Posted on Nov 26, 2008

Wie man Musik genießen kann. Oder sollte.

Das Foto zeigt meine kleine feine Musiksammlung, die ich gestern, nach der Arzt-Tortur wieder um ein paar Juwelen ergänzt habe (Aktueller Stand: 113).

Musik ist Religion genug – das war seitdem ich ernsthaft angefangen habe, mich für Musik zu interessieren, das war so um 2001. Sehr spät, mit 16. Zugegeben. Vorher war ich ein Chart-Kind. Und mit Chatten beschäftigt. Sei’s drum.

Meine ersten selbstgefundenen musikalischen Ergüsse hießen The Cure, Limp Bizkit, Depeche Mode und Rammstein. Darauf habe ich aufgebaut. Angefangen CDs zu erwerben. Bei Ebay und Expert. In Hoyerswerda gibt es bis heute nicht viel mehr. Hinzu kamen schnell Incubus, Muse und Dredg. Man sieht, ich habe dazugelernt.

Stadtbibliotheken als Schatzwächter

Später benutzte ich die Stadtbibliothek Hoyerswerda um mich weiter inspirieren zu lassen. Super Fundgrube. Verbrechen wie Wir sind Helden lasse ich zwar gerne unter den Tisch fallen, muss mir jedoch eingestehen, dass ich hier zu vielseitig interessiert war ;-) Auch Crazy Town und Blink182…ach lassen wir das.

Nicht viel Zeit verging und ich begann meine Freunde zu missbrauchen. Der Hoyerswerdaesche Kreis kannte nur ungefähr vier Kategorien: HipHop, Reggae&Ska, Deutsche Indiemusik, Gothic. Ja genau. Kläglich. Aber es gab ja meine Freunde und mich. Wir brachten Nächte mit Diskussionen über Trent Reznors und Maynard James Keenans ledierte Seelen zu und darbten im süßen Schmerz des “Die Welt kann mich nicht mehr verstehen” – im übertragenen Sinne natürlich. Niemand wollte zugeben, auch nur ansatzweise Sympathie für deutsche Musik aufzubringen, wenn es nicht gerade um Fehlfarben, Einstürzende Neubauten und Ton, Steine, Scherben ging. Wer Rammstein mochte, wurde ab und an mit schiefen Blicken gewürdigt, aber Ärzte waren okay. Hab ich nie verstanden.

Musikzeitschriften sind ewige Versager

Visions abonnierte ich vom September 2005 bis März 2007. Wäre ich früher auf die Zeitschrift gestoßen, ich hätte sie vielleicht geliebt. So bleibt die Visions lediglich als der Burger King neben dem McDonalds Musikexpress in meinem Gedächtnis. Ein Gutes hatte die Zeitschrift doch: Man konnte bereits vor der Januar-Jahrespoll-Ausgabe sagen, was Album des Jahres wird: Mando Diao. Jippieh. Musikzeitschriften haben offline versagt. Ganz eindeutig. So anachronistisch und labelheuchlerisch kann man gar nicht sein und das ernst meinen. Fanzines sind die Zukunft. Aber da bin ich wahrscheinlich auch zu anachronistisch.

Eins blieb bis heute: Der rege Austausch über Musik. Meine Freunde sind mir stets gute Quelle und Inspiration, auch wenn sich unsere Geschmäcker mit der Zeit auseinander differenzierten. Eine Freundin hält mir mittlerweile das neue Britney-Album vor die Nase und ist felsenfest der Überzeugung, dass das geiler Shit ist. Der andere rechtfertigt die musikalische Größe von Bullet for my Valentine. Jo. Das muss ich nicht haben, aber zeigt mir nur wieder ein ums andere Mal, dass der Pop nach wie vor der größte Katalysator für dein eigenen Musikgeschmack ist. Das kann explosiv oder implosiv geschehen. Völlig egal.

Bald kam auch für mich die große Enttäuschung und ich musste Pop als Katalysator hinzuziehen. Nach 2003 waren die großen Progressive-Alternative-Bands in der Versenkung verschwunden. Crossover in seiner früheren Herrlichkeit war endgültig tot.  Das Bizarre-Festival gab es nicht mehr. Southside und Hurricane wurden zu Rock im Park/am Ring 2.0… die Indiewelle überschwemmte die Welt mit Eintönigkeit.

Der eigene Musikgeschmack ist eine Amöbe

Was meine Lieblingsbands anging, die trübten sich ein, keine neuen oder spannenden Alben mehr. Ich nagte also an den Früchten aus vergangenen Zeiten. Das kann’s doch nicht sein. Ich widmete mich also vermehrt der elektronischen Musik. Endlich ein neues Pflaster zum beackern. Ging sogar zu Drum’n'Bass tanzen. Und so ganz zaghaft wandte ich mich der Popmusik zu. Frauenpop.

Und nun? im Jahr 2008? Ich habe keine Ahnung. Alles? Von allem das Beste? Kleine Perlen? Man muss sich den eigenen Musikgeschmack, insofern man sich wirklich für Musik interessiert und sich täglich damit auseiandersetzt, als eine Amöbe vorstellen. Zieht sich ein Arm ein,  kommt er an einer anderen Stelle wieder heraus. Eine Amöbe ist ständig in Veränderung, bewegt sich ohne festes Ziel und hat doch die Möglichkeit zu alten Orten zurückzukehren. Der Amöben-Motor können die eigene Neugier sein oder Empfehlungs-Portale wie Last.fm

In der Zwischenzeit sollte man jedoch die Stellen markieren, an denen man bereits Rast gemacht hat. Deswegen kaufe ich mir CDs. Wenn ich groß bin, will ich 10 Billy-Regale nebeneinanderstellen und stolz auf mich sein.

15 Comments

  • Susi sagt:

    Ich find’ CD’s inzwischen reichlich überflüssig, dann doch lieber Vinyl, schon vom Sound her!
    Und ich hab’ die “Visions” immer noch aboniert… obwohl es qualitativ seitdem der Herr Plauk die Macht hat irgendwie immer mehr bergabwärts geht… die Geschichte hinter der eigentlichen Geschichte bleibt immer mehr verborgen… die Leichtigkeit des Seins überwiegt. Mit dem “Musikexpress” habe ich mir schon immer höchstens den Arsch abgewischt.
    Ach ja und Tomte finde ich immer noch gut… und dass inzwischen schon sechs Jahre lang ;)

  • lantzschi sagt:

    cds überflüssig? warum?

    vinyl is nur was für poser ;)

  • Phil sagt:

    cds sind völlig überflüßig – vor allem wenn ich deinem last.fm-profil entnehme, dass du sie eh über den Rechner abspielst… Vinyl ist nicht nur was für Poser, sondern vor allem für Liebhaber. Und das Billy-Äquivalent heisst Benno :-)
    Ich würde meine 10 Benno-Regale sofort gegen 5 Expedit-Regale voller LPs eintauschen…

  • lantzschi sagt:

    hätt ich eine anlage, würde ich meine cd’s darüber abspielen. dafür reichen aber 27qm nicht aus, herzilein.

  • Axel sagt:

    lantzschi, wenn du groß bist, kannst du höchstwahrscheinlich die cds aus dem ersten billy-regal schon nicht mehr anhören. entweder weil sich die silberlinge dann langsam aufösen oder weil es gar keinen passenden player mehr gibt. ich glaube nur noch an oldschool (vinyl) und newschool (die eigene digitale musiksammlung auf virtuellen festplatten, jederzeit an jedem ort verfügbar). außerdem mag ich es, meine mittlerweile durch attribute wie ‘bluish’ und ‘reddish’ katalogisierten mp3s in wilder aber bedachter kombination den eigenen stimmungsschwankungen anzupassen. das schafft kein cd-wechsler. achja: sag bescheid, wenn es den ersten tragbaren last.fm-player gibt… ich wär dabei :-)

  • lantzschi sagt:

    ich will aber was zum angucken und anfassen haben. das kann mir keine mp3 ersetzen. auch wenn ich musik meistens (noch) digital höre.

    und vinyls sind ja wohl nicht langlebiger als cd’s??

    klar ist digital die zukunft. will ich gar nich abstreiten. wer weiß, ob irgendwann überhaupt noch cds vertrieben werden. aber dann kann ich wenigstens behaupten, guck mal was die mutti früher gehört hat :D

    last.fm kann man doch schon auf dem ipod/iphone hören unterwegs or net?

  • Phil sagt:

    definitv haben LPs eine längere Haltbarkeit als CDs. die CD gibt es als Medium noch keine 30 Jahre und in der Zeit haben schon einige ihren digitalen Geist aufgegeben. Wohingegen 40-50 Jahre alte Schallplatten immer noch problemlos abspielbar sind…

    und, ja, Last.fm kann man auf dem iPhone abspielen – mach ich (fast) jeden morgen in der Ubahn, weil ich wieder vergessen habe mein Musik zu synchronisieren ;-)

  • Achim sagt:

    Aktueller Stand:
    CDs: 326
    Vinyl: 1217

    gekaufte CDs im letzten Jahr: 0
    gekauftes Vinyl: ? 50+

    Eindeutiger Sieger die LP. Wenn ich schon Geld ausgebe für Musik, dann will ich sie beitzen. Richtig. Auf Platte. Mit einem guten Plattenspieler abspielen, mit einem guten System abtasten, mit einem guten Verstärker wiedergeben und mit guten Boxen abspielen. Diese Kette stimmt bei mir.

    Die CD ist überflüssig. Ob ich digitale Einsen und Nullen auf CD, Stick, Platte, Netz abspiele ist mir egal, eigentlich sind CDs reinste Ressourcenverschwendung, da in heutigen Zeiten der physische Datenträger unnötig ist. Zumindest der digitale.
    Analoge Schallplatten und analoge Schallinformation kann ich nicht ohne weiteres austauschen. Ein bleibender Wert. Und das einzig wahre Medium für Musik

  • Susi sagt:

    Mein reden… Radio MW hat mir den Spaß an CD’s genommen ;)
    Außerdem will ich oftmals Musik “jetzt” hören und nicht erst was machen!!! Konsumentenfreundlich, du weißt – all’ das was die Musikindustrie nicht so recht auf die Reihe bekommt.

  • lantzschi sagt:

    gut ich sehe, hier scheiden sich die geister.

    es geht wohl eher um den ideellen wert

  • Egbert sagt:

    Vom viel größeren Dynamikumfang einer LP gegenüber einer CD will ich lieber schweigen, mit Physik oder so haben Kiddies eh nix mehr am Hut. Obwohl,für Ntsntsntsntsnts dröhn dröhn dröhn ntsntsntsntsntsnts genügt auch MP3 mit niedrigstmöglicher Samplingrate.

    Egbert
    Ost-Abitur in Sachsen, Leistungskurs Festkörperphysik

    P.S. Zum Angucken und Anfassen gibt es ja noch andere Sachen … *ggg*

    PPS. Will auch noch posen:
    Luxman-Verstärker
    Reloop-Plattenspieler mit Direktantrieb
    Denon CD-Player
    Dual-Receiver

    und dat Tollste: zwei 3-Wege-Lautsprecherboxen aus weißem Marmor, tierisch schwer – aber da plärrt nix, da vibriert nix, absolut sauberer Bässe und Höhen. “Also sprach Zarathustra” von Richard Strauss zeigt das volle Potenzial.

  • lantzschi sagt:

    @egbert: du bist alt

  • Stefan sagt:

    posen wollen und dann nurn reloop stehen haben.. pff ;)

    Aber zum Thema:
    ich finde deinen Beitrag super denn ich selber ertappe mich in letzter Zeit immer mehr dabei dass Musik für mich ein fixes Nebenbeimedium geworden ist, Fast Food für die Ohren wenn man so will.
    Das kann natürlich daran liegen, dass mich kaum noch irgendwas vom Hocker haut, aber vielmehr ist es wohl die wenige Zeit die man sich für Musik nimmt.
    Alben komplett durchhören? Pff, wieso denn, einmal gehört und die besten Tracks gleich aufn iPod geparkt. Von der Hatz nach dem next big Hit getrieben fällt es manchmal schwer sich Musik einfach nur anzuhören und zu entspannen/tanzen/träumen … was man halt so macht. Ist schlimm, aber so siehts bei mir grad aus.

  • Egbert sagt:

    @Stefan

    Muss ja nicht immer der obligatorische Technics-Player sein. Aber Run DMC auf einem Thorens wäre Stilbruch.