Posted on Aug 25, 2009

Perpetuum Mobile

Ich hätte nie gedacht, dass ich meine eigene Berufssparte nicht weiterempfehlen würde. Schuld daran ist das Internet. Aber anders als Sie jetzt glauben, liebe Leser.

Es gab mal eine Zeit, da war der Journalismus so ein bisschen was wie angesehen, hatte Stand und Schneid, hatte etwas zu erzählen und vor allem etwas zu sagen. Es gab konservative, linke, liberale, bürgerliche, anarchische Blätter. Und dann kam das Internet. Mit dem freien Zugang zu Produktionstechniken für die Allgemeinheit wurde schnell klar: Dieses Journalismusding können irgendwie doch ganz doll viele Leute. Nicht nur solche, die Politik studierten und Leute kannten, die Leute kannten oder direkt diese Leute ohne den Umweg über die anderen Leute.

Auf einmal schossen sie wie Pilze aus dem Boden – Medienjournalisten, Blogs, Onlinemagazine – die nicht einem Verlag zugehörig waren, sondern ihr kritisches Auge auf eben jene richteten, die ihnen ein ganzes Jahrhundert lang was vom Pferd erzählten. Die anders waren als die Blätter, bei denen man inzwischen nicht mehr so richtig unterscheiden konnte, ob sie konservativ oder links waren. Oder beides. Um mehr Leser zu erreichen. Irgendwie so.

Es war ein bisschen wie zu RAF-Zeiten, die Anfänge der Blogs im Kampf gegen die Medienübermacht. Doch je tiefer die Gräben beider Lager wurden, desto mehr geriet aus den Augen, womit denn die vielen vielen Schreiberlinge ihren Lebensunterhalt verdienen sollten. Denn das Internet hat die Angewohnheit, kostenlos zu sein. Freier Zugang zu freiem Wissen. Klar gab’s auch ein paar Unflätige die klauten, aber die Regel ist das nicht. Zumindest bei Texten. Nun, da Waffenstillstand herrscht zwischen den kämpfenden Parteien, stehen beide vor dem Nichts.

Der Journalismus wurde entlarvt als große Blase, für dessen zum Großteil miese Qualität verständlicherweise kaum einer bezahlen will. Immer hippere und multifunktionalere Technologien machen den Zugang zu Information und Wissen noch schneller und bequemer. Wir alle sind Konsument und Produzent in einem. Die Auswahl ist riesig. Filter wurden entwickelt, die uns zu Pick-out-Artists machen, doch wo ist das Geld geblieben?

In einer völlig digitalisierten Gesellschaft ist es schwer, neuen, tollen Inhalt zu schaffen – weil die Masse an Inhalten diesen gleich wieder ersetzt und austauschbar macht. Viele Bezahlmodelle wurden ausprobiert, nichts von all dem funktionierte, denn in der Natur des Internets liegt es nicht nur, Inhalte, sondern auch Kosten zu relativieren. Print und Online unterscheiden sich eigentlich kaum mehr – denn sie verdienen kein Geld, mit dem was sie tun.

Das Internet hat den Ruf des Journalismus, den Journalismus selbst und Hunderttausende Arbeitsplätze zerstört. Mit Recht.

Inhalte werden auch in Zukunft nicht monetär verwertbar sein und niemand wird dafür zahlen wollen. Mit Recht. Sonst wäre das Internet bald nicht mehr das, was es so großartig macht.

Systeme können nicht über Jahrhunderte beständig bleiben. Aber ein Perpetuum Mobile kann es.

10 Comments

  • [...] Perpetuum Mobile | Medienelite medienelite.de/2009/08/25/bitte-nicht-journalist-werden – view page – cached Mainstream ist scheiße!!, Ich hätte nie gedacht, dass ich meine eigene Berufssparte nicht weiterempfehlen würde. Schuld daran ist das Internet. Aber anders als Sie jetzt glauben, liebe — From the page [...]

  • Trotzendorff sagt:

    Widerspruch. Ich glaube, es würde funktionieren, auch für Geld. Aber es traut sich niemand, zumindest hierzulande. In anderen Ländern gibt es durchaus Beispiele, die sich erfolgreich verkaufen. Und jetzt bitte nicht das Argument, dass man andere Länder eben nicht mit Deutschland vergleichen könne … ;-) Die Zeit wird kommen, da bin ich sicher.

  • lantzschi sagt:

    Florian, wer ist niemand? die unternehmen/verlage oder die leser? micro-payment und spendenbasierte modelle sind super, aber laufen nicht. der mehrwert ist nicht groß genug, da die vielfalt alles überlagert.

    das einzige fleckchen journalismus, wo dies halbwegs läuft, ist das lokale. weil regionale und kommunale angebote meist noch ihren USP behaupten können, da infomangel über regionale news im netz.

  • Trotzendorff sagt:

    Die Unternehmen und Verlage. Das ist ja auch verständlich, denn sie haben die Leser nun seit einigen Jahren kostenlos gefüttert und haben Angst, sie vor den Kopf zu stoßen. Dabei sitzen alle Verlage im gleichen Boot. Es bräuchte also Absprachen, man müsste sich auf ein gemeinsames Modell einigen. Niemand wird heute noch glauben, dass Basisnachrichten irgendwann nochmal vom Leser bezahlt werden, aber ein Abomodell für exklusive Inhalte ist in meinen Augen denkbar, wenn die Großen der Branche mitspielen und an einem Strang ziehen. Nur gemeinsam lamentieren hilft da nicht. Und das Beispiel Mediapart (mediapart.fr) zeigt, dass Bezahljournalismus durchaus eine Chance hat. Beim Thema regionale Nachrichten gebe ich Dir vollkommen Recht, aber auch hier habe ich das Gefühl, dass die Verleger noch nicht wirklich begriffen haben, welche Chance sich ihnen da (noch) bietet.

  • lantzschi sagt:

    ja, das mit den exklusiven inhalten, die man zunächst erstmal kostenlos vertickt, um die leute anzufüttern, halte ich auch für denkbar. zu absprachen wird es aber nicht kommen, da viele noch in alten reichweiten-schemata denken – verleger wie werber. zudem ist so eine absprache nicht ganz koscher, das kartellamt könnte sich einschalten. oder?

  • Trotzendorff sagt:

    Gute Frage. Ich bin nicht sicher, ob das Kartellamt wirklich etwas zu sagen hätte, wenn es nicht um Preis-, sondern nur um Vorgehensabsprachen ginge. Wäre mal interessant rauszukriegen.

  • lantzschi sagt:

    haha, sind diese vorgehensabsprachen zu paid content nicht gerade auch preisabsprachen? und selbst, wenn es nur vorgehensabsprachen wären – überleg mal genauer. eigentlich ginge das nicht.

  • Trotzendorff sagt:

    Du meinst aus Sicht des Kartellamts? Das glaube ich doch. Da setzen sich einige Unternehmen zusammen und beschließen, einen Teil ihres Angebots kostenpflichtig zu machen. Keine Fusionen, keine einheitlichen Preise, ich denke, das würde gehen.

  • lantzschi sagt:

    da bin ich nach wie vor anderer meinung. es ist eine absprache, die ganz klar den wettbewerb betrifft.

  • Trotzendorff sagt:

    Kartellrechtler da draußen?