Posted on Sep 20, 2011

Parteiausschluss.

Ach, der Angele schon wieder.

Ich hatte mich ja einst schon über seine Borniertheit beschwert, die offenbar dann zum Vorschein kommt, wenn andere darauf aufmerksam machen, dass es sowas wie wirkmächtige gesellschaftliche Ungleichheiten gibt. Nun darf mensch im Freitag seine neueste Einlassung zur Piratenpartei bewundern. White Trash nennt er das gute Stück und weist darauf hin, dass bei den Piraten nur weiße Männer drin hocken – ganz wie bei der NPD. WTF? werden sich da einige fragen und den Vergleich mit allen Parteien fordern. Da sieht es nämlich nicht viel besser aus.

Wie Antje Schrupp erst kürzlich wieder zurecht angemerkt hat, ist Parteienpolitik ein durch und durch gegendertes (ergänzend: rassifiziertes, heteronormatives) Feld, nämlich insofern, dass dort nach wie vor nach dem “euromale white hetero” Standard gearbeitet wird. Die Parteien haben sich zwar im Laufe ihres Bestehens für Frauen (und andere Normabweichler_innen) geöffnet – weil’s ja anders kaum zu vertreten wäre, wie so ein Männerverein ein ganzes Land repräsentieren sollte – doch die Grundprobleme, nämlich die Normen und Kulturen in diesen Parteien, sind die gleichen.

Nun wäre ich sicherlich in der Pflicht, mal auf die Programme zu schauen. Ich kenne die nicht en detail, eher so im Überblick, was zumindest reicht, um eine Einschätzung zu geben: Die Themen sprechen unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen an (oder eben auch nicht). Leider wählt mensch neben attraktiveren Dingen auch immer die Katze im Sack. Emanzipative Politik ist auf Parteienebene immer an Bedingungen geknüpft, die mensch dann doch nicht unbedingt mitkaufen würde, aber ja muss, wenn mensch sich dafür interessiert, eine Partei zu wählen. Eine dezidiert queer/feministische, herrschaftskritische und antirassistische Programmatik findet sich in keiner Partei. Nicht mal in den Nischen der Kleinsten. Meist dienen solche Themen als Feigenblätter, um sich für bestimmte Zielgruppen attraktiv zu machen.

Denn wäre dem nicht so, würden das keine Feigenblätter und leisen Töne sein, ja dann würden die Parteien ja ganz anders aussehen, hinsichtlich ihrer Normen und Strukturen. Klar, gehören Grüne und Linke zu den progressiveren, aber die müssen sich nun auch nicht auf die Schulter klopfen. Parteienpolitik ist was für weiße Männer mit ausreichend Bildungsniveau. Parteienpolitik ist ein privilegiertes Feld. Parteienpolitik funktioniert wie ein Unternehmen. Die gleichen Strukturen, Werte und Normen, die sich an einer weiß-männlichen Erwerbs- und Lebensbiografie ausrichten. Wer rein möchte, darf natürlich rein, aber hat sich unter diesen Standard zu assimilieren, denn gleich sind wir ja alle und diskriminiert wird sicherlich “keiner”. Und wer nicht rein will, der_die ist eben politikverdrossen. Ganz einfache Rechnung.

Und wer sich über den Status Quo beschwert, der muss eben erstmal rein in die weiß-männliche Grotte und selbst was verändern, weil diskriminierende Strukturen eben von einzelnen Individuen, die ganz unten in der Hierarchie stehen, verändert werden müssen und nicht von der gesamten Organisation mit all ihren Mitgliedern. Mensch muss sich auffressen und all seiner politischen Kraft berauben lassen, kann da unten mal ein bisschen vor sich hin Diversity machen, während der Rest weiter in aller Seelenruhe mit soziopolitischen Scheuklappen arbeitet.

Und wenn du erst mal dem Tokenism-Effekt zum Opfer gefallen bist so als Frau/Migrant_in/Normabweichler_in, darfst du neben all deiner niedlichen Strukturmurkelei auch gleich noch die Themen bearbeiten, auf die sonst niemand Lust hat (weil Privilegien eben bedeuten, dass mensch sich Themen zur Bearbeitung aussuchen kann, die “er” für wichtig hält) und die so wunderbar zu deiner angedichteten “Kultur” als Frau/Migrant_in/Normabweichler_in passen. Weil Feminismus und Antirassismus doch bitte die bearbeiten sollen, die es direkt betrifft, nicht jene, die davon profitieren. Die Ergebnisse deiner Arbeit kann sich dann die ganze Partei als Gesamtleistung anheften, weil gleich sind wir ja alle und diskriminiert wird sicherlich “keiner”. Da achten wir schon drauf, dass es die “euromale white hetero” Standardangehörigen ja nicht schlechter haben.

So verfährt auch Michael Angele, wenn er sich das Wissen, das ihm laut eigener Aussage zu borniert erscheint, mal selbst zu eigen macht, um sich mit Hilfe einer Partei gleich mal ein bisschen progressiv zu fühlen. Progressiv bedeutet in vielen Fällen leider nicht “mit Wissen glänzen”, denn sonst würde er nicht behaupten, “wie homogen unsere ach so toleranten, so liberalen ‘künstlerisch-kulturellen Milieus’ sind” (zu denen er sich wahrscheinlich auch selbst rechnet, wenn er nicht gerade ‘progressive’ Artikel für den Freitag schreibt).

Denn Herr Angele, so viel Differenzierungsarbeit muss schon sein, es sind die ‘künstlerisch-kulturellen Milieus’, zu denen sicherlich keine einzige Partei gehört, in denen Menschen, die nicht zur Norm passen (wollen), noch die meisten Entfaltungsmöglichkeiten haben. Aber wenn mensch nur in starren “euromale white hetero” Standard-Institutionen denkt, kommt mensch da auch nicht drauf. Ich empfehle die kulturwissenschaftlichen Einlassungen von People of Color zu diesem Thema. Fangen wir mit Hito Steyerl an.

Vielleicht wäre es eh sinnvoll, sich mal eingängig mit denen zu beschäftigen, die angeblich überall mitmachen dürfen. Vielleicht würde mensch dann endlich bemerken, wie kleinteilig, selbstreferenziell und homogen die eigene Politik, das eigene Denken ist. Wenn dem nicht wieder die Privilegien einen Riegel vorschieben.

Posted on Jul 13, 2011

Manosphere, Udo Vetter und die Aufklärung.

Mein letzter Artikel war Anlass für Blogosphären-Liebling Udo Vetter einen eigenen Artikel zu veröffentlichen. Laut diesem Artikel bin ich nur deshalb nicht durchgeknallt, weil ich eine journalistische Ausbildung habe, möchte im Mittelalter leben, den Willkürstaat einführen und die Menschenrechte abschaffen.

Nun, spannend, was alles so in Artikel hineingelesen werden kann. Ich gebe zu, meine Kritik an der Aufklärung, war etwas kurz gefasst, zu polemisch, um allgemein verständlich und nachvollziehbar zu sein. Es sind ja bereits ganze Bücher darüber verfasst worden, warum die Aufklärung zuvor durch Gott legitimierte Ungleichheiten in der Gesellschaft lediglich intellektualisiert umcodiert hat. Kant war ein Rassist, der Schriften über Menschenrassen und die “wilden Ureinwohner” verfasst hat. Schriften über Weiße als “überlegene Menschen”, die Vorläufer vom Herrenrassenmodell. Das sind Tatsachen. Dass die französische Revolution und der Kampf der Bürgerlichen um Demokratie zunächst einmal nur die Rechte von Männern absicherte, ist auch Tatsache. Das “allgemeine” Wahlrecht bedeutete das Wahlrecht für Männer, das feministische Bewegungen erst für Frauen erkämpfen mussten. Dass Rassismus eine Legitimationsgrundlage ist, die von den Erben der Aufklärung erfunden und institutionalisiert werden musste, um koloniale Eroberungen trotz Gültigkeit universaler Menschenrechte zu rechtfertigen, das sind ebenfalls Tatsachen. Tatsachen, die zum Allgemeinwissen gehören. Sollten. Auch zu dem von Udo Vetter.

Dass Recht durch Gesellschaft geformt wird, die von Machtverhältnissen durchzogen ist, ist ebenfalls unumstritten. Für Udo Vetter ist Gesellschaft aber offenbar genauso ein abstrakter Begriff wie Rechtsstaat und Willkürstaat, die er gegenüberstellt und die im Text als einziges Argument gegen meine Strukturkritik dienen. Mich verwundert das, ist Vetter doch Jurist. Hier hätte ich mir gewünscht, die Argumentation ginge tiefer, wie es hier und hier passiert ist.

Als Strafverteidiger muss Vetter ja nicht die Prozeduren in der Verfolgung von Sexualdelikten kennen, er muss sich auch nicht mit der Kritik daran auseinandersetzen, wenn es nicht das Feld ist, auf dem er arbeitet.

Und natürlich weiß ein Udo Vetter das auch, denn zur Kritik und zur Strafverfolung von Sexualdelikten selbst erfahren wir in seinem Artikel nichts. Auch mit dem oben zitierten Allgemeinwissen hält er hinterm Berg: Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit sind unumstößliche Wahrheiten und Errungenschaften der westlichen Hemisphäre. Natürlich hat die Aufklärung auch was Gutes gebracht: Dass es Menschen wie Udo Vetter im hiesigen System blendend geht, weshalb es auch eine Unverfrorenheit darstellt, wenn seine Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden. Und dass solche uninformierten und selbstgefälligen Artikel auf Kosten anderer, die Sexismus, Beleidigungen und reaktionäres Gewäsch (gepaart mit reichlich Islamophobie) in Hülle und Fülle generieren, durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist.

Der Rotz, der Ihr Leben lebenswert macht, Herr Vetter.

edit: ich muss mich korrigieren. Offenbar hat sich Udo Vetter schon mit Vergewaltigungsprozessen beschäftigt. Angeklagte haben also vor Gericht weniger Macht als Ankläger_innen, die Richter_innen glauben immer dem mutmaßlichen Opfer und es sei besser Schuldige freizusprechen, als Unschuldige in den Knast zu schicken. Diese Aussagen hätte ich gern im Kontext “Realität” gespiegelt. Weiterführende Links oben und im Ursprungstext.

Posted on Jun 28, 2011

Posted on Jun 19, 2011

Warum Migrant_innen rassistisch sein dürfen. Aber nicht zu viel.

Heute morgen las ich diesen Artikel von Katrin Schuster, die sich berechtigterweise über die rassistischen wie klassistischen/sozial- und wohlstandschauvinistischen Biases im Artikel von Mariam Lau in der Zeit echauffiert.

Da es ja zur Zeit wieder in Mode ist, über Frauen und ihr Tun zu urteilen (statt sich mit Systemfragen zu beschäftigen) und das Wort Macht wieder ungünstige Konnotationen bekommt, passt auch der Artikel von Mariam Lau ganz gut rein. Mariam Lau findet sich selbst so emanzipiert, dass sie gleichzeitig über Germany’s Next Top Model Models lästern darf und ihrer Tochter großmännisch(!) das Gucken dieser Daily Soap erlaubt. Models in GNTM sind dumm, Unterschicht und/oder haben Migrationshintergrund. Ein bisschen Sarrazin darf neben Frauenbashing also nirgendwo fehlen.

Nun verwundert es wenig, dass die Mainstreampresse mit backlashigen Artikeln glänzt, die Rolle von Mariam Lau muss in dieser Debatte allerdings auch unterstrichen werden. Mariam Lau ist Tochter eines Iraners. Tochter einer sozial privilegierten Familie. Ich lernte Miriam Lau vergangenen Herbst beim Genderkongress der Bundeszentrale für politische Bildung kennen. Sie moderierte dort das Panel “Gender in der Migrationsgesellschaft”. Mit ihr auf dem Podium saß u.a. Lamya Kaddor, die kürzlich das Buch “Muslimisch, weiblich, deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam” herausbrachte. Auffällig ist hierbei für alle, die den letztjährigen Sarrazin-Rausch mitbekommen haben, wie sehr migrantische Stimmen im vergangenen Jahr gepusht wurden. Müsste mensch eigentlich gut heißen. So ein kritisches Gegending zum neuen Volksrassisten. Wir erinnern uns vielleicht auch an das “Manifest der Vielen” unter Herausgeberinnenschaft von Hilal Sezgin. Ich empfehle, die Links wirklich zu klicken und auf sich wirken zu lassen.

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Posted on Apr 17, 2011

Don’t speak for me anymore! Nachlese zur #rp11

Ich bin noch immer ganz geschafft von diesen anstrengenden drei Tagen, die sehr viel positive und negative Gedanken zurückgelassen haben.

Beginnen wir zuerst mit den schönen Dingen, die die diesjährige re:publica mit sich brachte >> Ich hatte die Gelegenheit, endlich die Menschen hinter den Avataren, Blogs und Profilen kennen zu lernen, mit denen ich schon einige Zeit in Kontakt stehe. Oder diejenigen wiedergesehen habe, die ich bereits kenne. Konstruktive Kritik, belebender Austausch, kollektive Unterstützung und wahnsinnig inspirierende Gehirnblitze. Was mich auch dazu bringt, meine seit fünf Monaten ruhende Rubrik “Menschen aus diesem Internet” mal wieder zu beleben. Danke, danke, danke für die letzten Tage an: @yetzt, @TheGurkenkaiser, @puzzlestuecke, @ihdl, @philipsteffan, @johl, @hanhaiwen, @hdsjulian, @saganelle, @girlscanblog, @kotzend_einhorn, @RiotMango, @matthiasr, @comme_un_autre, @habichthorn, @fraeulein_tessa, @dieKadda, @textartistin, @bergdame, @bommeljogi, @autofocus, @ageleie, @i_need_coffee, @kuebra, @mlle_krawall, @annnalist, @sv, @lana74, @moeffju, @eva_ricarda, @kixka, @m_boesch, @skudij, @tanjcar und alle, die die feministischen und/oder frauengeführten und/oder frauenbeteiligten #rp11-Panel aufmerksam verfolgt haben. Danke auch an alle, für die ich leider keine Zeit hatte, die ich nicht erkannt habe oder für die mir nach all dem Informations- und Menschenoverkill die Muße für Austausch fehlte. Und danke für all das Lob, das andere Aktivist_innen und ich während dieser drei Tage erhalten haben.

Neben der mittlerweile leider obligatorischen Kritik am nicht vorhandenen Internet und teilweise sogar zusammenbrechenden Handynetzen auf der #rp11 bleibt aber leider auch ein fader Beigeschmack. Obwohl die #rp11 in diesem Jahr (meine dritte insgesamt) so auffällig vielfältig war wie noch nie und sehr unterschiedliche Themen besetzt wurden, ist es erschreckend, wie homogen sich die Veranstaltung trotzdem noch darstellt. Unzählige nabelbeschauende, um sich selbst kreisende Panels, inhaltsleere Vorträge über gesellschaftlich wichtige Debatten dieser und kommender Jahre und zu großen Teilen ein Publikum, das sich mal ernsthaft Gedanken über Respekt, Anerkennung und wertschätzende Kommunikation machen sollte.

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