Posted on Jun 29, 2010

So schmeckt der Sommer.

Foto: Zeitfixierer (CC-BY-SA)

Wie so oft in diesen Tagen laufe ich abends durch Friedrichshain. Mein Friedrichshain. Momentan aber in Lichtenberg exiliert. Sie hebt noch schnell Geld ab, da vorn, wo sich Boxhagener und Wühlisch küssen. Ich halte ihr Fahrrad und beobachte Menschen, Kinder, Schüler, jede Menge Schüler. Teens. Junge Teens, wieder diese Gruppen, aus den Hostels strömend, mit Becks Green Lemon oder selbstgemischten “Mischen” in der Hand. Zurecht gemacht. Die Jungs in weit offen geknöpften Hemden, die Mädchen mit diesen Handtäschchen der Winzigkeit, eine lange Schlaufe – nur Platz für Lippenstift, Puder und etwas Kleingeld. Die Damen wollen schließlich ausgeführt werden. Sie zickt. Er bestimmt. Das immer gleiche Bild. Der Tross stiefelt die Wühlisch hinunter, ohne bekanntes Ziel, dafür mit reichlich warmem Alkohol. Die Schweißperlen auf der Stirn. Sie wollen saufen, sie wollen Spaß haben, die letzte Nacht. Berlin.

“Ey! Vergesst eure Beziehungen, lasst’ uns was mit der Klasse machen. – Was in Berlin passiert, bleibt in Berlin”, brüllt einer.

Posted on Jul 4, 2009

Kleine Neukölln-Affinität

Kottbusser Damm Ecke Böckstraße/Schönleinstraße

Meine Kollegenschaft spaltet sich in zwei Gruppen.

Die einen wohnen standesgemäß in Prenzlberg und Mitte – sie sind etwas bürgerlicher gestrickt (Keine Wertung).

Die anderen wohnen in Neukölln.

Ein geringer kleiner Teil wohnt außerhalb dieser Bezirke. So wie ich in Friedrichshain bzw. Lichtenberg. Moment. Ich bin die einzige, die in Lichtenberg wohnt. oO

Die Neuköllner Kollegen halten sich mindestens etwas weiter vom Mainstream entfernt auf.

Gestern war ich zu selbstgemachter Köfte eingeladen. U Schönleinstraße. Ich komme aus der U-Bahn und die Luft in Neukölln ist gleich viel schwüler als in Tiergarten, wo ich arbeite. Der Kottbusser Damm ist laut, heiß, geschäftig, voller Menschen. Ich laufe in die Seitenstraße, es wird grüner, ruhiger, kühler. Ich gehe die Treppe hoch und bewundere sein Paradies von Wohnung. Stilvoll. Stilvoll im Erker sitzen, der Sonne beim Untergehen zusehen, Vodka und Wein trinken, vielleicht einen rauchen und eine Ahnung davon bekommen, wie schön Berlin sein kann, wenn man sich darauf einlässt.

Vielleicht zieh ich auch irgendwann nach Neukölln.

Foto: Uli. H (CC)

Posted on Mrz 23, 2009

In einer Stadt wie dieser.

Ein Blinken an der Antenne. Sekündlich.

Ein Bild. Minütlich.

Eine Umrundung. Stündlich.

Ein rotes Leuchten. Täglich.

Ein Glitzern an der Fassade. So oft.

Ein Lichtblick – nah und aus der Ferne. Nicht oft genug.

In einer Stadt wie dieser das Abbild ihrer Menschen. Das Gute darin erkennen.

Das Unbewusste sichtbar machen. Die Geschwindigkeit der Wiederholung auf ein zu erfassendes Maß reduzieren. Die Einmaligkeit festhalten. Die Vergänglichkeit manifestieren. Die Zerstreuung verdichten. Die Komplexität auflösen. Die Paradoxe begreifen.

In einer Stadt wie dieser ergeht sich alles in einer Welle aus Augenblicken.

Berlin – Alexanderplatz.

Posted on Sep 10, 2008

Die Welt ist ein Dorf und Berlin das Ortsausgangsschild.

oberbaumbrucke.jpg

Wenn man an Berlin denkt, fallen einem spontan tausende Dinge ein. Groß, laut, Multi-kulti, trashig, Remmi Demmi, weltoffen, Partymetropole, queerer Puls mitten in Europa. Berlin ist nicht nur bekannt für seine Currywurst, dem Brandenburger Tor und seiner Geschichte – nein – allein das Nachtleben dieser Stadt zieht jährlich Millionen von Menschen an die Spree.
Allein in Friedrichshain reiht sich eine Bar an die nächste. Die Auswahl ist schier grenzenlos, und da es hier auch keine Sperrstunde gibt, ist das heitere Beisammensitzen bis in die frühen Morgenstunden schon vorprogrammiert.

Diese Ansichten teilte ich auch, bis zu dem Tag, der mich doch ein wenig an dieser hochgepriesen Stadt zweifeln ließ.

Es ist Freitagabend in Neukölln. Meine Mädels und ich sitzen in einer wunderschönen möblierten Wohnung in gemütlicher Runde mit Cola und Goldkrone. Aufgrund der Überredungskünste meiner Freunde habe ich dann beschlossen mit in den mit Abstand ranzigsten Schuppen der Stadt zu gehen: Das Haus B. Die Bestätigung für diese Meinung meinerseits folgte im Laufe der nächsten Stunden. Gut gelaunt und in Partystimmung machten wir und zu zehnt auf dem Weg in den größten schwul-lesbischen Club der Hauptstadt. Dass „groß“ nicht automatisch gleichzusetzen ist mit „gut“, folgte bereits am Eingang. Es ist ja nichts neues, dass die Türsteher dieser queeren Herberge dezent unhöflich, arrogant oder sogar homophobe Verhaltensweisen an den Tag legen, aber dieses Szenario, welches sich dort abspielte, war kaum zu übertreffen.

Ich geh also gut gelaunt Richtung Türsteher und Frage höflich, ob er denn in meinen Rucksack sehen will. Er erwiderte mit leicht genervter Stimme und mit der weltweit bekannten Berliner Freundlichkeit: „Nee! Aber ick will ma deinen Ausweis sehn!“ Gut, dass ich nicht aussehe wie 22 ist mir durchaus bewusst, aber eine etwas andere Umgangsform ist denke ich nicht zu viel verlangt. Nun gut, Ausweis gezeigt und das Szenario geht weiter. Der Opa an der Kasse, der so aussieht als würde er seit Clubgründung zum Inventar gehören – mir kam sogar der kurze Gedanke, ob er sogar mitgeholfen hatte Berlin wieder aufzubauen – schaut mich mit seinem wunderschönen „Sonntagslächeln“ an – vielleicht hat er auch einen irreparablen Gesichtsmuskelschaden aus dem Krieg und kann deshalb seine Freunde nicht in sein Gesicht zaubern. Da ich nicht zur Stammkundschaft gehöre und auch leider nicht sämtliche Preise im Kopf habe, frage ich ihn nach dem Eintritt: „5 Euro waren das, ne?“ Und schon wieder die geballte Ladung Glückseeligkeit als Antwort: „Ja! Wärste eher jekomm, hättste wenijer bezahlt. Aba sin ja nich bei “Wünsch dir was“ .“ Schade, dacht ich mir, weil sonst hätte ich mir gewünscht, dass ich die Zeit noch mal zurückdrehen und den Überredungskünsten meiner Mädels standhalten könnte. Naja, einer der wenigen Momente, bei dem ich das Gedachte auch nur gedacht und nicht ausgesprochen habe – Zum Glück!

Ok, nachdem das nun alles erledigt war, öffnete ich die Tür und die Bässe nicht definierbarer Musik ließen mein Trommelfell schwingen. „Scheiße, jetzt bist du wirklich hier!“ Aufgrund der maximalen Lautstärke hat meinen Frustausstoß niemand wahrgenommen. Ich dreh mich um, zwei unserer heiteren Truppe waren auch schon drin. Gut, dann kann ich ja schon mal die Toiletten aufsuchen, bis ich dann mal an der Reihe bin, wird der Rest ja den Hindernisparcour am Eingang überstanden haben. Dem war natürlich nicht so! „Wo bleiben denn die anderen?, schrie ich einer meiner Weggefährten ins Ohr. „Die kommen nicht rein!!“, schrie sie zurück. Na super, wird ja n spitzen Abend werden. Ich betätige wieder die glamoröse Tür und sehe die angefressenen Gesichter meiner Leute und die immer noch genervten Blicke der Türsteher. „Die lassen uns nicht rein, keine Ahnung wieso!“ Ich steh da, an mir laufen dutzende Leute vorbei und gehen kaum von Lollek und Bollek beachtet in den Club. Ah ja, wahrscheinlich sehen wir nicht queer genug aus. Ich dreh mich um zu Atzepeng und frage, wieso die Meute nicht rein darf. Ein weiteres Aufkommen von Freundlichkeit ertönt in meinen Ohren: „Pass ma uff, Perle, dit jeht dich janischt an. Enteder du jehst wieder rein oder lässt it bleiben und nervst uns nich!!“ Hm, anscheinend gibt es bei Türsteher-ABM-Workshops keinen mit dem Titel „Höflichkeit“. Ich schau diesen Kleiderschrank an und erwidere: „Also Perle schon mal gar nicht. Du kannst auch vernünftig mit mir reden. Ein bisschen Freundlichkeit ist ja wohl nicht zu viel verlangt“. Die Antwort folgte prompt von seinem Buddy: „Wenn ick freundlich sein will, dann arbeite ick in nem Hotel!“. Na das ist doch mal eine Aussage! Ich frage mich nur, welches Hotel ihn nehmen würde. Vielleicht finde ja sein Stellenvermittler eine gute Adresse. Es wäre ihm zu wünschen.

Alles Lesben, außer Mutti!

Nach diesem kleinen Intermezzo mit mir war dann auch gleich eine Kameradin dran. „Und du mit deiner Jogginghose! Dit nächste Mal ziehste dich vernünftig an und kommst nich in sonem Outfit!“ Wahnsinn, im Haus B gibt es jetzt einen Dresscode, damit das gehobene Busche – Klientel nicht von irgendwelchen „schlechtgekleideten“ Mitmenschen belästigt wird. ! Willkommen im 21. Jahrhundert. Ich glaube die beiden Einzeller haben vorher entweder bei diversen Supermärkten einen auf Security gemacht oder wurden in anderen Tanzlokalitäten rausgeschmissen. Vielleicht hat sie er Bewährungshelfer infolge ihres Resozialisierungsplans auch an das Haus B vermittelt. Man weiß es nicht.

Nachdem nun die Nettigkeiten ausgetauscht wurden, haben wir uns entschlossen in eine Bar zu gehen, um wenigstens noch etwas von der Nacht zu haben. Und da wir ja in Friedrichshain (!) sind und es Freitagnacht (!) ist, ist die Auswahl ja unendlich. Die Bar befindet sich in der Boxhagener Straße und wurde von unserer kleinen Gruppe ja schon vor einer Woche aufgesucht und wir saßen dort bis vier Uhr morgens – also Standartzeiten in F-Hain am Wochenende. Aber da das Glück an diesem Abend wohl nicht ganz mit uns war, kam auch hier gleich die nächste Überraschung. „Die schließen gleich!“, sagte mir mit entsetzter Stimme eine Freundin. Mein Blick spricht Bände. Ich vergewissere mich, was die Uhrzeit angeht: Mein Handy sagt, dass es halb zwei ist. Halb zwei nachts, in Berlin, an einem Wochenende und die Bar in F-Hain macht gleich zu! Finde den Fehler! Auch die Aussichten, dass die einen guten Umsatz mit uns machen werden, da wir durstig und gewillt sind diesen bescheidenen Abend noch in etwas schönes umzuwandeln. Aber nein. Anscheinend läuft das Geschäft so gut, dass die es sich locker leisten können am umsatzstärksten Tag einfach zu zumachen. Ob die irgend so ein Wie-Sie-am-besten-Umsatz-machen-damit-Sie-schnell-nach-Hause
-gehen-können-Magazin abonniert haben? Nachdem nun der Stand der Dinge auch bei den letzten angekommen ist, stehen wir vor der nächsten Frage. Wohin jetzt?

Himmelreich! Ja, lecker Hefeweizen in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre ohne homophobe Kleiderschränke. Doch bereits der Weg dorthin ließ nichts Gutes verheißen. Aus welchem mir bis heute unerklärlichen Grund hatten sämtliche Bars, Kneipen oder Restaurants entweder schon geschlossen oder waren gerade dabei die Feierabendglocke zu läuten. Das ist nur ein böser Traum aus welchem du gleich wieder aufwachst. Nix da! Vom Weiten sah ich schon die runtergelassenen Rollläden des Wohnzimmers mit Bar. „Wollt ihr mich eigentlich alle verarschen?!“, schallte es hinter mir. Ich glaube, dass nennt man wohl Telepathie, denn das war auch mein erster Gedanke.

Todesmutig überquerte ich die leere Simon-Dach-Straße, um mich zu vergewissern, dass die jetzt auch noch zu machen. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Bar war gut besucht, keine Anzeichen von Aufbruchsstimmung. Ich fragte, ob die jetzt auch zumachen. Als Antwort kam ein unentschlossener gar lustloser Gesichtsausdruck. Um meine Verzweiflung mehr zum Vorschein zu bringen, erklärte ich ihm, dass wir zehn durstige Menschen sind und in diesem menschenleeren Bezirk noch gerne einen trinken wollen. Mein Gegenüber verzieht sein Gesicht, wie ich es selten bei einem Menschen gesehen habe – das Pandent zu den steifen Gesichtsmuskeln des Busche – Opas . „Nee du, wir machen auch gleich zu.!“ Na spitze, macht ja alles nichts. Ich bin ja hier anscheinend in der Pampa gelandet mit einer Dorfkneipe, die um 21 Uhr zumacht, weil ja dann die Laternen ausgehen und die Bordsteine erst wieder sechs Uhr morgens heruntergeklappt werden! Ich weiß bis heute nicht, wieso keiner mehr Lust hatte die Menschheit mit alkoholischen Getränken zu versorgen. Vielleicht war es ja eine Art Demo der Bar – und Kneipenbesitzer, eine Demo von der wir zumindest nichts gewusst haben. Aber es heißt ja so schön: Mittendrin statt nur dabei!

Unser Abend endete dann in einer kleinen Pizzeria in welcher sich wahrscheinlich sämtliche Menschen versammelten, die die gleichen Absichten hatten wie wir – hinsetzen, quatschen, lachen und trinken. Zuviel verlangt für eine der angesagtesten Städte dieses Planeten? Wahrscheinlich! Nach weiteren unzähligen Minuten des Wartens stopften wir uns voller Frust die Pizza in den Rachen, um dann endlich nach Hause zugehen und diesen Abend schnell zu vergessen.

Am Bahnhof Warschauer Straße kamen uns Menschenmassen entgegen. Wir fragten uns, wo die denn alle hinwollen, hier ist doch tote Hose. Nach einem kurzen zynischen Lacher setzten wir uns in die Bahn und verließen den „Party-Bezirk Friedrichshain“.

Foto und Text: Jana Pflug

Posted on Jun 28, 2008

Spießer, nicht Heten.

Ich bin ja an sich kein CSD-Freund.

nachdem geschlagene drei stunden trucks, musik und homos an mir vorbeigelaufen sind, habe ich wenigstens angefangen mit meiner tastatur zu wippen und mich in feierlaune zu bringen. auch nett. ansonsten hoffe ich, dass irgendwann dieses paradoxon der szene: toleranzforderungen vs. anders sein ist sooo cool ein ende findet. ich nehme mich da selbst nicht aus.

ein bisschen lebensgefühl schwappt auch bei mir mit. ab und an definiere ich mich sogar über meine sexuelle orientierung, stolz mischt sich mit trotz. aber daran sind vielleicht auch ein wenig meine eltern schuld.

eine kollegin brachte mich allerdings auf eine ganz andere these, die sogar meine ersetzen könnte und wahrscheinlich habe ich genau das immer gemeint: “anders sein ist toll. bunt auch. solange man es den spießern da draußen zeigen kann.” juchei. sie hat recht. es geht gar nicht darum, den intoleranten unter den heten zu beweisen, dass auch homos besoffen sein können. es geht darum, spießern zu zeigen, dass man spaß hat am und mit dem leben. und das kann man als hete oder als homo zeigen. das finde ich gut. spießer. die wohl schlimmste bevölkerungsgruppe, die wir haben. nicht heten sind intolerant. sondern spießer. jetzt hab ich’s und damit meinen frieden mit dem csd.