Hier ist riesengroße Scheiße passiert. Nein, die Scheiße dreht sich nicht um Herrn Knüwer. Nicht um alteingesessene Printredakteure, die mit Online nix am Hut haben wollen. Nein, auch nicht um Journalismus im Allgemeinen. Oder um die Medienkrise, die gar keine ist. Sondern, dass sich ein ums andere Mal zeigt, dass falsche Debatten geführt werden. Immer wieder. Und immer wieder an der falschen Stelle. Mit den falschen Leuten und den falschen Argumenten.
Es geht nicht um Blogs. Sondern um Medienkompetenz.
Vor ein paar Tagen habe ich aus einer etwas anderen Perspektive beleuchtet, warum wir in Deutschland nicht vorankommen. Immernoch lese ich mich tagtäglich durch den Nachrichtenwust, der auf 1000 verschiedenen Plattformen wiedergekäut wird, ohne mir wirklich einen Mehrwehrt zu bringen. Einen interessanten Dreh. Eine wirkliche Verarbeitung des Geschehenen (gibt es das Wort?). Ein Denkanstoß. Ein Debattenanstoß.
Ich dachte bis vor einiger Zeit, Blogs könnten mir das liefern. Ohne dabei auf die großen Medienhäuser sauer zu sein. Warum nicht? Sinnvolle Ergänzung. Medienkompetenz nutzen. Stattdessen lese ich von wahrscheinlich medieninkompetenten Bloggern, dass da Redakteur XY mit Agenturen wie dpa, AFP, Reuters arbeitet, um an seine Informationen zu kommen. Oder dass die SZ schon wieder über Blogger meckert. Oder Kommentare nach 19 Uhr nicht mehr auf seinem Onlineableger haben will.
oO
Das Einzige, was ich von Bloggern in Bezug auf meine eigene journalistische Arbeit lernen konnte, wie man sich als Medienunternehmen so verhalten kann, dass man den Lesern, Usern, Bloggern, wirklich was entgegenbringt. Wie man den Dialog verbessern kann. Warum einer wichtig ist. Obwohl so ein richtiges Lernen war das auch nicht. Es war mehr ein spöttisches Anprangern. Ein Fingerzeig auf den ausgemachten Systemfeind. Pseudolinkes Behavior verpackt in bigottem Großkotz.
ENTF. Mit großem STRG
Denn nicht erst seit heute weiß ich: Blogger sind Journalisten. Definitiv. Sie sind ungenau. Ihnen ist es egal. Dialog ist subjektiv erwünscht – nicht obligatorisch. Sie stellen Leute ungefragt an den Pranger. Diese Leute können Kollegen, Blogger, Freunde, Feinde sein. Im Internet ist alles meta-relativ. Und selbst? Blogger haben kleine Eier. Oder keine. Aber das will ich nicht unterstellen. Wenn man sie wirklich herausfordert, kitzelt, ärgert – ENTF. Mit großem STRG. Das passiert ganz reflexartig. Ohne viel Überlegen. Bsp. Knüwer: Kollege Iwersen scheißt ihm so richtig in sein Glashaus. Es stinkt gewaltig. Ekelhaft. Kaum zum Aushalten. Was macht Knüwer? Er räumt die Scheiße weg, anstatt das Glashaus zu verlassen. Iwersen hat Knüwer Grenzen aufgezeigt. Nein, ähm falsch. Er hat hoffentlich seinen ignoranten Horizont erweitert.
Ok. Soweit so gut.
Doch wo befinden wir uns eigentlich? Wir reden über Twitter als neue Nachrichtenquelle und müssen das bis ins Kleinste durchklamüsern, ob das sein darf. Und da liegt genau der Punkt. Nicht reden – machen. Egal welches Medium ich nutze, um mir Informationen zu beschaffen. ICH NUTZE ES. Es ist egal, warum ich es tue. Es ist da. Offensichtlich scheint es mir zu gefallen. Das muss ich doch nicht anpreisen. Das versteht sich von selbst. Das ist auch kein Sieg über den Systemfeind, sondern stinknormale Realität im Jahr 2008.
Man muss Journalisten jedoch diese Medien nicht aufzuzwängen versuchen und sie dann als ewiggestrig hinstellen, nur weil sie das nicht nutzen. Habe ich vorhin nicht etwas von Ergänzung erzählt? Von Medienkompetenz? Bin ich nicht mein eigener Herr der Informationsaufnahme, -verarbeitung und/oder -weiterverwertung? Reden wir nicht über eine freie, demokratische Masse?
Kritikfähigkeit natürlich inbegriffen
Journalisten sind Blogger sind Leser sind Journalisten. Das mag jetzt nichts Neues sein. Umgesetzt und Realität ist das allerdings nicht. Und hier können sich alle an die eigene Nase fassen. Geht man als Medium/Journalist nach draußen, bedient sich dieser Mittel, die viele so vehement einfordern… Verloren. Immer. Man wird nicht respektiert. Nicht auf gleicher Augenhöhe. Arbeite für ein größeres Unternehmen als der ICH-AG-Blogger und schon hast du versagt. So wie du als Leser in den Augen einiger Unternehmen nur versagen kannst.
Was uns fehlt, ist der gegenseitige Respekt. Gleichzeitig verbunden mit der Akzeptanz und Kenntnis aller zur Verfügung stehenden Formate der Informationsgenerierung und -verbreitung, mit Akzeptanz aller zur Verfügung stehenden Formate des ehrlichen, offenen und transparenten Dialogs auf gleicher Augenhöhe. Was noch fehlt und am wichtigsten erscheint: Toleranz, jedem freizustellen, was er wie und wieviel davon einsetzt. Denn letztendlich habe ICH die Möglichkeit mir alles so zu kochen, dass alles zusammen genommen 100% ergibt.
Und dann können wir endlich Debatten führen.
Respekt ist der Schlüssel zum Erfolg: http://tinyurl.com/5rzn59
amen. ernsthaft.
und übrigens: du schreibst schnell und bissig. die sollten dich mal befördern.
“Kenntnis aller zur Verfügung stehenden Formate der Informationsgenerierung”
Lantzschi, das ist ganz schön viel verlangt, in einer vollkommen vernetzten Welt, in denen täglich neue Formate in allen möglichen Sprachen neu erfunden werden…ich befürchte, wir kommen oft nicht weiter, weil uns der alles überschauende Überblick fehlt…und vielleicht gibt es ja den “neuen Journalismus” auch gar nicht, vielleicht gibt es auch gar keine Innovation, außer der Innovation der Technik?
habe ich irgendwo behauptet, dass es den “neuen journalismus” oder innovation gibt? definitiv nicht, denn es gibt ihn nicht. dass er aber nötig wird, das scheint mir unbestritten.
dass das unmöglich für jeden einzelnen journalisten umsetzbar ist, da bin ich ganz bei dir. (letzter absatz)
aber was ein journalist wissen MUSS: er kann mit dem leser kommunizieren. und: die erwartungen an den journalisten sind gestiegen. mehr muss er nicht wissen.
ich halte es für richtiger, dass die medienbranche da unterstützt und nicht mit “friss oder stirb”-prinzip alleingelassen wird.
nein du hast das nicht behauptet, aber du forderst ihn, den neuen journalismus.
aber jetzt, wo ich alles nochmal gelesen habe und auch die debatten, auf die du dich beziehst, muss ich dir recht geben. was die herren sich da via blog ins gesicht reiern ist extrem kleingeistig. verletzte eitelkeiten, mehr nicht.
aber was mich zu meiner antwort zum neuen journalismus veranlasst hat, war ein gedanke, den ich in letzter zeit häufiger denke, nämlich der, ob die welt für all das neue, dass wir uns so denken, jemals bereit sein wird. und das meinte ich mit: vielleicht gibt es ja auch gar keine innovation im medienbereich, denn das entscheidende ist doch, dass man auch konsumiert wird.
vielleicht nur ein anfall von winterblues aber du hast es ja selbst geschrieben:
Und dann, (…), gibt es da draußen die große Mehrheit, die nicht mal weiß, “was ein Twitter ist”. Und mit denen will irgendwie gar niemand sprechen.
ulli, das ist ein sehr interessanter einwand, den auch schon eine gute freundin und kommilitonin von mir mal angeregt hatte und da war es 2007 oder noch früher.
natürlich wird niemals die ganze welt dafür bereit sein. das ist auch ok. aber: als medienbetrieb sollte man mit fortschreitender technik niemanden zurücklassen und/oder vergessen. alle zielgruppen müssen bedient werden. deswegen fand ich die sz-sonderseite zu twitter hervorragend. auch wenn es etwas behäbig klang, was bernd graff da so hinbröselte, es war AUF PAPIER. und die SZ hat nun weiß gott nicht nur junge leser in der zielgruppe.
vielseitigkeit ist hier das stichwort.
was ich bereits gesagt habe: als journalist solltest du um der dinge wissen, die es da draußen gibt, genauso wie die leser selbst. ob du sie nutzt, sollte jedoch dein ding bleiben.
niemand darf hier bestraft werden, nur weil er sich dem fortschritt sträubt und sich dem “journalismus-leser-kommunikation-rückfluss-inbegriffen” (leser als recherchequelle und guter freund) widersetzt. denn: er bedient damit trotzdem den mainstream. wenn dem fortschrittlichen leser das nicht passt, sollte er diesen dialog auf anderer plattform mit anderen journalisten suchen. das meinte ich mit teilen, die zusammen 100% ergeben.
versuch doch aber mal alles abstrakter zu betrachten: der mainstream ist schwerfällig, bewegt sich langsam. eine wabernde dicke graue masse. nischen/extreme/fortschritt geben dem dicken humpen einen gewissen drall. nur so bleibt der mainstream-klumpen überhaupt in bewegung. sonst würde er wohl irgendwann still stehen.