Posted on Okt 1, 2008

Der Baader-Meinhof-Komplex.

Wie ich hier so vor meinem Laptop sitze, Kaffee und qualmende Zigarette im Aschenbecher, nachdenklich, komme ich mir glatt vor wie Ulrike Meinhof.

Ich habe mich seit Wochen für meine Arbeit mit der RAF beschäftigt, habe den Aust bis zur Seite 400irgendwas Seite für Seite gelesen, habe mich durch einen Berg von Quellen gekämpft, war sogar auf der Internetseite der unsäglichen Roten Hilfe unterwegs. Es will sich in mir kein fertiges Bild über die RAF einstellen.

Meine Zugänge zur RAF waren bis zu den Recherchearbeiten für zoomer.de nicht vorhanden. Ich kannte das Symbol mit der MP5, dem roten Stern. Auch ein Bild von Schleyer vor dem Siegfried Hausner-Plakat war mir geläufig. Trotzdem fragte ich mich noch bis vor einiger Zeit, was Mediengruppe Telekommander mit

Gebt mir ein T-Shirt
mit Andreas Baader drauf
und einen Catwalk
für den Tagtraumdauerlauf
komm hohl auch du dir
preisgünstig Revolution
mit eins zwei Freibier
und Che-Guevara-Kondom…

meinen.

Der Großteil meiner Generation (80er und später) kennt die RAF nicht oder nur in Auszügen. Maximal ein kleines linksextremistisches Ensemble, ein Palituch zu viel, ein “Anti-Israel? das-darf-nicht-sein”. In Kontakt mit dem Film kam ich vor einem halben Jahr, als ich auf gmx.de den Bildern der Darsteller und ihren realen Abbildern auf dem Leim ging. Ein RAF-Dossier. Das haben wir noch nicht. Ein halbes Jahr später sehe ich mich in der Redaktion mit dem Aust-Wälzer vor mir, völlig vertieft in ein dunkles Kapitel Nachkriegsgeschichte, Überstunden und Spaß dabei.

Nun weiß ich von der RAF eigentlich genauso viel wie es sich für einen jungen Deutschen gehören sollte. Ein objektiver Eindruck entsteht dennoch nicht. Der BMK von Aust ist ein Zeitdokument, das alles an Objektivität versucht, aber kläglich scheitern muss. Zuviel Peter Boock ist in diesem Buch, Boock der sich selbst als Darsteller entlarvt hat. Aust vertraut ihm. Die Aneinanderreihung der Fakten im BMK ist durchaus geschichtlich belegbar, doch nicht frei von Subjektivität. Aust kannte die Meinhof sehr gut, er rettete ihre Kinder vor einem palästinensichen Ausbildungscamp für Waisen. Tot wäre er heute, erschossen von Andreas Baader und Horst Mahler. Wie kann er da objektiv sein? Aber kann man ihm seine Subjektivität verwehren, wenn er die Geschichte der RAF bis ’77 als etwas Emotionales darstellt? Emotional, wie die Zeiten damals waren? Wohl nicht. Sein Buch besitzt keine Deutungshoheit über die Geschehnisse jener Zeit, man sollte mehrere RAF-Werke lesen, um zu verstehen, was da vor sich ging. Doch die Bücher können keinen Mythos zerstören, auch der Film schafft das nicht im Geringsten.

Immer da, wo sich ein Mörder auftut, jemand der Gewalt anwendet für die Durchsetzung seiner Ziele, jemand, an dem Gewalt angewendet wird, der verabschiedet sich in uns vom Menschsein. Wir werden Che Guevara niemals in seinem Dasein als Mörder sehen, es wird noch 10 Jahren Pubertierende geben, die ihn auf der Brust tragen. Auch in 10 Jahren werden nur wenige Leute den Unterschied zwischen Stalinismus und Maoismus kennen, warum die Linksextreme lange Zeit antisemitisch war, bis heute in vielen Teilen ist, Antizionismus sich selbst in 10 Jahren einfach nicht schickt. Wir können nicht objektiv sein in politischen Diskursen, nicht frei Meinungen, die andere schon für uns gemeint haben. Der Sozialismus, warum er ablehnenswert ist und auch wieder nicht. Ein bisschen davon wird man verstehen, wenn man sich mit der RAF auseinandersetzt.

Ich für meinen Teil mag linke Bewegungen nicht, auch eine linke Ansicht ist mir zuwider, wenn man mal das Wörtchen “links” als das nimmt, was einem in den Kopf schießt, wenn man an “links” denkt. Ich bin ein Rationalist, schon immer gewesen, vielleicht sogar ein Abstraktist, wenn es sowas überhaupt gibt. Ich bin für Demokratie und Kapitalismus, finde, dass sich diese zwei Sachen nicht ausschließen. Denke, dass man Milliardenüberschüsse im Haushalt einzig und allein in Bildung und Entwicklung stecken sollte, anstatt es Hartz-IV-Empfängern zu geben. In einer Gesellschaft sollte jeder gefordert sein dürfen, von anderen fordern können, die Wirtschaft sollte den Menschen für ehrliche Arbeit ehrliches Geld bezahlen. Eigentlich ist es ganz einfach. Es scheitert jedoch an Details, die nach langem Überlegen so sinnlos erscheinen, aber zum “lange” kommt man nie.

So dass sich Baader, Ensslin, Raspe, Meinhof, Meins, Möller, Schubert und wie sie alle heißen nie als Mörder entpuppen werden. Sie werden ein Mythos bleiben. Ein Mythos, dessen Anfänge so richtig und lobenswert waren, ein Mythos der gescheitert ist, an seinem eigenen Dasein, an seinem Menschsein. Das Scheitern, das heute dafür verantwortlich ist, dass Studenten zu einem unpolitischen Leistungsvieh geworden sind, dass wir uns eingliedern in einen Strom, Angepasstheit, die Erfolg und Glück bringt. Das Leid, für das Dutschke & Co. damals auf die Straßen gingen hat sich doch aber nicht verändert? Wir leben immernoch in einem verkrusteten System, dass sicher noch den ein oder anderen Altnazi und Altkommunisten beherbergt, Menschen die Unrecht getan haben an sich und an anderen, dürfen unbehelligt bei Aldi der Oma die Tür aufhalten.

Einzig und allein gehalten hat sich das Bild der USA. Die Feinde schlechthin. Aber ist es ein Feind? Wer ist Feind? Israel? Russland? China? Hugo Chavez? Diese Frage zu beantworten ist schlicht unmöglich, wie sinnfrei.

Der Film versucht ein Stück Zeitgeschichte aufzuarbeiten. Er imponiert mit Massenszenen zu Beginn und Selbstmorden zum Ende. Er will den Mythos zerstören, schafft es aber eindrucksvoll, ihn aufrecht zu erhalten. Ich glaube, es ist die falsche Strategie Täter zu entmenschlichen, indem man ihnen möglichst wenig Freiraum zur Charakterzeichnung lässt und viel Geballer in den Vordergrund rückt. Eigentlich hätten es die Filmemacher wissen müssen, dass man mit Gewalt niemanden schockieren kann. Sie hätten es wissen müssen, dass sie die Schauspieler teilweise fehlbesetzt haben. Nicht weil sie schlecht spielten, einfach weil sie bekannt sind. Was bringt mir ein Tom Schilling als Dutschke-Attentäter, der bei seiner Festnahme noch kindlich haucht “Ich mag einfach keine Kommunisten”? Was bringt mir eine Alexandra Maria Lara als Petra Schelm, die zwar gekonnt die Angst der Terroristen zeigt und nicht die “harte Tour”, aber dennoch das hübsche Mädchen bleibt? Inwiefern kann ein Bruno Gans einen Horst Herold spielen, wenn ich mir bei seinem ersten Erscheinen auf der Bildfläche von nach Alkohol stinkenden Punks anhören muss: “Hey ist das nicht der Hitler?” Was macht Heino Ferch da? Jan-Josef Liefers? Was kann Bärchen-Bleibtreu schon dem ätzenden Wichser Baader anhaben? Allesamt gute Schauspieler. Doch muss man so dermaßen in den Vordergrund stellen, dass ein DEUTSCHER Film auch DEUTSCH sein kann ohne den “Tatort” nachzuspielen, wie es Spreeblick formuliert?

Vinzenz Kiefer als Peter Boock, ein Soap-Star spielt einen Selbstdarsteller. Warum eigentlich nicht?? Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt, eiskalt, ekelhaft. Gut. Aber warum ist die zweite Generation so verweichlicht? War sie das etwa?Fragen, die man wohl so nicht beantworten kann.

Warum bin ich ergriffen, wenn dem sterbenden Holger Meins, ein Monolog zuteil wird? Warum empfinde ich tiefes Mitleid bei der Festnahme von Ulrike Meinhof, die weinend zusammenbricht, als man sie fragt, ob sie wirklich die Meinhof ist, die da auf der Zeitung zu sehen ist? Eine hübsche Frau, deren politische Ambitionen selbst dem verhassten Schweinepolizeistaat die Tränen in die Augen treibt, als sie das Häufchen Elend sehen, das aus ihr geworden ist. Eine Ulrike Meinhof, die im Film viel zu menschlich dargestellt wird von einer großartig agierenden Martina Gedeck. Eine Ulrike Meinhof, der ich niemals hätte zuhören können mit ihrem langatmigen Gebabel.

Im BMK (Film wie Buch) werden Figuren vermenschlicht und entmenschlicht. Richtig und falsch zugleich. Der kaukasische Kreidekreis der BRD.

Es gibt Fakten zum Film, die unbestritten sind: 10 Jahre in 3 Stunden ist eine Quasi-Unmöglichkeit, ein Täterfilm, ein Blockbuster, ein Austfilm, ein guter Film. Wer eine Ahnung davon haben will, was in den später 60ern auf der Welt los war, der muss diesen Film sehen (und natürlich auch andere), wer Helmut Schmidt reden sehen will, der sollte diesen Film sehen. Die Einbindung von Ton- und Videoelementen jener Zeit reißen einen für einen kurzen Augenblick in die Realität zurück, die aber nie eine sein wird.

Für mich bleibt die RAF unentmythisierbar. Vorwiegend die erste Generation, die RAF, deutscher Terrorismus, ein Stück dunkler Fleck deutscher Geschichte. So fern, so anziehend, so menschlich, so abstrakt.

Vielleicht kann eine Möglichkeit sein, dass dieser Stoff den Weg in den Geschichtsunterricht findet, vielleicht kann eine Möglichkeit sein, dass die Nachkriegszeit im Geschichtsunterricht wegkommt von dem Faktenaneinanderreihen Kriegsende bis Mauerfall. Vielleicht sollte man mal laut aussprechen, dass Buback und Schleyer Altnazis waren, die ihren Weg in die BRD gefunden haben. Vielleicht sollte man dabei aber nicht vergessen, dass die linke Bewegung ganz schnell ihre Mörder in dein eigenen Reihen weggeschwiegen hat, so wie die BRD ihre Nazis.

Aber das hat dann nichts mit Baader, Ensslin und allen anderen zu tun.

Posted on Sep 29, 2008

Posted on Sep 27, 2008

BILD, Hitler und die Medien.

Ich habe es ja schon kundgetan.

Und möchte gern wissen: Wann hat es sich eigentlich eingebürgert, dass man alles, was man mit den Mainstreammedien als etwas Schlechtes verbindet, gleichzeitig auch an die BILD denkt und äußert?

Das Vergleichskriterium für ein Mainstreammedium, sei es TV, Radio, Online oder Print ist die BILD. Auf dem schmalen Grat um die Gunst der Rezipienten geht es nur noch darum, nicht mit der BILD verglichen zu werden. Wer nicht weiter weiß, wer keine Ahnung vom Geschäft hat, wer keine Ahnung von Journalismus hat, wer ein Troll ist, all das undifferenzierte dumme Geplapper des Internetmobs (mich natürlich mit inbegriffen) kanalisiert sich in einem Satz, der rundumschlagender nicht sein könnte: “Das ist ja BILD-Niveau”.

Da werden Meinungsstücke der BILD gleichgesetzt, weil die Leser zu blöd sind Artikel und Meinung trotz Kennzeichnung zu unterscheiden. Da werden Meinungsstücke/Artikel mit der BILD gleichgesetzt, weil die Leser keine Ahnung von journalistischen Genres haben. Sie wollen stets objektive Information. Sobald es sich bei der Information jedoch um Boulevard oder einen Fakt handelt, der nicht in deren Weltbild passt, ist es unseriös, unsachlich, Meinungsmache, kurz: BILD.

Hier stellt sich natürlich leicht die Frage: Was war zuerst da, Huhn oder Ei? Ist die BILD schuld mit ihrer Vorstellung von “Zeitung machen”, dass sich alles Schlechte in ihr manifestiert hat und gleichzeitig zum Akronym für jeden “Fehler” der Mainstreammedien? Oder sind die Rezipienten schuld, die dem Boulevard zu wenig und gleichzeitig zu viel zumuten, gespickt mit ordentlich Unwissenheit?

Und wie weit sind unsere Erwartungen an die großen Medien Deutschlands überhaupt noch zeitgemäß? Ist nicht aller Streit über die Medien, die so verteufelt werden, ein zusammengekehrtes Häufchen Elend, das sich selbst beiseite fegen würde, wären wir der Rationalität fähig? Seit wann überschätzen wir uns als Leser gleichzeitig mit der Aufgabe des Presserats, des Verurteilers? Warum ständig Scharfrichter sein in einem Prozess, für den Objektivität schon lange ein Fremdwort ist?

Man sollte vielleicht endlich mal begreifen, dass Medien machen im Großen und Medien nachahmen im Kleinen ein himmelweiter Unterschied ist. Dass die BILD da ist und dass sie für einen Großteil der Deutschen ein Informationsmedium darstellt. Dass es ist, wie es ist. Dass alle Medien außer die BILD nichts mit der BILD gemein haben. Vielleicht noch die ganzen xy-Kuriere und die B.Z., die noch schlimmer ist als die BILD selbst.

Dass ein Vergleich eines Mediums mit der BILD einem Hitlervergleich nahe kommt: argumentationsfrei, sinnfrei, schuldfrei.

Medienkritik braucht ein neues Spielfeld, eine neue Herangehensweise, mehr Substanz. Vorurteilsfreie Begegnung mit dem Mainstream der Informationsbranche kann auch sein, dass man die Inhalte konsumiert, die einem wirklich am Herz liegen und interessieren. Kritik gegebenenfalls inbegriffen. Den Rest blendet man einfach aus. Die Gebetsmühle hakt schon längst.

Posted on Sep 23, 2008

MeinVZ ist komisch.

Oder die leute, die darin wohnen. Seitdem ich von Studi umgezogen bin, wird mein Profil mindestens 3x so häufig von Unbekannten Leuten gescannt (zum Glück hab ich das alles privatisiert), mich gruscheln irgendwelche Heinis oder ich bekomme ominöse Flirtmails von Frauen UND Männern. Muss das sein? Spam hab ich schließlich bei MySpace schon genug.

Zudem: Und das wollte ich schon immer mal loswerden. Mitglieder von MeinVZ sind sowas von uncool und unlustig. Die hässlichsten Gruppennamen auf einem Haufen.

Kostprobe gefällig? Hmm Mist. Hab ich vergessen. Aber irgendwas mit…Tag Abend und Loben. Gruselig.

Alternativen zur VZ-Gruppe sind schwierig. MySpace ist echt toll, nur leider kann man keinen aus der Web2.0 Generation da hinbewegen. “Ist doch uncool”, hörte ich schon des öfteren. Dabei ist MySpace, was die Usability angeht, weitaus besser geworden. Angenehm auch. Leider gibt es wenige Schnittmengen meiner VZ-Homies mit denen aus MySpace. So muss ich meine Daten zweimal hergeben, nur damit ich präsent bin. Der Hohn.

Wie Facebook? Ich bitte dich.

Posted on Sep 17, 2008

Herbstzeit, Filmzeit

Es gab in diesem Jahr nicht sonderlich viele Filme, die ich mir hätte anschauen mögen. Ich glaube, seit dem Welle-Debakel war ich auch nicht mehr im Kino. Und es war auch mein einziger Kinofilm in diesem Jahr bisher. Das ist schlecht für mich als Quasi-Cineast. Aber, man bedenke demnächst doch bitte diese beiden! Prädikat: Besonders wertvoll.

bmk_hauptplakat_de.jpg