Posted on Apr 17, 2011

Don’t speak for me anymore! Nachlese zur #rp11

Ich bin noch immer ganz geschafft von diesen anstrengenden drei Tagen, die sehr viel positive und negative Gedanken zurückgelassen haben.

Beginnen wir zuerst mit den schönen Dingen, die die diesjährige re:publica mit sich brachte >> Ich hatte die Gelegenheit, endlich die Menschen hinter den Avataren, Blogs und Profilen kennen zu lernen, mit denen ich schon einige Zeit in Kontakt stehe. Oder diejenigen wiedergesehen habe, die ich bereits kenne. Konstruktive Kritik, belebender Austausch, kollektive Unterstützung und wahnsinnig inspirierende Gehirnblitze. Was mich auch dazu bringt, meine seit fünf Monaten ruhende Rubrik “Menschen aus diesem Internet” mal wieder zu beleben. Danke, danke, danke für die letzten Tage an: @yetzt, @TheGurkenkaiser, @puzzlestuecke, @ihdl, @philipsteffan, @johl, @hanhaiwen, @hdsjulian, @saganelle, @girlscanblog, @kotzend_einhorn, @RiotMango, @matthiasr, @comme_un_autre, @habichthorn, @fraeulein_tessa, @dieKadda, @textartistin, @bergdame, @bommeljogi, @autofocus, @ageleie, @i_need_coffee, @kuebra, @mlle_krawall, @annnalist, @sv, @lana74, @moeffju, @eva_ricarda, @kixka, @m_boesch, @skudij, @tanjcar und alle, die die feministischen und/oder frauengeführten und/oder frauenbeteiligten #rp11-Panel aufmerksam verfolgt haben. Danke auch an alle, für die ich leider keine Zeit hatte, die ich nicht erkannt habe oder für die mir nach all dem Informations- und Menschenoverkill die Muße für Austausch fehlte. Und danke für all das Lob, das andere Aktivist_innen und ich während dieser drei Tage erhalten haben.

Neben der mittlerweile leider obligatorischen Kritik am nicht vorhandenen Internet und teilweise sogar zusammenbrechenden Handynetzen auf der #rp11 bleibt aber leider auch ein fader Beigeschmack. Obwohl die #rp11 in diesem Jahr (meine dritte insgesamt) so auffällig vielfältig war wie noch nie und sehr unterschiedliche Themen besetzt wurden, ist es erschreckend, wie homogen sich die Veranstaltung trotzdem noch darstellt. Unzählige nabelbeschauende, um sich selbst kreisende Panels, inhaltsleere Vorträge über gesellschaftlich wichtige Debatten dieser und kommender Jahre und zu großen Teilen ein Publikum, das sich mal ernsthaft Gedanken über Respekt, Anerkennung und wertschätzende Kommunikation machen sollte.

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Posted on Mrz 22, 2011

Lantzschi goes public.

Die simpelste feministische Forderung ist bekanntlich, den Frauenanteil in männlichen Netzwerken zu erhöhen und damit festgefahrene Strukturen aufzubrechen, neue Perspektiven zuzulassen. Ob das am Ende “bessere” Ergebnisse gibt oder wirklich systemverändernd ist, steht auf einem anderen Blatt.

Nach wie vor ist das Internet männlich dominiert und strukturiert, werden Stimmen von Frauen nicht wahrgenommen oder absichtlich ignoriert. Wenn es darum geht, diesen Missstand zu erklären, finden sich häufig Muster wie “Selbst schuld”, denn das Internet “sei doch so partizipativ und basisdemokratisch”. Bullshit, wissen wir doch spätestens seit den in den vergangenen zwei bis drei Jahren geführten Diskussionen um Sexismus, Geschlechterstereotype und den Old Boys Networks, dass dem mitnichten so ist. Mehr noch, vergrößert Mensch den Fokus von Geschlecht auf andere soziale Kategorien, sieht das deutschsprachige, sich politisch begreifende Internet noch trauriger und eindimensional aus. Homogenität macht bekanntlich keine Politik für alle, sondern für wenige. Elitenbildung im Netz ist nicht weniger ein Abklatsch aus dem sogenannten “Offline-Leben”. Eine Ebene weiter oben angesetzt, wäre auch kritisch zu betrachten, wer bzw. welche Gruppen überhaupt Zugang zum Netz haben und wer uns dieses wunderbare neue politische Instrument, called Internet, zur Verfügung stellt, samt Hardware, Server und Software. Hier offenbart sich wohl der größte Graben und spiegeln sich globale Machtverhältnisse.

Denn die Facebook- und Twitter-Revolutionen, diese Mitmach-Politik, von denen hierzulande seit der “Grünen Revolution” im Iran so euphorisch gesprochen wird, entsteht auf dem Rücken von vielen zugunsten einiger privilegierter Menschen, zu denen logischerweise auch Frauen gehören. Dass wir rund um die Uhr an Politik teilhaben können, uns vernetzen, kommunizieren und theoretisieren und überlegen, wie das Netz dieser egalitäre Raum bleiben kann ohne staatliche Zugriffe, übersieht, dass wir schon längst Teil einer dominanten und dominierenden Sphäre sind, die andere ausschließt und ausbeutet.

Dabei wären das Netz und die neuen Kommunikationsformen und -techniken noch viel machtvoller, würde versucht, diese Ausschlüsse aufzubrechen oder zumindest nicht weiter fortzuführen. Der wohl schmerzloseste Beginn wäre eine Debatte darüber, ob unsere Theoretisierungsversuche eines transnationalen Wissen- und Machtraumes auch wirklich alle einbezieht, welche Stimmen in der Diskussion darüber bisher außen vor bleiben.

Die re:publica in diesem Jahr soll die Möglichkeit sein, um erste Denkanstöße zu geben, die hoffentlich nicht nach drei Tagen Konferenz wieder versandet. Kommt vorbei und diskutiert mit uns!

Desweiteren und nach wie vor wichtig: Präsenz zeigen. Auch, wenn es weh tut. Für die Schmerzlinderung haben wir wenigstens ordentlich Vodka im Gepäck. Nachdem sich im vergangenen Jahr die Flirtkultur auf Twitter breit gemacht hat, die uns neben der aufreibenden Diskursarbeit Balsam für die Seele bereit stellt, ist es an der Zeit, Twitter als Singlebörse zu institutionalisieren. Deshalb werden drei junge Frauen (inklusive mir) in den Friedrichstadtpalast laden, um aus dem Nähkästchen zu plaudern und plaudern zu lassen. Wer die Herz- und Vodkaexzesse nicht im Palast selbst verfolgen kann, der_die kann (wahrscheinlich) im Livestream auf der Seite selbst mitflittern und zuprosten. Wir freuen uns auf euch.

[Disclosure: Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Soli-Bärchen bitte in die Kommentare posten]

Posted on Mrz 14, 2011

Rassismus gegen Grenzregime.

Alexander Lehmann, der vielen bekannt sein dürfte durch “Du bist Terrorist“, hat einen neuen Satire-Film produziert, der das europäische Flüchtlingsregime und dessen Handlanger Frontex kritisieren soll. Aktueller Aufhänger ist die europäische, von Rassismus und Abschottung gekennzeichnete, Flüchtlingsdebatte nach den Revolutionen in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten. Soweit, so gut.

Der Film bedient sich dabei allerdings eines (kolonial)rassistischen Narrativs, das weder originell ist (wie wir aus der medialen Inszenierung von “Afrika” und Schwarzen wissen), noch an irgendeiner Stelle im Film aufgebrochen wird. Umso ärgerlicher ist deshalb der Fakt, dass das von mir geschätzte Satire-Magazin des NDR, Extra 3, diesen Film nun auch bei sich laufen lässt.

Was meine ich mit (kolonial)rassistischem Narrativ?

Die Ansprache: “Lieber Afrikaner” – Das Wort ist heutzutage leider noch gängige Vokabel, wenn über Schwarze oder People of Color oder Afro(deutsche, engländer_innen, italiener_innen, amerikaner_innen, französ_innen, etc.) gesprochen wird. Weder wird deutlich, welche “Afrikaner” gemeint sind (Nigerianer_innen? Kongoles_innen? Tunesier_innen? Marokkaner_innen?) noch wird die Selbstbezeichnung entsprechender Gruppen respektiert. Dass Schwarze und People of Color seit Jahrhunderten (auch vor der Kolonialzeit) in Europa (und auf anderen Kontinenten) lebten und leben, bleibt unsichtbar. Ständige Ansprache von Schwarzen mit “Lieber” und paternalistischem Duktus. Auffällig ist auch, dass die, über die hier erzählt und berichtet wird, selbst nicht zu Wort kommen. (vom generischen Maskulinum mal ganz abgesehen)

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Posted on Jul 10, 2010

Posted on Jun 10, 2010

Qualitätsjournalismus

Foto: Muckster (CC) on Flickr

Qualitätsjournalismus ist, wenn folgende Worte in einem Artikel vorkommen: “Internet”, “Twitter”, “cool” und – saisonal bedingt – “Joachim Gauck”. Einziges journalistisches Qualitätsmedium in Deutschland ist Spiegel Online.

Medienkompetenz ist, wenn irgendwo das Wort “Qualitätsjournalismus” vorkommt.

An der Fleischtheke frage ich nach einem guten Stück Qualitätsleberkäse. Die Dame reicht mir ein opportunes Qualitätshäppchen. Ich kaufe 500 Gramm Qualitätsleberkäse, bezahle mit Qualitätsmünzen und lege den Qualitätseinkauf zum reaktionären Qualitätsgemüse.

Ich schiebe die eigene Qualität, mich und den Einkaufswagen durch schmale Gänge voller Qualitätslebensmittel. Qualität soweit das Auge reicht. Am Ende des Ganges treffe ich einen Freund, der mir seine qualitativ hochwertige Armbanduhr zeigt. Von Qualität kann nicht die Rede sein.