Posted on Dez 10, 2009

Wessi ist schlimmer als Homo.

Heute morgen bin ich beim Bäcker fremdenfeindlich diskriminiert worden.

Ich sagte dem Verkäufer, was ich gerne haben wollte, als ein Passant neben mir im abfälligen Ton verlauten ließ: “Na du kommst ja wohl och nich ausm Osten, wa?” Offenbar war das, was ich bestellte, nicht das, was sich ein Ostberliner unter landestypischem Essen vorstellt. Offenbar war das, wie ich es bestellte, nicht das, was sich ein Ostberliner unter ostgerechter Sprache vorstellt.

Als ich mich entsetzt zu ihm drehte und “Bitte?” fragte, drehte er sich weg und grinste ein: “Mein Bauch kann reden. Ist doch toll wenn Bäuche reden können, was?!”

Ich konnte mich nicht entscheiden, was ich respektloser fand: Seine Zuschreibungen auf meine Person und DEN Ossi oder diese dummdreiste Arroganz. Als ich den Bäcker verließ, brubbelte er mir noch irgendeinen Schotter hinterher. Auf dem Weg zur Arbeit entschied ich, dass ich beides im Zusammenspiel unglaublich widerlich fand und irgendwie fühlte ich mich drastischer diskriminiert als die typischen homophoben und/oder sexistischen Anfeindungen, die ich mir ab und zu geben muss.

Ich deute daraus, dass meine Herkunft vielleicht doch identitätsstiftender für mich ist, als meine sexuelle Orientierung und mein Geschlecht. Oder sein kann. Aber vielleicht ist es noch wichtiger an diesem unschönen Ereignis nicht nur erneut zu erfahren, was es bedeutet, als fremd und andersartig wahrgenommen zu werden, sondern dass das Umfeld meist nicht reagiert und wie sich Menschen mit Migrationshintergrund fühlen müssen, die ihr gesamtes Leben in Deutschland in diesem Zustand verbringen müssen. Logisch, ansatzweise. Allein dieses ansatzweise fühlte sich determinierend und marginalisierend genug an, dass ich am Ende doch froh war, nicht auch noch dieses Identitätsmerkmal aufzuweisen.

Oder doch?

Gerade entscheidet ein Arbeitsgericht in XY, ob die ostdeutsche Herkunft unter das Diskriminierungsmerkmal “ethnische Herkunft/ethnische Zuschreibung” fällt. Ein Arbeitgeber hatte einen Bewerber abgelehnt, weil er Ostdeutscher ist. Der Bewerber klagt auf der Rechtsgrundlage des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes und beruft sich auf das Diskriminierungsmerkmal “ethnische Herkunft”. Eine juristische Deutung der soziokulturellen Eigenschaften des Begriffes Ethnie im Kontext ostdeutsche Sozialisation ist in der Tat sehr spannend.

7 Comments

  • RC sagt:

    Gutes Beispiel dafür wie lächerlich das insgesamt ist, wenn sich schon deutsche Bürger gegenseitig anmachen, weil sie vermeintlich aus Gebieten kommen, die wahrscheinlich sowieso nicht mal mehr als 2 Autostunden voneinander entfernt liegen. :D

  • lantzschi sagt:

    sind menschen mit migrationshintergrund denn zwangsläufig nichtdeutsche?

  • RC sagt:

    Moment, Moment – ich sagte deutsche Bürger. Das kann ja jetzt erstmal jeder sein/werden, unabhängig von Herkunft, usw…
    Zumindest soviel habe ich mal unterstellt, weil ich es für unwahrscheinlich hielt, dass Leute die von sonstwo kommen, jemanden anstressen, weil sie vermutlich nicht aus dem Osten stammen.
    Und klar kann jemand mit Migrationshintergrund hier lokal geprägt sein. Das ist doch logisch.

  • lantzschi sagt:

    ok, dann ist deine formulierung aber sehr unglücklich.

    “wenn sich schon deutsche bürger anmachen, weiß man ja, welche seltsamen auswüchse die herkunftsgeschichte mittlerweile hat…” so habe ich das verstanden.

    und selbst deine zweite erklärung impliziert, dass deutsche mit migrationshintergrund nichts oder in den seltensten fällen etwas mit dem ost-west-konflikt anfangen können, weil sie nach meinung nahezu aller weißen, deutschen bürger ausländer bzw. keine deutschen sind. was ist mit leuten der zweiten, dritten, vierten generation? was ist mit deutschen ohne migrationshintergrund, die kurz vor der wende geboren wurden so wie ich auch? aber du machst ein sehr spannendes neues thema auf, finde ich. ein thema, was jedoch für eine simple blogdiskussion viel zu viel recherche bedarf :)

    ich behaupte mal frech, dass dieses ossi-wessi-ding lediglich bestimmte generationen in diesem land anspricht, unabhängig von hautfarbe und herkunft.

  • Ingrid Oschatz sagt:

    m.E. ist das vielschichtiger, nicht verallgemeinerungsfähig, nicht bestimmte Generationen betreffend und personenabhängig. Hintergrund ist wahrscheinlich das Grundbedürfnis, sich entweder (schein)elitär zu fühlen bzw. im anderen Fall in seiner (schein)Opferrolle zu suhlen und Frust abzulassen. Bestes Beispiel für Fall 1, jüngere Generation: Mein letzter Chef, ein “Wessi”, knapp dreißig, verfressen, fett wie ne Qualle und ein Benehmen wie eine offene Hose. Kehrt den “Wessi” bei jeder Gelegenheit raus, wir sind doof, haben keine ordentlichen Geschäfte, keine Kultur etc. Einen Horizont mit dem Radius gleich Null und das nennt er seinen Standpunkt. Über seine angeblich elitäre Herkunft definiert er sich mangels anderer Qualitätsmerkmale.
    Fall 1 – ältere Generation: Freunde von uns aus dem Hannöverschen: “Ihr musstet ja immer nur machen, was Euch gesagt wurde, darum seid Ihr nicht selbständig entscheidungsfähig”. Hä?
    Uns ist es schon öfter passiert, dass wir im Ausland von Einheimischen darauf angesprochen werden, aus dem “Osten” zu kommen – wir wären freundlich, hilfsbereit usw.
    An der Problematik ist wohl doch ne ganze Menge dran und Ossi/Wessi nur eine Kategorie unter vielen in denen sich geistige Defizite manifestieren.

  • RC sagt:

    ““wenn sich schon deutsche bürger anmachen, weiß man ja, welche seltsamen auswüchse die herkunftsgeschichte mittlerweile hat…” so habe ich das verstanden.”

    Hey! Nicht immer gleich vom schlimmsten ausgehen bitte! Was ich im Kopf hatte war einfach, dass sich daran, wenn sich sogar schon Mitglieder des gleichen Kulturkreises gegenseitig Probleme machen, gut zeigt wie lächerlich es insgesamt ist, jemanden wegen vermeintlicher Unterschiede anzugehen. Der vorige Eintrag hat es da schon voll getroffen, mit dem Kommentar, dass daran völlig andere Defizite sichtbar werden.

    “und selbst deine zweite erklärung impliziert, dass deutsche mit migrationshintergrund nichts oder in den seltensten fällen etwas mit dem ost-west-konflikt anfangen können, weil sie nach meinung nahezu aller weißen, deutschen bürger ausländer bzw. keine deutschen sind.”

    Wie vertraut jemand mit einer Kultur ist, hat doch nichts damit zu tun, ob andere glauben er sei deutscher Staatsbürger oder nicht. Das ist ja auch das gemeine daran – das jemand der eventuell gar mehr von Deutschland gesehen hat, dann trotzdem als Fremder behandelt würde.
    Darüber hinaus glaube ich absolut, dass jemand der erst seit kurzem in Deutschland ist, nichts mit irgendwelchen Ost-West Konflikten verbindet. Du sagst ja selbst, dass allein dein Alter einen klaren Abstand dazu schafft – es ist eben passiert als du es selbst noch nicht durchleben konntest. Für mich ist das jetzt nichts anderes. Und NEIN, damit will ich nicht implizieren das du deshalb jetzt für mich, aufgrund deines Alters, aus dem Ausland kommst. :P Nicht alles was sich logisch implizieren lässt, war deshalb auch so angedacht… ;)

  • lantzschi sagt:

    @rc: ja, damit hast du völlig recht. und nein, ich gehe nicht vom schlimmsten aus. ich teile dir mit, wie ich empfunden habe.

    @ingrid: tolle beispiele. vielleicht liegst du richtig mit deiner einschätzung.