alive by reproducing them in their mindsets and actions, are always an inspiration to me for taking responsibility and getting into action.

So check out her blog feministkilljoys.com and her twitter account.

Skandalisierung, Rückzug und dann?

Toller Text über produktive Umgänge mit eigenen Privilegien auf Black Girl Dangerous. Was Punkt 3 betrifft, habe ich auch andere Erfahrungen gemacht und wähle teilweise andere Umgänge à la „holding others accountable“: Sich aus Räumen zurückzuziehen oder Events nicht zu besuchen, die für andere diskriminierend sind oder Ausschlüsse produzieren, kann eine (zu) einfache Lösung sein für alle, die Zugang zu diesen Räumen und Events haben. Ich versuche mich einerseits an den Kritiken und ggf. darin enthaltenen Forderungen zu orientieren und je nach dem nach zusätzlichen Interventions-Möglichkeiten zu suchen, bspw. in Kontakt mit Organisator_innen und Veranstalter_innen zu treten. Da die meisten diskriminierenden Raumstrukturen sehr normalisiert sind, fällt mein Wegbleiben oft nicht als „Kritik“ auf, auch „angekündigt“ in Form einer Mitteilung oder mittels Weitertragen der Kritik an die Verantwortlichen nicht. Kollektive Verweigerung wäre ein probates Mittel, allerdings habe ich das noch nie erlebt, gerade, wenn es sich um beliebte Szeneorte oder -events handelt. Was in der Konsequenz aber auch nicht bedeutet, dass mein Wegbleiben nicht auch als wertvolle Unterstützung angesehen werden kann.

Wenn ich irgendwo zum Sprechen eingeladen bin, versuche ich verschiedene Perspektiven unterzubringen und nicht nur die, die mir in meiner sozialen Position am nächsten sind. Allerdings mit wechselnden Erkenntnissen: Nur wenige haben Lust, sich auf Unbekanntes oder Unbequemes einzulassen und nur wenige (wollen) verstehen, dass das eigene Wohlbefinden in/auf „emanzipatorischen“ Gruppen/Räumen/Events oft ein Marker von bereits erfolgten Ausschlüssen ist, weil Themensetzung und Personen zur eigenen Lebensrealität und eigenen Bedürfnissen passen. Teilweise wird sogar passiv-aggressiv reagiert, wenn mein Publikum nicht das von ihnen erwartete „jetzt erzähle ich euch eure kollektive Lebensgeschichte“-Narrativ vorgesetzt bekommt. Zusätzlich ist es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, warum eine_r zu welchen Sachen zum Sprechen eingeladen wird und nicht andere Expert_innen. Auch hier gibt es neben dem Weiterreichen des eigenen Platzes (wichtig für mich ist dabei die Frage: „wem mute ich welche Räume zu?“) oder einer mit konstruktiver Kritik versehenen Absage, vieles, was zu überlegen ist. Gerade, wenn es um die Besetzung und inhaltliche Ausrichtung eines Panels geht. Habe ich Möglichkeiten meine Kritik vorzubringen, zu intervenieren oder soll meine Anwesenheit selbst schon als Killjoy herhalten, deren Kritik nur dazu da ist, zu polarisieren und die dann vielleicht gar nicht ankommt?

In Bezug auf rassistische Strukturen gibt es manchmal die Tendenz unter uns weißen, entsprechende Orte zu „verdammen“, Kritik an diesen Orten herum zu erzählen (und leider selten an die Verantwortlichen zu richten) und damit einen Konsens herstellen zu wollen im eigenen (weiß-dominierten) sozialen Umfeld: Dieser Raum/Ort/dieses Event/diese Orgagruppe ist total rassistisch, „wir“ gehen da jetzt nicht mehr hin/arbeiten nicht mehr zusammen. (Oder?) Und wenn doch, dann kann ich an dir/euch Kritik üben. Hier geht es viel darum, sich selbst als gute weiße Person zu inszenieren, das eigene Handeln nicht kritisch zu prüfen und sich teilweise Umgangsstrategien rassistisch Diskriminierter anzueignen. Es bleibt dann eine Wohlfühlposition, die mehr an moralischen Urteilen als an Transformation interessiert ist. Entsprechende Räume/Gruppen/Events sind in der Zeit aber weiterhin Bestandteil der Szene (weil Rassismus), zu der ich mich dazurechne und zu der ich in Bezug auf Rassismus immer Zugang habe, also liegt es auch in meiner Verantwortung hier gegen Rassismus zu arbeiten.

Ich sehe dieses Verhalten auch in einem Verständnis von Aktivismus begründet, welches viel auf Skandalisierung aufbaut. Natürlich ist es wichtig, Diskriminierung zu kritisieren, oft bleibt es aber dabei, sich über Strukturen und Verhaltensweisen zu echauffieren, die anstrengende Arbeit wird dann liegen gelassen. Ich finde das einerseits nachvollziehbar, weil es bei Kritik an Diskriminierung auch darum geht, einen kollektiven Konsens herzustellen, sich selbst sicherer zu fühlen mit dem Wissen: auch andere finden Diskriminierung scheiße. Weil es ja in den allermeisten Fällen so ist, dass das Vorhandensein von Diskriminierung geleugnet wird. Hier bin ich vorsichtiger geworden oder überlege mir genauer, was ich wann wo in welchem Zusammenhang wie kritisiere und ob eine Veränderung der Situation überhaupt möglich ist. Was bringt es mir, mich an dem x-ten diskriminierenden Zeitungsartikel aufzureiben? Meine Energie in weiße Typen oder Heteras zu stecken, die Bockmist schreiben? Frage ich mich dann, wo meine Kraft eher „gebraucht“ wird? Habe ich so überhaupt im Blick, an welchen Machtverhältnissen und Diskriminierungen ich mitwirke?

Eine weitere oft erlebte Konsequenz einer Orts- und Gruppen“verdammung“ ist, dass weiße vermehrt Orte/Events aufsuchen, die sie selbst als „diverser“ und kritischer wahrnehmen, weil dort z.B. (mehr) Menschen of Color abhängen. Das ist auf mehreren Ebenen problematisch: Was nehme ich als divers wahr und warum? Wer weicht von wem ab? Fühle ich mich hier (auch) wohl, weil mein weißsein „sichtbarer“ ist und ich damit suggeriere, aware für rassistische Verhältnisse zu sein? Konstruiere ich Gemeinsamkeiten zwischen meiner Awareness für Rassismus und er/ge-lebten Rassismuserfahrungen? Habe ich mich überhaupt im Vorfeld gefragt, wie meine (selbstverständliche) Anwesenheit und mein (selbstverständliches) Bewegen auf andere im Raum wirkt?

Es ist einfacher, sich aus Räumen oder von Events zurückzuziehen, wenn mein Wegbleiben ein freiwilliges ist und ich Verantwortung abgeben kann. Es ist auch einfacher für mich als weiße Person Räume aufzusuchen, die PoC als diskriminierungssensibler wahrnehmen, weil ich als weiße mir sowieso selten_er Gedanken um Ausschlüsse machen muss. Und es ist einfacher, Komplexitäten und Widersprüche im eigenen Handeln zu reduzieren, statt einen Umgang mit ihnen zu finden, der Möglichkeiten für viele verschiedene (und auch unbequeme) Entscheidungen lässt.

Für mich hilfreiche Überlegungen im Umgang mit Privilegien sind, meine Motivation immer wieder kritisch zu prüfen und das eigene Handeln vor allen an denen auszurichten, die ich unterstützen und für die ich solidarisch handeln möchte. Und dennoch eigene Entscheidungen zu treffen, mir also teilweise bestimmte Forderungen zu übersetzen: Was bedeutet diese Kritik/Forderung für mich in meiner sozialen Position und den damit verbundenen Möglichkeiten der Intervention? Wie kann ich meine Intervention dann solidarisch gestalten? Was bedeutet solidarisches Handeln für andere? Wie bleibe ich beweglich, wenn ich (trotzdem) Kritik auf mein Handeln erhalte? Mache ich meine Intervention vom Beifall und der Zustimmung anderer abhängig?

die schrank-heten.

„Outing“ ist so ein Begriff, der perfekter Spiegel einer heteronormativen Gesellschaft ist. Ich verwende ihn allerdings gern, wenn es darum geht zu erklären, dass Nichtheterosein dazu führt aus einer heteronormativen Gesellschaft raus(out)zufallen – Out zu sein heißt bezüglich bestimmter Privilegien Out-sein

Zitat von: Don’t degrade Debs Darling – In Love with Critical Hetness

dieser tage wurde mal wieder viel darüber diskutiert, wie sich heten solidarisch verhalten können. es folgten seitenweise abhandlungen_absolutionen_rechtfertigungen darüber, dass doch „alle“ „okay sind“, so wie sie sind und dass das eigene hetensein irgendwie auch anerkannt werden müsste. wenn mensch das normale sichtbar macht, benennt, das sich häufig unter einem deckmantel von selbstverständlichkeiten verbirgt, also unsichtbar ist, weil es unbenannt bleibt, ständig weg_genannt wird, folgt großes getöse. es mache keinen unterschied oder es solle doch keinen unterschied machen, ob. und mensch könne ja auch nichts dafür, dass (hier bitte biologismen und ursprungs_natürlichkeits_erzählungen der wahl einsetzen) und überhaupt sei liebe/romantik/sexualität und das zurschaustellen ja was (hier bitte biologismen und ursprungs_natürlichkeits_erzählungen der wahl einsetzen).

das ding ist: es macht einen unterschied. und es ist „natürlich“ nichts einfach so. da.

es hat mich überhaupt nicht verwundert, dass sich viele heten auf einmal in einer rechtfertigungsposition sahen oder das sichtbarmachen ihrer selbstverständlichkeiten unangenehm fanden. diese rechtfertigungsposition, das erklären, warum das eigene tun irgendwie doch „normal“ sei, anerkannt werden müsste ohne wertungen – das kenne nicht nur ich zur genüge. ich gratuliere also zum punktuellen gefühl des bloßgestelltseins, des kurzzeitgen herausfallens aus der norm, des um anerkennung ringens. ein klick auf das x des geöffneten browser-tabs und zurück in die unsichtbarkeit. nicht nur ich suche dieses x seit nun fast 10 jahren vergeblich.

in bezug auf heterosexismus leben menschen, die sich auf der anderen seite der norm wiederfinden (müssen) in einem permanenten widerspruchsfeld von un_sichtbarkeit. unsichtbar auf den ebenen von gesellschaftlicher struktur und diskurs, wenn die lebensrealität_diskriminierung stets ent_erwähnt wird oder ein schützendes assimilieren sein muss, in die „unsichtbarkeit“ schlüpfen sein muss, um nicht gewalt ausgesetzt zu sein. zweifelsohne kann diese „unsichtbarkeit“ nicht für alle von dauer oder überhaupt sein, denn heterosexismus findet in einem zusammenspiel von hetera_zwei_cis_genderung statt. wer sich (punktuell) assimilieren kann, lebt in einem (punktuellen) zustand von verweigert_werden.
sichtbar dann, wenn sichtbar gemacht – durch das selbst oder (gewaltvoll) durch andere. wer un_sichtbar ist, ist ausgesetzt. ausgesetzt den gesellschaftlichen zu_richtungsprozessen in bezug auf heteronormativität. es ist ein verhandeln über meine position, ein fremd_regulieren meines lebens. ein prozess ohne die möglichkeit, dass ich darauf zugreifen oder eingreifen könnte.

out & proud kann hauptsächlich in geschützteren räumen stattfinden, räume in denen heteronormativität in abgeschwächter form ihren niederschlag findet und doch nicht gänzlich ausradiert sein kann, denn menschen sind „soziale wesen“, wie es so schön heißt und mit hetero(cis)sexistischer sozialisation konfrontiert. out & proud kann auch da sein, wo mich die hetero(cis)sexistische gesellschaft mich lässt. mir einen raum zugesteht, in dem mich mein „geandert_werden“ zeigen darf. die rahmenbedingungen dafür (und für das, was ich zeigen darf) setze nicht ich, sie werden mir vorgegeben. ein zugeständnis der norm. „hier, ein bisschen taschengeld, kauf dir was schönes. hier ist eine liste von dingen, die du dir kaufen darfst“.

ich lebe in einem zwischenraum von un_sichtbarkeit. ich kann nicht darüber entscheiden, was von mir un_sichtbar ist, wann ich un_sichtbar bin. meine schützende decke kann jederzeit weggerissen oder wieder über mich rüberlegt werden. und gleichzeitig ist diese schützende decke doch nur schein-schutz. scheinschutz, wenn dieser schutz auch bedeutet, keine erwähnung zu finden, oder ein übermichentscheiden. ich kann nicht gar nicht sagen, wann und ob diese un_sichtbarkeit mir hilft, besser in der welt klarzukommen. klarzukommen mit dieser heterosexistischen projektionsfläche, die ich bin.

heten sind auch un_sichtbar. sichtbar für mich jederzeit. ich stehe meistens außen und kann sie mir ansehen. werde gezwungen mir anzuschauen, was normal, lebens- und erstrebenswert ist. sichtbar für die gesellschaft. aber nicht als hetero, sondern als „normal“, als selbstverständlich, als unhinterfragbar „einfach so da“.

es kommt also nicht nur darauf an, wer worauf blicken kann, wer was wann un_sichtbar machen kann, sondern was dieses dialektische wechselspiel von un_sichtbarkeit mit einer_m macht. und das ist der unterschied, der besteht. der uns nicht irgendwie alle ein „okay sein“ „lebenswert“ „menschlich“ zugesteht, sondern nur wenigen.

meine erfahrungswelt mit coming out spielt sich auch in herkunftsfamilien ab. seitdem ich mich vor knapp 10 jahren vor meinen eltern „sichtbar“ machte, mich outete, ist dieser teil meines lebens für meine eltern unsichtbar, von ihnen unsichtbar gemacht, nicht anerkannt – höchstens mal toleriert. ich kenne menschen, die wurden von ihrer herkunftsfamilie vor die tür gesetzt, nachdem sie sich outeten. mir blieb das zum glück erspart, ich wurde lediglich in die unsichtbarkeit verbannt. die bemerkungen meiner eltern, die mich seitdem begleiten, klingeln auch nach jahren noch in meinen ohren. auch die nicht_bemerkungen. all das, was in dieser zeit ungesagt, unzugestanden, ent_erwähnt blieb ist für mich genauso schmerzhaft wie die homophoben und heterosexistischen sprüche.

in meiner ersten beziehung mit einer frau, die ich mir als schutzraum wünschte, ja auch brauchte, war ich ständig un_sichtbar. am tisch wurde ich einfach weg_erwähnt, als sie von ihren großeltern mit der frage bedrängt wurde, warum sie nicht wieder ihn zurücknehmen wolle. was sie denn mit einer frau wolle. ich war in dieser zeit bedingt anwesend. ich war draußen und durfte miterleben, mir die gewalt abholen, aber „so richtig“ anwesend durfte ich nicht sein. ich war sichtbar als schablone, aber nicht als ich. und so auch in öffentlichen räumen, bei jedem spruch, den ich gedrückt bekomme, bei jeder frage, wer mann/frau in der beziehung ist, wie mein sexleben aussehe, in jeder situation, in der ich ausgesetzt bin und ein teil von mir zur disposition steht. in der ich folie bin für die heterosexistischen handlungsweisen von heten und gesellschaft.

out sein bedeutet (dr)außen sein. und immer dann hereingeholt zu werden, wenn die heterosexistische gesellschaft oder heten selbst es für angemessen erachten, als temporäre anerkennung, aber dennoch als spielball.

in dem moment, in dem es mal andersherum passiert. die norm diejenige ist, die hereingeholt wird, die sich ausgesetzt sieht, in diesem moment erleben heten, wie es vielleicht aussehen kann, wenn mensch ausgesetzt ist. den blicken, bewertungen, sprüchen, der gewalt und der normalität, die damit einhergeht. nicht ich, nicht individuell, sondern ihre position zu sein, die ihnen zugewiesen wurde. der unterschied, der besteht, ist die möglichkeit des opt-out, das x am browserfenster, die inanspruchnahme von privilegien, die möglichkeit heterosexismus zu re_produzieren, um klar zu machen, was gesellschaftlich anerkannte norm und was temporär mögliche norm eines antisexistischen schutzraumes ist. die möglichkeit mit dem hereingeholt werden, keine gewalt zu erleben, sondern lediglich sichtbarkeit. und sie weinen dennoch darüber. rechtfertigen sich, nehmen unendlich viel raum ein, reden von verboten, von einschränkung ihrer lebensqualität. dabei ist es nur eine einschränkung ihrer selbstverständlich erlebten normalität. eine einschränkung, die nur temporär sein kann. temporär, weil machtverhältnisse nicht gleich verlaufen, sondern asymmetrisch.

und selbst in dieser situation des kurzzeitigen hereingeholt werdens, die auch gleichzeitig einen wunsch nach solidarität und verantwortungsübernahme markiert, den wunsch nach „wir kämpfen seite an seite“, die aufforderung „come out of your heterosexist closet“, besitzen sie noch die dreistigkeit, heterosexismus zu re_produzieren, lebensrealitäten wieder unsichtbar zu machen und gewalt auszuüben.

unter diesen gesichtspunkten ist es mir völlig unverständlich, wie menschen auch nur eine sekunde lang die notwendigkeit von schutzräumen und separatistischen politiken in frage stellen können.

es gibt heten in meinem umfeld, die tun dies nicht. die bekommen es hin, dieses hereingeholt werden als angebot zu betrachten und die ihnen ausgestreckte hand nicht wegzuschlagen. die zeigen, es ist zwar nicht so leicht, wie hete es sich vorgestellt hat, aber es ist möglich. unterstützungsarbeit. verbündetsein. die unterschiedlichen un_sichtbarkeiten zusammenzubringen und gemeinsam out zu sein im kampf gegen hetero(cis)sexismus.

solange dieses gemeinsam out sein für viele heten jedoch bedeutet, dass die geanderen temporär hereingeholt werden für die herstellung von weiterer heterosexistischer un_sichtbarkeit: just stay in your heterosexist closet. eat your recognition-cookies by yourself! and: back the fucking off!