Die Behauptung, dem Web 2.0 hafte Demokratiefreundlichkeit an, ist ein verlogenes Marketingversprechen, ist Teil eines utopistischen Verblendungszusammenhangs. Ausgerechnet die vom Bürgertum seit je misstrauisch beäugte Macht der Rhetorik, das Auseinanderklaffen von verführerischer Form und Inhalt, von Schmuck und Argument, ist der ausgesprochen unterhaltsame Wesenskern Sozialer Netzwerke. Ihnen ist eine negative Anthropologie unterlegt, die aristokratischen Selektionsmechanismen folgt.
Adam Soboczynski in DIE ZEIT, 22.10.2009
Er hat sich schon gebessert, der liebe Adam, der vor einiger Zeit noch jammernd und klagend durchs Land zog, dem armen Intellektuellen werde im Netz keine Liebe angeboten. Seine Worte sind nicht mehr ausschließlich in Arroganz gekleidet, auch wenn er sich gern hinter dem feuilletonistischen Klischee zu verstecken scheint.
In seinem neuen Machwerk ist nicht mehr Kulturpessimismus das Tonangebende, sondern Nihilismus und Dekadenz. Ich liebe das. Ich liebe ihn. Wie er dem Internet und Social Networks mit aller Argumentationsmacht unterstellt, sie würden sich an gesellschaftliche Muster vergangener Tage anlehnen, aristokratische Züge kultivieren – nicht mehr der wilde Mob der geist- und intellektlosen Anarchie, sondern eine krude, apokalyptische Gewalt einer vermeintlich egalitären Elite sei hier am Machwerk. Antichrist und “Das weiße Band” scheinen Adam noch schwer im Magen zu liegen. Jaja, keine leichte Kost.
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Ach Adam. Du bist mir sympathisch geworden. Wie du so in deiner Ecke hockst, deine Nägel zerkauend und voller Panik dem digitalen Wahnsinn ins Gesicht schauend. Komm her, komm her zu mir, bevor die Dunkelheit vollends über dich hereinbricht. Ich möchte dich in den Arm nehmen, ich möchte dein Facebook-Freund sein. Mich baden im Moment der Glückseligkeit, wenn ich deine seltenen Links kommentieren darf und die Wärme in meinem Körper spüren, wenn du mich an deinen unregelmäßigen Statusmeldungen teilhaben lässt. Dabei den Like-Button zu drücken, versetzt mir Stromstöße zwischen meine Beine.
Denn das, was du noch nicht gelernt hast, lieber Adam, ist: Neben der Geräuschpegel-Aristokratie im Netz gibt es noch eine Gruppe, die ausgleichend wirkt in diesem Chaos… – die der Stille ein Gehör verschafft, wohlwissend, selektierend, wertschätzend. Mehr Macht kann niemand besitzen.