Posted on Okt 26, 2011

Aneignung und Subversion.

Ich habe schon seit langer Zeit diese Textfetzen im Kopf. Eigentlich wollte ich etwas zu politischen Selbstbezeichnungen schreiben. Und warum ich nicht der Meinung bin, dass die jede_r für sich selbst benutzen sollte, wie es ihm_ihr beliebt. Heute gab mir eine Diskussion bei Luise Pusch (Triggerwarnung, transphobe Kackscheiße und tumbes Queerbashing) und ein wütender Einwurf zu denken, ob ich den Text überhaupt schreiben kann, ohne andere zu verletzen. Ich müsste, damit der Text verständlich ist, zunächst mal weiter ausholen und dann würde ich möglicherweise Dinge schreiben, die auf einen ziemlich privilegierten Standpunkt meinerseits schließen lassen, was wiederum meine Dominanz unterstreicht, mich in diesem Kontext überhaupt äußern zu können. Allerdings will dieser Text, den ich im Kopf habe, genau das aufbrechen oder zumindest transparent machen und selbstkritisch sein.

Ich habe mir überlegt, dass ich den Text deshalb für Diskussionen öffnen werde. Allerdings nicht für jene Leute, die Solidarität mit Identität gleichsetzen oder Herrschaftshierarchien aufbauen wollen. Und für alle, die kein herrschaftskritisches Grundverständnis besitzen, ist sowieso an der Eingangstür Schluss. Ich würde mich über eine konstruktive, kritische Diskussion sehr freuen, über eure Gedanken zum Thema, das für mich sehr biografisch besetzt ist, viele Verletzungen mit sich trägt, aber auch viel Wut darüber, dass ich es (noch) nicht besser hinbekomme. Vielleicht könnten wir das Ganze auch in die Breite ziehen und ihr schreibt eigene Blogeinträge… Okay, los geht’s.

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Posted on Okt 19, 2011

Mein Unbehagen mit dem Weißsein

Im vergangenen Jahr war ich an der HU in Berlin auf einer Veranstaltung, auf der Philosophin Isabell Lorey und Rassismusforscherin Urmila Goel sich mit Privilegien und Hegemonie im Kontext Weißsein auseinandersetzten. Beide bekundeten ihren Argwohn mit Selbstpositionierungen von Weißen im universitären Kontext und Critical Whiteness. Hier sei angemerkt, dass die HU in den Gender Studies viel zu Critical Whiteness anbietet und in den Seminaren oft eine Selbstpositionierung sowie eine kritische Auseinandersetzung damit von den Studierenden verlangt. Auch in schriftlichen Ausarbeitungen.

Urmila Goels Punkt war der, dass sich die Selbstpositionierung der Studierenden häufig nicht in den Inhalten der Texte wiederfindet. Somit die Markierung von Weißsein oft zu “Ich hab das jetzt mal genannt und damit kann meine Arbeit als kritisch gelten” verkommt. Isabell Loreys Ausführungen waren abstrakter und enorm komplex. Heruntergebrochen problematisierte sie die Rezentrierung einer dominanten Kategorie im Kontext einer Forschung, die sich als kritisch (gegen Dominanz) begreift und doch in den Rahmenbedingungen einer rassistischen Gesellschaft funktioniert. Oft gleiche die Auseinandersetzung mit Weißsein von Weißen einem Ablasshandel, ja einem Freispruch von rassistischer Dominanz. Eine Dominanz, die kaum durchbrochen werden kann, die durch Weiße repräsentiert wird, durch die Wissenschaft als solche und der damit einhergehenden Wissensproduktion. Kurz gesagt: Wir müssen uns immer fragen: Wo befinden wir uns im sozialen Gefüge, wie ist es strukturiert, wer kann sprechen worüber und wie internalisiere ich meine Position so in meinen Gedanken, dass sie mir dabei hilft, kritisch zu bleiben, Partikularwissen sichtbar zu machen, sich gegen Universalismus zu wehren, wo es Hegemonien herstellt und reproduziert, die machtvoll und nicht herrschaftskritisch wirken. Das Publikum der Veranstaltung war in der Mehrzahl weiß. Was schon viel aussagt, wie ich finde.
[Texte von Isabell Lorey zum Thema: 1, 2]

Vor einer Weile war ich in Berlin auf der Buchvorstellung von “Wie Rassismus aus Wörtern spricht – Koloniale (K)Erben im Wissensarchiv deutsche Sprache“. Es wurden Kapitel vorgelesen. Noah Sow und Philipp Khabo Köpsell begeisterten das mehrheitlich weiße Publikum mit ihren satirischen Beiträgen, in denen sie sich über Weiße und ihren Entdecker_innengeist lustig machten. Um das lustig zu finden, muss sich mensch schon in irgendeiner Form kritisch mit Rassismus und Weißsein beschäftigt haben. Trotzdem war mir unwohl, dass so viele Weiße über etwas lachten, was für Nicht-Weiße Herrschaft und Gewalt bedeutet. Ich lachte auch an einigen Stellen, aber hatte dabei das Gefühl einer Externalisierung. “Heißt das jetzt, dass ich nicht mehr rassistisch bin, weil ich darüber lachen kann?”, dachte ich mir.

Das Problem lichtete sich mir etwas, als ich in den oben verlinkten Texten von Lorey las. Das Ding ist das Weißsein, eine Rekurrierung auf eine Identität. Ich bin weiß. Allerdings: Ich werde mich davon auch nicht lösen können, weil meine Hautfarbe zu jedem Zeitpunkt eine gewichtige Rolle spielt. Sie ist immer erkennbar, ich kann mich nicht aus meinem Körper lösen und was dieser Körper repräsentiert – Strukturen, Sprechpositionen, Machtverhältnisse. Ich schrieb dazu neulich schon in Sachen Geschlecht, glaube aber, dass das ein bisschen anders gelagert ist, weil wir unser Geschlecht bis zu einem gewissen Grad veruneindeutigen können. Was jedoch bleibt, ist unser Sozialisiertsein in einem Geschlechtskörper bis zu einem gewissen Zeitpunkt und den damit verbundenen Anrufungen, denen dieser Geschlechtskörper ausgesetzt ist/war. Das macht etwas mit uns, ob und wie weit wir uns davon loslösen können, ist eine Frage kritischer (Selbst)Praxis.

Doch zurück zum Weißsein. Das kann ich nicht veruneindeutigen. Ich kann mich nicht schwarz anmalen, denn das sogenannte Black Facing ist kolonialrassistisch markiert. Ich komme als Weiße zur Welt und werde es immer bleiben. Mein rassifizierter Körper (in dem Fall rassifiziert, weil weiß die antipode Norm zu Schwarz ist, von der aus rassifizierte nichtweiße Subjekt konstruiert und untergeordnet wird) ist mein Leben lang Anrufungen ausgesetzt. Was ich tun kann, ist mich zu markieren. Mein Sprechen deutlich zu machen als ein weißes Sprechen. Doch wie entkomme ich der Falle des Essentialismus? Ich bin keine Freundin von Differenzartikulationen, solange sie dazu dienen, irgendetwas festzuschreiben, was doch nur wieder ausgrenzt, Dominanz fortschreibt und Emanzipation verhindert und dennoch: Ich kann es nicht verändern. Ich kann mich nicht lossagen, auch wenn ich mich kritisch positioniere, handele, rassismuskritisch Politik mache. In einer rassistischen Welt ist mein Körper Differenz- und Dominanzartikulation zugleich. Wenn ich mich mit Critical Whiteness beschäftige, dann weil ich’s kann, nicht, weil ich muss. Weil dieses Wissen für mich produziert wurde (von Schwarzen und Weißen), auf das ich jederzeit zurückgreifen kann, ich in (nahezu) jedem (auch kritischen) Raum mit dem Sprechen (nicht nur) über Critical Whiteness gehört werde, sogar anerkannt werde. Weil mir meine weißen Privilegien locker durch’s Leben helfen. Immer. Überall. Mich von diesen Privilegien lossagen zu wollen, ist auch ein Privileg. Weil ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es ist, ohne diese Privilegien zu leben. Könnte ich es, würde ich es mit Sicherheit nicht wollen.

Ein Dilemma, dieses Weißsein? Sehr wohl.

Was also tun? Ich habe für mich entschieden, dass ich weniger über “weißkritische” Satire lachen werde, egal ob von Schwarzen oder Weißen vorgetragen, egal, ob der Raum, in dem ich mich befinde, weiß dominiert ist. Ich werde schneller akzeptieren (lernen müssen), wenn People of Color und Schwarze nicht mit mir zusammenarbeiten wollen. Ich werde nicht/weniger mit meinem kritischen Wissen rumprahlen (egal, ob die Räume weiß dominiert sind oder nicht), öfter und mehr Texte über Rassismuskritik und Critical Whiteness lesen, öfter rassismuskritisch intervenieren, beim Zitieren verstärkt darauf achten, dass People of Color und Schwarze angemessen repräsentiert sind. Einfach weil ich’s kann. Ich kann meine Dominanz rassismuskritisch nutzen, aber ich muss mich nicht selbst dafür nutzen. Die Frage, die ich mir immer wieder stellen muss, ist also die: Wann dient Rassismuskritk und Critical Whiteness nur meiner weißen Eigen(re)produktion oder der Sichtbarmachung subalterner Stimmen?

Posted on Sep 12, 2011

Deutschland, Verdrängungsland.

Wenn sich in der nächsten Woche die rassistischen Pogrome in Hoyerswerda zum 20. Mal jähren, ist das für mich als gebürtige Hoyerswerdaerin eine Woche wie jede andere. Ich habe 19 Jahre in dieser Stadt gelebt, bin dort zur Schule gegangen. Meine Eltern und meine Oma leben noch immer dort.

Hoyerswerda, bereits mehrfach porträtiert als die ostdeutsche Stadt mit dem größten Bevölkerungsschwund (von ehemals knapp 80.000 binnen 20 Jahren auf etwa 30.000), der höchsten Arbeitslosigkeit (ca. 25 Prozent) und einem Durchschnittsalter der dort lebenden Bevölkerung von über 50, ist für mich bei jedem Besuch Sinnbild meiner Vergangenheit. Meiner ostdeutschen “Identität”. Egal, wo in Ostdeutschland ich mich bewege, Hoyerswerda ist allgegenwärtig. Die Plattenbauten, die sozialen Schichten, die Vereinsamung und die kleinen Funken Kreativität.

Umgeben von reichlich Braunkohlegebieten war Hoyerswerda mal die Vorzeigestadt des ostdeutschen Realsozialismus. Schnell wachsend, florierend, systemtreu. Oma schuftete wie ihr Ehemann in der Kokserei Schwarze Pumpe 15km entfernt, mein Vater arbeitet noch immer in dem Kraftwerk und wartet die Pumpen. Meine gesamte Familie (allesamt anhältinisch-brandenburgisch-nordsächsisch-schlesisch) verdingte sich ihren Lebensunterhalt in solchen Primär- und Sekundärsektoren. Ein anderer Teil meiner Familie machte sich bei der NVA das Leben schön. Welche und in welchem Umfang wir Kontakte in die Systemriege pflegten, weiß ich nicht. Akten gibt es wohl die ein oder andere, aber die will niemand zu Gesicht bekommen.

Kurzum: Schlecht ging es uns objektiv betrachtet nicht. Die Inneneinsichten sehen etwas anders aus. Gebiete des Ostens, die nicht in Grenznähe lagen (wie Hoyerswerda) waren weitgehend uninteressant. Sie funktionierten. Mehr nicht. Die Leute standen in Lohn und Brot. Reich waren zwar die wenigsten, aber es reichte, einen Trabant, Mossi oder Lada zu fahren, einen Urlaubsplatz an der Ostsee zu ergattern und einen Schwarz-Weiß-Fernseher zu besitzen. Doch die Urlaubsplätze waren rar und teuer, die Autos auch, das Fernsehprogramm langweilig, Kulturangebote gab es viel zu wenige. Die Lausitzhalle in Hoyerswerda (ehemals Haus der Berg- und Energiearbeiter) trägt noch heute ein hübsches sozialistisches, übergroßes Arbeitermosaik.

Obwohl es den Leuten an wenig mangelte, mangelte es vielen an Sinn und Beschäftigung außerhalb der Erwerbsarbeit. In den 70er Jahren war Hoyerswerda laut der Schriftstellerin Brigitte Reimann die Stadt mit der höchsten Selbstmordrate in ganz Ostdeutschland. Auch nach der “Wende” brachten sich viele um oder starben an den Spätfolgen übermäßigen Alkoholkonsums. Die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe, öffentliche Gelder wurden zusammengekürzt, regionale Firmen durch die Treuhand in den Bankrott geführt und die PDS-Regierung der Stadt hatte bei einer CDU-geführten (Sachsen ist ein evangelisch-konservatives Drecksloch, aber ganz schön) nichts zu melden.

Obwohl das Label “Blütestadt” zu DDR-Zeiten ein sehr brüchiges, marodes und dekadentes Label war für diese rote Arbeitereinöde, die nichts zu bieten hatte außer Goldkrone in der Eckkneipe, sobald die Schicht im Schacht vorbei war, war es nach 1990 noch viel weniger passend. In diese Zeit fielen der Rechtsruck und die Pogrome. Angeheizt von der konservativ-nationalistischen Politik und Rhetorik der BRD seit Regierungsbeginn von Helmut Kohl, fühlten sich alle bestätigt und bestärkt in ihrem rassistischen Gedankengut. Asylanten und Vertragsarbeiter sollten endlich weg, um den Abschwung nicht weiter zu forcieren.

Wenn Kapitalismus und Rassismus zusammenfallen, hat das immer fatale Folgen, nicht nur Anfang der 90er Jahre. Rassistische Gastarbeiterpolitik, das Vorzeigemodell des Wirtschaftswunders der BRD in den 60er Jahren, Relikt der Kolonialzeit Deutschlands, gehört zu den dunkleren Kapiteln der Nachkriegsgeschichte. Unaufgearbeitet. Allgemeinwissen zum Thema: Null. Obwohl doch heute angeblich alle Deutschen mit den Folgen davon zu kämpfen haben. Integration und so. Wer hier wirklich mit den Folgen deutscher Politik, Verdrängungsarbeit und imperialistischer, weißer Überlegenheitsansprüche zu kämpfen hat, bleibt unbeleuchtet.

Rassismus und Kapitalismus: Die Anderen als Konjunkturpuffer. Das war der Katalysator für die rassistischen Übergriffe, die eine Woche lang in Hoyerswerda ungesühnt, unsanktioniert und bejubelt von Hoyerswerdaern ihren Lauf nehmen konnten. Doch, wollen wir dem Kapitalismus nicht zu viel Ehre zuteil werden lassen. Rassismus bahnt sich seinen Weg auch durch sozialistische bzw. nicht-kapitalistische Gesellschaften. Ich sprach von Katalysator. Ich sprach noch nicht von rassistischen Strukturen, Vorurteilen, Bildern, die lange, bevor Marx in die Windeln kackte, bereits virulent waren. Die sich bis heute durchziehen. Und von all dem Stumpfsinn, den das dröge rote System mit sich brachte. Übrigens kein schlechteres als das der BRD. Nur anders organisiert. Gleich sind beide in ihrem Konstruieren eines Post-Nazi-Deutschlands, das nach ’45 alles anders machen wollte. Und wieder wurde Einigkeit heraufbeschworen, die so für das Territorium, auf dem sich die deutschen Grenzen heute so langschlängeln, nie bestanden hat. Volkstum, Deutschtum, deutsche Nation, Reich – Konstrukte für die Einheit. Das Volk ohne Schuld, das Volk ohne Verantwortung, das Volk der Opfer.

Der Stumpfsinn und die Apathie, die wohl sein mussten nach den Nazis. Zu den Nürnberger Prozessen konnte man sich noch aufraffen, dann hieß es bald: Schluss mit der Fremdbestimmung und selbst wieder anpacken bei der gleichen Unterdrückung und Gewalt. Nur wie sich zu tarnen und zu rechtfertigen, das wussten nun auf einmal alle ziemlich gut.

Den Vertragsarbeiten im Osten ging es finanziell relativ gut. Das Valuta war immerhin so attraktiv, dass sich “deutsche” Frauen privat prostituierten, um vielleicht doch an den ein oder anderen kleinen schwer erreichbaren Reichtum zu kommen. Die Vertragsarbeiter im Osten waren gut organisiert. Sie traten in Gruppen auf, lieferten sich Straßenkämpfe mit den “Einheimischen”, Treibjagden durch den Wald, Prügeleien, Selbstjustiz. Alle miteinander und alle gegeneinander. Die Bevölkerung war auf sich selbst angewiesen und sich selbst überlassen. Tauschhandel. Und wer in der Brigade nicht mitsoff (Alkohol gab es für alle Kohlekumpels für lau) und sich in der Pause an Gruppenorgien beteiligte, wurde gnadenlos gemobbt. Die Brigadeführer waren korrupte Schweine, die sich jedes Jahr eine Gehaltserhöhung gönnten. In der NVA sah es wohl nicht anders aus. Das sind jedenfalls Geschichten, die mir mein Vater erzählt.

Und dann ist es 1991 und die Verdrängung setzt erneut ein. Ich durfte eine Woche nicht raus zum Spielen, weil wir zwei Blöcke weiter wohnten. Meine Eltern behaupten bis heute, die Nazis seien von außerhalb mit Bussen in die Stadt gefahren worden. Es ist nur ein Teil der Wahrheit. Wissen wir doch spätestens durch Filmaufnamen, dass Bürger_innen mitwarfen, mitpöbelten – zusammen mit Nazis aus der näheren Umgebung und Hoyerswerda, während die Polizei danebenstand und alles beobachtete. Es war ja auch noch nie anders gewesen.

1991 war nichts Unvorhergesehenes, Hoyerswerda kein Einzelfall. Noch Jahre danach marschierten Nazis durch Hoyerswerda und Umgebung. Nazis finden alle doof. Aber in vielen Dingen sind wir uns doch einig. Zum Glück haben wir immer einen Ort zur Hand, in den wir alles hinein-externalisieren können. Nazi-Deutschland, Nazis, die da.

Zwei meiner Cousins waren lange in der rechten Szene unterwegs. Einer wurde verurteilt, weil er daneben stand und zusah, als seine Kumpels einen Obdachlosen tot prügelten, stark alkoholisiert. Sein jüngerer Halbbruder schaffte den Ausstieg ohne Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Hoyerswerda ist bis heute eine “national befreite Zone”. Alles verdrängt.

Initiative Pogrom91

Posted on Jul 6, 2011

Temporär hassen und langfristig dagegen sein.

Als ich heute morgen von Facebook geweckt wurde, scrollte ich wie üblich durch meine Timeline und erblickte diesen Artikel hier: Ein alter Mann beschwert sich über Gleichberechtigung und lässt kein sexistisches, heteronormatives und chauvinistisches Fettnäpfchen aus. Gewürzt mit etwas Antifeminismus und fertig haben wir das, was wir seit mehreren Jahren jeden Tag in der Zeitung lesen dürfen. Mal mit anderen Inhalten, aber letztendlich auf denselben Stützpfeilern der Scheiße. Allein der Teaser reicht zu lesen, um zu wissen, dass mensch hier nicht viel Niveau erwarten kann oder lieber gleich bekannte Maskulisten-Seiten ansurft. Trotzdem wird der Artikel angepriesen von einem Mann, den ich eigentlich für relativ schlau hielt. Nun ja, dass er letztens die Facebook-FDP-Fanseite geliked hat, hätte mich eigentlich stutzig machen müssen. Wie dem auch sei..

An dieser kleinen Unannehmlichkeit am Morgen fiel mir auf, dass ich in Zeiten von Kachelstrauß und Polassange fast täglich über Artikel stolpere, in denen sich Männer über die Emanzipation beschweren, Frauen nicht mit Emanzen verglichen werden wollen oder Victim-Blaming betreiben und überhaupt solle doch am besten der ganze Mist bleiben so wie er ist. Gemischt mit dem Mist, der eigentlich schon längst der Vergangenheit angehören sollte. Ergo: Es weht ein konservativerer, reaktionärerer Wind durch’s Land als noch vor ein paar Jahren. Die aktuellen Vergewaltigungsfälle werden medial begleitet von Geschlechterstereotypen und Verharmlosungen sexistischer Verhältnisse. Was ja am Ende, glaubt mensch an die Macht von Sprache, Texten und Diskursen u.a. dazu führt, dass Wichser wie Strauss-Kahn trotz relativ eindeutiger Beweislage wohl am Ende freigesprochen werden. Begründet wird das dann gern mit dem Rechtsstaatlichkeitsprinzip, der Aufklärung und all dem Rotz, der von weißen europäischen Männern in mächtigen Positionen erfunden wurde, um ihren Besitzstand zu wahren und universale Menschenrechte für ihren eigenen Vorteil zu instrumentalisieren.

Dass selbstverständlich nicht nur weiße europäische Männer oder die Prinzipien hegemoniale Männlichkeit und Androzentrismus die Verantwortung für die Lage tragen, sollte klar sein. Gesellschaftliche Ordnungsprinzipien sind vielfältig und miteinander verwoben, nicht alle Ungleichheit lässt sich über Patriarchat erklären, schon gar nicht über Schuldzuweisungen an Individuen.

Ungleichheit systemisch zu analysieren und zu kritisieren, statt über Interaktion zwischen Individuen, die lediglich eine Ausformung des Systems ist, braucht lange. Langwierige Denkprozesse, Reflexionsprozesse, Selbstkritik und permanente Selbsthinterfragung und Abgleichen mit der Wirklichkeit. Es braucht bestimmtes Wissen, dass leider teilweise so exklusiv in akademischen Kontexten versteckt ist. Wenn es frei zugänglich wäre, wäre es trotzdem oft unverständlich und verstörend. Verstörend, weil es eben Fundamentales in uns auslöst, unsere Welt zum Wanken bringt. Schließlich will sich keine_r schlecht fühlen. Selbst dann, wenn es für alle verständlich wäre, beispielhaft und alltagsnah, kollidiert es mit unserem Alltagswissen, das produziert wurde, um Ungleichheiten zu naturalisieren, zu verharmlosen und einzuflechten in unser tägliches Sein und Werden. Nicht zuletzt ist eine Ideologie, die Welt zu erklären und zu kritisieren, die anderen Ideologien gegenüber steht. Nur eben nicht so beliebt ist.

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Posted on Mrz 22, 2011

Lantzschi goes public.

Die simpelste feministische Forderung ist bekanntlich, den Frauenanteil in männlichen Netzwerken zu erhöhen und damit festgefahrene Strukturen aufzubrechen, neue Perspektiven zuzulassen. Ob das am Ende “bessere” Ergebnisse gibt oder wirklich systemverändernd ist, steht auf einem anderen Blatt.

Nach wie vor ist das Internet männlich dominiert und strukturiert, werden Stimmen von Frauen nicht wahrgenommen oder absichtlich ignoriert. Wenn es darum geht, diesen Missstand zu erklären, finden sich häufig Muster wie “Selbst schuld”, denn das Internet “sei doch so partizipativ und basisdemokratisch”. Bullshit, wissen wir doch spätestens seit den in den vergangenen zwei bis drei Jahren geführten Diskussionen um Sexismus, Geschlechterstereotype und den Old Boys Networks, dass dem mitnichten so ist. Mehr noch, vergrößert Mensch den Fokus von Geschlecht auf andere soziale Kategorien, sieht das deutschsprachige, sich politisch begreifende Internet noch trauriger und eindimensional aus. Homogenität macht bekanntlich keine Politik für alle, sondern für wenige. Elitenbildung im Netz ist nicht weniger ein Abklatsch aus dem sogenannten “Offline-Leben”. Eine Ebene weiter oben angesetzt, wäre auch kritisch zu betrachten, wer bzw. welche Gruppen überhaupt Zugang zum Netz haben und wer uns dieses wunderbare neue politische Instrument, called Internet, zur Verfügung stellt, samt Hardware, Server und Software. Hier offenbart sich wohl der größte Graben und spiegeln sich globale Machtverhältnisse.

Denn die Facebook- und Twitter-Revolutionen, diese Mitmach-Politik, von denen hierzulande seit der “Grünen Revolution” im Iran so euphorisch gesprochen wird, entsteht auf dem Rücken von vielen zugunsten einiger privilegierter Menschen, zu denen logischerweise auch Frauen gehören. Dass wir rund um die Uhr an Politik teilhaben können, uns vernetzen, kommunizieren und theoretisieren und überlegen, wie das Netz dieser egalitäre Raum bleiben kann ohne staatliche Zugriffe, übersieht, dass wir schon längst Teil einer dominanten und dominierenden Sphäre sind, die andere ausschließt und ausbeutet.

Dabei wären das Netz und die neuen Kommunikationsformen und -techniken noch viel machtvoller, würde versucht, diese Ausschlüsse aufzubrechen oder zumindest nicht weiter fortzuführen. Der wohl schmerzloseste Beginn wäre eine Debatte darüber, ob unsere Theoretisierungsversuche eines transnationalen Wissen- und Machtraumes auch wirklich alle einbezieht, welche Stimmen in der Diskussion darüber bisher außen vor bleiben.

Die re:publica in diesem Jahr soll die Möglichkeit sein, um erste Denkanstöße zu geben, die hoffentlich nicht nach drei Tagen Konferenz wieder versandet. Kommt vorbei und diskutiert mit uns!

Desweiteren und nach wie vor wichtig: Präsenz zeigen. Auch, wenn es weh tut. Für die Schmerzlinderung haben wir wenigstens ordentlich Vodka im Gepäck. Nachdem sich im vergangenen Jahr die Flirtkultur auf Twitter breit gemacht hat, die uns neben der aufreibenden Diskursarbeit Balsam für die Seele bereit stellt, ist es an der Zeit, Twitter als Singlebörse zu institutionalisieren. Deshalb werden drei junge Frauen (inklusive mir) in den Friedrichstadtpalast laden, um aus dem Nähkästchen zu plaudern und plaudern zu lassen. Wer die Herz- und Vodkaexzesse nicht im Palast selbst verfolgen kann, der_die kann (wahrscheinlich) im Livestream auf der Seite selbst mitflittern und zuprosten. Wir freuen uns auf euch.

[Disclosure: Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Soli-Bärchen bitte in die Kommentare posten]