Posted on Mai 23, 2012

Gendercamp 2012 – Review zu Reproduktionsarbeit

Auch dieses Jahr war ich wieder auf dem Gendercamp. Ich habe noch nicht alles realisieren können, was dort passiert ist und ich selbst erfahren habe, für mich ergaben sich aber aus den vier Tagen etwa drei Themen, die ich für diskutierens- und bedenkenswert erachte. Ich werde daher meine Gedanken zum Gendercamp in mehrere Blogposts aufteilen.

I. Reproduktionsarbeit
II. Strukturen eines sich als politisch-emanzipatorisch verstehenden Events
III. Feministischer Aktivismus im Netz

Zunächst: Anders als im vergangenen Jahr empfand ich das Camp und seine Teilnehmer_innen dieses Jahr als wesentlich angenehmer. Das kann damit zusammenhängen, dass ich anders als 2011 keine großen Erwartungen mehr mit nach Hüll nahm, ich mich durch die Anwesenheit und die Arbeit des Awarenessteams sicherer fühlte und somit einen anderen Zugang zu neuen Menschen und deren Ideen entwickeln konnte. Die Redner_innenlisten gaben den Diskussionen während der Sessions einen anderen Drive, ich freute mich über fast jede Wortmeldung, war neugierig, was die Person beizutragen hatte, nahm das Gesprächsklima insgesamt sehr viel offener, wohlwollender und “ich will darüber nachdenken, was du gerade gesagt hast” wahr. Das fand ich sehr schön. Ich habe selbst kaum Erfahrung mit Redner_innenlisten und bin in Diskussionen deshalb schnell überfordert, genervt und angespannt. Der Workshop gleich zu Beginn des Camps zu dominantem Redeverhalten ließ offenbar werden, dass die meisten von uns dominante Strategien des Kommunizierens anwenden und zwar so, dass sie eben keine Interventionen in Kackscheiße darstellen, sondern wirklich interessante und hörenswerte Stimmen verstummen lassen. Was auch dazu führen kann, dass sich Gespräche inhaltlich im Kreis drehen und keinen Input von außen mehr zulassen. Ich war froh, Hinweise zu bekommen, mein eigenes Redeverhalten zu überdenken, öfter mal nichts zu sagen, mich auf das Gesagte von anderen mehr einzulassen und so insgesamt mehr aus einem Gespräch mitzunehmen. Ich hatte (wahrscheinlich auch durch die Awarenessstrukturen drumherum und das Klima unter den Teilnehmer_innen insgesamt) keine Angst, nicht in Kackscheiße intervenieren zu können, weil das evtl. als dominant wahrgenommen werden könnte und ließ mich – weil angstfreier – mehr auf die Perspektiven anderer ein. Das hat Spaß gemacht, ich habe viel mitgenommen. Danke an alle Teilnehmer_innen und das Awarenessteam im Besonderen, das dieses Gesprächsklima ermöglicht hat! Leider haben nicht alle Teilnehmer_innen (und damit meine ich auch die Orga) dieses Angebot als Chance begriffen, das Camp für alle angenehm zu gestalten, das hat mich in Teilen wütend und traurig gemacht. Awareness-Raising als Einschränkung/Beschränkung wahrzunehmen – wohlgemerkt auf einer Veranstaltung mit emanzipatorischem und queer-/feministischem Anspruch – empfand ich als Derailing und Angriff auf eben jenen Anspruch.

I. Reproduktionsarbeit

Ein sehr bestimmender Aspekt auf dem Gendercamp in diesem Jahr waren Kinder. Zunächst, weil mehr Kinder anwesend waren, ebenso deren Bezugspersonen/Betreuer_innen/Eltern. Dass Kinder auch in den Sessions waren, war an der einen oder anderen Stelle etwas anstrengend, weil sie laut waren und ihren eigenen Willen hatten. In der Regel bin ich davon schnell genervt, habe aber an mir festgestellt, dass ich Kinder lediglich als störend empfinde, wenn ich gerade von ganz anderen Dingen angepisst bin und eher die Stille suche und es eigentlich keine Frage der Lautstärke ist/sein sollte, wenn mich Menschen stören, sondern konkretes kackscheißiges Verhalten. Das kann ja laut, leise, subtil, offensichtlich, habitusorientiert, durch Körpersprache kommuniziert oder am Duktus liegen. Ich fände es spannend, wenn Kinder auf politischen Veranstaltungen mehr integriert werden könnten, als Teilnehmende wahrgenommen werden, deren Perspektiven auf bestimmte Themen auch interessant wären. Das gestaltet sich sicher schwieriger, wenn die Kinder noch sehr klein sind und sich kaum verbal artikulieren können, aber Perspektiven von Kindern auf die Welt, ihre Unbekümmertheit und ihr Durchsetzungswillen provozieren tatsächlich eine gewisse Faszination bei mir. Gerade auch, weil das Geschlechterverhältnis an Kindern permanent ausprobiert/ihnen aufgedrückt wird, würde mich interessieren, was sie eigentlich zu diesen Normierungen und Anrufungen zu sagen haben. Wie Kinder Stereotype verhandeln (ließe sich noch auf andere Kategorien außer Geschlecht erweitern), wie Kinder aufnehmen und verarbeiten, wenn Eltern sie möglichst normfrei erziehen wollen, wie sie mit dem Umstand umgehen, dass sie Projektions- und Verhandlungsfläche gesellschaftlicher Verhältnisse sind. Wie sie sich selbst als handelnd, gestaltend und eigen denkend wahrnehmen.

Warum ich Kinder unter dem Punkt Reproarbeit zusammenfasse, hat zwei Gründe: Zum einen, dass Kinder selten als Akteur_innen wahrgenommen werden, wenn es um Reproduktion geht, sondern nur als jene, an denen eben diese Arbeit vollzogen wird. Für mich haben Kinder auf diesem Camp aber ebenfalls diese Arbeit ausgeführt, zumindest fühlte ich mich bisweilen, wenn ich mich mit ihnen beschäftigt habe, sehr wohl, sehr entspannt, ausgeglichen.

Zum anderen, weil in meinen Augen die Betreuungsarbeit zu Beginn nicht sehr gut organisiert war, was zu einigen Konflikten führte (Wer betreut die Kinder wann? Wie könnte die Betreuungsarbeit für Eltern und Bezugspersonen angenehmer & stressfreier gestaltet werden?). Die Anwesenheit von Kindern wird meist unverhandelt gelassen. Das bisschen Reproarbeit, nech? Ich finde es wichtig, dass nicht einfach stillschweigend davon ausgegangen wird, die Eltern und Bezugspersonen (und hier auch wieder — in der Mehrzahl Frauen) machen das eh unter sich aus oder regeln das. Unter Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses in dieser Gesellschaft fände ich es gut, auch mehr männlich Sozialisierte in die Reproverantwortung zu nehmen und stärker zu thematisieren, dass Kinder anwesend sind und nicht sich selbst und ihren Bezugspersonen überlassen werden. Ich denke, dass das Aufgabe eines Orgateams ist, diese Dinge anzusprechen und dahingehend eine Struktur bereitzustellen.

Aber es gibt da noch einen dritten Punkt, der mir wichtig ist. Ähnlich, wie Melanie schreibt, sollte es für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen oder zu erziehen/zu betreuen. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir den Familienstatus zumindest sehr erschwert, mich aus dem heteronormativen Setting “Vater-Mutter-Kind(er)” ausschließt und mir kaum Möglichkeiten gewährt, Erziehungsarbeit zu übernehmen. Ich bin sehr oft traurig deswegen und mache mir schon seit Jahren Gedanken darüber, wann und vor allem wie ich als Mutter/Erziehende auftreten kann und will. Sich mit Kindern unwohl fühlen, heißt daher nicht, Kinder abzulehnen, sondern kritisch auf den eigenen sozialen Status zu blicken. Viele entscheiden sich beispielsweise gegen “eigene” Kinder oder Erziehungsarbeit, weil sie die permanente Anrufung als Mutter satt haben, bei anderen löst die Anwesenheit von Kindern Wut, Trauer und Verletztheit aus. Auch die Reaktualisierung eigener Gewalterfahrungen in der Kindheit/Jugend ist durch die Anwesenheit von Kindern denkbar. Da Kinder all diese Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken von Erwachsenen zu Kindern weder komplett erfassen oder mitbedenken, geschweige denn darauf reagieren können, sehe ich hier vor allem Eltern/Erziehende/Bezugspersonen in der Pflicht dahingehend Sensibilität zu entwickeln. Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als (körperlich) unversehrter CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden. Dann von jenen noch unterstellt zu bekommen, eine selbst sei kinderfeindlich, das Thema Kinder sei tabuisiert oder die Anwesenheit von Kindern werde von denen ohne Kinder als heterosexistisch interpretiert, da war für mich echt Ende im Gelände. Hier zeigte sich ganz offensichtlich die wenig queer-sensible bzw. heteronormative Struktur des Camps und ja, diese Vorwürfe und Umkehrungen sind nichts anderes als heterosexistische und transphobe Kackscheiße und ja, sie sind diskriminierend. Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung 1: Dass gerade unter diesem Aspekt, Kinder als “problematisch für andere” von einigen Erziehenden konstruiert wurden, empfand ich als Unverschämtheit. Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Dass das Thema Kinder so prominent auf dem Camp verhandelt wurde, lag auch daran, wer für sich in Anspruch nehmen kann, Dinge zu thematisieren und wer die eigenen Probleme als permanent verhandelbar betrachten kann und wer nicht. Aber dazu an anderer Stelle mehr. Vorerst helfen vielleicht Adrians Gedanken und Hinweise zu Kindern und Kollektivität

Ergänzung 2:Ich möchte noch einen Gedanken teilen, der von einer nicht-teilnehmenden Person zu meinen Erlebnissen rund um das Thema Kinder & Eltern auf dem Camp kam, den ich für mich als horizonterweiternd wahrnahm: Da Kinder häufig mit “Zukunft” in Verbindung gebracht werden und Reproduktion von Gesellschaft auch über “Kinder bekommen”, “sich vermehren/reproduzieren” verhandelt wird, wäre es gut konservative bis rechtskonservative/nationalistische/völkische/biologistische/eugenische Diskurse mit hineinzudenken, wenn es um Kinder, Elternschaft und Erziehungsarbeit geht. Nicht selten passiert es, dass Eltern einen Anspruch geltend machen, der lauten könnte: “Hey wir setzen Kinder in die Welt, wir tragen zur Zukunft des Staates bei, wir erhalten den Volkskörper, jetzt seid uns bitte dankbar dafür und/oder übernehmt auch Reproduktionsarbeit”.

Dass Reproduktionsarbeit aber nicht nur heißt, Kinder zu betreuen oder generell Kindererziehung und Hausarbeit, sondern auch Sorgearbeit bedeutet, das hätte ich auf politischen Veranstaltungen gerne stärker herausgearbeitet. Gerade wenn ein Großteil der Teilnehmer_innen “draußen” mit gewaltvollen Strukturen konfrontiert ist und so eine Veranstaltung auch die Möglichkeit bietet, Reproduktion des Selbst als Wiederherstellung der eigenen Kräfte und Ressourcen leisten zu können. In der Praxis hieße dies: mehr Pausen, mehr Möglichkeiten für informelle Gespräche, Handarbeit (die DIY- und Craftingangebote wurden rege und mit Begeisterung genutzt), Ansprechpersonen für Konflikte, mehr Räume des Kuschelns nicht nur auf körperlicher Ebene, sondern als einen Raum der Nähe. Ich bin da, ich verstehe dich/will dich verstehen, ich sorge mich um dich, ich sorge für dich, ich sorge auch für mich selbst. Es gab konkret einen Rückzugsraum, in meinen Augen mindestens einer zu wenig. Immerhin brachte die Logistik des Landes mit sich, dass viele die umgrenzen Felder, Wiesen und Wege für ausführliche Spaziergänge und Ruhephasen genutzt haben. Reproduktionsarbeit hieße aber in der Praxis auch, nicht nur das Awarenessteam in die Verantwortung dafür zu nehmen, sondern auch selbstverantwortlich Reproarbeit zu leisten. Ich weiß, dass viele das nicht können oder wollen, aber solange eine Sensibilität für verantwortungsvollen Umgang miteinander da ist, sollten sich einige reproduktionsverringernde Dynamiken vielleicht gar nicht erst einschleichen können.

Posted on Jan 12, 2012

Nice Guy. Oder wie das Patriarchat unsere Beziehungs- und Begehrensformen einschränkt

Was mich an Nice Guy, Friendzone und Pick-Up extrem nervt (neben der patriarchalen Anspruchshaltung, eine Frau* habe irgendwie die Bedürfnisse eines Typen zu befriedigen – wie auch immer sich diese Bedürfnisse artikulieren), ist der heterosexistische und androzentrische Gehalt an der Sache.

Offenbar kommt es vielen Typen nicht in den Sinn, dass es Menschen gibt, die einfach wenig mit Typen anfangen können, sie nicht begehren, sexuell attraktiv finden oder sonst wie mit ihnen sozial interagieren wollen. Das mag verschiedene Gründe haben (Gewalterfahrungen, Formulierung eigener autonomer Sexualität – Bisexualität, Asexualität, Homosexualität, Unlust, lieber Masturbation statt Körperlichkeit mit einem Typen) und diese werden einfach negiert. Stattdessen liegt der Fokus auf dem armen Mann, der keine Frau abbekommt.

Die meisten Menschen kennen das Gefühl, einen anderen Menschen zu begehren (muss ja nicht immer sexuell sein) und dieses Begehren nicht erwidert zu bekommen. Ich habe in meiner Jugendzeit ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich habe mich schlecht und ungeliebt gefühlt, ich wurde depressiv (mag sicherlich auch mit anderen Faktoren zusammengehangen haben), zog mich zurück, ich entwickelte Hass und Wut (manchmal sogar Aggressionen) gegen die Person, die mich nicht wollte und stattdessen lieber mit diesem Vollpfosten durch die Gegend zog, der sie zudem schlecht behandelte. Ich wurde sogar von diesen Vollpfosten verspottet. Ich kenne also die Gedanken- und Gefühlswelt eines “Nice Guys”, obwohl ich eine Frau bin. Für viele der Macker, Sexisten und Machos unter den sogenannten Nice Guys mag das vielleicht nicht vorstellbar sein. Dass es außer ihrer egozentrischen und selbstverliebten Perspektive noch andere Erfahrungswelten gibt.

Ich denke, dass wir durch diese Erfahrungen lernen (können), wie sich partnerschaftliche, romantische Beziehungen, Liebe und Sex, Freund_innenschaften artikulieren können und dass zu einer erfüllten Beziehung zu einem oder mehreren Menschen (egal wie diese aussiehen) noch mehr gehört als Befriedigung eigener Bedürfnisse. Diese Erfahrungen sind kostbar, denn sie machen uns zu sozialen Wesen (selbst, wenn wir uns selbst als “beziehungsunfähig”, “asozial” oder “inkompetent” labeln).

Ich habe gelernt, dass ich keinen Anspruch auf andere Menschen habe. Niemand gehört (zu) mir. Ich kann nur nett sein, mich selbst lieben. Solange ich das für andere tue, für potenzielle Interaktionen, solange funktioniert das nicht. Ich muss nicht mal mich selbst besonders mögen oder mit meiner Person zufrieden sein, um für andere als liebens- und begehrenswert zu gelten. Ich muss einfach ich sein. Und wer nicht damit klarkommt, ja c’est la vie. Es ist traurig, dass sowas überhaupt nicht zur Debatte steht, wenn Typen ihre Anspruchshaltung so völlig ungeniert formulieren wie beim Nice-Guy-Phänomen. Als ob eine Freundschaft zu einer Frau irgendetwas minderwertiges darstellt als Liebe oder Beziehung oder Sex. Als ob Freundschaft nicht auch Zärtlichkeiten beinhalten könnte, nicht auch eine Form der Liebe oder der Beziehung ist.

Aber das finde ich nur heraus, kann ich nur mit (der) anderen Person/en erfahren, wenn ich mich auf sie einlasse und ihre Bedürfnisse und Grenzen zu jeder Zeit zu schätzen weiß. Komischerweise – anders als viele meinen – macht das nicht Flirten oder Anzüglichkeiten, kleine liebevoll gemeinte Chauvisprüche überflüssig. Ich kann dennoch daneben liegen oder Grenzen übertreten, aber dann kann ich das akzeptieren, mich entschuldigen und fertig. Während für Typen immer die Rechtfertigung eines “triebgesteuerten” Wesens gilt, besitzen Frauen* dieses Rechtfertigungsmuster nicht. Sie besitzen im Kontext von Nice Guy oder Friendzoning überhaupt keine eigenständige Sexualität, kein autonomes Begehrensreservoir, keine Entscheidungsfreiheit. Entweder sie nehmen den Typen, oder sie sind gefühlslose Bitches, die sich von irgendwelchen dahergelaufenen Machos durchficken lassen, statt den Nice Guy mit offenen Armen (oder Beinen?) zu empfangen. Kurz gesagt: Ihnen wird der Subjektstatus abgesprochen.

Viele meiner Freundinnen klagten schon ihr Leid, dass sie mal wieder einen netten Mann getroffen haben, mit dem sie sich hätten tatsächlich eine tolle Freundschaft vorstellen können, nur “leider” wollte der was anderes als Freundschaft. “Kann man als Frau nicht mal mit nem Mann befreundet sein? Ist das so schwer?”. Ich antwortete immer mit: “Ja.” Das paradoxe an der Sache ist ja, dass auch Männer Menschen sind und daher accountable für ihr Handeln. Diese Gesellschaft macht, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir jetzt als Typ diese Frau sexuell begehren müssen, weil wir das so gelernt haben oder ob wir sie einfach als Menschen toll und attraktiv finden. Freier Wille? I don’t know.

Viel trauriger daran ist, dass auch Frauen in dieser Gesellschaft daher eingeschränkt werden: Nämlich immer darauf zu achten haben, dass sie niemandes Gefühle verletzen und stattdessen lieber seine Avancen nett umschiffen oder lächeln (Don’t forget to smile!!), sich unwohl fühlen müssen, weil er ja sonst verletzt sein könnte. Vielleicht zu einem Mann wirklich schwerer Beziehungen aufbauen können, weil “er sonst denken könnte, dass”. Schon mal drüber nachgedacht, lieber Nice Guy? Dass es hier nicht nur um deine, sondern auch um die Gefühle und Einschränkungen deiner Gegenüber geht?

Ich lebe mittlerweile in meiner vierten längeren Beziehung, bin seit sieben Jahren out und hatte trotzdem in all den Jahren Probleme damit, meine Gefühle für andere Personen offen zu artikulieren. Entweder, weil ich zu schüchtern war oder nicht wollte, das meine Gegenüber denkt, ich würde sie irgendwie sexuell begehren. Ich wollte keine Freundinnenschaft zerbrochen wissen. Körperliche Nähe, Zuneigung und Zärtlichkeiten zeigen und gezeigt bekommen von anderen Frauen bereitet mir noch immer Unbehagen. Wahrscheinlich, weil ich in einer Gesellschaft sozialisiert bin, wo sowas gleich mit Anspruchshaltung und Pflichterfüllung verknüpft wird.

Erst langsam lerne ich, dass eine romantische (Zweier-)Beziehung nicht an Sex geknüpft sein muss, dass Freund_innenschaften mehr sein können als nur “sich zu mögen” oder “gut zu verstehen” und dass Zuneigung in erster Linie eine Form von Wertschätzung der Person ist und nicht ihres Aussehens/ihrer Ausstrahlung. Die Grenzen sind fließend und jeder Mensch bestimmt sie anders. Natürlich ist das komplizierter als das sexistische wie funktionalistische Pick-Up. Natürlich ist das komplizierter als “Friendzoning”. Natürlich gibt es in dem Sinne keine “Nice Guy vs. Arschloch”-Bipolarität. Deal with it!

Posted on Dez 13, 2011

Rückzug ins Private

Disclaimer: Der folgende Post ist unglaublich selbstreferenziell mit ein paar Querverweisen auf Beobachtungen außerhalb der Selbstreferenzialität. Wer nicht auf sowas steht, möge hier bitte aufhören zu lesen.

Oder auch: Warum mir die antifeministische Gesellschaft das öffentliche Twittern abgewöhnt.

Ich habe genug von Post-Privacy. Ich habe nun zwei Twitter-Accounts. Meinen ursprünglichen Account @lantzschi habe ich nun “offizieller” gemacht, alle alten Tweets (immerhin so um die 18.000 in drei Jahren) gelöscht. Zum Glück muss mensch sowas heutzutage nicht mehr händisch erledigen. Über diesen neuen, alten Account @nlantzsch werden nun feministische Infos geshared und Diskussionen geführt, Fragen gestellt und ggf. beantwortet, die lohnen, auf Twitter öffentlich geshared, geführt, gestellt und beantwortet zu werden.

Für den ganzen Privatkram, Rants, Wutfeminismus, NSFW, Kuschelfeminismus, Hasenfußtweets und kontextlose Kontextbenötigentweets gibt es den protected account @lantzschi.

Ich hätte es natürlich auch einfach haben können und meine Tweets auf meinem alten Account protecten können. Warum also dieser Aufwand und der Verlust von 18.000 Tweets? Auf das Letzteres lässt sich schneller antworten: Die Twittersuche ist der pure Hass. Kein Mensch findet dort, wonach er_sie sucht. Google hilft meistens auch nicht. Ich habe auch noch nie in meinen alten Tweets rumgekramt. Ich hänge nicht an meinen Tweets. Ich hänge lediglich an meinen Followern und allen, die sich für Feminismus interessieren.

Und deshalb sehe ich es überhaupt nicht ein, einen Account zu bespielen, der nicht für alle einsehbar ist. Weil mir das wichtig ist, habe ich alte Tweets gelöscht und ne Privatparty nebenan eröffnet.

Es ist ganz schön, Dinge ins Netz zu schreiben und viel gelesen zu werden. Es ist schön Lob, Kritik und Feedback auf die eigene Arbeit zu bekommen. Der zunehmende Bekanntheitsgrad von diversen Feminist_innen im Netz hat allerdings nicht nur schöne Seiten. Es wird unsafe. Ich habe jetzt mindestens 4 Shitstorms, die sich an meiner Person abarbeiteten, miterlebt. Ich bekomme beschissene EMails von Trollen, Mackern und Sexisten, die der Meinung sind, dass mich das interessiert, was sie schreiben. Ich bekomme beschissene Tweets von Trollen, Mackern und Sexisten, die der Meinung sind, dass mich das interessiert, was sie schreiben. Ich werde öffentlich auf “Meinungen über meine Person” hingewiesen, auch von Leuten, die ich schätze und gerne mag und die mir wahrscheinlich nur Hinweise geben wollen. Ich möchte das nicht mehr. Es laugt aus, es verletzt, es lenkt mich von schönen Dingen des Lebens ab.

Ich konnte kaum mehr twittern, ohne lähmende, triggernde oder kackscheiße Diskussionen an der Backe zu haben von Trollen, Mackern, Sexisten (anderen *Ismus bitte hier dazudenken) und Kackscheiße-Kommentierer_innen. Ohne, dass sich Menschen in Diskussionen einschalteten, zu denen sie nicht gefragt wurden, nur um Derailing zu betreiben. Manchmal diskutiert mensch ja Sachen aus auf Twitter. Das geht mit 140 Zeichen mal mehr, mal weniger gut. Sowas passiert dann mehr oder weniger öffentlich, womit ich auch die meiste Zeit gut leben konnte, denn Kommentare unter Blogs sind ja auch z.T. öffentlich. Ich meine hier auch nicht Diskussionen unter Gleichgesinnten, wenn da mehrere Leute zum gleichen Thema Gedanken und Kritik äußern, halte ich das meistens für sehr sinnvoll. Bin immer inspiriert und lerne dazu. Ich rede von Dreck und Angriffen, von: “Ich hake mich jetzt nur ein, um dir meine Uninformiertheit auf’s Auge zu drücken. Ich habe meine Meinung eh schon fertig, finde deine scheiße und das sollst du hiermit wissen. Ich tarne das manchmal mit Erklärbär_inwantedfragen oder Rechtfertigungsforderungen”.

Den “Mein_e zukünftige_r Chef_in googlet mich, OMG!”-Grund kann ich für mich ausschließen, ich habe mich vor Jahren von dieser idealistischen Vorstellung verabschiedet, mensch könne sein Leben im Netz irgendwie privat führen. Alles ist googlebar und was es nicht ist, wird von ominösen Einrichtungen gespeichert und wenn nötig, weitergegeben. Ich finde diesen Fakt scheiße, er sorgt u.a. dafür, dass das Netz nach wie vor eine relativ homogene Suppe ist und Menschen von Repressionen betroffen. Ich kann es mir leisten, relativ öffentlich im Netz aufzutreten, ich werde und muss nie in solchen Branchen tätig sein, wo es heikel werden könnte, wenn Chef_innen und Kolleg_innen (oder andere komische Leute) meine Gedanken lesen oder mal ein Foto finden. Und interessant für den Verfassungsschutz bin ich momentan auch noch nicht.

Wovor ich mich allerdings halbwegs schützen kann, ist die Übergriffigkeit und Grenzüberschreitung von Privatpersonen. Deshalb mein Zweitaccount, wo sich Gleichgesinnte und Freund_innen einfinden. Mein Eindruck ist: der Ton wird rauer im Netz. Nicht, dass er das nicht schon immer gewesen wäre, doch mit der zunehmenden Einflussnahme von Feminist_innen, die sich auch im Netz rumtreiben, steigt die Gegenwehr. Wenn mensch die vielen Feminist_innen, die halbwegs präsent im Netz rumschwirren, als irgendwie geartete Bewegung, Gemeinde (trotz der vielen inhaltlichen Differenzen) begreift, dann beobachte ich, dass von außen versucht wird, diese zu vereinnahmen. Gemäß dem Motto: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, müssen die “harmloseren” als Erklärbär_innen herhalten (ob sie wollen oder nicht), die radikaleren werden offen angefeindet. Dann kommt das Teile-und-Herrsche-Prinzip hinzu und schwupps richtet sich das dann auch gegen die eigene Peergroup. Das hat immerhin den Vorteil, dass mensch dann weiß, wie es um die Machbarkeit von einigen Allianzen und feministische Solidarität bestellt ist.

Die self defined Maskulisten machen mir keine Angst. Das sind arme Würstchen, deren liebstes Hobby es ist, einen Google Alert auf “Feminismus” zu legen und alles zu dokumentieren und zu kommentieren, was irgendwie damit zusammenhängt. Außerdem keine sonderlich einflussreiche politische Gruppierung, weil sie sehr nah am rechten Rand fischt. Viel gefährlicher (und nerviger) sind all jene, die noch nicht gecheckt haben, dass es sowas wie soziale Ungleichheit gibt und beißreflexartig auf alles raufspringen, was mit Gesellschaftskritik zu tun hat. Oder jene, deren Antifeminismus auch dann noch aus allen Poren trieft, wenn sie sich schon als kritisch begreifen.

Da ich meine Twittertätigkeit nicht als Feminism101 oder für alles und jede_n nachvollziehbar handhaben will und keine Lust mehr habe auf Mansplaining oder das Wissen, dass ich von Leuten gestalked werde, die Feminismus im Netz als Horde/Diskurspolizei/Bedrohung/Interessant, lass uns da mal drüber reden-Grundsatzdebatte begreifen, gibt es ab jetzt Privataudienz für ausgewähltes Publikum. Ich kann nicht verhindern, dass im Netz Kackscheiße durch die Gegend fliegt oder Shitstorms aufziehen von Zeit und Zeit. Ich kann mir aber ein lauschiges Plätzchen einrichten und diese Menschen von Informationen fernhalten, mit denen sie offensichtlich sowieso nichts anfangen können.

Posted on Dez 4, 2011

Feministische Partner_innenwahl

Dear non-feminist-identified or pro-feminist people having (a) feminist friend/s or partner/s,

you have the most wonderful person/people on earth on your side. They will always appreciate you, support you, give you advice in tricky situations. They will love you for what you are and most of the time they will not try to put you in a box. They will not criticize you in order to make you a better person or for their own ego but to make a better world with you together.

Feminists are feminists for some or one reason. Feminism is not a issue and not up for debate, it’s a life-altering view on society. It shatters minds, it changes lifes, it moves people, it’s an all or nothing thing. You have to deal with that. Most feminists will not change their minds because you are angry with yourself failing to be _the_ perfect feminist ally and blame it on them.

Listen carefully and try to learn, there’s absolutely nothing you can lose within these relation- or friendships. To ask for loyalty and solidarity in situations you make a fool out of yourself and put your privileged ass over your friends’ or partners’ core values in life is definitely a bad idea.
And no, you are not getting a cookie for showing solidarity and loyalty in situations they ask for.

Feminists are not the enemies, it’s you and your own ego. And your thinking to make your feminist partner/friend a person you are comfortable with.

This is not about you, this is not about them, it’s just about showing respect for the person you love.

Posted on Nov 22, 2011

Malestream und queer-/feministischer Aktivismus – Vortrag in Gießen

Gestern habe ich im Rahmen der queeren Ringvorlesung in Gießen einen Vortrag gehalten, der ebenfalls gefilmt wurde. Das Video ist noch nicht online, daher gibt es zunächst erstmal nur meine Präsentation zum Anschauen und Download.

Sind wir nicht alle Schlampen?