Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland – Notizen zu Akademie, Berlin und dem feministischen Mainstream

Ich war gestern Abend auf der Buchvorstellung der Anthologie „Euer Schweigen schützt euch nicht“ unter Herausgeberinnenschaft von Peggy Piesche über Audre Lorde und die Schwarze deutsche Frauenbewegung.[ref]Aus der Beschreibung: „Euer Schweigen schützt Euch nicht“ – Ein Aufruf zu Sprache und aktivem Handeln, der dringlicher nicht sein könnte. Wie viele der Appelle, Schriften und Aufrufe Audre Lordes war er prägend für die (internationale) Frauenbewegung und besonders für die Bewegung Schwarzer Frauen. Das rückhaltlose Ausloten von Sexismus, Rassismus, Homophobie und Klasse machen Audre Lorde auch zwanzig Jahre nach ihrem Tod zu einer der einflussreichsten Kämpferinnen für die Rechte Schwarzer Frauen… [/ref] Die Veranstaltung war für mich Fragen aufwerfend und beeindruckend. Beeindruckend, so viel aus erster Hand von Schwarzen Aktivistinnen über ihre Geschichte, ihre Organisierung und die Zusammenarbeit mit Audre Lorde zu erfahren. Katharina Oguntoye, Marion Kraft, Peggy Piesche und Maisha Eggers und zuletzt Debora Moses-Sanks ließen die Zuhörer_innen an ihrer Biografie teilhaben. Sie erzählten, was für sie in einer Welt, die von rassistischen Strukturen und Vereinzelung, von weißer Dominanz und Deutungshoheit Zusammenhalt, Community, Empowerment, Aktivismus und Macht bedeutet. Sie erzählten von den Anfängen der Schwarzen Frauenbewegung in Deutschland Mitte der 80er Jahre und schlugen einen Bogen bis in die Gegenwart, bis zu Bühnenwatch und der unermüdlichen Arbeit des ISD und ADEFRA seit mehr als 25 Jahren. Wie Audre Lorde diese Anfänge begleitet, geprägt und mit-initiiert hat. Es wurden Gedichte von Audre Lorde, May Ayim und Ana Herrero Villamor vorgelesen (u.a. von Noah Sow), Teile aus Interviews mit Audre Lorde, die Marion Kraft geführt hat.

„Euer Schweigen schützt euch nicht“ heißt die Anthologie, die die Geschichte der Schwarzen Frauenbewegung in Deutschland nacherzählt, eine relativ junge Geschichte, die mit „Farbe bekennen“ einen ersten Marker setzte. Fragen bleiben zurück in meinem Kopf, Fragen, die auch Verunsicherungen sind. Ich will mal aufschreiben, was mich während und nach der Veranstaltung bewegte:

Was heißt es eigentlich für die Geschichte und die Errungenschaften der gesamtdeutschen FrauenLesbenbewegung, dass Schwarze (und migrantische) Aktivistinnen sich erst Mitte der 80er Jahre zusammenfinden und organisieren konnten? Was sagt das über Feminismus und frauenlesbenbewegten Aktivismus in Deutschland aus?

Ich habe einige Verbindungspunkte zur weißen Autonomen Lesbenbewegung in Deutschland erkannt, einige personelle Überschneidungspunkte, Zusammenarbeit, Gemeinsamkeiten und solidarische (temporäre) Bündnisse. Wie sahen diese genau aus? An welchen Punkten fand mensch zusammen? An welchen Punkten trennten sich die Wege wieder und warum?

Mir fiel außerdem auf, dass sehr selbstverständlich von Lesben und Heteras gesprochen wurde, von ihren doch an vielen Stellen unterschiedlichen Lebensrealitäten. Ich erlebe das heute auf feministischen Veranstaltungen kaum noch, dass diese Distinktion getroffen wird, was ich schade finde, weil diese Unsichtbarkeit oft umgemünzt wird in ein positiv konnotiertes „Wir Frauen“, thematisch es aber bei der Besprechung der Lebensrealitäten von Heteras bleibt. Es könnte damit zusammenhängen, dass sich junge weiße Feministinnen in meinem Alter (also Mitte 20 bis Mitte 30), die nicht in autonomen Gruppen organisiert sind, selten auf feministische Geschichte in Deutschland beziehen. Einen Feminismus für sich reclaimt haben, der sich selten in einer Tradition sieht. Der sich gut einpasst in das heutige System und sich permanent auf den geschlechterpolitischen Backlash bezieht, aber ihn nur soweit zurückweist, bis die Forderungen der eigenen (heterosexuellen) Lebensrealität erfüllt sind.
Was ich gestern auf der Veranstaltung gehört und erlebt habe, ist meilenweit von dem entfernt. Meilenweit. Nicht nur in der Art und Weise der Erzählungen, sondern auch der Inhalte und Lebensrealitäten. Talkin‘ about Marginalisierung.

Aber nicht nur davon meilenweit entfernt. Ich sehe auch wenige (wenn doch mehr als im Vergleich zum Beispiel von eben) Verbindungslinien zur queer_feministischen Subkultur in Berlin. Es gibt ein paar wenige Schnittstellen und Nadelöhre, was sich für mich (bezogen auf Berlin) am deutlichsten an der Arbeit von LesMigras zeigt und dass viele mir bekannte Gesichter entsprechende Veranstaltungen besuchen wie diese gestern Abend. Es hat sich – so zumindest mein Gefühl – ein Verständnis in der weiß dominierten queer_feministischen Subkultur in Berlin durchgesetzt, dass Rassismus und Weißsein keine Marginalthemen mehr sind, mit denen eine_r sich beschäftigen kann, wenn die anderen Felder beackert worden sind.

Dass die Verflechtungen etwas stärker sind als im Bereich des feministischen Mainstreams, wundert mich nicht. Einerseits, weil die queer_feministische Subkultur Berlins aus der Autonomen FrauenLesbenbewegung hervorgegangen ist und_oder sich in der Tradition sieht und die Gender Studies an der HU Berlin einen wesentlichen Beitrag leisten: Einerseits, weil die Theorien, die dort gelehrt werden zum Teil radikal(er) sind gegenüber anderen Gender Studies Studiengängen oder Fächern, die sich mehrheitlich mit politischen Instrumenten wie Gender Mainstreaming, Frauenförderung und Diversity Management beschäftigen oder auf der Ebene des „wie wird Geschlecht hergestellt“ verbleiben, also auch Feministische Theorien ein Bestandteil der Gender Studies an der HU Berlin sind, viele Lehrkräfte Bezug auf die Genealogien Schwarzer, postkolonialer und in der Diaspora verorteten Theoretiker_inenn nehmen, viele Schwarze Aktivistinnen dort gelernt, gelehrt und gewirkt haben, der Kanon dort Teile der Intersektionalitäts- und Rassismustheorien und Critical Whiteness Studies mit einbezieht. Und eben, weil viele Menschen, die in der queer_feministischen Subkultur unterwegs sind, an der HU studieren.

Das führt mich direkt zum nächsten Punkt: die Universität als Ort der gemeinsamen Geschichte, als Ort der (Selbst-)Ermächtigung, Politisierung, Radikalisierung. Katharina Oguntoye, Marion Kraft, Maisha Eggers und Peggy Piesche erzählten davon, wie die Universität für sie ein Weg war, ihre Geschichte kennenzulernen und diese wiederum in die Akademie zu tragen. Kraft, Piesche und Eggers haben und hatten über mehrere Jahre/Jahrzehnte Lehraufträge und Professuren an vielen (nicht nur deutschen) Universitäten und haben einen wesentlichen Teil zur Kanonisierung afrodeutscher, afrikanischer und Schwarzer US-amerikanischer sowie postkolonialer Geschichte beigetragen.[ref] Auch Audre Lorde lehrte an der Akademie, wie beispielsweise an der FU Berlin, an der später auch Grada Kilomba einige Lehraufträge hatte. Aktuell hat Kilomba die Vertretungsprofessur für Lann Hornscheidt an der HU Berlin und lehrt dort zu postkolonialen Feminismen und Wissenschaftskritik.[/ref] Aktivismus und Akademie werden konsequent zusammengedacht. Ich zitiere deshalb zum Schluss direkt aus dem Buch „Euer Schweigen schützt euch nicht“ aus dem Interview von Marion Kraft mit Audre Lorde (Seite 224f.):

Marion Kraft: In „The Master’s Tools Will Never Dismantle The Master’s House“, ein Vortrag, den du auf einer Frauenkonferenz in den USA gehalten hast, hast du verdeutlicht, dass alle Frauen solche verschiedenen Werkzeuge brauchen, nicht nur in der Fiktion und in der Dichtung, sondern auch im akademischen Diskurs – wenn sie Veränderungen bewirken wollen.

Audre Lorde: Das heißt andere Werkzeuge in der Sprache, andere Werkzeuge im Austausch von Informationen, andere Werkzeuge beim Lernen. Das heißt, dass wir die Werkzeuge der Rationalität benutzen, aber sie nicht zu einem Punkt erhöhen, der mit unseren Leben nichts mehr zu tun hat. Das heißt, dass wir nicht mehr die engen und beschränkten Interpretationen des Lernens voneinander einfordern und auch nicht den beschränkten Austausch von Wissen, unter dem wir in Universitäten gelitten haben, oder unter dem wir in engen akademischen Strukturen leiden. Es bedeutet, dass wir erkennen, dass während wir in alten Machtstrukturen funktionieren, weil wir diese Werkzeuge beherrschen müssen und sie deshalb nicht ignorieren können, wir uns gleichzeitig in einem Prozess befinden, der Macht neu definiert, die Macht der Zukunft.

Marion Kraft: Wenn du Lehren als „Überlebenstechnik“ bezeichnest, meinst du damit, dass wir lehren sollten, diese verschiedenen Werkzeuge zu benutzen?

Audre Lorde: Ich glaube, dass wir am besten jene Dinge lehren können, die wir für unsere eigenes Überleben lernen müssen. Indem wir sie lernen, greifen wir auf sie zurück und geben sie dann weiter, und Unterrichten wird so zu einem gemeinsamen Prozess. Ich glaube, das ist es, was uns immer wieder neu erhält. Wir lernen nicht von dem, was in Büchern steht. Wir lernen von der Interaktion, die stattfindet in dem Raum zwischen dem, was in Büchern steht und dem, was in uns ist.