Eines der vielen guten Dinge an meinem Studium ist, dass wir uns untereinander oft austauschen über Klischees und Rollen. Manchmal machen wir das in der Uni, weil die Dozentin uns zu Selbstfindungstrips anleitet. Reflektion als Pflicht sozusagen. Dann reden wir in geselliger Runde über schwarz/weiß, Mann/Frau, deutsch/nichtdeutsch, Kultur/Natur – Dichotomien-Bingo und jeder darf was erzählen.
Nach den Seminaren laufen wir mit Kippe in der Hand zur U3 und erzählen weiter. Witzig, wieviele “In Your Face”-Situationen es dabei schon gab.
Ich: “Ey redet doch mal deutsch. Ich versteh euch nicht.” [sic!]
(Kolumbianerin, Mexikanerin, Spanierin und Bolivianerin unterbrechen kichernd ihr Gespräch.)
Kolumbianerin: “Ja ok. Wenn die doofen Deutschen dabei sind, machen wir mal eine Ausnahme.”
(Jetzt kichert keiner mehr, denn wir lachen schon.)
Die doofen Deutschen haben nämlich neulich der Kolumbianerin ganz aufgeregt deutschen Schnee gezeigt. Weil sie sowas ja noch nie gesehen hat. Die doofen Deutschen wollten nämlich vor einer ganzen Weile der Mexikanerin den Unterschied zwischen warmen und kaltem Wasser erklären. Weil sie sowas ja noch nie gefühlt hat. Außerdem denken die doofen Deutschen, dass diese Latinos sowieso alle koksen. Die Plantagen hat schließlich jeder vor der Haustür. Außerdem denken die doofen Deutschen, dass diese Latinos den ganzen Tag Samba tanzen. Baströckchen hat schließlich jeder im Schrank. Und außerdem denken die doofen Deutschen manchmal, dass die Mexikanerin auch eine Türkin sein könnte. Ist ja schließlich auch so eine komische hellbraune Hautfarbe.
Tatsächlich haben nicht nur die doofen Deutschen das Hautfarben-Problem. In Mittel- und Südamerika ist der “Weißheitsgrad” ausschlaggebend für Macht und Stand. Und während sich Mexikaner eher wie der kleine arme Bruder der USA fühlen, sind die Südamerikaner ganz Südamerikaner. So sagen es meine Kommis. Subjektive Eindrücke aus Nationen, in denen die meisten doofen Deutschen noch keinen Fuß reingesetzt haben. Diese Latinos essen ja schließlich nur scharf. Verträgt der Magen des doofen Deutschen nämlich nicht so gut.
Das liest sich natürlich alles ganz lustig und ich will hier sicher nicht die “doofen Deutschen” verteidigen, aber wenn es dann zu so gewichtigeren Dingen wie etwa dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte kommt, dann sind viele doch recht froh über einen solchen Kulturzentrismus.
ach ja? wieso?
btw: da fällt mir ein…kulturzentrismus würde ich das nicht immer nennen… einige sachen grenzen hart an rassismus. diskriminierung ist meistens sowieso dabei.
Die von Dir beschriebenen Situationen/Denkweisen sind sicher allesamt diskriminierend bis rassistisch, darüber braucht man nicht zu diskutieren, zumindest wir beide sind uns darin einig. In meinem ersten Kommentar habe ich da wohl einen kleinen Gedankensprung hingelegt und bin ohne Überleitung gleich zu einem kontroverseren Punkt aus demselben Thema gekommen.
Ich persönlich bin da hin und her gerissen, wenn Leuten wie Charles Taylor in Den Haag der Prozeß gemacht wird. Natürlich sollte der Mann für seine Versprechen bestraft werden, aber trotzdem bleibt selbst bei einer solchen Angelegenheit für mir immer so ein überkommener Beigeschmack von “white man’s burden” im Hals stecken. Da kommt dann der Europäer in bester Kolonialismusmanier und zeigt den Negern mal, wie das mit der Gerechtigkeit funktioniert. UNd dann diese Scheinheiligkeit: Denn natürlich haben die westlichen Industrienationen neben der Demokratie auch immer gleich den Kapitalismus im Gepäck. Siehe Ölkrieg Irak, jahrelang werden Diktatoren vom Westen toleriert, sogar finanziell unterstützt, bis man irgendein Bauernopfer braucht, um auf seinem Ackerland eine neue McDo-Filiale errichten zu können.
ah jetzt versteh ich. was ich nicht verstehe: was willst du mir eigentlich sagen? was hat das mit kulturzentrismus zu tun, über den man oft ganz froh sein kann?
Okay, Meta: Bist Du der Meinung, der weiße Mann hat dieses “Hautfarben-Problem” erst nach Mittel- und Südamerika exportiert? (Ich weiß ja selbst nicht, worauf ich hinauswill.)
so habe ich das im text doch aber gar nicht geschrieben?!
ich habe in der frage noch zu wenig wissen. aber eigentlich beantwortet sie sich auch von selbst, oder?
Das wollte ich auch gar nicht behaupten. Diese romantisierende Vorstellung, die Zivilisation hätte die heile Welt der Naturvölker zerstört… Die Begriffe selbst sind ja schon arg tendenziös.
hä? wovon redest du denn? komische einwürfe, die du hier bringst. die btw. so einige klischees bestätigen.
um zivilisation geht es überhaupt nicht. sondern um alltagsrassismus und diskriminierung von menschen, die nicht-deutsch sind. oder willst du gegenteiliges behaupten? wenn nein, was willst du mir nun wirklich sagen/unterstellen/rüberbringen…?
Die Kommentare sind gar nicht als Vorwürfe gegen Dich gedacht (siehe 4), eher allgemeiner Art. Sie passen auch nicht immer 100%ig zu Deinem Text, stimmt schon. Was die Leute halt so denken. (Ich bin sicher nicht das “viele” aus 1.) Daß ich zu faul bin, mir die politisch korrekten Bezeichnungen für tradierte Begriffe wie “Naturvölker” anzueignen, ist in der Tat nicht nett von mir. Sorry for that!