Paid Content, soweit das Auge reicht, schlechte Videoqualität oder ein eingeschränktes Programmportfolio – selbst im Jahr 2009 verweigern sich Fernsehsender mit ihren Internetangeboten einer stetig wachsenden Anzahl von Menschen, die ihren Medienalltag selbst bestimmen und die Fernbedienung lieber aus der Hand legen. Sie sehen sich Shows, Dokumentationen, Serien und Filme nicht mehr nur im Fernsehen und vor allem zeitunabhängig an. Adieu, lineare Mediennutzung! Eine Studie von Softwareriese Microsoft will das Unvermeidliche nun bestätigt wissen: 2010 wird das Internet das Fernsehen als meist konsumiertes Medium ablösen. Und: TV-Inhalte wandern vermehrt ins Netz.
Zukunft ist nicht gewollt
Doch die deutschen Sendeanstalten scheinen diese Zukunft zu ignorieren, dabei ist die Beweislast gegen das Programmdiktat auch im eigenen Land erdrückend: Die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung hat herausgefunden, dass der TV-Konsum der Deutschen seit nun mehr zwei Jahren rückläufig ist. In der jungen Zielgruppe zwischen 14 und 29 Jahren reduziert sich die Fernsehzeit mittlerweile auf 136 Minuten. Laut Onlinestudie des ARD und ZDF sind Erwachsene täglich 58 Minuten online (Tendenz steigend) und Jugendliche verbringen mit 120 Minuten mehr Zeit im Netz als mit fernsehen (100 Minuten). Über die Hälfte aller erwachsenen Internetnutzer rufen Videos und TV-Inhalte über Videoportale und Mediatheken auf – live oder zeitversetzt. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es sogar schon 84 Prozent. Leider steht das alte Leitmedium Fernsehen genau bei diesem Nutzungsverhalten im Weg: Statt dem geneigten Zuschauer ins Internet zu folgen und mit ihm Seite an Seite die digitale Videowelt zu erobern, werden nur wenige Inhalte ins Netz gespeist. Lediglich ein Teil davon ist kostenlos abrufbar oder das, was im Fernsehen bereits kaum jemand sehen wollte. Erfolgreiche Formate sind im Netz Mangelware. Für die Fernsehsender ist das Internet bisher das ungeliebte Stiefkind. Das muss so nicht sein. Wie es geht, zeigen – und leider wie so oft – die USA.
Vor mehr als einem Jahr startete dort die TV-Plattform Hulu – ein Zusammenschluss der Sendeanstalten NBC Universal und Fox Entertainment Group, die wiederum zu Rupert Murdochs Medienimperium News Corp. gehört. Die anhängenden TV-Sender NBC und Fox präsentieren auf Hulu.com fast ihr gesamtes Programm – ob Simpsons, Dr. House oder 24 – alles wird selbstverständlich kostenlos und hochauflösend gezeigt. Weitere Kooperationen mit Sony und Metro-Goldwyn-Mayer wurden geschlossen, um die Plattform für Nutzer durch Kinofilme noch attraktiver zu machen.
Hulu als Erfolgsmodell
Bisher ist Hulu außerhalb der USA nicht verfügbar, über einen baldigen Start in Deutschland wird bereits gemunkelt, in Großbritannien erscheint er demnächst wahrscheinlich. Innerhalb der Landesgrenzen verzeichnet das Portal allerdings beachtliche Zugriffszahlen: Mittlerweile zählt Hulu zur zweiterfolgreichsten Videoplattform in den USA – hinter Youtube – und kann monatliche Wachstumsraten von mehr als 30 Prozent verbuchen. Im März sahen sich rund neun Millionen US-Bürger fast 350 Millionen Hulu-Videos an. Und sie scheinen sich nicht an den kurzen Werbeunterbrechnungen in den einzelnen Videos zu stören. Alle Bewegtbildinhalte auf Hulu werden gestreamt, ein Download ist schwierig und demnach auch das illegalen Kopieren und Weiterverbreiten urheberrechtlich geschützter Inhalte. Trotz vieler Löschungen und Klagen von Plattenfirmen ist das beispielsweise auf Youtube immer noch Gang und Gäbe. ??Verständlich also, dass sich TV-Sender sträuben, ihre aufwendig produzierten Sendungen und Dokumentationen ins Netz zu blasen und diese dann ihrem Schicksal zu überlassen. Dennoch: Wer seine Lieblingsserie im Fernsehen verpasst hat, setzt lieber mit einer DVD auf Home Entertainment oder sucht sich alles im Internet zusammen – entweder per Download oder Stream – das gestaltet sich zwar zuweilen nicht ganz einfach, doch mit ein wenig Geduld und Suchgeschick kommen Netzgucker fast immer auf ihre Kosten. Dieses Verhalten kann natürlich als Hilfeschrei der medienkonsumierenden Bevölkerung gewertet werden: Mit dem Fernsehen wird sie in lineare Ketten gelegt und muss, der eigenen Medienkompetenz entmündigt, ihr Dasein im Programmdiktat fristen. Das Internet ist nämlich nicht wie das Fernsehen ein Push-, sondern ein Pull-Medium, indem gezielt Inhalte ausgewählt werden, sei es Information oder Unterhaltung.
Kaum Qualität für’s Geld
Leider kommen die Sender der Logik des Netzes nur in behäbigen Schritten entgegen: Es gibt keine firmenübergreifende Plattform ähnlich Hulu. Um TV-Inhalte zu schauen, muss man mühselig endereigene Mediatheken im Netz ansteuern, die sich überdies noch völlig rückschrittlich präsentieren. Der Privatsender RTL hat auf seiner Internetseite einen Video-on-demand-Service eingerichtet. RTLnow präsentiert dem Zuschauer zwar unter anderem auch Serien wie GZSZ, die am selben Tag im Fernsehen zu sehen sind, allerdings bildet es nicht sein gesamtes Programmportfolio online ab. Für viele Inhalte muss man sogar pro Abruf eine Gebühr entrichten. Wer keine Lust auf ständige Einmalzahlungen hat, kann ein Abonnement der jeweiligen Serie oder Show abschließen. Für Geld wird ja bekanntlich eine angemessene Gegenleistung erwartet, nämlich Qualität. Doch die lässt bei allen Videos zu wünschen übrig – insofern diese überhaupt starten.
Auch bei Senderkonkurrenz ProSieben muss sich der Zuschauer auf Pixel-Artefakte und zwischenzeitliches Puffern einstellen. Hier ist sogar bereits vor dem Ende des Videos das Bild weg. Wer ein bestimmtes Plugin, dessen Namen und Notwendigkeit sich dem Zuschauer wohl nie erschließen wird, nicht installiert, bekommt gar nicht erst die Chance, die Videos in guter Qualität sehen zu können. Wer verzweifelt durch die verwirrende Menüführung der Mediathek stolpert, kann letztlich doch beruhigt sein: Der Großteil des ProSieben-Angebotes ist in das kostenpflichtige Video-on-demand-Portal Maxdome ausgelagert worden.??Wesentlich schlauer stellen sich die Öffentlich-Rechtlichen Sender wie beispielsweise ZDF oder ARD an. Aus rechtlichen Gründen kann nicht das komplette Fernsehprogramm im Netz abgebildet werden, doch die Mediatheken füllen sich beständig, die meisten Sendungen sind zeitgleich oder kurz nach der TV-Ausstrahlung im Netz. Wie bei den privaten Sendern an einigen Stellen allerdings nur sieben Tage. Die Qualität jedoch überzeugt, auch wenn noch keine Möglichkeit besteht, sich die Inhalte hochauflösend anzuschauen.
Youtube ein Schnippchen schlagen
Und während sich hierzulande von Senderseite noch geziert wird, das Netz zu verstehen mit seiner dezentralen Vertriebs- und Verbreitungsstruktur, einer Empfehlungskultur, die effektiver ist als eine Programmzeitschrift, spaziert Hulu vorbildlich über die Spielwiese Internet: Auf den News Corp.-Partnerseiten wie Yahoo, AOL, MySpace oder MSN kann man sich Hulu-Videos ansehen, bewerten, verschicken oder mittels so genanntem Embed-Code auf die eigene Website beziehungsweise das persönliche Profil des jeweiligen Dienstes einbinden und von dort abspielen. Auf der Huluseite werden die Zuschauer dazu aufgefordert einzelne Videos per Mail, über das soziale Netzwerk Facebook oder über verschiedene Bookmarkdienste weiter zu empfehlen. Außerdem gibt es eine Kommentarfunktion unter den Clips, dort kann man mit Gleichgesinnten über das gerade Gesehene live oder im Anschluss an das Video diskutieren. Nutzer haben sogar die Möglichkeit eigene Kurz-Rezension schreiben. Wie selbstverständlich nutzt Hulu die Möglichkeiten des Web2.0 und was bekommt der Zuschauer auf deutschen Seiten geboten? Wenn überhaupt: einen mageren Link unter dem ZDF-Video oder die am häufigsten angesehenen Folgen der Telenovela „Sturm der Liebe“.
In Deutschland versauern die spärlichen, teuren Videos eingesperrt wie in einer Gated Community in den Mediatheken. Man kann das auch Servicewüste nennen. Was sich hoffentlich bald ändert.
[Disclaimer: Dieser Text war ursprünglich für die Medienseite des Tagesspiegel konzipiert. Allerdings erschien er - in Zusammenarbeit mit einem weiteren Kollegen der Printredaktion - als Verbraucherstück in dieser Version.]

accenture sagt auch schon seit jahren das nutzer selbst bestimmen wollen wann sie was sehen. bisher hab ich nur von der alterwürdigen BBC gehört das die senderseitig dieser forderung umfassend nachkommen wollen.
da ich schon seit 2004 auf ein eigenes TVgerät verzichte bin ich nun im fünften jahr selbstversorger. erleichtert wird dies durch die diversen streaming seiten. über z.B. die US verteiler seiten kann man gerade aktuelle serien schon ab einen tag nach ausstrahlung, in den staaten in verschieden, qualistufen anschauen.
ist auch schwierig für die öffentlich-rechtlichen: die sollen ja nicht ins internet gehen dürfwn. nichtmal ernsthaft programmbegeltend. phoenix stutzt wegen des geänderten rundfunkstaatsvertrages inzwischen sogar seine weblogs und die archive müssen nach 7 tagen gelöscht werden. dabei wäre genau das eine rettungsmöglichkeit fürs fernsehen: sendungen gucken, wenn man dafür zeit hat und nicht wenn der programmdirektor das will.
Sehr guter Artikel! Video-Plattformen sorgen immer wieder für neue Überraschungen. Danke für den ausführlichen Artikel.
Ganz gute Seite habt ihr da! Ich empfehle euch auf jeden Fall weiter.
mfg.
http://musikdownloaden.mu.ohost.de
Das Inhalte nur noch 7 Tage zu sehen sind, ist so unverständlich! Die Öffentlichen haben doch in ihren Archiven so viele Schätze, die brauchen ein paar Jahre nur noch Qualitätssendungen produzieren und können sich den Schrott sparen, weil die Zuschauer online über Jahre die Archivschätze gucken würden. Es gibt so viele Dokus und Serien, die zwar nicht mehr aktuellem Stand entsprechen, aber durchaus ihren Charme haben und von vielen gerne noch einmal angeschaut werden würden. In den halblegalen Streamingportalen laufen gerade die älteren Sachen wie geschnitten Brot. Die Sender verspielen sich ihre Zukunft! Dann holt sich der Zuschauer seine Serien und Filme direkt bei den Studios-Shows und Talks werden die Leute nicht länger nachfragen, geschweige denn ohne Filmcontentzugriff bezahlen wollen. Und der ganze Flashmurks ist auch daneben. Der gleiche Fehler wie bei der Musik! Es gibt mittlerweile HD, und die Sender setzen auf Flash, dass noch unterhalb von DivX anzusiedeln ist, was die Bildqualität anbelangt! Zudem verlangt es nach starken Prozessoren, was wieder potentielle Zuschauer ausschließt! Die Windowsmediastreams laufen indes auch auf alten Möhren flüssig, bei anständiger Bildqualität.