Heute stellte ich auf Facebook und Twitter folgende Frage.
Die Antworten darauf waren zum Teil sehr haarsträubend, naiv-niedlich oder einfach nur witzig. Ganz im Gegenteil wie dazu in der Redaktion diskutiert wurde. Ergebnis mit inhaltlich nicht ganz sauberen Passagen sieht man hier.
Zunächst einmal ist es tatsächlich so, dass unsere queeren Freunde Deutschlands (also LGBT+alles andere) im Gleichheitsartikel des Grundgesetzes, genauer gesagt Paragraph III, Absatz 3 folgenden Zusatz wünschen: “sexuellen Identität”. Die größten Gay-Prides Deutschlands (Hamburg, Köln, Berlin) haben sich diese Forderung 2009 zur Hauptaufgabe gemacht. Es ist mittlerweile nicht mehr so unwahrscheinlich, dass dieser Zusatz in naher Zukunft auch den Weg ins Grundgesetz finden wird. Doch warum will man das?
Das Wort Geschlecht im genannten Artikel umfasst lediglich, welches biologische Geschlecht ich für mich annehme und dass ich aufgrund dessen nicht diskriminiert werden darf. Frau oder Mann. Bis heute muss man auf jedem Wisch angeben, ob man männlich oder weiblich ist. Doch was ist mit Transsexuellen, Intersexuellen und Transgender? Die definieren Mann/Frau für sich entweder gar nicht oder völlig anders, als die Gesellschaft bürokratische (Erklärungs-)möglichkeiten dafür hätte. Männer und Frauen, die jeweils auf ihr eigenes Geschlecht oder beides stehen, sind entweder schwul, lesbisch bzw. bisexuell. Genau das nennt man sexuelle Orientierung. Zumindest einen Teil davon – denn da gibt es ja noch die Heteros ^^
Sexuelle Identität, soziales Geschlecht oder auch Gender (=englisch, heißt übersetzt Geschlecht, bitte nicht verwechseln mit Frau/Mann, das ist im Englischen nämlich “sex”) genannt, bedeutet hingegen das Zusammenspiel von biologischem Geschlecht, meiner Annahme davon, sexueller Orientierung, Charakter, sozialer Interaktion, Kleidung, Verhalten, Aussehen, Mimik, Gestik – also alles, was mich als Person ausmacht. Was wiederum Transvestiten, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle, etc. mit einbezieht.
Diese Erklärung ist in der deutschen Rechtssprechung nicht eindeutig festgeschrieben. Oft werden Orientierung und Identität deckungsgleich behandelt. Siehe dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Identität
Was ich verstehen kann. Diese Begriffe sind so vage und dehnbar, dass man sie eigentlich getrost mit jedem Gebrauch in die Tonne werfen könnte. Mittlerweile leben wir in einer ziemlich aufgeklärten Gesellschaft, die meisten von uns haben sich von den geistigen Fängen religiöser, gesellschaftlicher, kultureller Dogmen lösen können. Natürlich sind wir noch immer vorgeprägt durch mehrere Dekaden hinweg, selbst ich frage mich bei einigen Menschen: Mann oder Frau? Schranken im Kopf.
Dennoch scheint es mir, als sei genau dieses Uneindeutige der richtige Weg. Eine Lesbe ist nicht nur mehr eine Alice Schwarzer im Flanellhemd mit Armee-Haarschnitt, die keine Schwänze mehr sehen kann. Und ein Schwuler ist genauso wenig die weibliche Karikatur seiner selbst. Sexualität, sexuelle Identität und all die anderen Wörter, die man gefunden hat, um Menschen zu beschreiben, sind fließend geworden. Sie müssen sich uns anpassen. Ich träume ja noch davon, dass wir irgendwann in einer Gesellschaft leben werden, in der es keine Rolle mehr spielt, ob Mann, Frau, Asexueller/e, Transe, etc. eine(n) Mann, Frau, Asexueller/e, Transe küsst und dabei ganz anders aussieht als ein(e) Mann, Frau, Asexueller/e, Transe.
Bis dahin – und genau das bringt mich wieder zurück zum roten Faden dieses Textes – müssen wir uns mit den Schubladen und der Intoleranz anderer begnügen. Ein Grundstein dagegen wurde im AGG – dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz gelegt. Das bezieht die “sexuelle Identität” mit ein. Wie oben geschrieben ist es letztendlich am Ende Auslegungssache der Rechtssprechung, aber es wird solange schwarz auf weiß dort geschrieben stehen, bis auch die deutsche Rechtssprechung genau weiß, welche Definitionen sie vor sich hat.
So. Könnte man denken: “Mensch ihr ollen Homos, was wollt ihr denn noch?” Sind wir zu politisch korrekt? Das AGG behandelt lediglich die Rechtsbeziehung zwischen Arbeitgeber und Privatmensch. Einseitig. Universaler ist da die Verankerung im Grundgesetz. Denn die regelt die Beziehung zwischen Staat und Privatmensch. (Zum Staat gehört natürlich nicht nur der Staatsapparat, wer das jetzt dachte.)
Momentan brauche ich mir noch keine Gedanken um meine Freiheit machen. Mal abgesehen von den vielen anderen Nachteilen, die ich in Good ol’ Germany aufgrund meiner Homosexualität per Gesetz erfahre, darf ich hier Mensch sein. Nur…
Stellen wir uns einmal kurz vor, wie es wäre wenn die CDU am 27.9. die absolute Mehrheit bekäme?! Evangelikale Verbände weiterhin ihre Position stärkten? Rechte Gruppierungen und Parteien aus ganz Europa anfingen von rechts nach links zu wandern? Äh ja. Gruselig.
Selbstredend wäre die Erweiterung des Gleichheitsartikels im GG ein positives Zeichen für Europa. Ein Hoffnungsschimmer. Denn niemand will mit den Zuständen, die anderswo in unserer niedlichen Staatengemeinschaft herrschen, tauschen.
Mir ging das relativ auf den Sack in Twitter, ich glaube immernoch, die Stoßrichtung ist nicht die richtige und wenn doch, dann nicht mehr als höchst kosmetisch. Überleg mal wie es um Fernmeldegeheimnis & Co in der Realität steht. Das ist im Falle eines von dir beschriebenen Regimewechseln erst recht keinen Pfifferling wert.
Lass das Grundgesetz zunächst dochmal in Frieden und wende dich direkt gegen offensichtliche Institutionen der Homophobie in der Gesellschaft, wie den von dir genannten Klerus, der für seine Unerträglichkeit auch noch reichlich Staatsgeld kassiert und in jeder zweiten Schule sitzt. Was z.B. der alte katholische Herr in Köln so von sich gibt, würde ich mir als Interessenverband sicher nicht bieten lassen.
stimme dir in jedem einzelnen punkt zu. dennoch denke ich, dass es noch viel zeit und geduld brauchen wird bis die sexuelle identität im gg verankert wird. es sei denn die christdemokraten verlieren im september.
@erster kommentator:
grundsätzlich stimme ich mit dir wie gesagt völlig überein. ja, im kleinen sollte man beginnen. ich weiß allerdings nicht, was dagegen spricht, so etwas auch im GG zu verankern?! was ist also falsch an der stoßrichtung? das hast du nie erklärt.
zudem: schon mal überlegt, dass der kampf im kleinen viel effektiver wäre mit einer dementsprechenden gesetzgebung im rücken? dass sich beides hier unterstützen kann?
um das fernmeldegeheimnis mache ich mir allerdings weniger sorgen als um menschenrechte, wenn beides fehlen würde. ganz ehrlich.
Ich glaube einfach, dass das nicht mehr als Augenwischerei ist und viele sich dann sagen “Och, wir haben doch was erreicht!”.
Außerdem würde der Begriff der sexuellen Identität m.E. auch umstrittene Felder wie Sodomie und Inzest einschließen, was wohl schwerlich politisch durchzusetzen ist. (Übrigens _nicht_ Pädophilie, wie die FDP fälschlich annimmt, weil das wohl wiederrum mehr oder weniger in Rechte anderer, nämlich Kinder, eingreift und von Art. 3 nicht gedeckt ist).
Btw: Wenn du oben angibst, die Unterscheidung zwischen Mann und Frau sei nur “eine Schranke im Kopf”, dann wird es mir doch etwas zu krude. Bei aller Zivilisation muss man doch seiner eigenen Biologie Respekt zollen. Was man dann im sozial-gesellschaftlichen Rahmen draus macht, steht ja auf einem anderen Blatt.
@4: Wo das jetzt Augenwischerei sein soll, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Magst du hierzu ausführen?
In der Tat sind Fälle von Sodomie und Inzest ein Problem. Ich habe dazu leider noch keine sachliche oder überhaupt inhaltliche Auseinandersetzung beider Seiten (für oder gegen GGErweiterung) lesen können. My 2 cents: Solange Inzest nicht die Bereiche der Pädophilie oder des Missbrauchs tangiert, finde ich es auch nicht verwerflich, wenn Bruder und Schwester miteinander ins Bett gehen. Warum sie das tun hat vielerlei private und psychologisch begründete Ursachen. Man schaue sich nur den Fall der beiden Geschwister an, die bis vor das BVerfG gegangen sind. Politsch durchzusetzen bleibt es schwierig, ja, weil wir Moralvorstellungen haben, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen, die mindestens ein Jahrhundert alt sind. Dass durch Inzest die Chance behinderte Kinder auf die Welt zu bringen, größer ist als bei “normalen” Paaren, ist heute nicht mehr so unumstritten. Daher auch nicht generell aus ethischer Sicht zu verurteilen. Diskriminiert sollte deswegen niemand werden. Hier ist eher psychologische Hilfe gefordert.
Sodomie generell ist ein psychischer Defekt mEn und deshalb kein Merkmal der sexuellen Identität. Aber das ist Auslegungssache. Leider wird wie so oft Identität mit Vorlieben, Abarten, gleichgesetzt.
Kleines Missverständnis. Eine biologische Unterscheidung in männlich/weiblich finde ich nach wie vor richtig. Allerdings ist sie nicht für alle ausreichend zutreffend, was die soziale Formung angeht. Ist es denn wichtiger, welche Geschlechtsmerkmale ich aufweise, oder als was ich mich selbst empfinde?! Meiner Meinung nach die entscheidendere Fragestellung.
Ich habe keine weiteren Argumente, als die bereits genannten. Ich sehe in so einer Erweiterung keinerlei Fortschritt, eher Vergeudung von politischer Energie. Warum nicht erstmal Fakten schaffen und zum Beispiel dafür sorgen, dass die anderen Länder in der Gesetzgebung mit Berlin gleichziehen? Gegen den drohenden Status der Zeugen Jehovas als Körperschaft öffentlichen Rechts vorgehen? Wo sind die Proteste gegen Mixna & Co? Wenn ich sowas sehe, will ich gerne glaube, dass es sich nicht um reine Augenwischerei, Symbolpolitik handelt.
Inzest muss man schon von Fall zu betrachten, das Tabu sollte rechtlich aufrecht erhalten werden, aber keine lebenslange und unverhältnissmäßige Verfolgung, wie im genannten Fall, bestehen. Generell halte ich es für angebracht, Inzest nicht zum gesellschaftlichen Konsens machen. Das hat tatsächlich vorallem biologische Gründe, kleiner Genpool führt aus der Evolutionstheorie heraus logischerweise zum Niedergang, sehr kleiner Genpool zum Rasanten. Man kann die auftretenden Erbschäden u.A. bei durch Ausrottung bedrohten Tierarten aller Coloeur beobachten. Das darf man nicht als Vulgärdarwinismus missverstehen, ich will nicht die menschliche Rasse retten, aber fällt für mich in die gleiche Kategorie wie werdende Mütter mit Whiskeyflaschen, ein Verbrechen am Noch-Nicht-Geborenen.
Sodomie meinetwegen, Tierschützer dürften allerdings Einwände haben ;-)
Das fällt für mich eventuell schon unter den Begriff der sexuellen Identität, man wandelt auf sehr sehr dünnem Eis, wenn man dort mit zwischen Abarten und ordentlichen Arten zu unterscheiden beginnt, das wird der Gegener sofort auch tun. Egal ob es wissenschaftlich fundiert ist oder nicht, dafür ist Psychologie nicht faktisch genug.
@6: hm. ich glaube mit deinen argumenten kann ich gut leben. eine sehr differenzierte meinung, die man als kritik anbringen kann, ja. (auf alle deine aussagen bezogen)
danke für die konversation :)
[...] gebraucht, dabei schließt ersteres z.B. Intersexuelle oder Transgender aus, wie Medienelite.de erklärt: Männer und Frauen, die jeweils auf ihr eigenes Geschlecht oder beides stehen, sind entweder [...]
“Sexuelle Identität, soziales Geschlecht oder auch Gender (=englisch, heißt übersetzt Geschlecht, bitte nicht verwechseln mit Frau/Mann, das ist im Englischen nämlich “sex”) genannt, bedeutet hingegen das Zusammenspiel von biologischem Geschlecht, meiner Annahme davon, sexueller Orientierung, Charakter, sozialer Interaktion, Kleidung, Verhalten, Aussehen, Mimik, Gestik – also alles, was mich als Person ausmacht. Was wiederum Transvestiten, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle, etc. mit einbezieht.”
Ist es Unkenntnis, ist es Ignoranz, ist es Reflex? Es fällt mir immer wieder auf, dass der Begriff “Intersexualität” in Zusammenhängen hineingepresst wird, in dem er nicht zu suchen hat..
Per Definition spricht man von Intersexualität, wenn Chromosomen, Geschlechtsorgane, sekundäre Geschlechtsmerkmale, Gene, Hormone und Keimdrüsen nicht alle demselben Geschlecht zuzuordnen sind. Intersexuelle werden umgangssprachlich auch: “Zwitter”, “Hermaphroditen”, “Zwischengeschlechtliche” und “Zweigeschlechtliche” genannt. Angeborene biologische Uneindeutigkeiten des Geschlechts können viele verscheidene Ursachen haben: AGS, PAIS, CAIS, MAIS, Swyer-Sydrom, 5-Alpha-Reduktasmangel… nur um einige zu nennen. Intersexualität ist keine Eigenschaft oder Identität, die man/frau sich aneignen, die man “sein” kann, ondern ist ein angeborener Zustand “zwischen den klar definierten biologischen Geschlechtern Frau und Mann”. Die Definition der Intersexualität hat primär nichts mit der Definition der Transsexualität, Transidentität, Transgenderism oder gar mit tranvestitischem Verhalten zu tun und ist klar davon abzugrenzen.
in diesem fall: unkenntnis. danke für die definition.