Posted on Apr 29, 2010

Oppression

Foto: Trois Tetes on Flickr (CC)

Gerechtigkeit ist einer der wesentlichsten und zentralsten Begriffe des gesellschaftlichen Zusammenlebens und des menschlichen Miteinanders. Als Grundnorm ist er daher in den Rechtssprechungen und Gesetzgebungen aller Staaten zu finden. Gleichzeitig dient Gerechtigkeit als Bewertungsmaßstab sozialer Verhältnisse und bestimmt den moralischen Wert von Handlungen, Ereignissen und Prozessen.

Gerechtigkeitstheorien beschäftigen sich seit der Antike mit der systematischen Bestimmung des Begriffs und wie Gerechtigkeit normativ hergestellt werden kann. Es geht hauptsächlich um einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen. Ungerechtigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang eine Benachteiligung von bestimmten Personen oder Gruppen in der Verteilung von Ressourcen und Chancengerechtigkeit. Eine Geltendmachung von Interessen kann es unter ungerechten Bedingungen nur partiell geben oder ist einseitig charakterisiert.

Für die Politikwissenschaftlerin und Gerechtigkeitstheoretikerin Iris Marion Young greift diese Definition von Gerechtigkeit allerdings zu kurz. In „Fünf Formen der Unterdrückung“ plädiert sie deshalb für eine „überzeugende Konzeption von Gerechtigkeit“, die auch die „Entwicklung und Ausübung individueller Fähigkeiten“ berücksichtigt sowie für Gerechtigkeit als Grundlage und Handlungsmaxime „notwendiger institutioneller Bedingungen“, die eine „kollektive Kommunikation und Kooperation“ zwischen beteiligten Personen und Gruppen ermöglicht. Für Young steht Ungerechtigkeit allein deshalb im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen, weil sie mittels Unterdrückung und Herrschaft eben diese von ihr definierte Gerechtigkeit verhindert.

Wie bereits skizziert, geht es in der Gerechtigkeitstheorie vorrangig um Verteilungsprozesse, die Young ebenfalls um Entscheidungsprozesse, Arbeitsteilung und Kultur erweitert wissen will. Unterdrückung spielt in diesem Kontext die Rolle des Bremsers, sie stellt Ungerechtigkeit her und verhindert damit nach Young die Entwicklung und Ausübung von Fähigkeiten einzelner Individuuen und Gruppen, schließt sie von Entscheidungs- und Verteilungsprozessen aus, beeinträchtigt, gefährdet oder zerstört die gelebte Kultur der Unterdrückten und weist ihnen im Arbeitsleben eine untergeordnete Rolle zu, in denen sie unfähig sind, ihre Situation eigenständig zu verändern.

Nach den mittlerweile zumindest im deutschsprachigen Raum üblichen Diversity-Merkmalen benennt Young die Differenzlinien, die Gründe für Unterdrückung sein können (Alter, Geschlecht, sexuelle Identität, Race/ethnische Herkunft, Behinderung und Religion), fügt allerdings noch Klasse hinzu. Den Menschen, die eines oder mehrere dieser Merkmale aufweisen, sind potenziell gefährdet, unterdrückt zu werden und sehen sich daher einer ungerechten Behandlung ausgesetzt. Ihnen ist also das Leid der Unterdrückung gemein, das sie teilen. Mit dieser Erkenntnis von gemeinsamer Erfahrung von Unterdrückung und Ungerechtigkeit entfernt sich Young von ihren VorgängerInnen, die versuchten „den zentralen Grund jeder Form von Unterdrückung ausfindig zu machen“, was für sie zwangsweise scheitern muss und den Diskurs letztlich in eine Richtung lenkte, herauszufinden, wessen Unterdrückung schwerwiegender oder grundsätzlicher ist.

Obwohl Young hier also einen horizontalen Ansatz vom Grad der Unterdrückung für die Individuen und Gruppen anstrebt, ist der gemeinsame Kontext, in dem Unterdrückung stattfindet für sie das Arbeitsleben. Im weiteren Verlauf kritisiert sie zwar die marxistische Theorie hinsichtlich ihrer Reduktion von Herrschaftsmechanismen wie Sexismus und Rassismus auf Effekte der Klassenherrschaft, lässt aber in ihrer Analyse der Unterdrückungsformen immer wieder die Bedeutung der Hierarchien zwischen Personen und Gruppen, die durch das Arbeitsleben zementiert werden, also eine Klassenherrschaft, einfließen. So weit Young den Begriff Gerechtigkeit fassen will, so sehr beschränkt sie sich mit einigen Ausnahmen bei den Unterdrückungsformen Gewalt und Kulturimperialismus auf einen zentralen Kontext und vernachlässigt damit die Repräsentations- und Identitätsebene, und verkürzt zeitgleich die Reichweite der Strukturebene. Für eine möglichst breit gefasste Beschreibung der Wirkung und Wirksamkeit von Unterdrückung und damit einhergehender Ungerechtigkeit, reicht der Kontext Arbeit allerdings nicht aus. Wie Young selbst schon feststellt, sind die von ihr benannten gefährdeten Gruppen nicht alle im selben Ausmaß und auf dieselbe Art und Weise von Unterdrückung betroffen. Hier muss hinzugefügt werden, dass das ebenso für andere gesellschaftliche Bereiche, in denen Ungerechtigkeit herrschen kann, zutrifft. Nicht für alle Menschen spielen Produktions-, respektive Erwerbsarbeit, und Reproduktionsarbeit in gleichem Ausmaß eine Rolle. Unterdrückung konstituiert sich für jeden Menschen, je nach selbstbestimmter oder zugeschriebener Gruppenzugehörigkeit, anders in diversen Kontexten.

Was zu einem nächsten Kritikpunkt an Youngs Text führt, nämlich, welchen Gruppen sie Privilegien zuschreibt und damit diese Gruppen von erlebter Ungerechtigkeit ausklammert. Für Young ist die Identität des weißen, heteronormativen Mannes mittleren Alters, die Person beziehungsweise Gruppe, die kaum Ungerechtigkeitserfahrungen mit anderen Individuuen teilen kann, weil sie qua Gruppenzugehörigkeit bereits alle anderen Gruppen unterdrückt und über Verteilungs- sowie Entwicklungsprozesse bestimmt. Heißt das also im Umkehrschluss, dass diese von Young skizzierte Gruppe Gerechtigkeitsverhältnisse steuern kann, sich demnach per se in einer machtvollen Position sehen kann? Bedeutet die Postulierung von vermeintlich permanenter Privilegierung die Negierung von Unterdrückungserfahrung hinsichtlich dieser Gruppe? Inwiefern unterdrücken Herrschaftsmechanismen und ihre von Young vorgestellten Spielarten Marginalisierung, Ausbeutung, Gewalt, Kulturimperialismus und Machtlosigkeit, privilegierte Gruppen, indem ihnen festgeschriebene Stereotypen und Rollenmuster aufoktroyiert werden und das Privileg somit zum Zwang, also auch einer Machtlosigkeit wird?

Young kann mit ihrer zum Teil stark verkürzten und in ihrer Reichweite begrenzten Analyse all diese Fragen nicht beantworten, die sich während des Lesens ergeben. Eine Gegenüberstellung von quantitativ betrachtet wenigen Unterdrückern und vielen Unterdrückten, die für Young kaum Möglichkeiten haben, sich von ihrer Ungerechtigkeitssituation zu emanzipieren, lässt wenig Raum für ein konstruktives Konzept zielorientierter Handlungsräume und reproduziert darüber hinaus ein von Stereotypen geprägtes Othering, das letztlich gesellschaftliche Realitäten verzerrt darstellt.

Bemerkenswert hingegen ist die Begründung für eine weiter gefasste Definition des Gerechtigkeitsbegriffs mittels einer dezidierten Analyse von Unterdrückungsformen und ihrer Sichtbarmachung als Ungerechtigkeit.

Literatur
Young, Iris Marion (2002): Fünf Formen der Unterdrückung, in: Horn, Christoph/Scarano, Nico (Hrsg.): Philosophie der Gerechtigkeit. Texte von der Antike bis in die Gegenwart, Frankfurt a.M.: 428-445.

[Disclaimer: Dieser Text wurde im Rahmen meines Studiums für das Modul "Politik der Chancengleichheit" erstellt und ist Teil einer vierteiligen Rezensionenreihe. Ich veröffentliche in unregelmäßigen Abständen Inhalte, die originär meinem Masterabschluss zuträglich sein sollen. Bisher können Sie eine politische Rede zum Staatsbürgerschaftstest und einen Kommentar zu Zweigeschlechtlichkeit lesen und kommentieren.]

Posted on Mrz 31, 2010

23 an der Zahl

Wie versprochen gibt es nun meine 23-seitige Seminararbeit zur Bekämpfung der 23%igen Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen zum Download.

Ganz genau geht es um dieses Thema:

Das AGG als rechtliches Instrument proaktiver Gleichstellungspolitik – Chancen und Grenzen des Antidiskriminierungsrechts zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit am Beispiel von Deutschland

PDF zum Download

Die Arbeit ist auf Medienelite unter einer CC-Lizenz veröffentlicht und sollte dementsprechend so behandelt werden. Alles andere wäre unnett. Aber da verlasse ich mich auf eure Medien- und Urheberrechtskompetenz :-)

Fragen, Anmerkungen, Kritik usw. wie immer in die Kommentare. Danke!

Posted on Feb 21, 2010

Konflikttraining, Tag 2

Meinen interessierten LeserInnen ist es bereits bekannt, dass ich am vergangenen Wochenende ein Konflikttraining absolviert habe. Eine von insgesamt drei Trainingseinheiten im Rahmen meines Studiums. Was gemeinhin als Berufsvorbereitung gesehen werden kann, wird jedoch zu einem zweitägigen Selbsterfahrungstrip. Nach dem Gender-Training nun also das Konflikttraining. Spezielle Methodik: Neurolinguistische Programmierung (NLP)

Auf Deutsch: Ändere deine innere Einstellung, ändere deine Hör- und Sendegewohnheiten, ändere deine konditionierten Verhaltensweisen. Lerne mit diesen Veränderungen konstruktiv Konflikte zu lösen und/oder als Chance anzuerkennen. Du hast die Wahl Konflikte anzunehmen oder nicht. Du hast die Wahl, wie du mit ihnen umgehst.

Es würde mehrere tausend Wörter brauchen, um dezidiert dieses Seminar wieder zu geben. Deswegen nur ein kurzer Umriss an dieser Stelle: Anfangs war der Großteil von uns sehr skeptisch, weil diese Methode der Konfliktlösung sehr Individuum-orientiert ist und damit eine unzureichende Antwort auf strukturelle Machtgefälle bietet. Trotzdem gab es im Laufe des Trainings unzählige Aha-Effekte und die Yes-you-can-Botschaft kam bei allen an. Das Konflikttraining gibt natürlich nach wie vor keinen Plan vor, wie sich diese strukturellen Machtgefälle aufbrechen lassen, doch entscheidend ist dabei (auch gerade für Menschen mit Diskriminierungs- und Gewalterfahrung), dass das Verharren in der Opfer-Rolle und das Flirten mit der eigenen Ohnmacht Handlungsmöglichkeiten versperrt und Kräfte zieht, die anderswo dringend benötigt werden.

Zu der Einsicht zu gelangen, dass wir keinen Menschen ändern können, geschweige denn die Macht oder Kontrolle über diese Veränderung der anderen haben, dauert seine Zeit und verlangt harte Arbeit. Zu der Einsicht zu gelangen, dass wir uns nur selbst ändern können und Menschen wertschätzen zu lernen und uns nicht von ihrer Fassade, ihrer Weltansicht irritieren zu lassen, ebenso.

Trotzdem hatte ich bereits nach wenigen Stunden ein Gefühl von Sicherheit, ein Gefühl verstanden zu haben und dieses Aufblitzen, was alles möglich sein könnte, wären wir nicht oft so stur, einseitig idealistisch, selbstgerecht und stolz. Es geht um Akzeptanz von Vielfalt. Keine Verbote. Keine Schuld. Nur Aushandelungsprozesse und die freie Wahl. Das klingt ziemlich zynisch und naiv angesichts der Tatsache, dass mein Leben nach wie vor von anderen eingeschränkt wird, aber ich habe die Möglichkeit anders damit umzugehen, andere Wege zu gehen.

Jede/r sollte ein Konflikttraining machen. Machen. Machen. Machen. Macht. Empowerment.

Posted on Feb 19, 2010

Konflikttraining, Tag 1

Mir bewusst zu werden, dass ich einen Konflikt jahrelang falsch verhandelt habe, das dann wieder Konsequenzen nach sich zog, die ich nie wollte, ist hart. Konflikte und Menschen gehen zu lassen, gar etwas zu verzeihen, was eigentlich unüberwindbar, unverzeihlich ist, keine Hassgefühle mehr in sich zu tragen, sich selbst und vor allem anderen gegenüber und … ja … ein Stück weit sich selbst zu vergeben … das ist doppelt hart.

Immerhin steht diese Erkenntnis am Anfang. Um den Rest kümmer ich später. Jetzt habe ich keine Zeit. Und keine Lust.

Dafür haue ich ne Runde The Cure in die Waagschale. Mein absoluter Lieblingssong einer meiner Lieblingsbands.

Posted on Feb 4, 2010

Noch ein paar Gedanken zur Integration

In der Debatte um meinen Kommentar, die auch gestern bei Twitter weiterging, sind mir ein paar Dinge aufgefallen: Strukturelle Diskriminierungsmuster und Ungleichheiten werden nicht erkannt, Postkoloniale Erklärungsmuster als polemisch abgetan und der Einbürgerungstest für “nicht schlimm” befunden.

Für die ersten beiden Dinge gibt es vielfach Literatur und vielleicht würde es helfen, eigene Privilegien anzuerkennen und wie sehr sie in die eigene Argumentation einfließen. Ich habe keine Lust, hier theoretische Exkurse zu verschriftlichen, weil a) ich niemanden belehren will und b) schon öfter erkannt habe, dass sich Hartnäckigkeit oder Borniertheit, je nach dem, nicht durch qualitative oder quantitative Studien und Erklärungen beiseite schieben lassen.

Ich möchte deshalb auf den Einbürgerungstest bzw. eine angemessene Integrationsleistung und wie diese aussehen kann, eingehen.

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