Posted on Jan 12, 2012

Nice Guy. Oder wie das Patriarchat unsere Beziehungs- und Begehrensformen einschränkt

Was mich an Nice Guy, Friendzone und Pick-Up extrem nervt (neben der patriarchalen Anspruchshaltung, eine Frau* habe irgendwie die Bedürfnisse eines Typen zu befriedigen – wie auch immer sich diese Bedürfnisse artikulieren), ist der heterosexistische und androzentrische Gehalt an der Sache.

Offenbar kommt es vielen Typen nicht in den Sinn, dass es Menschen gibt, die einfach wenig mit Typen anfangen können, sie nicht begehren, sexuell attraktiv finden oder sonst wie mit ihnen sozial interagieren wollen. Das mag verschiedene Gründe haben (Gewalterfahrungen, Formulierung eigener autonomer Sexualität – Bisexualität, Asexualität, Homosexualität, Unlust, lieber Masturbation statt Körperlichkeit mit einem Typen) und diese werden einfach negiert. Stattdessen liegt der Fokus auf dem armen Mann, der keine Frau abbekommt.

Die meisten Menschen kennen das Gefühl, einen anderen Menschen zu begehren (muss ja nicht immer sexuell sein) und dieses Begehren nicht erwidert zu bekommen. Ich habe in meiner Jugendzeit ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich habe mich schlecht und ungeliebt gefühlt, ich wurde depressiv (mag sicherlich auch mit anderen Faktoren zusammengehangen haben), zog mich zurück, ich entwickelte Hass und Wut (manchmal sogar Aggressionen) gegen die Person, die mich nicht wollte und stattdessen lieber mit diesem Vollpfosten durch die Gegend zog, der sie zudem schlecht behandelte. Ich wurde sogar von diesen Vollpfosten verspottet. Ich kenne also die Gedanken- und Gefühlswelt eines “Nice Guys”, obwohl ich eine Frau bin. Für viele der Macker, Sexisten und Machos unter den sogenannten Nice Guys mag das vielleicht nicht vorstellbar sein. Dass es außer ihrer egozentrischen und selbstverliebten Perspektive noch andere Erfahrungswelten gibt.

Ich denke, dass wir durch diese Erfahrungen lernen (können), wie sich partnerschaftliche, romantische Beziehungen, Liebe und Sex, Freund_innenschaften artikulieren können und dass zu einer erfüllten Beziehung zu einem oder mehreren Menschen (egal wie diese aussiehen) noch mehr gehört als Befriedigung eigener Bedürfnisse. Diese Erfahrungen sind kostbar, denn sie machen uns zu sozialen Wesen (selbst, wenn wir uns selbst als “beziehungsunfähig”, “asozial” oder “inkompetent” labeln).

Ich habe gelernt, dass ich keinen Anspruch auf andere Menschen habe. Niemand gehört (zu) mir. Ich kann nur nett sein, mich selbst lieben. Solange ich das für andere tue, für potenzielle Interaktionen, solange funktioniert das nicht. Ich muss nicht mal mich selbst besonders mögen oder mit meiner Person zufrieden sein, um für andere als liebens- und begehrenswert zu gelten. Ich muss einfach ich sein. Und wer nicht damit klarkommt, ja c’est la vie. Es ist traurig, dass sowas überhaupt nicht zur Debatte steht, wenn Typen ihre Anspruchshaltung so völlig ungeniert formulieren wie beim Nice-Guy-Phänomen. Als ob eine Freundschaft zu einer Frau irgendetwas minderwertiges darstellt als Liebe oder Beziehung oder Sex. Als ob Freundschaft nicht auch Zärtlichkeiten beinhalten könnte, nicht auch eine Form der Liebe oder der Beziehung ist.

Aber das finde ich nur heraus, kann ich nur mit (der) anderen Person/en erfahren, wenn ich mich auf sie einlasse und ihre Bedürfnisse und Grenzen zu jeder Zeit zu schätzen weiß. Komischerweise – anders als viele meinen – macht das nicht Flirten oder Anzüglichkeiten, kleine liebevoll gemeinte Chauvisprüche überflüssig. Ich kann dennoch daneben liegen oder Grenzen übertreten, aber dann kann ich das akzeptieren, mich entschuldigen und fertig. Während für Typen immer die Rechtfertigung eines “triebgesteuerten” Wesens gilt, besitzen Frauen* dieses Rechtfertigungsmuster nicht. Sie besitzen im Kontext von Nice Guy oder Friendzoning überhaupt keine eigenständige Sexualität, kein autonomes Begehrensreservoir, keine Entscheidungsfreiheit. Entweder sie nehmen den Typen, oder sie sind gefühlslose Bitches, die sich von irgendwelchen dahergelaufenen Machos durchficken lassen, statt den Nice Guy mit offenen Armen (oder Beinen?) zu empfangen. Kurz gesagt: Ihnen wird der Subjektstatus abgesprochen.

Viele meiner Freundinnen klagten schon ihr Leid, dass sie mal wieder einen netten Mann getroffen haben, mit dem sie sich hätten tatsächlich eine tolle Freundschaft vorstellen können, nur “leider” wollte der was anderes als Freundschaft. “Kann man als Frau nicht mal mit nem Mann befreundet sein? Ist das so schwer?”. Ich antwortete immer mit: “Ja.” Das paradoxe an der Sache ist ja, dass auch Männer Menschen sind und daher accountable für ihr Handeln. Diese Gesellschaft macht, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir jetzt als Typ diese Frau sexuell begehren müssen, weil wir das so gelernt haben oder ob wir sie einfach als Menschen toll und attraktiv finden. Freier Wille? I don’t know.

Viel trauriger daran ist, dass auch Frauen in dieser Gesellschaft daher eingeschränkt werden: Nämlich immer darauf zu achten haben, dass sie niemandes Gefühle verletzen und stattdessen lieber seine Avancen nett umschiffen oder lächeln (Don’t forget to smile!!), sich unwohl fühlen müssen, weil er ja sonst verletzt sein könnte. Vielleicht zu einem Mann wirklich schwerer Beziehungen aufbauen können, weil “er sonst denken könnte, dass”. Schon mal drüber nachgedacht, lieber Nice Guy? Dass es hier nicht nur um deine, sondern auch um die Gefühle und Einschränkungen deiner Gegenüber geht?

Ich lebe mittlerweile in meiner vierten längeren Beziehung, bin seit sieben Jahren out und hatte trotzdem in all den Jahren Probleme damit, meine Gefühle für andere Personen offen zu artikulieren. Entweder, weil ich zu schüchtern war oder nicht wollte, das meine Gegenüber denkt, ich würde sie irgendwie sexuell begehren. Ich wollte keine Freundinnenschaft zerbrochen wissen. Körperliche Nähe, Zuneigung und Zärtlichkeiten zeigen und gezeigt bekommen von anderen Frauen bereitet mir noch immer Unbehagen. Wahrscheinlich, weil ich in einer Gesellschaft sozialisiert bin, wo sowas gleich mit Anspruchshaltung und Pflichterfüllung verknüpft wird.

Erst langsam lerne ich, dass eine romantische (Zweier-)Beziehung nicht an Sex geknüpft sein muss, dass Freund_innenschaften mehr sein können als nur “sich zu mögen” oder “gut zu verstehen” und dass Zuneigung in erster Linie eine Form von Wertschätzung der Person ist und nicht ihres Aussehens/ihrer Ausstrahlung. Die Grenzen sind fließend und jeder Mensch bestimmt sie anders. Natürlich ist das komplizierter als das sexistische wie funktionalistische Pick-Up. Natürlich ist das komplizierter als “Friendzoning”. Natürlich gibt es in dem Sinne keine “Nice Guy vs. Arschloch”-Bipolarität. Deal with it!

Posted on Dez 13, 2011

Rückzug ins Private

Disclaimer: Der folgende Post ist unglaublich selbstreferenziell mit ein paar Querverweisen auf Beobachtungen außerhalb der Selbstreferenzialität. Wer nicht auf sowas steht, möge hier bitte aufhören zu lesen.

Oder auch: Warum mir die antifeministische Gesellschaft das öffentliche Twittern abgewöhnt.

Ich habe genug von Post-Privacy. Ich habe nun zwei Twitter-Accounts. Meinen ursprünglichen Account @lantzschi habe ich nun “offizieller” gemacht, alle alten Tweets (immerhin so um die 18.000 in drei Jahren) gelöscht. Zum Glück muss mensch sowas heutzutage nicht mehr händisch erledigen. Über diesen neuen, alten Account @nlantzsch werden nun feministische Infos geshared und Diskussionen geführt, Fragen gestellt und ggf. beantwortet, die lohnen, auf Twitter öffentlich geshared, geführt, gestellt und beantwortet zu werden.

Für den ganzen Privatkram, Rants, Wutfeminismus, NSFW, Kuschelfeminismus, Hasenfußtweets und kontextlose Kontextbenötigentweets gibt es den protected account @lantzschi.

Ich hätte es natürlich auch einfach haben können und meine Tweets auf meinem alten Account protecten können. Warum also dieser Aufwand und der Verlust von 18.000 Tweets? Auf das Letzteres lässt sich schneller antworten: Die Twittersuche ist der pure Hass. Kein Mensch findet dort, wonach er_sie sucht. Google hilft meistens auch nicht. Ich habe auch noch nie in meinen alten Tweets rumgekramt. Ich hänge nicht an meinen Tweets. Ich hänge lediglich an meinen Followern und allen, die sich für Feminismus interessieren.

Und deshalb sehe ich es überhaupt nicht ein, einen Account zu bespielen, der nicht für alle einsehbar ist. Weil mir das wichtig ist, habe ich alte Tweets gelöscht und ne Privatparty nebenan eröffnet.

Es ist ganz schön, Dinge ins Netz zu schreiben und viel gelesen zu werden. Es ist schön Lob, Kritik und Feedback auf die eigene Arbeit zu bekommen. Der zunehmende Bekanntheitsgrad von diversen Feminist_innen im Netz hat allerdings nicht nur schöne Seiten. Es wird unsafe. Ich habe jetzt mindestens 4 Shitstorms, die sich an meiner Person abarbeiteten, miterlebt. Ich bekomme beschissene EMails von Trollen, Mackern und Sexisten, die der Meinung sind, dass mich das interessiert, was sie schreiben. Ich bekomme beschissene Tweets von Trollen, Mackern und Sexisten, die der Meinung sind, dass mich das interessiert, was sie schreiben. Ich werde öffentlich auf “Meinungen über meine Person” hingewiesen, auch von Leuten, die ich schätze und gerne mag und die mir wahrscheinlich nur Hinweise geben wollen. Ich möchte das nicht mehr. Es laugt aus, es verletzt, es lenkt mich von schönen Dingen des Lebens ab.

Ich konnte kaum mehr twittern, ohne lähmende, triggernde oder kackscheiße Diskussionen an der Backe zu haben von Trollen, Mackern, Sexisten (anderen *Ismus bitte hier dazudenken) und Kackscheiße-Kommentierer_innen. Ohne, dass sich Menschen in Diskussionen einschalteten, zu denen sie nicht gefragt wurden, nur um Derailing zu betreiben. Manchmal diskutiert mensch ja Sachen aus auf Twitter. Das geht mit 140 Zeichen mal mehr, mal weniger gut. Sowas passiert dann mehr oder weniger öffentlich, womit ich auch die meiste Zeit gut leben konnte, denn Kommentare unter Blogs sind ja auch z.T. öffentlich. Ich meine hier auch nicht Diskussionen unter Gleichgesinnten, wenn da mehrere Leute zum gleichen Thema Gedanken und Kritik äußern, halte ich das meistens für sehr sinnvoll. Bin immer inspiriert und lerne dazu. Ich rede von Dreck und Angriffen, von: “Ich hake mich jetzt nur ein, um dir meine Uninformiertheit auf’s Auge zu drücken. Ich habe meine Meinung eh schon fertig, finde deine scheiße und das sollst du hiermit wissen. Ich tarne das manchmal mit Erklärbär_inwantedfragen oder Rechtfertigungsforderungen”.

Den “Mein_e zukünftige_r Chef_in googlet mich, OMG!”-Grund kann ich für mich ausschließen, ich habe mich vor Jahren von dieser idealistischen Vorstellung verabschiedet, mensch könne sein Leben im Netz irgendwie privat führen. Alles ist googlebar und was es nicht ist, wird von ominösen Einrichtungen gespeichert und wenn nötig, weitergegeben. Ich finde diesen Fakt scheiße, er sorgt u.a. dafür, dass das Netz nach wie vor eine relativ homogene Suppe ist und Menschen von Repressionen betroffen. Ich kann es mir leisten, relativ öffentlich im Netz aufzutreten, ich werde und muss nie in solchen Branchen tätig sein, wo es heikel werden könnte, wenn Chef_innen und Kolleg_innen (oder andere komische Leute) meine Gedanken lesen oder mal ein Foto finden. Und interessant für den Verfassungsschutz bin ich momentan auch noch nicht.

Wovor ich mich allerdings halbwegs schützen kann, ist die Übergriffigkeit und Grenzüberschreitung von Privatpersonen. Deshalb mein Zweitaccount, wo sich Gleichgesinnte und Freund_innen einfinden. Mein Eindruck ist: der Ton wird rauer im Netz. Nicht, dass er das nicht schon immer gewesen wäre, doch mit der zunehmenden Einflussnahme von Feminist_innen, die sich auch im Netz rumtreiben, steigt die Gegenwehr. Wenn mensch die vielen Feminist_innen, die halbwegs präsent im Netz rumschwirren, als irgendwie geartete Bewegung, Gemeinde (trotz der vielen inhaltlichen Differenzen) begreift, dann beobachte ich, dass von außen versucht wird, diese zu vereinnahmen. Gemäß dem Motto: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, müssen die “harmloseren” als Erklärbär_innen herhalten (ob sie wollen oder nicht), die radikaleren werden offen angefeindet. Dann kommt das Teile-und-Herrsche-Prinzip hinzu und schwupps richtet sich das dann auch gegen die eigene Peergroup. Das hat immerhin den Vorteil, dass mensch dann weiß, wie es um die Machbarkeit von einigen Allianzen und feministische Solidarität bestellt ist.

Die self defined Maskulisten machen mir keine Angst. Das sind arme Würstchen, deren liebstes Hobby es ist, einen Google Alert auf “Feminismus” zu legen und alles zu dokumentieren und zu kommentieren, was irgendwie damit zusammenhängt. Außerdem keine sonderlich einflussreiche politische Gruppierung, weil sie sehr nah am rechten Rand fischt. Viel gefährlicher (und nerviger) sind all jene, die noch nicht gecheckt haben, dass es sowas wie soziale Ungleichheit gibt und beißreflexartig auf alles raufspringen, was mit Gesellschaftskritik zu tun hat. Oder jene, deren Antifeminismus auch dann noch aus allen Poren trieft, wenn sie sich schon als kritisch begreifen.

Da ich meine Twittertätigkeit nicht als Feminism101 oder für alles und jede_n nachvollziehbar handhaben will und keine Lust mehr habe auf Mansplaining oder das Wissen, dass ich von Leuten gestalked werde, die Feminismus im Netz als Horde/Diskurspolizei/Bedrohung/Interessant, lass uns da mal drüber reden-Grundsatzdebatte begreifen, gibt es ab jetzt Privataudienz für ausgewähltes Publikum. Ich kann nicht verhindern, dass im Netz Kackscheiße durch die Gegend fliegt oder Shitstorms aufziehen von Zeit und Zeit. Ich kann mir aber ein lauschiges Plätzchen einrichten und diese Menschen von Informationen fernhalten, mit denen sie offensichtlich sowieso nichts anfangen können.

Posted on Dez 4, 2011

Feministische Partner_innenwahl

Dear non-feminist-identified or pro-feminist people having (a) feminist friend/s or partner/s,

you have the most wonderful person/people on earth on your side. They will always appreciate you, support you, give you advice in tricky situations. They will love you for what you are and most of the time they will not try to put you in a box. They will not criticize you in order to make you a better person or for their own ego but to make a better world with you together.

Feminists are feminists for some or one reason. Feminism is not a issue and not up for debate, it’s a life-altering view on society. It shatters minds, it changes lifes, it moves people, it’s an all or nothing thing. You have to deal with that. Most feminists will not change their minds because you are angry with yourself failing to be _the_ perfect feminist ally and blame it on them.

Listen carefully and try to learn, there’s absolutely nothing you can lose within these relation- or friendships. To ask for loyalty and solidarity in situations you make a fool out of yourself and put your privileged ass over your friends’ or partners’ core values in life is definitely a bad idea.
And no, you are not getting a cookie for showing solidarity and loyalty in situations they ask for.

Feminists are not the enemies, it’s you and your own ego. And your thinking to make your feminist partner/friend a person you are comfortable with.

This is not about you, this is not about them, it’s just about showing respect for the person you love.

Posted on Nov 22, 2011

Malestream und queer-/feministischer Aktivismus – Vortrag in Gießen

Gestern habe ich im Rahmen der queeren Ringvorlesung in Gießen einen Vortrag gehalten, der ebenfalls gefilmt wurde. Das Video ist noch nicht online, daher gibt es zunächst erstmal nur meine Präsentation zum Anschauen und Download.

Sind wir nicht alle Schlampen?

Posted on Nov 8, 2011

Von bornierten und reflektierten Hinterteilen

In diesen ganzen Debatten um Emanzipation und Herrschaftskritik kommt immer wieder die Frage auf: wie wird mensch das? Wie geht das? Anhand einer kleinen biografischen Erzählung ein Vorschlag. Ich mach die Kommentare wieder auf, weil ich einen Austausch mit euch ermöglichen will, was eure Anknüpfungspunkte für Feminismus, Antirassismus, Antisexismus, Kapitalismuskritik usw. waren. Was euch politisiert hat, wie ihr euch weiter entwickelt habt, usw. Please feel free to share…

Als ich vor etwa zwei Jahren schon etwas länger in feministischen Auseinandersetzungen um Intersektionalität eingelesen war, wurde mir klar: Rassismus ist genauso wichtig sich anzuschauen, das hängt alles irgendwie zusammen mit Klassismus, Sexismus, Bodism, Ableism und dem ganzen Quark, der uns immer wieder das Leben schwer macht. Rassismus ist scheiße und muss bekämpft werden, ich wühlte mich durch Texte und erarbeitete mir genau diesen Stand. Heute weiß ich, das ist der zweite Schritt vor dem ersten.

In dieser Phase meiner Aneignung herrschaftskritischen Wissens postete eine Freundin von mir, nennen wir sie im Folgenden P., ein Interview mit Noah Sow auf Facebook. Beim Lesen dachte ich so: “Meine Fresse, arroganter Mist, der arme Interviewer” – Typisches Abwehrverhalten gegen die Weigerung immer allen alles erklären zu müssen. Gegen diese konsumistische Erwartungshaltung. Unbedarft und naiv (und ignorant) rotzte ich P. gleich als erste Kommentatorin genau diesen Satz unter den verlinkten Beitrag. Es dauerte keine zwei Minuten und der nächste Kommentator reagierte mit: “White Supremacy!!” P. versuchte zu schlichten, doch es half nix, im Minutentakt prasselten die Kommentare ein, was ich mir denn anmaße und überhaupt und sowieso, andere versuchten zu erklären, was jetzt gerade vor sich ging, ich stellte keine Fragen, sondern wertete und mutmaßte fröhlich vor mich hin, geschockt ob der sehr direkten Reaktionen auf meinen “harmlosen” Kommentar. Was die anderen versuchten mir deutlich zu machen (oder mit Rants mein herrschaftliches Denken zu sanktionieren), las ich zwar, verstand ich auch, aber…

Am nächsten Tag unterhielt ich mich mit P. über das, was passiert war und wollte wieder intervenieren, das Wort behalten, mich rechtfertigen “Ich hab doch nur…”. Sie beendete das Gespräch mit: “Es geht darum, dass ihr weißen einfach mal zuhört”. Dann sprach sie, über ihre Arbeit, über ihre Erfahrungen und ich hörte zu. Dieses Mal wirklich. Meine Sichtweisen spielten keine Rolle. Das war eine ziemlich einschneidende Erfahrung für mich, denn sonst war das mit dem Zuhören immer gekoppelt an Menschen, denen ich zuzuhören hatte, weil sie sich Definitionsmacht über meine Erfahrungen als lesbische Frau erlaubten.

Oft wird angenommen, der Unterschied zwischen Unterdrücker_in und Unterdrückter_m verlaufe entlang einer Wissensachse. Part A weiß es einfach noch nicht besser und ihm_ihr müsse das nötige Wissen eingeflößt werden und dann klappt das schon mit dem Antirassismus. So einfach ist das jedoch nicht.

Herrschaftskritik ist in erster Linie keine Sache von Wissensvorsprung, sondern von Bewusstsein. Und dieses kommt mit Interesse, Interesse am Anderen, am Unbekannten, am Nichtselbstverständlichen, an anderen Wertvorstellungen und Welterklärungen. Das Bewusstsein besteht darin, dieses Interesse gekoppelt zu wissen an sich selbst. Was macht das alles mit mir? Wie hängt das mit mir zusammen? Warum interessiere ich mich für das, aber nicht für jenes? Was passiert mit meinem Selbstverständlichen, wenn ich anfange, dem Interesse nachzugehen?

Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was es heißt, unterdrückt, marginalisiert und ausgeschlossen zu sein, ist der Schlüssel zu herrschaftskritischem Denken. Ich muss dafür nicht selbst unterdrückt sein oder kann in anderer Form unterdrückt sein (bspw. durch Sexismus). Für dieses Bewusstsein muss ich nicht studieren. Ich muss keine Gesellschaftstheorien lesen. Ich muss zuhören können, ich muss mich selbst zurücknehmen und das Andere neben mir akzeptieren und wertschätzen können. Dem Interesse nachzugehen, heißt auf andere Marginalisierte zuzugehen, doch sie nicht zu überfallen mit meinen Auffassungen.

Was noch viel wichtiger ist: Ich muss lernen, loszulassen. Von Altbekanntem, von meinen Stützpfeilern, mich auf Unsicherheiten, die diese Prozesse mit sich bringen, einzulassen. Ansonsten bleibt da nur Abwehr, Verweigerung, Schuldgefühl, Narzissmus, Borniertheit. Und das selbstverständliche Annehmen von: Erklär’s mir, aber, ob du Recht hast, bestimme ich. Ich muss einsehen, dass ich für all das selbst verantwortlich bin, niemand sonst. Keine_r hat das Recht, von anderen zu verlangen, der_die Lehrer_in zu spielen. Weil, wie eingangs gesagt, es nicht nur darum geht, Wissenslücken zu füllen.

Fehler passieren, gerade am Anfang und immer wieder mittendrin. Sie hören nie auf. Ich muss damit umgehen können und nur ich. Niemand sonst.

P. war immer kritisch mit mir, verzog das Gesicht, wenn ich Mist erzählte, sagte mir ins Gesicht, wenn aus einem Dialog mein Monolog wurde. Was maßte ich mir schon an, ihr zu erzählen, was Rassismus sei? Das weiß sie doch wohl am besten. Ich wollte mich doch nur austauschen… Oder nicht?

Ich begriff irgendwann, dass sie nicht meine Lehrerin ist, sondern die Hand an meinem Kopf mit der Nasenspitze in der Suppe. Den Teller musste ich allein auslöffeln. Ich las mich durch Blogs, klickte auf Links und bestellte irgendwann ein paar Bücher zum Thema. Darunter auch das von Noah Sow. Schon auf den ersten Seiten entlarvte sie mich als Rassistin. Ich lachte hysterisch, später auch Tränen, manchmal war ich ganz entsetzt, ich verschlang das Buch in Stunden.

So ein Bewusstsein entwickelt sich langsam und ist auch dann noch am Entwickeln, wenn mensch sich bereits Wissen angeeignet hat. Ich verfolgte Diskussionen unter Antira-Blogs, scannte Argumentationsführungen. Das Gute ist, das ist alles für lau. Das Netz ist voll von diesen Bewusstseins- und Wissenskatalysatoren, dass es schon fast zur Obszession wird, sich mit Texten vollzustopfen. Nur selten quillt es zu den Ohren raus.

Diese Unsicherheit hört nie auf, ich hab gelernt, mich damit wohl zu fühlen. Erst ziemlich spät traute ich mich, mit Rassismuskritik zu argumentieren, mensch will ja auf Augenhöhe diskutieren und das Argument nach vielen Seiten abgeklopft wissen. Bis heute passiert es mir, dass ich Menschen auf der Straße vor meinem geistigen Auge fremdmarkiere, mit Stereotypen belege, mich unwohl fühle, wenn die Mehrzahl der Menschen um mich herum nicht weiß sind. Entweder aus Angst vor konstruierter Gefahr oder aus Angst, etwas falsch zu machen. Das ist mein Problem. Diesem Gefühl versuche ich nicht nachzugeben, sondern gleich ‘nen Schalter umzulegen, das sichtbar zu machen und wenn möglich, erstmal im Innern zu dekonstruieren. Ohne Schuldgefühle, denn die sind da überhaupt nicht förderlich. Meistens klappt das.

Herrschaftskritik bedeutet ungewohntes Terrain zu betreten, auf waberndem Boden zu laufen, keinen Halt zu finden. Herrschaftskritik bedeutet, sich von sicher geglaubten Wahrheiten zu emanzipieren, ganz selbstständig, ohne Beifall dafür zu erwarten. Herrschaftskritik bedeutet herrschaftskritisch zu sein. Auch mit sich selbst. Jederzeit.

Dass ich P. hatte, die den Impuls setzte, war gut für mich. Für Herrschaftskritik braucht es aber keine P., irgendwann wird sich dein bornierter Arsch schon in eine Diskussion oder in einen Raum setzen, der er nicht gewachsen ist, in dem er keinen Stuhl findet und dann liegt es an dir, daraus was zu machen. Oder eben nicht. Aus Zweitem wird auch kein Nachteil erwachsen. Einfach, weil das Unbewusstsein ja überall und jederzeit sein kann.