Posted on Aug 5, 2011

Slutwalk Berlin needs you!

Liebe Teilnehmer_innen des Berliner SlutWalks – Habt ihr Lust den SlutWalk zu unterstützen?

Das könnt ihr tun:

Wir brauchen Ordner_innen! Diese kümmern sich um das Freihalten von Gehwegen, U-Bahn-Eingängen und schreiten ein, falls es zu aggressivem Verhalten kommt.

Wir brauchen Hilfe mit dem Lauti-Wagen! Dieser überträgt Musik und Redebeiträge und muss ständig von mehreren Personen umgeben sein, damit niemand sich daran verletzt. Außerdem brauchen wir Personen, die den Wagen anschieben.

Wir suchen noch eine_n Fahrer_in für unseren zweiten Lauti-Wagen!

Wir brauchen Hilfe im Awareness-Team! Dies sind Personen, die speziell darauf achten, ob sexistische, homo-queer-trans*phobe oder rassistische Übergriffe passieren und dann eingreifen. Bitte meldet euch zahlreich bei uns, damit wir den SlutWalk für euch alle sicher und angenehm gestalten können!

Schreibt einfach eine E-Mail an: slutwalkberlin@gmail.com / wir melden uns dann so schnell wie möglich bei euch und geben euch weitere informationen

Außerdem: Wir brauchen Unterstützung bei Plakat- und Flyeraktionen in ganz Berlin. Diese liegen zur Mitnahme im Café Cralle, im Silverfuture und im Café Morgenrot aus. Bedient euch!

Posted on Aug 2, 2011

Unterdrückung ist Sache der Unterdrückten

Für die Aufklärung über Homophobie sind Schwule zuständig, für jene über Rassismus PoC, und um Islamophobie zu beseitigen, bedarf es permanenter Aktivität von Muslimen. Bei feministischen Themen müssen Frauen ran. Das ist kein Thema für Männer.

Sie haben zudem die Aufgabe, Leute irgendwo „abzuholen“ und sanftmütig in therapeutischer Haltung, geduldig Andere darüber aufzuklären, wie diese selbst ticken. Weil Homophobie, Rassismus und dergleichen ja auch gar kein mehrheitsgesellschaftliches Problem sind, sondern das der Minderheiten.

Minderheitenvertreter sind auch dazu da, ggf. Trost zu spenden, wenn dann doch mal daneben gehauen wurde. Weil das ja alles nicht so gemeint war. Jede Redaktion braucht zu diesem Zweck einen Redaktionsschwulen und und einen Redaktionsschwarzen und eine Redaktionsfrau, die sind dann für schwule, schwarze und Frauen-Themen zuständig. Gnädig lauscht man ihnen. Manchmal. Und wendet sich dann dem Allgemeinen zu.

[...]

Für die Definition dessen, was Rassismus, Homophobie usw. IST, wo Benachteiligungen vorliegen, wo Stereotype sich formulieren, ist hingegen die Mehrheitsgesellschaft zuständig, nicht die betroffene Gruppe. Jeglicher Verstoß gegen diese Regel wird mit Empörung geahndet. Und der Verweis auf solche Strukturen ist grundsätzlich stigmatisierend, weil wir doch alle gleich sind.

[...]

Ein Recht auf Verletztsein haben ausschließlich jene, die von einer Minderheit der Diskriminierung gescholten werden. Denen hat Mitgefühl zu gelten. Das ist das Schlimmste, was einem in Deutschland passieren kann. Die Artikulation des Verletztseins und Kritik von Minderheiten ist a priori instrumentell, um sich moralische Überlegenheit zu verschaffen. Entsprechend hat jeder von Minderheiten Kritisierte zunächst einmal die Aufgabe, die eigenen Privillegien und die eigene Machtposition abzusichern und die Kritik als unzulässig auszuweisen.

[...]

Ergänzend ist alles, was man nicht auf Anhieb versteht, kein Grund zum Nachdenken, sondern als Geschwurbel zu stigmatisieren, das nichts anderem als dem intellektuellen Schwanzvergleich dient. Wissens- und Erfahrungsvorsprünge sind als solche verwerflich, weil sie ausschließlich genutzt werden, um Diskurshoheit zu erzielen. Mit Kompetenz oder dem Anliegen, etwas zu erläutern, was vielleicht anderen noch nicht klar ist, hat das grundsätzlich gar nichts zu tun, deshalb kann man da auch nix lernen.

Vollständiger Artikel auf Metalust.

Posted on Jul 25, 2011

Rassismus und die Kolonialisierung des Anderen

Während sich Rassismus für die meisten in Deutschland lebenden People of Color, Migrant_innen, Afrodeutschen und Schwarzen als alltäglich erlebte Realität darstellt, wird Rassismus durch Mitglieder der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft bagatellisiert oder geleugnet (vgl. Terkessidis 2004, Mecheril 2007, Jäger/Jäger 2007, Kilomba 2008, Sow 2009). Hier zeigt sich die Definitionsmacht einer weißen Dominanzkultur, die Rassismus und dessen Wirkmächtigkeit nach dem Ende des Nationalsozialismus tabuisiert hat.

Rassismus lässt sich als ein System von Diskursen und Praxen begreifen, das historisch entwickelte und aktuelle Machtverhältnisse legitimiert und reproduziert (vgl. Rommelspacher 2009). Dabei werden vermeintliche soziale und kulturelle Differenzen naturalisiert und somit soziale Beziehungen zwischen Menschen als unveränderliche und vererbbare verstanden. Menschen werden dafür in jeweils homogenen Gruppen zusammengefasst (meist anhand der Kriterien von Hautfarbe und Herkunft), homogenisiert und der dominanten Mehrheit als grundsätzlich verschieden und unvereinbar gegenübergestellt und untergeordnet. Bei Rassismus handelt es sich also nicht um individuelle Vorurteile, die sich aus dem Umgang mit dem vermeintlich Fremdem zum Schutz des eigenen Selbstbildes ergeben (vgl. Rommelspacher 2002, Ha 2009), sondern um die Legitimation von gesellschaftlichen Hierarchien, die auf der Diskriminierung der so konstruierten Gruppen basieren. In diesem Sinn markiert Rassismus immer ein gesellschaftliches Verhältnis.

Eine Besonderheit des heutigen Rassismus in Deutschland besteht darin, dass sich der ehemals biologistische „Rasse“-Begriff hin zu einer Kulturalisierung verschoben hat (vgl. Sinflou 2007). Dabei wird mit „kulturellen“ Konstruktionen operiert, die ebenso essenzialisierend einer bestimmten Gruppe zugeschrieben werden. Nach wie vor werden bestimmte Gruppen hauptsächlich nach Hautfarbe und Herkunft gebildet, nur die Gruppenkonstruktion wird mit einer kulturalistischen Argumentation gerechtfertigt. Damit verschleiert sich der tabuisierte und sanktionsfähige „Rasse“begriff zu einer intellektualisierten Form, die an Mehrheitsdiskurse anknüpfen kann.

Rassismus ist mittlerweile individuell den Abgrenzungsbedürfnissen und Überfremdungsängsten der Mehrheitsgesellschaft anpassungsfähig, weil diese Abgrenzung als eine natürliche Abwehrreaktion gegen das vermeintlich Fremde inszeniert werden kann. Dadurch wird der Boden für restriktive Sondergesetze bereitet, die den Zuzug nach Deutschland nach Deutschland erschweren, die Zugriffsmöglichkeiten des Staates auf Migrant_innen und Flüchtlinge erweitern oder gar eine Rückkehrforderung möglich machen (vgl. Ha 2007d und 2009). Um diese Form des Rassismus weiter zu verschlüsseln, werden Migrations-geschichten aus der Kolonialzeit geleugnet und ignoriert oder koloniale Muster reaktiviert (vgl. Ha 2003, 2005 und 2007c).

Weiterhin wesentlich für Rassismus hierzulande ist, dass er durch die Interdependenz von Aneignung und Ablehnung gekennzeichnet ist (vgl. Ha 2009). Rassifizierte Subjekte müssen ihre nationalökonomische Nützlichkeit unter Beweis stellen, die mit exotistischen Erwartungen der weißdeutschen Dominanzkultur verknüpft ist (vgl. ebd.). Die gesellschaftliche Akzeptanz von Migrant_innen wird also von Chancen und Vorurteilen für Deutschland abhängig gemacht. Migrant_innen können daher nicht selbst über ihre Anerkennungskriterien und Zugangsbedingungen bestimmen.

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Posted on Jul 19, 2011

Abschaffen und abschaffen lassen.

Wie viele von euch wissen, schlich Sarrazin neulich für ZDF Aspekte durch Kreuzberg und wunderte sich, dass er als Rassist beschimpft und aus Lokalen herauskomplimentiert wurde. Die alevitische Gemeinde verweigerte ihm das Gespräch. Journalistin Güner Balci, die mit ihm durch Kreuzberg zog (aus welchen Gründen auch immer) ließ sich darnieder, Sprecher_innenpositionen und Kontexte auszublenden. Klar, dass das Unmut hervorruft, schlachtet doch die hiesige Presse die hiesigen Ereignisse dafür aus, billiges Migrant_innenbashing zu betreiben und Sarrazins Wunden zu lecken. Nachfolgend veröffentliche ich einen offenen Brief an Güner Balci, der nicht aus meiner Feder stammt, sondern aus Beris:

Liebe Güner,

ich setze mich zur Wehr gegen deine einseitige und abwertende Berichterstattung über den „Besuch“ Sarrazins in Kreuzberg am 12.07.2011 (Kreuzberg schafft sich ab, Morgenpost, 16.07.2011, S.9).
In deinem Artikel schreibst du einleitend von einem „Spaziergang“, einer „lockeren Begegnung“ „ohne großes Aufsehen“, und ich frage mich ernsthaft, wie du dir einen feucht fröhlichen Spaziergang in einem Kiez voller –wie du selbst schreibst- „wütender Migranten“, die sich gegen seine rassistischen[1] Vorwürfe zur Wehr setzen, vorgestellt hast? Was habt ihr von den „Empörten“ erwartet? Offene Arme und/oder ein herzliches Händeschütteln in unterwürfiger Manier? Nein, Güner, manchmal sind Menschen nicht so dumm, wie ihr sie gern haben wollt. Euer „Besuch“ war eine reine Provokation, und ihr wusstet sehr genau, dass sich die Betroffenen verbal zur Wehr setzen würden gegen Sarrazin und gegen sein erfolgreiches Instrument, den Medien, die ihn bei seinem ach so „ganz selbstverständlich[en]“ Besuch auf Schritt und Tritt begleitet haben, um nur das wiederzugeben, was ihm und anscheinend auch dir in den Kram passt (was du übrigens mit deinem polemischen Artikel sehr akkurat unter Beweis gestellt hast, Danke dafür!).

Ja Güner, in einem Punkt stimme ich dir zu: wir KreuzbergerInnen haben uns empört! Wir haben uns nicht instrumentalisieren lassen, weder von Sarrazin noch von den Medien, und werden es auch nicht dir erlauben, über unsere Köpfe hinweg bestehende Vorurteile zu festigen. Wir haben von unserem Grundrecht der freien Meinungsäußerung Gebrauch gemacht. Wir haben uns gemeinsam gegen einen Menschen widersetzt, der seine Bevölkerung nach ökonomischer Leistung und „kultureller“ Herkunft (ab-)bewertet.
Dass der ökonomische Erfolg in einem kapitalistischen System von ungeheurer Bedeutung ist, wissen wir als mündige BürgerInnen mit und ohne Migrationshintergrund sehr genau. Die strukturelle Benachteiligung im Bildungssystem sowie auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt ist ein wichtiger Faktor, der den Menschen im Allgemeinen soziale, kulturelle und politische Partizipation nicht ermöglicht bzw. erschwert.
Wir brauchen keinen Sarrazin, der uns vorschreibt, wie, was und wann wir Essen müssen, damit wir in diesem System überleben können. Wir brauchen keinen Sarrazin, der uns erklären muss wie wir zu leben haben, damit wir dem Staat nicht auf der Tasche sitzen. Wir brauchen keinen Sarrazin, der meint, dass wir unsere Geburtenrate zu kontrollieren haben, weil wir für die Verdummung des Staates verantwortlich seien, weil seiner Meinung nach Intelligenz vererbbar sei, und in seinen Augen nur die Intelligenten das Recht auf Existenz haben. Wir brauchen keinen Sarrazin, der uns erklärt, dass wir, die „Unterschicht“ in diesem kränkelnden System kein Existenzrecht haben. Wir brauchen aber auch keinen Sarrazin, der uns „tabubruchartig“ erklären muss, dass MigrantInnen diesem Staat im Allgemeinen nicht gut tun. Wir brauchen sein Bestsellerbuch nicht, um über unseren Kosten-Nutzen-Faktor zu lesen. Wir sind Menschen, Güner. Keine Zahlen, keine Zahlen. Menschen. Und weil Sarrazin das nicht versteht, haben wir mit unserer Handlung und Haltung ihm zu verstehen gegeben, dass wir in seinem ungleichen und falschen Spiel nicht mitspielen möchten. Was wir brauchen ist Respekt, soziale und ökonomische Gleichberechtigung und politische Partizipation. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich spreche hier nicht nur als Deutsche mit dem speziellen Migrationshintergrund, sondern als Kind einer Arbeiterfamilie, wenn du so gütig sein und mir dieses Recht eingestehen kannst, trotz meines Namens, trotz der Herkunft meiner Eltern.

Wir brauchen einen Dialog schreibst du so schön in deinem widersprüchlichen Artikel. Ein Dialog ist meiner Meinung nach nur dann möglich, wenn Menschen sich auf einer Augenhöhe begegnen. Sarrazin hat jedoch mit seiner Haltung mehrmals bewiesen, dass es ihm nicht um einen ebenbürtigen Dialog geht. Wie also soll deiner Meinung nach dieser Dialog aussehen? Indem wir uns beugen, ihm das Recht auf Sprechen eingestehen, uns selbst als klagende Opfer inszenieren? Allem Anschein nach habt ihr ernsthaft erwartet, dass wir unsere andere Wange hinhalten würden. Wir haben uns stattdessen entschieden unsere Stimme zu erheben. Unserer Wut über die ständigen Schuldzuweisungen und Diffamierungen seitens Sarrazin freien Lauf zu lassen, uns über ihn zu empören und uns zur Wehr zu setzen.

Was du in deinem Artikel nicht erwähnt hast, liebe Güner, sind die Beleidigungen und die Beschimpfungen, die sich Sarrazin geleistet hat. Du hast nicht erwähnt, dass er mich als „strohdumm“ und meine männliche Begleitung als „linksradikalen Faschisten“ abgestempelt hat. Du hast nicht erwähnt, dass Sarrazin ihm in chauvinistischer Manier das Recht abgesprochen hat sich zu empören, weil er nicht aus Deutschland stamme, und sich deshalb als „Gast“ zu verhalten habe. Du hast nicht erwähnt, dass er uns permanent unterbrochen hat, und sich nicht mal getraut hat, in unsere Augen zu schauen. Warum scheut er sich davor? Liegt es etwa daran, dass er durch den Augenkontakt den Menschen in uns erkennen würde? Du hast auch nicht erwähnt, dass Sarrazin die alevitische Gemeinde, die ihre Begründung für die Ablehnung seines Besuches in einer friedlichen und ausführlichen Rede vorgetragen hat, als „antidemoktratisch“ abgewertet hat. Ebenfalls unerwähnt in deinem Artikel blieb seine Aussage, die Gemeinde würde durch diese Haltung nur Vorurteile bestätigen. Mit dieser Aussage hat er ihr nicht nur das Recht auf freie Meinungsäußerung abgesprochen, sondern einen Versuch gestartet ihren Handlungsspektrum gegen rechtspopulistische Politik zu vermindern: durch die drohende Äußerung und seine typische Machtdarstellung hat er nochmals unter Beweis gestellt, dass er nicht in der Lage ist, mit diesen Menschen auf einer Augenhöhe zu kommunizieren. Ich frage dich noch mal, Güner: Ist das das Niveau auf dem ihr Dialoge führen wollt? Ich glaube kaum. Also sag mir doch bitte, aus welchem Grund ihr uns KreuzbergerInnen „spontan und ohne großes Aufsehen“ besuchen gekommen seid. Warum ist dein Begleiter nicht vor seinem Bestseller auf die Idee gekommen, sich die Probleme und Sorgen der KreuzbergerInnen –speziell mit Migrationshintergrund- anzuhören, denn ein Dialog bedeutet auch zuhören. Sarrazin hat genug geredet und geschrieben. Jetzt sind wir an der Reihe zu antworten.
Abschließend, liebe Güner, möchte ich dir noch etwas mit auf den Weg geben: Wir werden uns von euch nicht verbieten lassen zu sprechen, denn wir sind gleichberechtigte BürgerInnen dieser Stadt und haben Mitspracherecht vor allem, wenn es um uns geht.

Eure Aktion hat uns außerdem deutlich gemacht, dass wir uns nicht abschaffen lassen werden.

Von: Beri vom „Kreuzberger Mob“

[1] beispielhaft: http://www.sueddeutsche.de/politik/gutachten-zu-thilo-sarrazin-rassistisch-elitaer-und-herabwuerdigend-1.58130 // http://www.akweb.de/ak_s/ak544/42.htm // http://andersdeutsch.blogger.de/stories/1501130/

Posted on Jul 18, 2011

weiß.

Der Begriff ‚weiß‘ (auch: Weißsein, whiteness) besitzt in den kritischen Wissenschaften, ähnlich dem Begriff ‚gender‘ mehrere Gegenstandsebenen: Zum einen markiert er die Zugehörigkeit zu einem privilegierten Kollektiv, welches sich auf rassistischen Herrschaftsverhältnissen gründet, zum anderen zeigt er ein gesellschaftliches Verhältnis und wird zur kritischen Analyse von Normen, Diskursen und Strukturen genutzt, die rassistische Herrschaftsverhältnisse begünstigen oder stützen. Der rassifizierende Blick auf das ‚Andere‘ wird umgekehrt, hin zum ‚Eigentlichen‘, dem Ursprung der Rassifizierung.

Weißsein kann nicht gedacht werden ohne eine geographische und historische Kontextualisierung, die eng mit dem imperialistischem Weltmachtstreben Europas und dem europäischem Kolonialismus verbunden ist. Europa wird dabei als politisches und soziales Konstrukt verstanden, das vor allem in seiner Abgrenzung nach außen erst hergestellt wurde. Weißsein funktionierte dabei als dominanter Diskurs und strukturierende Kategorie. Die Inszenierung Europas als weißes, also einzig legitimes, weil einzig existierendes, handelndes Subjekt der Geschichte hatte zur Folge, dass alles, was aus diesem Subjekt herausfiel, zwangsläufig definiert, beherrscht, kolonisiert, zivilisiert werden musste. Kolonisierende galten in der Fremde nicht als Fremde, sondern als Herrscher_innen und Erzieher_innen über die Fremden.

Im Kontext kolonialer Vergangenheit revitalisiert ‚weiß‘ als unsichtbare Normalität und dominante Kategorie Geschichte, wobei sie die rassifizierte Differenz und weiße Hegemonie enthistorisiert und entpolitisiert, sprich: dethematisiert. Das Schweigen über die koloniale Vergangenheit Europas und Deutschlands kann daher als spezifische, dominant ‚weiße‘ Machtartikulation verstanden werden: Die realgeschichtliche Kolonialisierung wird mit einem „weißen Schleier“ überzogen. Diese „Weißwaschung“ der Geschichte richtet für weiße Metropolenbewohner_innen eine komfortable Scheinwelt ein, in der die Bedeutungslosigkeit von Kolonialismus suggeriert wird.

Dass auch das deutsche Nationenverständnis weiß markiert ist, lässt sich unter anderem daran ablesen, dass ein deutscher Pass nicht zwangsläufig vor rassistischer Diskriminierung schützt. Weißsein stellt also neben einer Strukturkategorie, einem dominanten Diskurs und einer privilegierten Kollektivzugehörigkeit, die unsichtbar bleibt, auch ein integrations-resistentes Konzept von Zugehörigkeit dar: Wer „Inländer“ und wer „Ausländer“ ist, wird nicht ausschließlich über Nationalität bestimmt, sondern zunächst über biologistische „Rasse“-Konzeptionen.

Dennoch müssen beide Kriterien im nationalen Kontext als interdependent verstanden werden: Im Zuge der Nationenbildung kam es zu einer Verknüpfung von rassifizierender Differenzierung und der Idee des exklusiven „Volkstums“. Daraus resultierte ein völkisches Denken, welches im deutschen Staatsbürgerschaftsrecht des 19. Jahrhunderts institutionalisiert und durch das Prinzip ‚ius sangini‘ verkörpert wurde. Seit der Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes im Jahr 2000 gilt in einigen Fällen das Geburtsortprinzip ‚ius soli‘.

Allerdings ist dessen Anwendung bei der Vergabe der deutschen Staatsbürgerschaft an aufenthaltsrechtliche Bestimmungen geknüpft, die wiederum bestimmte Migrant_innen von der Zugehörigkeit und damit dem Zugang zu Ressourcen ausschließen. Außerdem soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass ein institutionalisiertes und damit Norm setzendes völkisch-rassistisches Prinzip, wie das des ‚ius sanginis‘, eine nicht unbeträchtliche diskursive Wirkmächtigkeit besitzt.

Zum Weiterlesen:
Gabriele Dietze et al. (Hg.) (2006): Weiß – Weißsein – Whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus. Critical Studies on Gender and Racism, Frankfurt am Main: Peter Lang.
Maureen Maisha Eggers et al. (Hg.) (2005): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster: Unrast.
Ha, Kien Nghi (2003): Die kolonialen Muster deutscher Arbeitsmigrationspolitik; In: Encarnación Gutiérrez Rodriguez & Hito Steyerl (Hg.): Spricht die Subalterne deutsch? Postkoloniale Kritik und Migration, Münster: Unrast, S. 56-107.
Rommelspacher, Birgit (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, Berlin: Orlanda.
http://www.m-strasse.de/sprache/weisssein
http://de.wikipedia.org/wiki/Weißsein (das Literaturverzeichnis ist relativ umfassend)