Heterosexualität verstehen like it’s 1998

Ich hab letztens meine alten Tagebücher wiedergefunden und ein bisschen darin herumgeblättert. Manchmal random ein paar Einträge gelesen. Bei einem bin ich länger verweilt. Er ist von 1998. Es war kurz vor meinem 13. Geburtstag.

Ich war noch völlig mit der Vorstellung im Einklang, dass ich ein pubertierendes Mädchen bin, das früher oder später einen Typen toll finden muss. Dass da irgendwie nie welche waren, die mich interessiert hätten – who cares? Dass ich mit den Mädchen in meinem Alter nie wirklich wohl fühlte? Pfff…Schwamm drüber.

Und dann war da dieser Eintrag, der irgendwie alles erklärte, obwohl ich darin überhaupt nicht über mich oder mein Erleben schrieb. Nur über meine Beobachtungen. Ich kann über junge Menschen, die 2015 12 oder 13 Jahre alt sind wenig sagen, aber 1998 war es jedenfalls noch so, dass es in diesem Alter anfing, unangenehm zu werden, was den ganzen Hetenkram anging. Die „Iiiieh Jungs“-Phase neigte sich dem Ende zu, das eigene Aussehen (im Sinne von „Attraktivität“) und das anderer wurde permanent bewertet und zu regulieren versucht. Nicht für sich, sondern in erster Linie für die gleichaltrigen oder älteren Typen und im Treten nach unten mit vermeintlichen „Konkurentinnen“ oder „Schwächeren/Uncoolen“. Wer in der basisdemokratischen stillschweigenden Mehrheit mit dem Label „cool“ getackert wurde, galt als begehrenswert. Dieses „cool“ orientierte sich zu „meiner Zeit“ (hach…) an klassischen heterosexuellen und zweigegenderten Stereotypen. Slutshaming ging los und Femininitätsfeindlichkeit war genauso am Start wie Homophobie und sexistische Sprüche für diejenigen, die zwei-Gender-Normen durch ihre Performances verließen.

Zwar schrieben mir meine damaligen Mitschüler vier Jahre später nach dem Ende der 10. Klasse hauptsächlich die Kommentare „du siehst gut aus“ und „du bist witzig“ (LOL) auf mein Abschiedsplakat (jede_r musste bei jeder_m was auf’s Plakat schreiben), doch hatte ich bis dahin nur lächerliche kurzweilige Nicht_Beziehungen mit Jungs, die super unangenehm für beide waren und in die wir halt so reingequatscht wurden, damit der Schulhof-Gossip bei Laune bleibt.

Heterosexualität hat mir meine Beziehungen zu Typen schon frühzeitig versaut, muss ich zugeben. Bis dahin waren sie meine liebsten Spielgefährten, weil sie sich öfter für Dinge interessierten, die mich interessierten, weil ich als „Mädchen“, die auf „Jungskram“ steht, anerkannt wurde und weil dieses zweigenderwerdenaneinandergekettet-fuckup einfach auch mal Welten trennt, die eigentlich locker miteinander ko- und in sich oder ganz anders existieren könnten. Als es zusehends um Sexualität und Begehren über ein nicht-sexualisiertes_romantisiertes Hingezogenfühlen hinausging, wurde es eigentlich unmöglich die zuvor lockeren und kumpeligen Beziehungen zu Typen aufrecht zu erhalten.

Zum einen, weil die Typen immer unangenehmer wurden, durch aufkommendes und ständig neu einzustudierendes sexistisches Verhalten (nicht, dass es davor nicht auch Gewalt gegeben hätte, nur ich persönlich hatte das zu diesem Zeitpunkt meines Lebens noch anders abgespeichert). Zum anderen, weil wie bereits oben angesprochen, sich viel um male gaze und Typen-Bezogenheit im eigenen Handeln drehte. Frei sprechen davon kann ich mich nicht, war ich doch die Jahre zuvor auch stark typen-bezogen in meinem Sozialverhalten, weil es meine prioritäre peer-group war. Und die ständigen heterosexualisierten Anrufungen an mich als Person, meine Sexualität und meinen Körper hinterließen zusätzlich ihre Spuren.

Außerdem bemerkte ich, wie ich mich vermehrt in mich zurückzog und das Gefühl hatte, meine Gedanken nicht mehr mit Typen teilen zu wollen. Ich war awkward, was den Umgang mit „Mädchen“ betraf, weil sie ständig nur über Typen redeten und ich mit stärker werdenden Selbstverleugnungsgedanken und Suche nach Identität selten bei ihren Themen und Gefühlswelten anklopfen konnte. Bei ihnen schien das oft sehr widerspruchsfrei und selbstverständlich abzulaufen. Was nicht heißt, dass es keine Kritik gegeben hätte (über sowas sprachen wir erst viele Jahre später deutlich und konkret), doch das, was nicht gewollt wurde oder im Widerspruch zu sich selbst stand, wurde vielleicht eher hingenommen. So meine Interpretation im Nachhinein. Jedenfalls gab es in mir schon lange, bevor ich das für mich klar hatte, das Gefühl irgendwie viel Zeit in einem „Außen“ zu verbringen.

Ich verstand nicht, wieso. Vielleicht war ich im Grunde einfach verwirrt, weil sich die sozialen Gruppen, die ich vorher eindeutig als „passend oder nicht“ benennen konnte, auflösten und in ihrem gesamten Habitus heterosexualisiert wurden und wir als junge Menschen nun jederzeit all das selbst offen anwendeten, was wir sowieso von Geburt an eingetrichtert bekommen hatten? Auch hier ist es natürlich so, dass Kleinkinder schon heteronormative Praxen haben, die einzigen unangenehmen Situationen erlebte ich jedoch nicht mit Gleichaltrigen, sondern wie Erwachsene reagierten, wenn wir Grenzen sprengten oder „zu hetero“ waren (Bsp: Ein Schmatzer auf die Wange und schon hattest du einen Kindergartenfreund. Aber nur einen, bitte!)

Dieses „Außen“, in dem ich mich öfter befand, brachte es spannenderweise mit sich, dass ich besser beobachten konnte, ohne durch Hetenkram den Blick verduselt zu bekommen. Eines Tages wagte ich mich an eine Analyse meiner Klasse. In dieser stellte ich meine ersten Thesen zu Auswirkungen von Heterosexualität bei Frauen auf. Ich benutzte Worte, die auf dem Schulhof nur als Abwertungen zu verstehen sind, als einfache Identitätskategorien. Ich konnte verschiedene Stadien skizzieren. Dieser Text ist derart emotionslos und trocken (und lustig!), so als hätte ich fünf Seiten mit Differentialrechnung ohne Zahlen zugebracht.

Ich schrieb nicht auf, was das alles mit mir machte, sondern mit meinem sozialen Umfeld. Ich konnte mich von meinem Forschungsobjekt in einer Art und Weise abgrenzen, die mir heute nur noch sehr selten gelingt. Weil mehr als 15 Jahre dazwischen liegen.

Sollte ich jemals wieder gefragt werden, ob ich wüsste, was die „eigentliche“ Ursache für „sexuelle Orientierung“ (meint in der Alltagssprache meistens schwul und manchmal auch lesbisch) sei, werde ich sagen: Heterosexualität.

Denn sonst bräuchte es keine/n Begriff/e für meine „Abweichung/en“.

Gewalt in Beziehungen, Heten und offene Fragen.

Seit Jahren sitze ich in meinem Kopf an einem Text über Gewalt in Beziehungen. Solche Beziehungen, die in ihrer gelebten Praxis und/oder in der Selbstverortung und/oder in der Nicht_Inanspruchnahme von Privilegien von der heteronormativen Struktur dieser Gesellschaft abweichen. Warum so kompliziert? Ja ganz einfach: Weil hetero-Beziehung nicht gleich hetero-Beziehung ist und „queere“ Beziehungen ebenso heteronormativen Mustern folgen können. Weil Menschen, obwohl sie in Heterobeziehungen leben, Widersprüche in der Vorstellung, von dem was hetero zu sein und wie es abzulaufen hat, herstellen können.

Hetero ist für mich immer eng verknüpft mit einer sehr engstirnigen und einfältigen Vorstellung von Gender, Geschlechtlichkeit, Begehren und Sexualität. Hetero heißt für mich auch Privilegien in Bezug auf gesellschaftliche und soziale Anerkennung zu haben, z.B. in der Lebensplanung, in Jobs, etc. Hetero heißt für mich in Bezug auf Sexualität und Begehren und Gender unsichtbar sein zu können, in die Norm fallen, nicht auffallen, niemals deshalb Outing-Situationen erlebt zu haben und sich in Bezug auf das eigene Gender, die eigene Sexualität und das eigene Begehren niemals als anders empfunden zu haben. Natürlich greifen diese Dinge ineinander: Strukturelle Privilegien in Anspruch nehmen zu können und das Gefühl des „Hineinpassens“, ohne das es je konkret von der hetero lebenden Person benannt werden müsste. Oder vom sozialen und beruflichen Umfeld.

Wer Sensibilität für Mehrfachdiskriminierung mitbringt, wird an dieser Stelle ziemlich schnell merken, dass Heterosexualität nur dann widerspruchsfrei ausagiert und von anderen akzeptiert werden kann, wenn die hetero lebende Person weiß ist oder als nicht-behindert eingelesen wird. Heterosexualität ist weiß und ableisiert, normschön, schlank. Manchmal ist Heterosexualität auch in Bezug auf Klasse ein sehr wirkmächtiges Ordnungsinstrument, wenn wir uns klassistische Stereotypen über abwertend benannte „Unterschichts“-Familien vergegenwärtigen, die aufgrund von außen zugeschriebener vermeintlich verantwortungsloser Sexualität sehr jung sind oder viele Kinder betreuen. Das heißt natürlich nicht, dass wir alle ein bisschen nicht-hetero oder Hete*(Sternchen) sind, sobald wir Diskriminierungserfahrungen machen, die nicht zu einer ebenfalls sehr einfältigen und privilegierten Definition von Sexismus zählen.

Das heißt in erster Linie für Menschen, die sich nicht als hetero definieren, dass sie in Bezug auf ihr Nicht-Hetero-Sein sehr unterschiedliche Erfahrungen machen und unterschiedlich privilegiert/diskriminiert werden. Konkret mache ich als weiße, nicht immer zweigender konform (sein wollende/eingelesene) Lesbe keine Erfahrungen, die ich schlicht als die heterosexistischen/homophoben Erfahrungen bzw. Beziehungsgewalterfahrungen verallgemeinern könnte. Denn auch Queer/Gender/Begehren/Sexualität ist weiß, ableisiert, normschön und schlank (und klassenbezogen privilegiert). Und nicht immer führen wir mit Menschen Beziehungen, die die gleiche soziale Position teilen. Und nicht immer führen wir Beziehungen, die allein unter typen- oder hetenkritischen Gesichtspunkten allein zu analysieren wären. Gewaltbeziehungsanalysen sind für mich komplexer geworden mit der Zeit. Meine Sicht auf meine Beziehungen ist es und manchmal führt das dazu, dass ich kaum mehr eine klare Haltung zu dem entwickeln kann, was mir in Beziehungen wichtig ist und warum, was ich als Gewalt wahrnehme, wahrgenommen habe, wo eigentlich die Grenzen liegen zwischen verschiedenen Beziehungsformen, was ich möchte, mit wem. Wie eine Kritik aussehen kann, die verschiedene Lebensrealitäten mitdenkt und wie ich über eigene Gewaltbetroffenheit schreiben kann, ohne Aussagen zu treffen, die doch wieder ein eingeschränktes Bild über Beziehungen und darin stattfindende als gut und als schlecht bewertete Handlungen zeichnen. Weil eben auch das mit Diskriminierung verknüpft ist, was in Beziehungen als gutes und schlechtes Verhalten bewertet wird.

Ein anderer Grund ist, warum ich seit Jahren lediglich in meinem Kopf Texte überlege ist, dass ich dieses Anderssein nicht schon wieder in einem öffentlichen Raum (in diesem Fall Internet) erleben will. Outing-Situationen werden mich mein ganzes Leben lang begleiten, mindestens immer dann, wenn ich einen Raum betrete, in dem sich Personen aufhalten, die ich nicht kenne, auf der Straße oder genereller gesagt: In allen Kontexten, in denen Heterosexualität Selbstverständlichkeit ist. Ich spüre solche Situationen mittlerweile intuitiv und merke, wie ich Entscheidungen treffen muss. Immer wieder: Wie kann ich in dieser ganz konkreten Situation sein als Mensch? Was muss ich von mir zurückhalten? Wie ich muss ich verhalten, damit ich mich noch halbwegs wohl fühle? Ich weiß, dass auch das ein Privileg ist in vielen Situationen, noch halbwegs die Entscheidungsmacht darüber zu haben, was von meiner Identität in ein diffuses (hetiges) Draußen gelangt. Eigentlich könnte ich mich bestärkt fühlen, diese Entscheidungsmacht in vielen Situationen zu haben. Selbst zu bestimmen, welche Aspekte von mir jetzt gerade eine Rolle spielen sollen und welche nicht. Ich fühle diese Selbstbestimmung allerdings nicht. Ich fühle mich im Gegenteil eher fremdbestimmt, weil ich nicht einfach sein kann. Ohne mir Gedanken über all diese Dinge machen zu müssen. Ganz zu schweigen, von den für mich als Zumutung und Zurichtung empfundenen heterosexualisierten Anrufungen und Selbstverständlichkeiten, die Heten ständig ins Außen kommunizieren und praktizieren müssen.

Zur Outing-Situation kommt hinzu, dass ich eigentlich nicht will, dass Heten so etwas von mir lesen. In Bezug auf Gewalt in Beziehungen haben mich Heten manchmal öfter ernst genommen als viele meiner queeren Peers, jedoch nicht, weil sie sensibilisierter wären. Häufig musste ich mir schon sagen lassen, wie gut ich es doch hätte, ohne Typen in meinem Leben und Lieben, teilweise sogar mit der Bemerkung, dann würde ich ja keine Gewalt erleben. Beschränktes hetiges Denken. Wenn ich dann von Gewalt berichte, die ich nicht nur von Typen erfahren habe, sind sie ganz schockiert, weil sie bis zu diesem Moment hofften, irgendwann auch den Weg ans „sichere Ufer“ finden zu können, wenn ihnen die Typen in ihrem Leben zu sehr auf den Geist gehen. Dann gibt es ja noch diese Sorte Heten, die sich ob all der um sie herum ausufernden Hetero-Kritik endlich bestätigt sehen, dass es anderswo auch nicht besser aussieht. Und die Nicht-Heten lieber erstmal vor der eigenen Haustür kehren sollten, bevor sie anfangen meine hetige pathologische Typen-Bezogenheit zu kritisieren. Oder es sind die voyeuristischen Heten, die es ein bisschen geil finden, von Gewalterfahrungen anderer mitzubekommen, weil sie ihre eigenen Gewalt-Beziehungen dann nicht reflektieren müssen oder so besser das eigene Erleben ins Außen verfrachten können. Instrumentalisierungsängste waren und sind sehr groß bei mir, auch dann, wenn ich Texte von anderen über Gewalt in Beziehungen lese, in denen hetero keine Rolle spielt.

Was mich außerdem nicht hat schreiben lassen: für wen wollte ich so einen Text eigentlich schreiben? Für die Heten, damit die auch mal kapieren, dass sie nicht die einzigen sind, die Gewalt in (romantischen Zweier-)Beziehungen erleben? Für Aktivistinnen, damit die auch mal kapieren, dass sexualisierte und Beziehungs-Gewalt kein reines Typen-Phänomen ist und ich die Schnauze voll habe von Texten über abusive und toxic relationships, in denen alles aus einer nicht benannten heterosexistischen Perspektive heraus analysiert wird, wo es nur Frauen und nur Frauen als von der Gesellschaft mindgefuckte Opfer gibt, die nichts weiter können als immer wieder Gewalt von Typen zu erleben? In denen das einzige kritisierende Framework für Gewalt in Beziehungen das Machtgefälle zwischen Mann und Frau ist? Ich könnte jedes Mal im Strahl kotzen, wenn solche eindimensionalen Texte durch’s queer_feministische Internet gereicht werden, als sei das Rad neu erfunden worden und bei jeder Verlinkunge auf Broschüren für Betroffene von Gewalt in lesbischen Beziehungen die abfällige Bemerkung fällt, dass darin Bisexualität und Trans* keine Erwähnung finden.

Oder soll mein antizipiertes Publikum eines sein, die nach Perspektiven von Menschen suchen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben? Soll ich darin dann konkrete Dinge schildern? Ist es aber dann nicht sinnvoll, wenn möglichst viele (egal ob Hete oder nicht), lesen können, wie genau diese Gewalt aussah? Wann ist Konfrontation sinnvoll? Und mit wem? Will ich überhaupt eine Auseinandersetzung, die meinen Kopf verlässt?

Eine andere Frage: Was macht die gesellschaftliche Tabuisierung von Beziehungsgewalt in nicht-hetero-Beziehungen mit mir und meinem Gewalt-Erleben? Insgesamt habe ich etwa 7 Jahre als Betroffene in gewaltvollen Beziehungen verbracht (wenn wir die Herkunftsfamilie mal weit außen vor lassen – obwohl zwischen beidem auch immer Zusammenhänge besteht). Bis vor drei Jahren konnte ich das nicht mal benennen. Ich hatte mangels Zugang zu Wissensarchiven keine Idee davon, wie diese Gewalt aussehen könnte, wenn sie nicht zwischen Heten oder von Typen ausgehend stattfindet. Ich hatte immer nur meine Gefühls- und Körperarchive, die namenlos in mir wohnten und mich ständig daran erinnerten, ähnlichen Situationen in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Ich habe bis heute kaum Austausch über meine Erfahrungen mit Menschen, die ähnliche gemacht haben. Ich merke häufig, wie unsensibel Leute sein können, die keine Idee davon haben, was häusliche Gewalt eigentlich für den Alltag von Betroffenen bedeutet und wie das spätere Wohn- und Lebensverhältnisse prägen kann oder den eigenen Bezug zu (ständiger) Nähe mit anderen Personen.

Ich investiere neben der Aufarbeitung meiner Erlebnisse auch jede Menge Energie in die Analyse und Veränderung meines Verhaltens in Beziehungen und Freund_innenschaften. Es hat mich viel Überwindung und Anstrengung gekostet und tut es noch heute, meinen Status als Betroffene weiter zu denken als nur in der konkreten Gewaltsituation. Welche Rolle_n nehme ich ein in Beziehungen, die ich als liebevoll, sensibel und fürsorglich empfinde? Wo/Wann verspüre ich „ein Anrecht auf etwas haben“? Welche Erwartungen stelle ich an meine meine Freund_innen, Partner_innen? Was haben meine Beziehungsbedürfnisse und Handlungen mit meinen Gewalterfahrungen zu tun? Woher kommen bei mir Eifersucht, Enttäuschung, Scham, Verletzung, Schuld in Beziehungen? Wann entschuldige ich all das mit (Gedanken zu) meinen Gewalterfahrungen? Irgendwann musste ich einsehen, dass der Status „Betroffene“ auch bei mir nicht widerspruchsfrei ist.

Obwohl ich der These widerspreche, dass Gewaltdynamiken „immer zwei Seiten“ haben oder „von beiden“ ausgelöst_verstärkt werden, so ist doch meine innere Haltung zu der Thematik mittlerweile, dass Gewalterfahrungen das eigene Verhalten derart prägen können, dass mensch selbst nicht davor gefeit sein kann, selbst Gewalt auszuüben oder sich grenzüberschreitend zu verhalten. Eigentlich nichts neues, aber es braucht nach wie vor Energie, sich das a) einzugestehen, b) mit dem Wissen anders zu handeln als vielleicht gewohnt und c) nicht in solchen Situationen anzuwenden, die ich als mir gegenüber gewaltvoll einordne. Den dritten Punkt finde ich besonders schwierig. Nicht Gewalt zu entschuldigen oder zu verharmlosen, weil ich ja auch nicht immer cool mit allem umgehe, weil mein_e Gegenüber doch nur so reagiert, weil (bitte hier nachvollziehbaren Grund einsetzen, der irgendwas mit früher(tm) zu tun hat), weil ich nicht alles (Beziehungen, mich, die Gesellschaft) hinreichend kritisch reflektiert habe, weil ich Angst habe, weil mich Erinnerungen an Vergangenes nicht loslassen oder weil ich einfach nicht will und keine Begründung dafür brauche. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Wenn ich Handlungen als gewaltvoll wahrnehme, dann ist das so. Dann denk ich mir das auch nicht aus, weil ich mich aus der Verantwortung ziehen will. Dann gibt es dafür Gründe, die im Verhalten der anderen Person liegen und nicht in meinem Gedanken-Gefühls-Projektionen-Wirr-Warr, das ich nicht geordnet kriege (auch eine Folge von Beziehungsgewalt). Überhaupt diese Perspektive anzunehmen (Ich erlebe Gewalt) ist schon re_traumatisierend, verletzend, schlimm und ängstigend und traurig und wütend machend und verzweifelnd genug.

Beziehungen jeglicher Art sind für mich eine Form der Wahlfamilie oder ein dem öffentlichen Raum halbwegs entzogener Kontext. Zumindest wollen wir das so gestalten (in meiner Wahrnehmung). In Beziehungen habe ich immer Schutz vor Homophobie/Heterosexismus gesucht, Peers, Menschen, die sind wie ich. Menschen, die mir nicht das Gefühl geben, ich sei „anders“. Meine Mitmenschen und ich sind daran interessiert Beziehungen zu haben, die uns stärken, die Sinn erzeugen. Für mich persönlich ist das Gefühl einer starken Zuwendung zu anderen, was auch Verliebtsein, Körperlichkeit, Sexualität und Ängste, Personen nicht mehr in dem Maße im eigenen Leben zu wissen beinhalten kann, sehr vorantreibend. Manchmal sogar der Hauptgrund, mich gegen ein selbstbestimmtes Lebensende zu entscheiden.

Ich merke an mir, wie meine eigenen ersten Beziehungserfahrungen und Diskriminierungen was mit meinem Beziehungsverhalten machen. Ich merke, wie ich Begehrlichkeiten und Ansprüche entwickele, auch im Umgang miteinander. Ich merke, wie ich manchmal in emotionale Abhängigkeiten zu anderen gerate und enttäuscht darüber bin oder gar verletzt, wenn es meinen Gegenüber nicht so geht. Ich merke wie ich bestimmte Formen des Commitments und der Loyalität einfordere, so wie ich es für andere zu geben bereit bin. Ich merke, wie destruktiv Beziehungen sein können, wie sie manchmal eine Form der Selbstverletzung ohne Gegenstände sind. Wie meine eigenen Befindlichkeiten in diesen Momenten andere verletzen, unter Druck setzen können, wenn ich erwarte, dass andere jedes meiner Bedürfnisse mitdenken, vorausahnen, darauf eingehen, erfüllen sollen, wenn ich offen meine Bedürfnisse kommuniziere. Weil verdammt nochmal ich ein Recht auf meine Bedürfnisse und Wünsche habe, weil sie ja irgendwie mit mir und meinem Leben zu tun haben. Ich will endlich auch mal Ansprüche stellen dürfen.

Wirklich? Warum?

Wie kann ich meine Bedürfnisse unabhängiger von anderen leben, ohne mich einsam und alleingelassen damit zu fühlen? Wie kann ich Gefühle aussprechen, ohne damit andere unter Druck zu setzen? Wie kann ich Wünsche benennen, ohne Angst vor ihnen zu haben, weil sie eventuell Beziehungen verändern könnten?

Ich merke, dass es leichter wird sich mit eigenen Erfahrungen in Beziehungen zu bewegen, wenn ich mich öfter aus dem Fokus nehme bzw. andere mehr in den Fokus rücke. Auch gegen meinen inneren Trotz, dass ich darauf doch ein Recht habe, weil soundso und Sozialisation und bla. Auch gegen meine Ängste (und Gewissheiten), dass ich von anderen nicht immer oder nie bekomme, was ich möchte. Auch gegen meine Persönlichkeit, die mir nach solchen Entscheidungen jedes Mal mit hämischem Grinsen die wärmende Decke des Selbstmitleids hinhält, die ich dann dankbar um mich werfe.

Doch lieber so, als anderen Entscheidungen zuzumuten oder von ihnen einzufordern, die für sie eine klare Grenzüberschreitung bedeuten. Denn ich weiß, wie sich so etwas anfühlen kann.

Verlaufen Beziehungen eigentlich nicht immer asymmetrisch? Kommt es nicht immer wieder zu Situationen, in denen Wünsche nicht erfüllt werden können, in denen Gefühle unterschiedlich sind, Wahrnehmungen nicht zueinander passen? Verlaufen Beziehungen immer asymmetrisch, weil Menschen unterschiedliche Erfahrungen machen und unterschiedliche Nicht_Umgänge damit wählen, weil Menschen unterschiedlich er_leben?
Wie gehen wir damit um, ohne uns und andere zu verletzen? An welchen Punkten begegnen wir uns? An welchen Punkten ist es nicht möglich?

Dieser Text hat keinen roten Faden und mir schwirren noch so viel mehr Gedanken durch den Kopf, doch scheiß auf klare Linien.

Depression. I don’t care.

Es gibt eine neue Kampagne: Menschen erzählen über ihre „psychischen Krankheiten“, um sie vom „Stigma“ zu befreien. Ich schreibe hier absichtlich nicht „um sich vom Stigma zu befreien“, denn das würde die Motivation dieser Kampagne verkennen. Menschen werden in dieser Gesellschaft schließlich nicht bestärkt, sich von den Verhältnissen zu befreien, die sie in eine solche Lage versetzt haben, sondern sie müssen befreit werden von außen. Dieses „außen“ – in diesem Fall all jene, die „behandeln“ – legt fest, wie Menschen befreit werden sollen. Im besten Falle paternalistisch, in jedem Falle systemstabilisierend.

Hannah Rosenblatt und Steinmädchen haben wertvolle Kritiken an dieser Kampagne verfasst, die ich gerne mit euch teilen will. Es geht darum in Frage zu stellen, warum Menschen bestimmte (emotionale, psychische) Verhaltensweisen wählen, um mit etwas umzugehen, das ihnen passiert ist/das sie erlebt haben. Diese Reaktion auf eine Umwelt oder einen bestimmten Kontext oder Erfahrung/en als „Krankheit“ zu bezeichnen, ist problematisch. Problematisch, weil es den Umgang, das Verhalten derjenigen Person zum Problem erklärt und dieser einen Behandlungsbedarf zuweist. Nicht kritisiert, als behandlungsbedürftig erklärt wird der Umstand, der die Person veranlasst auf diese und jene Weise zu reagieren.

Die hiesige feministische Blogosphäre hat schon einiges zu Pathologisierung und „psychischen Krankheiten“ geschrieben. Die Bandbreite der Beiträge reichte von deutlichen Kritiken am Konzept „Krankheit“ und der Verwendung von Diagnosen und medizinischen Begriffen für das eigene Erleben und Wahrnehmen sowie Kritik an Therapien und Psychiatrien bis zu jenen Texten, die auch auf der Webseite der aktuellen Kampagne hätten stehen können. Die pathologisierungskritischen Texte habe ich zunächst mit einem großen Unbehagen gelesen, das ich erst später formulieren konnte. Obwohl ich die Perspektive teile, hatte sie wenig mit meinem Alltag und meinem Bedürfnis nach Austausch über Umgänge zu tun. Ich war verunsichert. Ich wusste nicht, wie ich über meine Erfahrungen und mein alltägliches Bewältigen sprechen konnte, ohne das zu wiederholen, was in diesen Texten kritisiert wird oder Menschen zu nahe zu treten, die für sich andere Umgänge und Erzählungen wählen. Ich dachte häufiger: „Muss ich erstmal eine universale Kritik an etwas üben, das ich selbst an mir noch nicht mal verstehe?“ Ich brauchte zu diesem Zeitpunkt konkrete Worte, konkreten Austausch. Weniger über die Ursachen, mehr über Fragen à la: „Und wie kommst du klar?“, „Was machst du, um zu funktionieren, wenn du funktionieren willst?“, „Wie gehst du mit Frustration um, wenn Dinge nicht so klappen, wie du es dir vorstellst?“ usw usf.

Ich war zunächst froh, als ich andere Texte las, in den Personen über ihren „kranken“ Alltag schreiben. Trotzdem waren die Texte für mich nicht hilfreich oder in irgendeiner Form supportend. Mir fiel auf, dass Erleben und Wahrnehmung oft so beschrieben wurden, dass sie in ein allgemein gültiges Erklärungsmuster passen, nach dem auch entsprechende Diagnosen vergeben werden. Texte über bspw. Depressionen lasen sich ähnlich, manchmal einhergehend mit einer Verwendung des Begriffes, der etwas temporäres deklariert. „Ich habe Depressionen“ fiel häufiger. So als sei das immer etwas, was mensch bekommt und durch z.B. eine Psychotherapie wieder wegbekommt. Über bestärkende Umgänge (auch jenseits der Psychotherapie) wurde zudem so gut wie nie geschrieben. Ich las eher das, was ich von mir auch kenne: „Nehmt mich wahr, mir geht es schlecht, ich komm‘ nicht klar, ich komm‘ nicht zurecht, mein Alltag gleicht einem sich wiederholenden Desaster, aus dem ich keinen Ausweg finde… ääääh Self-Care!!!“ Ja, Self-Care-Konzepte wurden jubelnd aufgenommen, als sei „Ich tue, was mir gut tut!“ eine Erfindung schlauer Personen, die sich mal Gedanken gemacht haben, wie das denn so geht mit dem lebenswerten Leben (als Aktivist_in). Jeder selbstgebackene Muffin, jedes gelesene Buch, jedes „Heute bleibe ich zu hause und tue gar nichts!“, jede Yoga-Stunde wurde mit dem Label Self-Care versehen und erhielt damit eine politische Legitimation, weil ich es offenbar selbst nicht schaffe, das Schöne-Dinge-tun einfach so zu tun. Sich aus sich selbst heraus für bestimmte Handlungen zu entscheiden, die mir gut tun oder ein gutes Gefühl geben, mich ablenken oder was auch immer die Motivation ist.

Am meisten irritiert hat mich jedoch die Erzählung, die immer einen direkten Kausalzusammenhang zwischen Erfahrung und Erleben herstellte. Ich habe das und jenes erfahren, deswegen (habe ich nun Depressionen). Das Erleben wird so automatisch mit Erfahrungen verknüpft, die verständlicherweise negativ/traumatisierend/krankmachend konnotiert sind. Ich stelle nicht in Frage, dass mein Bewegen in der Welt, mein Alltag, mein Erleben in Bezug zu meinen Erfahrungen steht, damit verbunden ist. Ich könnte nicht argumentieren, warum das anders sein sollte, weil ich es schlicht nicht weiß. Ich könnte stundenlang hin und her analysieren, warum ich gerade so bin wie ich bin, so fühle wie ich es tue. Wenn ich nach Monaten und Jahren fertig damit bin, weil sich die Analyse endlich zufriedenstellend anfühlt und ich glaube jeden Winkel meiner Psyche und jede Situation meines Lebens aufgespürt und ausgeleuchtet zu haben, was bleibt mir dann? Die Erkenntnis, dass (Depressionen) etwas sind, das hätte vermieden werden können, wenn nicht dieses und jenes passiert wäre? Diskriminierung nicht existent wäre? Dass ich jetzt ein anderer Mensch wäre mit einer anderen Biografie? Ich hab für mich festgestellt, dass ich das gar nicht will. Ich will nicht jemand anders sein und ich will auch nicht (Depressionen) als etwas annehmen, das ich aus Gründen „bekommen“ habe (und eine Bürde darstellt). Das kann von mir aus so sein und ich finde jede Kritik an den gesellschaftlichen Ursachen davon wichtig, doch mir ganz persönlich hilft diese Erkenntnis nicht. Sie bringt mich nicht aus dem Bett, wenn ich aufstehen will, aber nicht kann. Sie hält mich nicht vom Grübeln ab, sie gibt mir kein sinnstiftendes Gefühl oder Motivation zu leben. Ich könnte vielleicht schlussfolgern, dass der Sinn meines Lebens darin besteht, Widerstand zu leisten gegen das, was Gesellschaft mit mir und anderen tut. Aber das reicht mir nicht. Ich weiß das, weil ich es so erlebe. Es reicht mir nicht, weil ich so permanent daran erinnert werde, dass ich in Bezug zu (eigener) Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung stehe. Weniger in Bezug zu Befreiung, Verantwortung und Solidarität, Gemeinschaft. Es bringt mich weg von Gedanken, die ich denken möchte, mir aber verbiete, weil sie vermeintlich unrealistisch sind. Ich habe das Gefühl mich selbst einzuschränken, mein Erleben einzuschränken, wenn ich (Depressionen) ausschließlich als Folge oder Handlungsoption von Trauma begreife. Ob ich es nun Krankheit nenne oder nicht, ob ich es als „heilbar“, Stadium oder dauerhaft imaginiere.

Zu meinen inneren Wahrheiten gehört, dass ich bereits mit fünf oder sechs Jahren mich und das drumherum so wahrnahm, dass ein Diagnosehandbuch den Begriff (Depression) ausgespuckt hätte. Ich hatte damals bereits jene Gefühls- und Gedankenwelten, die mich seitdem in verschiedenen Farben, Formen, Bildern, Perspektiven, Ausprägungen, Verhaltensmustern, Handlungen, Emotionen durch mein Leben begleiten. Meine Therapeutin sagt, dass ich „zu Depressionen neige“. Ich mag, dass sie es schafft, so mit mir zu sprechen, dass ich nicht das Gefühl bekomme, ich sei eine wandelnde Psychopathologie. Auch wenn wir manchmal unterschiedliche Perspektiven auf Werden und Gewordensein haben, so hat mir auch die Therapie dabei geholfen, mich selbst anzuerkennen. Ich kann über mich sprechen als … Person mit … Verhaltensweisen, die meinetwegen nach Diagnoseschlüssel Blabla als (depressiv) kategorisiert werden. Ich habe keine (Depressionen), ich bin (depressiv)_so, wie ich im Moment gerade bin. Ich muss nichts wegtherapieren, wegbekommen oder mich bis zur spiegelbildlichen Unkenntlichkeit selbst optimieren und self-caren, weil ich mich und mein Erleben nicht akzeptieren kann und das hat meine Sicht auf mich selbst radikal verändert. Für mich sind das keine Phasen und nicht nur Umgänge mit/Reaktionen auf z.B. Diskriminierung, sondern macht mich auch zu dem Menschen, der ich vor 25, 15, 10, 5 Jahren war und heute bin. Und ich bereue keine Minute und trauere um keine, die ich nicht erlebt habe.

Außer, wenn ich mal wieder in einer „depressiven Phase“ stecke ;)

politische praxis als emotionale_sinnliche_körperliche erfahrung

für mich ist es noch immer eine heilende, bestärkende und irgendwie…ja…radikale tatsache, dass politische praxis niemals aus dem abstrakten/theoretischen heraus funktioniert, sondern sich immer im konkreten handeln miteinander entfaltet und verändert. ich habe in den vergangenen jahren so viele tolle und perspektivenerweiternde texte gelesen, über die ich sehr viel nachgedacht habe (eigentlich: nachdenken musste), die mich sehr berührt haben, in mir gerührt und mich verändert haben, aber tief und weit bewegt und tatsächlich auch auf widersprüche, differenzierungen, scheitern gestoßen haben mich eher die unzähligen momente des zuhörens, diskutierens, probierens, versuchens und verfehlens mit meinen freund_innen, politischen bündnispartner_innen und vorbildern.

das meiste davon ist nicht etwa im netz passiert, obwohl das weite teile meines lebens- und interventionsraumes ausmacht, sondern im so called real life, und ja, diese unterscheidung macht erstmal nicht so viel sinn. was ich dennoch zum ausdruck bringen will, sind die unterschiedlichen möglichkeiten der interaktion miteinander, die netz und RL bieten. ich erlebe das netz immer als bereicherung, wenn es um austausch und vernetzung geht, weniger aber als erfahrung, die ich mit allen mir unterschiedlich je nach kontext zur verfügung stehenden sinnlichen und emotionalen kapazitäten wahrnehme.

das hat auch etwas damit zu tun, wie ich dis_ableisiert bin, also befähigt bin/werde welche informationen wie zu erfahren. ich meine erfahren hier nicht im sinne des konzepts von „rational zur kenntnis nehmen“, also „nur“ in mein kopfwissen aufnehmen, sondern wie ich es körperlich und sinnlich aufnehme, was diese aufnahme mit mir macht. wenn ich disableisierung als etwas begreife, die alle menschen trifft, die diskriminierung _erfahren_, so gehe ich davon aus, dass unser diskriminierungsüberleben auch unser (sinnliches und emotionales und körperliches) wahrnehmen und bewegen und handeln in unterschiedlichen nicht_möglichkeiten formt. ich habe schon öfter erlebt, das mir in meinen auseinandersetzungen mit texten oder personen online der resonanzraum der erfahrung zu klein war. ich spürte und fühlte in den meisten fällen weniger als ich das in (offline) auseinandersetzungen tue, die ich mit den mir o.g. kapazitäten voll ausschöpfen kann (wenn ich das möchte). wenn ich emotional wurde oder etwas gespürt habe, hatte ich keine person neben mir, mit der ich diese erfahrung hätte über sinne teilen können. die materialität im raum, die solche situationen, ja die allein die anwesenheit von text auslöst, kann so nicht von jemand anderem wahrgenommen werden. ich bin irgendwie allein mit meiner erfahrung.

politisch handeln (und das umfasst alle erdenklichen damit im zusammenhang stehenden aktivitäten und passivitäten oder unterlassungen) ist für mich zu etwas geworden, das ich nach möglichkeiten so oft wie möglich auch als sinnliches, körperliches und emotionales handeln tun möchte. weil es verbindungen und beziehungen gestaltet und ermöglicht. weil diese wiederum meine erfahrungen berühren und auf erfahrungen von anderen treffen. wie ich weiter oben schon schrieb: bewegt mich tief und weit in allen meinen emotionalen, körperlichen und sinnlichen formen der bewegung, wahrnehmung und handlung und das in einem erleben, das meinen willen zum weiter_ und über_ und gerne_ und solidarisch_ und scheitern_ und miteinander_eben in dieser welt festigt und vorantreibt. wenn das nicht radikal ist?!

auch meine „allein“ gemachten erfahrungen haben mir dabei geholfen, mit anderen in kontakt zu kommen und lassen uns auch über räumliche grenzen hinweg in kontakt bleiben, deswegen soll das hier kein „das böse internet“-plädoyer werden. nur mein gedanke, dass unterschiedliche formen des miteinander in kontakt-kommens unterschiedliche erfahrungen mit sich bringen.

Trigger.

Unglaubliche Gereiztheit.
Wahrnehmungen des Außens nicht ertragen können. In allem einen Fehler, einen Angriff auf die eigene Person sehen, Unsensibilität, mich nicht wahrgenommen fühlen. von anderen. dabei spüre ich mich selbst kaum.

Bin schon lange vorher aus mir rausgetreten, weil es im Innern unerträglich eng wurde. Versuche von außen mein Inneres zu bekämpfen, doch meistens stehe ich nur neben mir. Gucke zu und hoffe, dass es schnell vorbeigeht.

Ich fühle nichts außer Angst. Spüre, was die Angst mit meinem Körper macht, aus dem ich schon ausgetreten bin, weil er mir Angst macht. Es schnürt sich immer enger um Bauch und Brustkorb, mein Blick wird fahrig, meine Hände schwitzen und mein Mund kriegt diese Trockenheit, als ob sie verhindern möchte, dass die Ursache nach draußen gelangt. Meine Beine zittern, es ist so wattig unter meinen Füßen.

Ohne festen Halt, außerhalb meines bedrohlichen Selbst Versuche sich selbst vorwärts zu bewegen, Zahlenrätsel machen, stumpfe Popsongs nachsingen. Viel Ausatmen, allein der Atem in meinem Körper ist zu viel.

Das Leben aus mir rauslassen, das Herz zum Stehen bringen, mein nervöses Zucken zum Erliegen.

Zögernd sich erinnern an Strategien. Kontakt suchen zu sich und gleichzeitig nach außen. Ins Unbekannte, doch „Normale“, irgendwie Fremdgewordene. Sich erinnern an alltägliche Bewusstseinszustände. Wie fühlen sich Material, Bewegung, andere Menschen an? Wie bewege ich mich, woran denke ich dabei?

Woran denke ich „normalerweise“, wenn ich mich „einfach nur“ bewege?

Bilder blitzen auf, ich springe zur Seite. Es sind GENAU DIESE GEDANKEN, die ich „normalerweise“ denke, die mich GENAU IN DIESEN ZUSTAND versetzen: Der Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut, des Kontrollverlustes, die sie auslösen. Normalerweise.

Dagegenhalten – solch ein Kraftaufwand, der mich jedes Mal erschöpfen lässt. Etwas, dass du einfach nicht weggeschlossen bekommst, weil er Schlüssel fehlt. Tick, tick, tick wie die Zeitbombe.

Die Tablette wirkt langsam. Ich fühle Entspannung, merke wie die Gedanken nicht mehr weg müssen, weil sie unbedingt in mich rein wollen. Ich nicht mehr raus will, weil sie reinwollen. Sie ziehen sich einfach zurück, weg an einen Ort, wo ich sie sehen, aber nicht spüren kann. Sitzen herum auf einem Vorsprung und gucken da einfach so. Mich an. Ohne Eile. Selbstverständlich. Als sei Warten ihre zweite Lieblingsbeschäftigung.

Mein Körper beruhigt sich, ich gehe hinein. Seine Erschöpfung legt sich wie eine wärmende Decke um mich.

Ich merke die Verluste, die ich zeitweise erlitten habe in meinem Wunsch zu und meiner Angst vor dem Sterben. Ich merke all das, was ich nicht denken konnte, nicht wahrnehmen, während ich da draußen war und mir selbst beim stillen Kämpfen und Aushalten zugeschaut habe.

Die Tränen laufen unweigerlich. Vor Erleichterung, Trauer, Mitgefühl und Dankbarkeit, noch hier zu sein. Mit euch. Und nicht mehr dort.