Räume und Ängste.

Es gibt Räume,

die mein Herz höher schlagen lassen. Aber nicht, weil ich Schmetterlinge im Bauch habe.

die mich aufregen. Aber nicht, weil meine Vorfreude so groß ist.

in denen ich keinen Appetit verspüre. Aber nicht, weil Luft & Liebe alles ist, was ich zum Leben brauche.

in denen ich mir keine Pausen gönne. Aber nicht, weil ich Langeweile nicht ausstehen kann.

in die ich nicht (hinein) passe. Aber nicht, weil ich zu viel Raum einnehme.

in denen ich verstumme. Aber nicht, weil ich anderen so gerne zuhöre.

vor und in denen ich Angst habe.

Angst. Ein Phänomen? Etwas, das ich bin? (ängstlich!) Irrational? Krankheit? Einbildung? Nur in meinem Kopf?

Hab dich nicht so. Sei doch … Alles wird gut. War doch nicht so schlimm. Wie beim „kleinen Angsthasen„?

Ich hatte schon Angst vor Insekten und Wasser.
Ich hatte schon Angst vor’m Sprechen, vor’m Versagen. Ver_Sagen.
Ich ver_sage nicht, ich bekomme etwas ver_sagt. Zuneigung, Liebe, Wertschätzung. Zum Beispiel, weil meine Stimme ver_sagt. „Rede ordentlich!“ „Kannst du nicht sprechen?“ „Konzentrier‘ dich, wenn du sprichst!“ #Eltern
Ich fange an zu stottern, wenn ich Angst habe, aufgeregt bin, mich gestresst fühle. Ich ent_sage mir selbst Liebe, Zuneigung, Wertschätzung, wenn ich Angst habe, aufgeregt bin, mich gestresst fühle.

„Ich habe dir was zum Lesen mitgebracht. Es geht um deine Krankheit. Ist ganz interessant.“ – „Ich habe keine ‚generalisierte Angststörung‘, Mutter. Ich habe Panikattacken.“ – „Achso.“ #Gesprächbeendet

Ich hatte schon Angst vor der Angst. Weil sie mich handlungsunfähig macht. Weil sie sich so übermächtig anfühlt und ich mich ohnmächtig fühle. Weil ich Angst habe, dass die Angst mich umbringt. Angst zu sterben. Keine Angst vor dem Tod, solange ich selbst darüber entscheiden kann, ob ich sterben will oder nicht. Suizidgedanken sind Selbstermächtigung in Momenten größter Ohnmacht.

Ich hatte schon Angst vor meiner prügelnden Ex-Freundin. Vor ihren Erniedrigungen. Vor ihren Kontrollen. Davor, dass sie es wieder einmal schafft, sich zum Opfer zu machen und mir die Schuld dafür zu geben.
Ich hatte schon Angst (davor), die Verantwortung für die Ängste anderer zu übernehmen. Weil es meine Ängste antickt. Antickt, mir Liebe, Zuneigung und Wertschätzung zu ent_sagen, antickt, dass mir Liebe, Zuneigung und Wertschätzung ver_sagt wird, weil ich anderen meine Verantwortungsübernahme für ihre Ängste ver_sagt habe. Weil ich ver_sagt habe.

Ver_sagens_ängste: Angst vor den Reaktionen darauf, anderen ihre diskriminierenden Selbstverständlichkeiten zu ver_sagen. Etwas dagegen zu sagen. dagegen zu handeln. Angst zu sagen, dass Gewalt nicht immer ein Synonym für Cis-Typen (in Hetero-Beziehungen) ist. Angst zu sagen, dass #Eltern nicht immer ein Synonym für Familie ist. Angst zu sagen: #Gesprächbeendet.

Definitionsversuche: Angst als Reaktion auf etwas. Angst als Umgang mit etwas. Ich bin nicht ängstlich, sondern etwas macht, dass ich mit Angst darauf reagiere. Angst ist kein ‚Phänomen‘, keine ‚Krankheit‘, keine ‚Störung‘, nichts ‚Irrationales‘, sondern ein von mir machmal mehr, manchmal weniger bewusst entschiedener und gesteuerter Umgang mit erlebten Diskriminierungen, erlebter Gewalt und Traumatisierung. Angst ist nicht nur in meinem Kopf, sondern (auch) mit körperlichen Reaktionen und konkreten Handlungen und Emotionen verbunden, die für andere wahrnehmbar werden (können): Herzrasen, Appetitlosigkeit, Schwindel, Fantasien, Ent_Ver_rückungen, Müdigkeit, Übelkeit, (selbst herbeigeführtes) Kotzen, Schweißausbrüche, verändertes Atmen, Wut, Ärger, Weinen, Verzweiflung, Trauer, sich selbst verletzen, Suizid_Gedanken, Panik, Weg_Bewegung, Gegen_Not_wehr, Schreien, Sorgen (sich Sorgen machen, für sich sorgen, für andere sorgen, sich Sorgen machen um andere) Schlaf, Bewusstlosigkeit, Nicht_Essen, Drogen/Substanzkonsum, Verwirrung, Nervosität, Krämpfe, Starre, Hautveränderungen, Hormonausschüttungen, Freude und vieles mehr.

Es gibt (Angst_)Räume,

in denen wünsche ich mir nicht mehr Raum für mich. Aber nicht, weil ich ihn nicht brauche. Sondern, weil diese Räume _an sich_ diskriminierend sind.

in denen ich nicht interveniere. Aber nicht, weil es nicht notwendig wäre. Sondern, weil es nichts bringt.

die für Cis-Typen gemacht sind, die weiß und hetero und dünn und ableisiert sind und keine Ängste haben und deshalb keine Erwartungen/Vorstellungen/Wünsche/Ansprüche mit diesen Räumen verknüpfen, außer höchstens drei Schlüpfer und mindestens eine Frau, die für sie kocht (und ihre Schlüpfer wäscht) und sie dabei anlächelt.

die für diese Cis-Typen gemacht sind und in denen _trotzdem_ „No/Fight Sexism, Racism, Homophobia, blablablabla“ an den Wänden steht.

die für Frauen, Lesben, Trans* und Queers (wie mich) gemacht sind, die weiß und dünn und ableisiert sind und die oftmals Geld haben und studiert haben und ein nach bestimmten Vorstellungen von bestimmten Leuten so und so gegendert konform-nonkonformes Auftreten und öfter als oftmals einen Pass und eine Krankenversicherung und eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis auf Lebenszeit haben und die Ängste haben und die feministisch/kritisch sein wollen und deshalb Erwartungen/Vorstellungen/Wünsche/Ansprüche mit diesen Räumen verknüpfen. Nämlich sich wohl zu fühlen.

die für diese Frauen, Lesben, Trans* und Queers (wie mich) gemacht sind und in denen andere (auch) Ängste haben und kein nach bestimmten Vorstellungen von bestimmten Leuten so und so gegendert konform-nonkonformes Auftreten und keine Krankenversicherung und keine Wohnung und keine Aufenthaltsgenehmigung und keine Arbeitserlaubnis auf Lebenszeit und sich nicht wohl fühlen und nicht anwesend sind und in denen _trotzdem_ „No/Fight Sexism, Racism, Homophobia, Transphobia, Ableism, Classism, Fatshaming blablablabla“ an den Wänden und auf den Flyern und Homepages und Stellungnahmen und Wohnungsanzeigen und Aufrufen steht.

Macht und Selbst-Ermächtigung.

Vielleicht steht nicht alles in unserer Macht.

Aber wir sollten wenigstens so tun als ob.

Für uns selbst und für andere.

Ich denke, das ist das, was wir tun können.

Die oberen Zeilen sind in einem anderen Zusammenhang vor anderthalb Jahren entstanden. Ich hatte die Gelegenheit sie vor kurzem wieder zu lesen.

Ich habe mich als Feministin oft sehr ohnmächtig gefühlt, weil der Widerstand gegen und Interventionen in Machtverhältnisse nicht nur sehr kräftezehrend sind, sondern häufig auch die eigene Biografie berühren. Welche Diskriminierungs_Erfahrungen habe ich in meinem Leben gemacht und welche Umgangs-, Bewältigungs- und Über_Lebensstrategien habe ich mir diesbezüglich erarbeitet? Wie gehe ich (darüber hinaus) mit Konflikten, Komplexitäten und unauflösbaren Widersprüchen um? Was erhoffe ich mir vom selbst_verantwortlichen Umgang mit eigenen Privilegierungen? Welche Wege haben sich mir in dieser Zeit, da ich mich dagegen entschieden habe Machtverhältnisse nicht wahrzunehmen, mehr noch, etwas dagegen zu tun, verschlossen? Welche eröffnet? Welche bin ich gegangen? Welche Menschen sind aus meinem sozialen Umfeld verschwunden, welche sind dazu gekommen? Was haben diese unterschiedlichen Menschen mit mir und aus mir gemacht? Kann ich das überhaupt annäherungsweise überblicken und welche Schlüsse ziehe ich aus all dem?

Was eigene Diskriminierungs_Erfahrungen und Privilegierungen angeht: Es ist nach wie vor nicht leicht, einen Umgang damit zu finden, der mich nicht dazu verleitet, zu denken, dass ich sowieso nichts an den bestehenden Verhältnissen ändern kann. Ich bin traurig, verletzt, hilflos, kraftlos und ob der mir zur Verfügung stehenden Analyseinstrumente nicht selten verzweifelt über die Gesamtsituation(tm). Mein politischer Anspruch an mich selbst ist es, Umgänge und Strategien zu finden, die mich handlungsfähig, produktiv und kreativ sein lassen, Wut zulassen können und – ganz wichtig – nach Solidarität und Verbundenheit suchen.

Wenn ich mich ohnmächtig fühle, neige ich dazu, meiner Wut über diese Ohnmacht freien Lauf zu lassen. Das führt nicht selten dazu, dass ich weniger differenziert vorgehe und meine Worte gewaltvoll werden und damit Menschen verletzen können, die ähnliche oder andere Diskriminierungs_Erfahrungen machen. Mein Wunsch nach Solidarität und Verbundenheit kann so nicht erfüllt werden. Ich muss mir also Orte suchen, an denen ich meine Wut herauslassen kann und zu einem späteren Zeitpunkt über sie reflektieren, sie einordnen und in politisch verantwortungsvolle Handlungen übersetzen kann (wenn ich das möchte). Ohne dass eine feministische und aktivistische Öffentlichkeit, die ich selten persönlich kenne, sie ungefiltert mitbekommt und damit umgehen muss. Ob sie will oder nicht. Ich gebe dann Verantwortung ab an Menschen, deren Verantwortung es nicht ist, mir meinen Umgang mit meinen Erfahrungen zu erleichtern. Mich lediglich dabei unterstützen können.

Auch dieser Gedanke macht mich ab und zu ohnmächtig, weil ich mich mit meinen Erfahrungen und Gefühlen dazu allein fühle und mir denke: Warum muss ich noch einen möglichst sensiblen Umgang finden, meine Verletzung und Zurichtungen selbst transformieren, selbst heilen und bewältigen? Ich fühle mich unverstanden. Meiner Möglichkeiten beraubt und kann nicht einfach rausschreien, was mir weh tut und muss schon wieder einem fremdbestimmten Befehl Folge leisten. Die Umgänge von Menschen mit Diskriminierungserfahrungen zu beschränken ist doch nichts weiter als selbst diskriminierend?!

Vor einer ganzen Weile habe ich gelernt, dass ich dabei den Blick nicht nur auf mich richten darf. Um mich herum strugglen viele Feminist_innen und Aktivist_innen, Freund_innen und Verbündete mit ähnlichen Problemen. Indem ich ihnen einen Umgang mit meinem (undifferenzierten und ungefilterten) Umgängen zumute (ohne sie zu fragen, ob das gerade okay ist), nehme ich ihnen den Raum für ihre eigenen Umgänge und Strategien, mehr noch kann sie sogar mit meinen Umgängen triggern, an eigene Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen erinnern oder selbst wieder Diskriminierungen reproduzieren. Dieses Wissen hat mir sehr geholfen, weil ich bemerkt habe, dass ich nicht allein bin. Nicht allein als Person, die sich ab und zu ohnmächtig und allein fühlt. Auch, weil es den Blick auf eigene Privilegierungen versperrt.

Ich bin zwar nicht verantwortlich für die Verletzungen, die ich erfahre, aber ich bin verantwortlich dafür, nicht selbst zu verletzen und will doch gewiss nicht auf Dauer allein kämpfen! Mehr noch: Die Verantwortung für den Umgang mit meinen Erfahrungen an andere abzugeben, hat mich oft noch ohnmächtiger fühlen lassen. Weil es viele Menschen gibt, die ihr Mithandeln an Machtverhältnissen nicht reflektieren und verändern wollen und viele Menschen gibt, die diese Verantwortung gar nicht tragen _können_. Ich stecke dann zwischen Ohnmacht und Ohnmacht und fühle mich erst recht handlungsunfähig.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der mir in der letzten Zeit bewusst geworden ist, dass Empowerment und Unterstützung notwendige und sehr erfüllende Komponenten im täglichen Über_Leben in Machtverhältnissen sind. Und wie soll ich andere empowern und unterstützen können, wenn ich nicht zuerst mit und bei mir selbst damit anfange? Nicht das Spiel von Machtverhältnissen und ihren Akteur_innen mitspiele, mich handlungsunfähig zu machen?

Das war_ist kein leichter Weg, ein holpriger mit vielen Fallen, Löchern und Steinen, die um_ge_gangen und weggeräumt werden müssen, aber es ist ein Bewegen. Ein Bewegen in Widersprüchen, die mich bewegungsunfähig machen können. Es fühlt sich gut an, mir selbst Strategien und Umgänge zu erarbeiten, mich mit anderen darüber und ihre Umgänge und Strategien auszutauschen, Gemeinsamkeiten zu finden und Unterschiede als kreativ, herausfordernd und produktiv zu erleben. Auch wenn diese Unterschiede für mich selbst bedeuten, anzuerkennen, dass ich von vielen Dingen profitiere und dass dieses Profitieren auf dem Rücken derer stattfindet, mit denen ich zusammen kämpfen möchte. Und da weder heute noch irgendwann irgendwer kommen wird und alle Machtverhältnisse (samt meiner Privilegierungen und Diskriminierungen) einfach so wegzaubern wird, muss ich eben selbst etwas tun, wenn mir meine politischen Überzeugungen wirklich etwas bedeuten und die Menschen um mich herum.

Klar habe ich nicht die Macht, alles (und auf einmal) zu verändern, aber ich kann so tun als ob. Für mich. Und anderen das Gefühl geben, dass ich Verantwortung übernehme und da bin, anwesend, stärkend, unterstützend, nach Verbindungen und Verbundenheit suchend. Eine andere Definition von Macht.

Floating.

irgendwann habe ich angefangen loszulassen. nacheinander die dinge, die mir angst machen, mich unwohl fühlen lassen, mir stress bereiten, mich unter druck setzen, die ich nicht in meinem leben will – gefühle, kontexte, zustände, diskussionen, auseinandersetzungen, kämpfe, personen. weil ich die folgen nicht mehr spüren wollte. panikattacken, angstzustände, unruhe, gestresstsein, körperliche schmerzen.

bevor mein kopf gestreikt hat, hat mein körper mir signalisiert: das ende seiner kapazitäten ist erreicht. aus meiner lebenslangen ignoranz gegenüber meinen körperlichen bedürfnissen ist irgendwann ein ringen geworden, ein permanentes streiten über die deutungshoheit der situation. jetzt sitzen wir oft beieinander und begegnen uns im zwiegespräch. manchmal beäugen wir uns kritisch. er signalisiert mir, wenn er die schnauze voll hat von meinen gedankengängen und überlegungen. ich gebe ihm raum, seine bedenken zu äußern. ich gehe auf seine bedürfnisse ein, wo es mir möglich ist. achte darauf, dass er sich mit mir wohl fühlt, egal, was ich gerade tue und lasse auch manchmal dinge sein, um ihn nicht in unangenehme situationen zu bringen.

das hat mir anfangs sehr viel kraft abverlangt. ständig entscheidungen mit dem kopf für meinen körper zu treffen und nicht mehr aus dem bauch heraus, so wie ich es sonst gewohnt war. zumindest dachte ich lange, es seien bauchentscheidungen, bis ich merkte, dass ein großteil meiner bauchentscheidungen verinnerlichte und normalisierte verhaltensmuster sind, entscheidungsstrukturen, die ich mir im laufe meines lebens angelernt und aufgebaut habe, die ich fast nie hinterfragt habe.

warum tue ich gerade, was ich tue? warum treffe ich die entscheidungen, die ich treffe? obwohl sie folgen nach sich ziehen, die ich gar nicht will? diskussionen, die ich nicht führen möchte? gedanken, die ich nicht denken möchte? gefühle, die ich nicht fühlen möchte? in den vergangenen monaten habe ich gemerkt, dass all diese nicht hinterfragten entscheidungen auch anders getroffen werden können, nach anderen maßstäben. dass ich für diese maßstäbe und veränderungen kraft brauche, ressourcen benötige, die ich schon längst nicht mehr hatte. ich musste geduldig mit mir sein. ich bin so ungeduldig. musste warten, bis sich gedanken nicht nur im kopf festsetzen, sich aber nicht umsetzen lassen, weil sich das gefühl, das unbedingte wollen mit allem, was ich bin, noch nicht eingestellt hat. ich habe gemerkt, dass sich die meisten dinge in meinem leben irgendwann einstellen, jedoch nicht konkret mit handlungen herbeiführen lassen, sich nicht kondensieren auf einen möglichen punkt, sondern nach und nach erfolgen, wenn ich das ziel vor augen habe, den punkt, an dem ich irgendwann sein will und un_bewusst entscheidungen treffe, indem ich zunächst mal andere gefühlswelten zulasse. auf meine bedürfnisse höre und ihnen raum gebe. dazu gehörte auch, meinen körper mehr in mein leben zu lassen, den kopf öfter auszuschalten und sich ganz bewusst abzugrenzen von dingen, die mir nicht gut tun. dinge, von denen ich dachte, sie seien unausweichlich.

öfter das rad zu nehmen, spazieren zu gehen, das notebook nicht aufzuklappen, das handy nicht anzufassen, telefonate nicht zu führen, situationen zu vermeiden. zu mir finden. zu dem, was ich will für mich und mein leben, überhaupt diese suche erst einmal zuzulassen. nicht in leistungen, to-do-listen, aufgabenbereiche und verantwortlichkeiten zu denken. das gefühl aufzugeben, mich rechtfertigen zu müssen für entscheidungen, die ich treffe, gedanken und gefühle, die ich habe.

ein außen zu finden, von dem aus ich mir mein leben anschauen kann und dann nach und nach aussortiere, was dort keinen platz mehr haben soll. zu merken, wovon und von wem ich abhängig bin, was an diesen abhängigkeiten destruktiv ist und verhaltensmuster bedient, die unaufhaltsam in depressionen, angstzuständen und panikattacken münden. scheitern, aufgabe und loslösung in bestimmten punkten für erstrebenswert zu halten.

als leah und ich queer_feminismus geschrieben haben, ging es mir zwar schon etwas besser als noch ein paar wochen zuvor, aber von gut war ich weit entfernt. ich hatte panikattacken, konnte kaum essen und wenn ich aß, lag ich danach mindestens zwei stunden lang mit krassen schmerzen im bett, die mich fast ohnmächtig werden ließen. sie brachte mir dann eine wärmflasche und wir saßen in meinem bett und redeten. über unsere ängste mit diesem buch, über nie geäußerte erwartungshaltungen, die potentielle les_erin_nen haben könnten. es ist ein sehr persönliches buch geworden an vielen stellen. normalerweise schreibe ich persönliche dinge im fluss, die wörter sprudeln heraus, im kopf ist schon alles zu ende gedacht, ich muss nur noch abtippen. bei diesem buch dauerten einzelne sätze stunden, ich quälte mich, hatte stresskopfschmerzen, meine gesichtsmuskeln flackerten vor anspannung. ich fühlte mich wie in meiner masterarbeitsphase. es war der erste abend seit langem, an dem ich nicht ausrechnete, wie viele wörter ich heute noch in das dokument tippen muss, damit alles rechtzeitig fertig wird. nach dem gespräch war ich wieder im fluss und gab das rechnen auf.

bis heute kann ich nicht realisieren, dass ich mir mit dieser buchveröffentlichung einen lebenstraum erfüllt habe. kann die komplimente und wertschätzungen und eindrücke von menschen, die es gelesen haben und denen es viel bedeutet, die sich wiederfinden in den w_orten, die wir schaffen für ihre gedanken, positionen, aushandlungen und identitäten nicht annehmen. denke mir, joa ist halt ein text von mir und uns, der etwas länger geworden ist, als ich üblicherweise blogge. ist ausgesprochen, aufgeschrieben, abgehakt. ein altes schreibmuster von mir. die rezeptionswahrnehmungsmuster sind andere. texte bestimmen mein leben, mein wohlbefinden. der prozess des schreibens nicht. es sei denn, ich muss texte schreiben, auf die ich keine lust habe (eine masterarbeit zum beispiel). eigentlich müsste es umgedreht sein. müsste der prozess des schreibens lustvoll sein, als immer nur ventilfunktion haben. manchmal ist das so. das sind dann texte, die ich gut finde, die ich gerne wieder lese. die mich berühren und emotionen schüren. die mich zum weiterdenken inspirieren. weshalb ich irgendwann das schreiben aufgegeben habe und nach mehr als zwei monaten das erste mal wieder worte tippe, die sich nicht nach „muss jetzt mal schnell erledigt werden“ anfühlen, zu denen ich keinen zugang habe, die mir völlig fremd sind.

weil mein kopf auch irgendwann gestreikt hat und einfach nichts mehr aufnehmen konnte. zum denken nicht fähig war. schon gar nicht zum abstrakten, analytischen denken, zur differenzierung. nicht mal ein text, der aus der antwort auf die frage bestand, wie geht es mir heute, wollte den kopf verlassen. ich konnte nicht mal die frage beantworten. die wochen wurden gleichförmiger, die panikattacken wichen depressiven episoden, in denen mir alles egal war, außer die frage: was kommt danach? was kommt, wenn es mir besser geht? an welchem punkt werde ich sein? wer werde ich sein? womit beschäftige ich mich dann? was wird mich antreiben? auch auf diese fragen hatte ich schlicht keine antworten. ich hatte für wochen den sinn verloren in meinem leben, dachte nur noch daran, wie ich es schaffen kann so zu funktionieren, dass diese grässlichen panikattacken nicht auftauchen. todesangst ist schrecklich. mein leben war durchrationalisiert. hatte mich von komplexen gedanken verabschiedet, von gefühlseinlassungen, von spaß und lebensfreude. hatte das internet ausgestellt, den feedreader missachtet, twitter nach sekunden geschlossen, weil es mich anödete. war nur noch deshalb draußen, weil Bewegung im freien ja gut tun soll und den kopf befreit und den kreislauf in schwung bringt. schwungvoll fühlte ich mich nie bei spaziergängen. nervige dinge tun, damit mein körper zufrieden ist, während mein kopf vor sich hin muckert, im standby verbleibt. wollte an gesprächen nicht teilhaben, war alles anstrengend. konnte dinge nicht genießen, die mir früher spaß bereiteten, ging nicht ans telefon, antwortete nicht auf sms. nötige kommunikation, funktionieren. da sein, ohne anwesend zu sein.

das einzige, was mir in der zeit half, war öfter die stadt zu verlassen, mittlerweile konnte ich das ja wieder halbwegs, ohne mich im permanenten panikmodus zu befinden. nur außerhalb von berlin konnte ich mich, die menschen um mich herum wahrnehmen und annehmen. konnte ihnen zuhören, mich auf sie einlassen und in mich hinein wahrnehmen, was da gerade so unter dem standby modus abgeht. welche themen da sind, die bearbeitet werden wollen. ich konnte aufnehmen und genießen, auch wenn es sich nicht immer leicht anfühlte. danke kassel, bielefeld, göttingen, lohra, dresden, lärz.

neben meiner gesprächs- und körpertherapie hat mir vor allem die zeit in der lesbenberatung geholfen, wieder bei mir anzukommen. ich habe dort wahnsinnig wunderbare menschen kennengelernt, ich habe dort irgendwann verlernt, mich zu verstecken, ich hatte ein umfeld, was mich erstmal nicht kennt und mit dem entspannt, wertschätzend und inspirierend umgeht, wie ich mich in dem moment zeigen konnte. wie politische arbeit auch aussehen kann und was alles an den kleinen dingen, die ich schon seit jahren tue, aber nie wahrgenommen habe, wertvoll ist, um das große drumherum am laufen zu halten. ich habe neue perspektiven kennengelernt und die lust zurückgewonnen, politik zu machen. vielleicht auch ab und zu anders. weg von frustration und dem ständigen gefühl gegen mauern zu rennen. mich abzugrenzen von kämpfen, mich nicht immer so hinein zu begeben, dass ich erstmal auszeiten brauche, um mich zu erholen. mich nicht von ignoranz und unwillen verletzen zu lassen, weil es nur das eine leben ist, was ich habe und nur diesen körper mit seinen begrenzten kapazitäten. ein abwenden als anderen dingen zuwenden zu begreifen. jetzt kann ich lachen über ignoranz und unwillen oder selbst ignorieren. es regt mich nicht mehr auf, es belastet mich nicht mehr, ich weiß, was ich zu erwarten habe und dann kann mich entscheiden. weil ich mir auch die zeit genommen habe, selbstsicher zu werden. auf mich und meine perspektiven zu vertrauen. und den menschen zu vertrauen, die mir das wichtige, kritische und wertschätzende feedback dazu geben.

letztendlich hat alles, was ich getan, gedacht, gefühlt, erlebt, wahrgenommen, entschieden, gesagt, verworfen, abgelehnt, zugelassen habe in letzter zeit prozesse angestoßen und begleitet. auch hier könnte ich nicht sagen: genau das war es, was mir geholfen hat. es war alles. mit dem unterschied, dass ich versucht habe, es bewusst zu tun. im ständigen austausch mit mir, mit anderen, meinem kopf, meinem körper und meinen bedürfnissen.

ein jahr ist seit meiner ersten bewusst erlebten panikattacke vergangen. und es geht mir gut.

Liebe & Freu_ndinnenschaft

Liebe & Freu_ndinnenschaft: Für mich ging das lange nicht zusammen und noch heute tut es das nur schwerlich. Nicht nur, weil unhinterfragte normative Beziehungs/Liebes/Paar/Freu_ndinnenkonzepte mein Handeln bestimm(t)en, sondern weil (romantische) Emotionen/Begehrensweisen auch interpersonell Sexismus bzw. sexistische Hierarchien offenlegen.

Für wen tun sich Konflikte auf, wenn es um liebevolle Gefühle ggü Freu_ndinnen geht? Wer fühlt sich ertappt_unwohl_verunsichert, weil eins denkt, das Gegenüber könnte denken, dass eins „mehr will“? (Und wäre das schlimm_schwierig_kompliziert? warum?) Für wen bedeuten (auch körperliche) Zuneigungsbekundungen was? Wer kann wem gegenüber a_sexuelle Gefühlswelten_Begehrensweisen offenlegen? Ohne, dass daraus eine komplexe und widersprüchliche Dynamik entsteht, die nicht_weniger anschlussfähig an normative Vorstellungen von Liebe/Sex_ualität/Körperlichkeit/Beziehungen ist? Welche Bedürfnisse_Emotionen_Begehrensartikulationen stecken hinter Sätzen wie „Ich vermisse dich“, „Du fehlst mir“, „Ich will dich sehen_berühren_dir (körperlich) nahe sein_mit dir kuscheln“, in Komplimenten, in nonverbalen Kommunikationsweisen wie Blicken? Warum sind solche Sätze_Kommunikationen_Miteinanderumgehensweisen in Paar_Beziehungen eher selbstverständlich, in Freu_ndinnenschaften eher nicht?

In meiner Jugendzeit und auch später haben Gefühle ggü Freu_ndinnen, die eigentlich eher in Part_nerinnenschaften angesiedelt sind, viel Schmerz_Unverständnis ausgelöst. Jeweils auf beiden Seiten. Damit weiter umzugehen, Freu_ndinnenschaften weiter aufrecht zu erhalten, die mir wichtig waren und sind, bedeutete sehr lange: Liebe_Begehren & Freu_ndinnenschaft zu trennen. Das Wörtchen „lesbisch“ in diesem Zusammenhang erinnert mich immer an diese Konflikte & Widersprüche und an eine Position, die es je nach Kontext ein bisschen schwerer hat als meine hetera-Freundin_nen. Aber auch an die Möglichkeit_en „lesbisch“ sehr viel weiter zu begreifen: Mit wem teile ich das Bett/Probleme/schöne Dinge? Mit wem habe ich körperliche Nähe_Sex? Auf wen beziehe ich mich, wenn es um Politik/Alltag/Über_Leben geht? Wen begehre ich wie? Und mit wem kann ich mich darüber wie austauschen, ohne, dass Konsens auf der Strecke bleibt?

Entgrenzung, Arbeit und Widersprüche, die nicht auflösbar sind.

Es gab mal eine Zeit, in der ich Vollzeit festangestellt arbeitete. Diese Zeit endete vor fast genau vier Jahren aufgrund wirtschaftlicher Fehlplanung des Unternehmens, in dem ich angestellt war. Die „Ausrede“ viele meiner KollegInnen zu kündigen und mich im Zuge dessen in eine pauschale Honorartätigkeit (20h pro Woche Arbeiten für ein festes Monatshonorar, ohne Urlaubstage, ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, ohne Arbeitnehmerinnenrechte, Lohnsteuer und SV-Beiträge von mir abzuführen) zu drängen, war die Finanzkrise. Das Versprechen, mich nach meiner Ausbildung unbefristet zu übernehmen, war natürlich nur heiße Luft – auch ohne die Finanzkrise. Seither arbeite ich mit Unterbrechungen freiberuflich. Die pauschale Tätigkeit gab ich nach anderthalb weiteren Jahren aufgrund von Mehrfachbelastung und einer für mich unzumutbaren Unternehmenskultur auf.

In der Anfangszeit empfand ich dieses Arbeiten als ziemlich angenehm. Ich konnte mir meine Arbeitstage relativ frei einteilen, ich wurde nicht mehr so sehr in den Schichtdienst einbezogen wie meine KollegInnen, auch Wochenendarbeit hatte sich bis auf wenige Ausnahmen erledigt. Ich hatte das Gefühl, mehr „Freizeit“ zu haben. Seitdem ich die pauschale Tätigkeit aufgegeben habe, lebe und arbeite ich unterhalb der Armutsgrenze. Das ging sich lange Zeit verhältnismäßig aus, ich habe keine Erziehungsarbeit zu leisten, ich muss für niemanden finanziell aufkommen, muss kein Auto als Fortbewegungsmittel besitzen, ich lebe in Berlin, ich entwickelte mit der Zeit eine andere Einstellung zu Konsum. Wenn es sich nicht ausging, bezog ich vom zuständigen Jobcenter Leistungen. Ich hatte das Glück eine sehr genügsame Sachbearbeiterin zugeteilt zu bekommen, die mit meiner akademischen Ausbildung wenig anfangen konnte. Ich hatte sowieso das Glück_das Privileg, akademisch ausgebildet zu sein, da kann es einer schon mal passieren, vom Jobcenter nicht so sehr mit Maßnahmen belästigt zu werden und sich relativ frei um neue Jobs zu bemühen. Auch erfuhr ich durch vielerlei Privilegien keine Abwertung meiner Person durch die schlichte Tatsache hier und da auf „sozial“staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Ich konnte überhaupt diese Leistungen in Anspruch nehmen.

Seit der Zeit, in der ich selbstständig/freiberuflich tätig bin, arbeite ich auch vermehrt ehrenamtlich. Ich wollte und will meine Zeit, in der ich nicht lohnarbeite, anders ausfüllen als mit Konsum und individualistischen_hedonistischen_neoliberalen_privilegierten Ausgestaltungen meiner Freizeit. Mittlerweile nimmt diese unbezahlte Arbeit einen Großteil meiner Lebenszeit ein. Die Inhalte des Ehrenamtes überschneiden sich wiederum sehr mit meinen Interessen/Hobbys/meiner politischen Lebensweise. Was davon in den Freizeit- und was in den Arbeitsbereich fällt, kann ich nur schwer auseinanderhalten. Durch diese Entgrenzung von Arbeit und „Nicht-Arbeit“ im Sinne von Zeit haben für Hausarbeit, Freund_innen treffen, Erholung* usw. mute ich mir Belastungen zu, die eine 40h festangestellte Tätigkeit bei weitem übersteigen. Ich bin ohne es zu merken, in einen klassischen „Burn-Out“-Zyklus hineingerutscht, der selbstverständlich auch dann zu Tage treten kann, wenn es sich bei Arbeit um nicht bezahlte Arbeit handelt. Meine derzeitige mentale Verfassung, die mir eine Arbeitsunfähigkeit bescheinigt, ist – so viel weiß ich – nicht ausschließlich auf das zurückzuführen, was sich viele unter Burn Out vorstellen können, jedoch sind die Symptome von Depersonalisierung, Stress und Depression auch damit zusammenhängend.

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