Gestern war ich auf gleichnamigem Panel in der Böll-Stiftung zu Gast, der im Rahmen der “Gender is happening”-Woche des Gunda-Werner-Instituts stattfand.
Diskutiert haben Svenja Flaßpöhler, Manuela Kay und Jens Hoffmann. Erstere ist Autorin, promovierte Philosophin über Pornografie. Manuela Kay ist Chefredakteurin des L-Mag (Deutschlands einziges lesbisches Magazin) und sitzt in der Jury für das Pornfilm-Festival. Jens Hoffmann ist der Macher von “9to5-Days in Porn” (Dokumentarfilm über die US-amerikanische Pornofilmindustrie).
Nur zu Beginn wurden Unterschiede zwischen Postporn und Hardcore-Porn* skizziert.
Der eine Underground, der andere Mainstream, der eine Dekonstruktion, der andere Konstruktion von Heilsversprechen. Michael Winterbottom sollte ich mir also demnächst mal zu Gemüte führen. Hoffmann und Kay waren der Ansicht, dass Postporn nicht mehr als Porno bezeichnet werden könne. Flaßpöhler sprach sich sehr wohl dafür aus. Nur wollte niemand länger über Definitionsfragen diskutieren.
So ging es dann weiter in eine direkte Debatte, wer was gut findet an einem Porno und inwiefern ein Porno politisch sein kann. Für Kay ist er es in jedem Falle, weil er zu einer sexuellen Befreiung führen und bei der sexuellen Identitätsfindung hilfreich sein könne. Flaßpöhler widersprach, für sie stelle ein Porno lediglich einen Anreiz zur sexuellen Erregung dar. Trotzdem vertrat sie die Meinung, dass Porno auch immer ein Symptom für gesellschaftliche Verhältnisse darstelle, sublimieren sich in solchen Filmen doch pornografische Prozesse und Vorgänge innerhalb der Bevölkerung. Die wiederum gar nichts mit Sex zu tun haben müssen. Sie skizzierte beispielsweise die zunehmende Sichtbarmachung und Überwachung intimster Privatsphäre durch den deutschen Gesetzgeber ebenfalls als pornografisch. Interessante Ansicht. Word.
Und selbstverständlich wurde auch über die Rolle der Frau in Mainstream-Pornos diskutiert. Der Feminismus der 80er, die PorNO-Kampagne Alice Schwarzers und sonstige Bewegungen gegen das Pornogeschäft wurden stark kritisiert, wäre doch Pornografie das angreifbarste Element der Gesellschaft, weil es so offensichtlich sei. Frauen allerdings werden viel weitreichender diskriminiert, als es ein Porno je darstellen könnte.
Kay: “Die BILD ist sexistischer, als es Porno je sein kann.”
Ein gewisser Anteil von Sexismus gehöre auch im Porno dazu, vermehrt gebe es auch weibliche Pornoproduzenten, die ihre Darstellerinnen weitaus herabwürdigende Sachen darstellen ließen als männliche Produzenten. Der Feminismus hingegen male schwarz, kennt Fantasien nicht an (auch Frauen haben Unterwerfungsgelüste) und war in den 80ern dezidiert sexfeindlich. Kay warf ein, dass nicht eine Feministin je einen Porno gesehen hätte, aus Angst, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen und vielleicht doch Gefallen an Gezeigtem zu finden. Außerdem sei ein Opferdiskurs völlig arrogant, tun die meisten Darstellerinnen das doch aus freien Stücken.
Eine “80er-Feministin” meldete sich zu Wort, gab zu bedenken, welches friedfertige Bild die Diskutierenden transportieren würden, was mit Zwangsprostituion, Sodomie und Kinderpornografie sei. Hoffmann erwiderte, dass die US-Industrie permanent vom FBI überwacht werde, solche Sachen würden dort nicht produziert, ohne im Knast zu landen. Außerdem seien solche illegal produzierten Pornos keine Pornos und mit Recht verboten. Natürlich zeigt auch “9to5-Days in Porn”, dass die Branche kein Zuckerschlecken ist, doch dass die Mädchen viele Möglichkeiten haben, sich schützen zu lassen vor Zwang und gewalttätigen Übergriffen. Kay und Flaßpöhler stimmten ein und widersprachen der negativen Darstellung von Pornografie als doppelmoralisch. Eine Verrohung der Gesellschaft durch einfacheren Zugang zu pornografischen Inhalten durch das Internet sei völliger Quatsch. Kritik am Porno ist also nicht mehr als das Stoppschild von #zensursula. Es verdeckt die eigentlichen Probleme der Gesellschaft, Medien und Porno können nicht miteinander verglichen werden, da sie nichts miteinander gemein haben. Medien würden ein viel normativeres Bild der Gesellschaft zeichnen. “Gehn se mal zur nächsten Bushaltestelle und kukn se sich die Werbeplakate an”, so Kay. Die übrigens mit ihrer Berliner Schnauze und Schlagfertigkeit das Publikum auf ihrer Seite hatte.
Wiederum ergriffen ein paar Besorgte zu Wort, die auf die armen Kinder zu sprechen kamen, wie man die denn jetzt vor Porno schützen könne. Uff. Der Großteil der Teilnehmer und die Diskutierenden selbst gaben die Verantwortung an die Eltern zurück, Kinder lebten außerdem doch nicht in einer Blase. Andere wiederum meldeten sich und sprachen sich dezidiert für Pornografie im Heranwachsenden-Alter aus, da die Gesellschaft viel zu verklemmt damit umginge und so erst den Porno zu etwas Schlechtem mache. Vorschlag: Kind schaut mit Eltern zusammen. Eltern erklären. Fand ich super.
Ein interessanter Einwurf aus dem Publikum: Wer als Kind oder Pubertierender in den USA auf entsprechende Seiten gehe und am Eingangsalter scheitere, für den würde die Seite alternative, altersgerechte Angebote bereitstellen. Das fehlt in Deutschland gänzlich.
Fazit: Ein aufschlussreiches Panel, wenig Feminismus, wenig Lust des Publikums auf Opferdebatten und Dämonisierung von Pornografie, Aufzeigen verschiedenster pornografischer Filminhalte und Möglichkeiten sexueller Darstellungsformen (auch für Feministinnen!!! – kennt wer entsprechende Macher_innen? Ich will sehen.)
Womit allerdings alle konform gingen: Der Hardcore-Porno und seine Darstellung von lesbischem Sex ist das schädlichste, was der Lesbenwelt je passieren konnte und hat Heterosexismus in weiten Teilen begünstigt. Also Männer: wenn schon, dann richtige Lesbenpornos schauen (die übrigens nicht nur von Frauen produziert werden und sich nicht an eine ausschließlich weibliche Zielgruppe richten) Kein typisches Fingernägelfingern, Glasumschnalldildo-Analfick, High Heels und “Am Ende kommt doch der echte Schwanz, der die Huren mal so richtig durchprügelt”.
*Hardcore-Porno: explizite Darstellung von Geschlechtsteilen, Penetration und Körperflüssigkeiten. Im Mainstream-Bereich ist die Zielgruppe oft heterosexuell und geschlechtseindeutig männlich.
ich ärger mich gerade richtig, dass ich da nicht dabei war!!!
[...] Schon vor etwas längerer Zeit hat die medienelite.de/ auch etwas gegeben, und zwar zu Protokoll. Dieser Artikel auf sueddeutsche.de/ ist noch ein wenig [...]
[...] Schon vor etwas längerer Zeit hat die medienelite.de/ auch etwas gegeben, und zwar zu Protokoll. Dieser Artikel auf sueddeutsche.de/ ist noch ein wenig [...]
“Geschlechtseindeutig männlich” find ich gut. Hab grad einen Roman zum Thema Pornographie gelesen: “Pornos machen traurig” von Peter Redvoort – gar nicht mal schlecht!
Ludwig