Heterosexismus beschreibt die oft subtile gesellschaftliche Neigung und das ideologische System, jede Form von Identität, Verhalten, Beziehung oder Gemeinschaft, welche nicht eindeutig der auf Heterosexualität basierenden sozialen Norm entspricht zu verleugnen, verunglimpfen und stigmatisieren. Er ist zu verstehen als eine auf Heteronormativität gründende und nicht hinterfragte gesellschaftliche Setzung heterosexueller Lebensentwürfe und -weisen, als die sexuelle “Normalität”, die z. B. die schwule und lesbische Existenz als Randerscheinung oder weniger “natürliches” Phänomen, als bloße “sexuelle Vorliebe” abhandelt. Der Begriff Heterosexismus verweist eher auf Arroganz oder Chauvinismus als Ursache des ablehnenden Verhaltens (als auf Homophobie – Anmerkung von mir).
Lange habe ich nach einem Begriff gesucht, der eine Überschrift bilden könnte für die vielen Situationen, der ich mich als Lesbe (dafür sollte es langsam mal einen neuen Begriff geben – allerdings bezeichnend, dass ich ihn negativ wahrnehme) ausgesetzt sehe. Ich halte mich hier ganz absichtlich davon fern, Heterosexismus einer bestimmten Personengruppe zuzuordnen. Heterosexismus ist unabhängig von Geschlecht, Sexualität und (sozialer) Herkunft. Und weil das so ist, werde ich in den kommen Worten und vielleicht auch demnächst fortführend ein paar Beobachtungen notieren:
Heterosexismus in der Männerwelt: Lesben wollen gefickt werden
Sonntag, Sonne, Alexanderplatz. Ich laufe mit Frau X. händchenhaltend und rumturtelnd über den Platz hinter dem Fernsehturm entlang. Zwischen der Marienkirche und dem Neptunbrunnen halten wir an.
“Ist es dir unangenehm, wenn wir uns in der Öffentlichkeit küssen?”, fragt sie. “Nein”, erwidere ich. Allerdings mit dem Zusatz, dass ich mir auf diesem Platz unter den vielen Menschen schon etwas beobachtet vorkäme. Sie schaute sich um und pflichtete mir bei.
Wir liefen weiter und begannen ein Gespräch über Freizügigkeit. Ich gehöre sicherlich zu den letzten, die sich nicht als “out of closet” bezeichnen würden. Den Schrank habe ich schon lange hinter mir gelassen. Dennoch habe ich ein Problem damit, meine Liebe der Öffentlichkeit preis zu geben. Nicht weil ich etwa ängstlich bin, nicht weil ich denke, ich würde dafür attackiert werden. Nein es ist der Heterosexismus unserer Gesellschaft, der selbst in einer weltoffenen Stadt wie Berlin im Gegensatz zu meinem sexuellem Selbstverständnis ganz freizügig gelebt wird.
So sprachen also Frau X. und ich über unser Turtelgebahren im öffentlichen Raum. Auf einmal stoppte sie, drehte sich zu mir und nahm mein Gesicht in ihre Hände. Mit ihren großen grünen Augen sah sie mich an. “Wenn ich Lust habe, dich zu küssen, mach ich es einfach.” Gedankenversunken standen wir da.
Plötzlich hinter und neben mir männliche Stimmen. Frau X. erschrak und schlug mir die Eistee-Flasche aus der Hand. Dieser Moment hatte eine beunruhigende gewaltsame Komponente.
“Ey. Mädels. Wir sind beide schwul und wollten mal fragen, ob wir uns nicht zu viert anfassen können”, prollte uns dieses fleischgewordene Stück Solarium entgegen. Sein Freund, der zwar etwas größer war, aber genauso aussah, bestach lediglich durch rasierte Augenbrauen und blinkende Ohrringe, nicht durch Rhetorik. Mein Blick schweifte von der entsetzten Frau X. zu diesem halbwüchsigen Typen, der etwas ungeschickt gestikulierte, nämlich mit seinen Zeigefingern um seine Nippel kreisend und dabei ein verschmitztes Lächeln aufsetzend, zu seinem sprachlosen, debil-grinsenden Freund.
Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass die beiden weder schwul noch anderweitig am gleichen Geschlecht interessiert waren, sondern sich in ihrer uns gegenüber formulierten Selbstdefinition eine eklatante sexualwissenschaftliche Wissenslücke offenbarte, vorgetragen mit einer gehörigen Portion Unsicherheit und Naivität.
Umso erheblicher das Maß an Arroganz, es bräuchte lediglich genügend Sperma und Testosteron, um kleine schnuckelige Lesbenmädchen von den Vorzügen eines Mannes zu überzeugen. Sehr fragwürdige Vorzüge für meine Begriffe.
Wie es immer so ist in solchen Situationen, besitze ich nicht den Mut, auf chauvinistischen Fragen mit Ja zu antworten. Wie versteinert steht man da und stattdessen ergab sich folgender Dialog zwischen mir und dem Fleisch:
“Nee.”
“Nee?”
“Nee.”
“Na hört mal Mädels, wir sind schwul und wir wollten fragen, ob wir uns nicht mal zu viert anfassen wollen.”
“Nee, haick jetzt jar keen Bock druff.”
Wahrscheinlich fiel ich in den Berliner Ton, um mich phonetisch auf das Gossen-Niveau zu begeben, was er an den Tag legte. Wahrscheinlich dachte ich auch, dass ich dadurch ein bisschen mit meiner Ignoranz winken könnte.
Spannender war allerdings das, was er darauf erwiderte: “Wieso nicht? Weil IHR so seid, wir ihr seid oder was?” Seine Miene verfinsterte sich etwas, der Ton wurde barscher, ahnte er doch allmählich, dass er seinen Schwanz wohl noch etwas länger würde ruhig halten müssen. Kurz schoss mir der Gedanke durch den Kopf, er könnte Frau X. packen und wegzerren, doch zum Glück war sie gesprächiger als ich und quasselte die beiden Jungs mit Google und Lesben-Definitionen voll. Später war ihr dieser klägliche Versuch von Zynismus peinlich und sie stempelte sich als Gymniasiastenwitz-Erzählerin ab. Immerhin: Noch im Redevorgang befindlich, nahm sie meine Hand und zog mit mir von dannen, während die beiden Tölpel kehrt machten und zurück gingen auf den Brunnen vor dem ddp-Eingang an der Rückseite des Fernsehturms.
Erst da wurde mir bewusst, dass die beiden (wie ich später von Frau X. erfuhr, stand sogar noch eine dritte männliche Person hinter mir) uns seit unserem Erscheinungsbeginn auf dem Platz beobachtet und verfolgt hatten. In diesen erkenntnisreichen wie gruseligen und zugleich demütigenden Momenten wünsche ich mir, ich wäre ein unauffälliger Hetero. Unauffällig wohlgemerkt, denn oft müssen sich auch heterosexuelle Frauen mit diesen abartigen Pissern herumschlagen, die mal zurückhaltender, mal penetranter ihre männliche Überlegenheit, die sich lediglich in mehr Muskelmasse manifestiert, ausspielen müssen.
Linktipps:
Opfer, Täter, Angebote – Gewalt gegen Schwule und Lesben (PDF)
Diskriminierung in Deutschland
Foto: uBookworm (Creative Commons)
















Ich glaube, dass sich dieses grenzdebile Verhalten einiger Leute auch nie ändern wird. Wahrscheinlich, weil es immer noch die “Große Unbekannte” ist ein verliebtes Homo-Pärchen auf der Straße zu sehen. Bei Schwulen ist es widerlich und bei Lesben (dieses Wort hat wirklich einen negativen Klang) ist es unbegreiflich, dass sie nunmal nicht auf hängende Christbaumkugeln und Schlagbohrer stehen. Vor allem, wenn sie äußerlich nicht dem Klischee der breiten Masse entsprechen.
Kurz gesagt: Fleischgewordene youporn-Darstellerinnen……man sollte vielleicht Geld für die lüsternde Beschauung im Alltag verlangen – nie wieder rote Zahlen auf dem Kontoauszug.
ich kann verstehen, dass euch mulmig war oder ihr sogar angst hattet. hätte ich auch gehabt. arschkrampen!
Das was du beschreibst ist doch aber eigentlich eine der grundlegendsten Eigenschaften der menschlichen Natur überhaupt: Angst vor allem was scheinbar und nur manchmal sogar tatsächlich, anders ist als man selbst. Auch wenn es doch sogar wirklich keinerlei (negative) Konsequenz für das eigene Leben hat. Was es rational wirklich ad absurdum führt. Was fehlt ist diese Erkenntnis wirksam zu verbreiten, um mit diesem instinktiven Ballast aufzuräumen (und wer handelt schon stets rational). Doch wie so oft in diesen Fällen, dürfte das nahezu unmöglich sein.
Disclaimer: Womit ich in keinster Weise versuche dir das Recht abzusprechen dich über diese spezielle Ausprägung des Problems zu “beschweren”.
Der einzige Heterosexismus in der Männerwelt, der mir bekannt ist, ist wenn Lesben Kinder möchten und sich überlegen welchen Weg sie da einschlagen wollen. Dann heißt es oft “dann sollen sie halt gefälligst mit einem Mann zusammen sein”.
Daher kann ich nicht ganz nachvollziehen wieso du dieses Erlebnis unter dieser Überschrift (Lesben wollen gefickt werden) subsumierst. Für so einen bizarren Vorfall gäbe es ja vielfältigste Wege der Interpretation.
So wie die 2 bzw. 3 männlichen Personen beschrieben wurden, möchte ich fast meinen das es auch als “unauffälliger Hetero” keines besonderen Zutuns bedurft hätte, um eventuell in ein unschönes Erlebnis hinein zu geraten. Natürlich nichts als pure Spekulation.
PS: Für mich ist der Begriff Lesbe mit nichts negativem verknüpft.
Hallo RC,
ich habe nichts subsumiert, denn wie ich bereits eingangs formuliert habe, soll das eine Reihe von heterosexistischen Ausprägungen werden, die ich bereits erleben durfte. Und dazu gehört auch das von dir angesprochene Problem des Kinderwunsches. Kommt bald.
Als unauffälliger Hetero wäre man in dieser Art und Weise nicht angesprochen worden. Nicht umsonst wurden wir auf unser lesbisches Dasein reduziert, was nicht ernst genommen wurde.
Ein auffälliger Hetero hätte mit sexistischen Plattitüden zu kämpfen gehabt. Nicht weniger schlimm.
Grüße,
lantzschi