Alles Fotzen außer Mutti

Naheliegend, dass ich auf Sexismus nervös reagiere. Immerhin kann man mich gut in die Opferecke stellen, zudem studiere ich bald den Opferstudiengang schlechthin (Gender). Ich habe außerdem kurze Haare, eine androgyne Attitüde, ziehe keine Röcke an und mag große Brüste nicht. Meine Freundin ist sehr viel hübscher als ich, sie kleidet sich weiblich, sieht auch mit kurzen Haaren sehr feminin aus und wird auf der Straße offen angegafft. Männer verstehen ihr liebevolles Männerverständnis oft miss und deuten das als Flirt und Begehren. Mein Ex-Freund hat mich im Vollrausch mit “Scheißlesbe” beschimpft und noch immer ernte ich von Männern hochgezogene Augenbrauen bei dem Satz, dass ich gerne Kinder möchte. Gern lasse ich mir Fragen zu meiner “Weiblichkeit” gefallen oder wie zwei Frauen Sex haben ohne angeblich Sex zu haben. Oder ob ich mich nach Schwänzen sehne. (Diese Frage kann ich mit “Ja” beantworten – zumindest, was meine Träume angeht). Mühelos kläre ich über Dildos auf und interessiere mich brennend dafür, ob man Taschenmuschis vor Benutzung in der Mikrowelle aufwärmt (Die Antwort lautet “Nein”.).

Manchmal bekomme aufgrund all dieser Dinge Aggressionen und möchte dem nächsten Mann, der mir Komplimente macht für die heiße Schnitte an meiner Seite und ob er denn mal an uns beide randürfe, gern seine zwei (vorzugsweise auch nur eins) Nüsse abhacken. Zum Glück belasse ich es bei Drohgebärden, die nicht minder bescheuert aussehen. Danach rede ich mir ein, ich hätte unglaublich cool und unfeministisch gewirkt.

Den reich-ranicki’schen Finger schwingend: Ja, Männer sind trotzdem toll und ich freue mich jeden Tag über ihre Anwesenheit. Oftmals heiße ich sie sogar herzlicher in meiner wirren Welt willkommen als Frauen. Hier nun die Vor(ur)teile von Männern aufzulisten, ist allerdings obsolet, weil selbstredend.

Umso deutlicher muss man über ihre sonderbaren Auswüchse flanieren (ja, ich werde bildhaft), nämlich den Drang sexistisch zu werden, wenn es um Frauen geht. Aus diesem Drang sind Pornos entstanden oder urzeitliche Alltagsgebaren, hässliche Kolumnen von F.-J. Wagner oder Bumsratgeber wie die Men’s Health. Dieser Drang brachte sogar den Feminismus hervor und dafür hasse ich Männer. Dass sie seitdem neben ihrem Totschlagprügel auch noch ihr Totschlagargument für Kritik an ihrem sexistischen und patriarchalischen Verhalten haben. Nicht minder hasserfüllt blicke ich auf die Frauen, die das Ganze wiederum so sexy finden, dass sie gleich mit ins Boot hüpfen und sich diesem durchaus menschlichen und deshalb auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbaren Duktus anschließen. Und damit fälschlicherweise ein Argument für statt gegen Sexismus liefern.

Dabei ließe sich das Ganze doch recht logisch und trivial auf den Punkt bringen: Männer wollen ficken. Frauen wollen ficken. Is so.

Leider aber leitete irgendwann eine ärmliche Figur aus der Vereinigung beider Geschlechter ein Reinstecken und Reingestecktwerden ab, aus Brust und Muskel die Eigenschaften schwach und stark. Aus Empfänger wurde Hure bei Vielmännerei und aus Verteiler bei Vielweiberei der tolle Typ. Biologie allein macht noch keinen Sexismus.

Am Ende der Fahnenstange stehen (noch mehr Bilder) nun beispielsweise Texte wie diese. Zum Glück hat der, welcher mit halbwegs Intelligenz gesegnet, das Vermögen zur Differenzierung. Doch statt inhaltlicher Auseinandersetzung bei all den Hintergründen, die Sexismus in Rein- und abgewandelter Form bereits geschaffen hat, finden sich oft genug platte Argumente, die solche Auswüchse rechtfertigen: Zynismus, Provokation, Spiel (womit auch immer). Klischees sind immerhin so halblustig, dass man sich ganz political incorrect mit ihnen gemein machen kann und trotzdem noch einen Brüller bei Bier und Zigarette hervorbringt. Halb so wild. Halb so ernst. Der Muschi-Moers* ist geboren.

Gern. Ich bin dabei. Jeder will der Muschi-Moers sein. Nur: die wenigsten haben das Zeug dazu. (Ich übrigens nicht. Das einzige, was mir bleibt, sind Pornos, die mehr Absurdität aufweisen, als dass sie die Butter auf dem Brot des Sexismus sind.)

Die Welt braucht keine halbgaren Muschi-Moers, die das Wort Vergewaltigung in den Mund nehmen, humorisierend verunglimpfen und behaupten, es sei eine Kolumne. Für die Frauen und Männer nicht mehr als Steckfiguren in einem Happy Meal sind.

Wir sind sexistisch sozialisiert seit Jahrhunderten, dafür können wir relativ wenig. Kultivieren muss man das deswegen noch lange nicht.

*Achtung: Feuilletonistischer Text liegt vor. Bei nichtverstandenen Wortbedeutungen bitte googlen.

UPDATE: Man kann das auch auf Solokarpfen lesen.

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5 Antworten auf Alles Fotzen außer Mutti

  1. Christian sagt:

    Toll.. da googelt man “Muschi-Moers” und der erste Hit ist diese Seite hier…
    Der zweite Treffer sagt mir, dass “Blasinstrumente Muschi Moers” ein Anagramm zu “Minister Schaeubles Monstrum” ist.. Treffer drei hat irgendwas von “creampieThais” in der Titelzeile und der vierte Google-Treffer interessiert sowieso niemanden mehr..

  2. lantzschi sagt:

    :D das googlen war eher auf moers bezogen. ist ja nun kein bunter hund. und muschi-moers ist eine worterfindung von mir.

  3. Mr.Plow sagt:

    männer sind scheiße, zumindest nach aktuellem stand der dinge. als honecker zum 40. jahrestag der ddr verkündete, der endsieg des sozialismus stehe kurz bevor, hatten alle beteiligten bereits die tickets ins exil gebucht. ähnlich sehe ich das mit meinem geschlecht. jeder vertreter der männlichkeit wird bei halbwegs nüchterner selbstkritik feststellen müssen, teil des größten running gags der menschheitsgeschichte zu sein. wer lacht wird verprügelt. aber keiner wird es zugeben.

    der archetypische mann sitzt in schweißvergilbtem unterhemd mit bierflasche vor der kiste und schaut schalke gegen dortmund. das bier wurde selbstverständlich von einer frau serviert. die alternativen rollenangebote scheinen nicht viel einladender: der chuck norris typus: bärtig und hässlich, aber in der lage mit einem roundhouse-kick alle anderen zum schweigen zu bringen. der joseph ackermann typus: gepflegt und kultiviert gibt er gier und machtgeilheit ein schneidiges antlitz.

    ich stimme andré zu. das größte opfer in diesem komplott sind die männer selbst. ihre vorbilder sind die helden in michael bay filmen. große brüste verursachen mehr speichelfluss als beim pawlowschen köter. ihre denkmuster sind “evolutionsbiologisch” auf dem stand von 20.000 B.C., auch wenn seit jahrhunderten updates verfügbar wären. ich spreche hier vom “idealtypischen” mann, also dem mann der alle merkmale akzeptierter männlichkeit auf sich vereint.

    gott sei dank scheitern wir jeder tag auf phänomenale art und weise diese standards zu reproduzeren, selbst wenn wir es noch so hart versuchen. das macht einen erheblichen teil der männer wieder sympathisch. kollektiv kann man(n) dann versuchen herauszufinden wie die eigene unzulänglichkeit kaschiert werden kann. das gespenst der männlichkeit wird man(n) allerdings nicht wieder los. selbiges ist ohnehin nur ein sehr großes missverständnis, das vermutlich auf die fragwürdige popularisierung von biologischen studien über das paarungsverhalten von fasanen zurückgeht. die sind dem menschen evolutorisch bekanntlich am nächsten.

    ps: danke dass du endlich die sache mit den taschenmuschis geklärt hast! sehr informativ, der beitrag.

  4. Mr.Plow sagt:

    ich rede immer off-topic (man beachte das paradoxon an dieser stelle :D).

    in meinem beitrag sollte nur das unbehagen zum ausdruck gebracht werden, welches ich auf der anderen seite des sexistischen wirkungsfeldes empfinde. denn: wenn ich in einer bar neben einem geschlechtsgenossen sitze der witze über kampflesben macht und dann der nächsten ollen grunzend an den arsch grabscht, während auf einem der barfernseher schalke gegen dortmund läuft, dann ist das auch schlimm für mich und jeden anderen mann der noch bei verstand ist.

    schlimmer ist es dann noch zu sehen, wie den kleinwüchsigen diese art von maskulinität in die wiege gelegt wird, so dass später kaum mehr rauskommen kann als der weiter oben wortreich beschriebene “mediale” (?!?) stereotyp. und natürlich handelt es sich dabei um einen ironischen stereotyp. wäre ja schlimm wenn männlichkeit nicht einmal mehr dazu taugen würde. erfreulicherweise ist jeder mann auch ein individuum und kann sich mit etwas mühe von diesem ganzen ballst befreien. der einzige preis dafür ist hin und wieder eine tracht prügel. denn die bekommst du, lieber waschi, wenn du deine individualität allzu offen präsentierst. kampflesbe darf man eben nur ungestraft sein, wenn man weiterhin einen minirock trägt, die haare blond färbt und die stimme eine oktave höher dreht, wenn sich ein mann nähert. in der ddr waren bekanntlich auch alle im widerstand.

  5. boeggsli sagt:

    Dieser Text ist einer der wenigen, den ich lesen konnte, ohne mich selbst abzulenken. Grandios geschrieben!
    Dein Meinung teile ich fast zu Gänze.
    Congrats und du hast mich zum 2. Mal total von dir überzeugt! (Das erst Mal war es im Malte Welding Podcast)

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