Wie man Musik genießen kann. Oder sollte.

by lantzschi

Das Foto zeigt meine kleine feine Musiksammlung, die ich gestern, nach der Arzt-Tortur wieder um ein paar Juwelen ergänzt habe (Aktueller Stand: 113).

Musik ist Religion genug – das war seitdem ich ernsthaft angefangen habe, mich für Musik zu interessieren, das war so um 2001. Sehr spät, mit 16. Zugegeben. Vorher war ich ein Chart-Kind. Und mit Chatten beschäftigt. Sei’s drum.

Meine ersten selbstgefundenen musikalischen Ergüsse hießen The Cure, Limp Bizkit, Depeche Mode und Rammstein. Darauf habe ich aufgebaut. Angefangen CDs zu erwerben. Bei Ebay und Expert. In Hoyerswerda gibt es bis heute nicht viel mehr. Hinzu kamen schnell Incubus, Muse und Dredg. Man sieht, ich habe dazugelernt.

Stadtbibliotheken als Schatzwächter

Später benutzte ich die Stadtbibliothek Hoyerswerda um mich weiter inspirieren zu lassen. Super Fundgrube. Verbrechen wie Wir sind Helden lasse ich zwar gerne unter den Tisch fallen, muss mir jedoch eingestehen, dass ich hier zu vielseitig interessiert war ;-) Auch Crazy Town und Blink182…ach lassen wir das.

Nicht viel Zeit verging und ich begann meine Freunde zu missbrauchen. Der Hoyerswerdaesche Kreis kannte nur ungefähr vier Kategorien: HipHop, Reggae&Ska, Deutsche Indiemusik, Gothic. Ja genau. Kläglich. Aber es gab ja meine Freunde und mich. Wir brachten Nächte mit Diskussionen über Trent Reznors und Maynard James Keenans ledierte Seelen zu und darbten im süßen Schmerz des “Die Welt kann mich nicht mehr verstehen” – im übertragenen Sinne natürlich. Niemand wollte zugeben, auch nur ansatzweise Sympathie für deutsche Musik aufzubringen, wenn es nicht gerade um Fehlfarben, Einstürzende Neubauten und Ton, Steine, Scherben ging. Wer Rammstein mochte, wurde ab und an mit schiefen Blicken gewürdigt, aber Ärzte waren okay. Hab ich nie verstanden.

Musikzeitschriften sind ewige Versager

Visions abonnierte ich vom September 2005 bis März 2007. Wäre ich früher auf die Zeitschrift gestoßen, ich hätte sie vielleicht geliebt. So bleibt die Visions lediglich als der Burger King neben dem McDonalds Musikexpress in meinem Gedächtnis. Ein Gutes hatte die Zeitschrift doch: Man konnte bereits vor der Januar-Jahrespoll-Ausgabe sagen, was Album des Jahres wird: Mando Diao. Jippieh. Musikzeitschriften haben offline versagt. Ganz eindeutig. So anachronistisch und labelheuchlerisch kann man gar nicht sein und das ernst meinen. Fanzines sind die Zukunft. Aber da bin ich wahrscheinlich auch zu anachronistisch.

Eins blieb bis heute: Der rege Austausch über Musik. Meine Freunde sind mir stets gute Quelle und Inspiration, auch wenn sich unsere Geschmäcker mit der Zeit auseinander differenzierten. Eine Freundin hält mir mittlerweile das neue Britney-Album vor die Nase und ist felsenfest der Überzeugung, dass das geiler Shit ist. Der andere rechtfertigt die musikalische Größe von Bullet for my Valentine. Jo. Das muss ich nicht haben, aber zeigt mir nur wieder ein ums andere Mal, dass der Pop nach wie vor der größte Katalysator für dein eigenen Musikgeschmack ist. Das kann explosiv oder implosiv geschehen. Völlig egal.

Bald kam auch für mich die große Enttäuschung und ich musste Pop als Katalysator hinzuziehen. Nach 2003 waren die großen Progressive-Alternative-Bands in der Versenkung verschwunden. Crossover in seiner früheren Herrlichkeit war endgültig tot.  Das Bizarre-Festival gab es nicht mehr. Southside und Hurricane wurden zu Rock im Park/am Ring 2.0… die Indiewelle überschwemmte die Welt mit Eintönigkeit.

Der eigene Musikgeschmack ist eine Amöbe

Was meine Lieblingsbands anging, die trübten sich ein, keine neuen oder spannenden Alben mehr. Ich nagte also an den Früchten aus vergangenen Zeiten. Das kann’s doch nicht sein. Ich widmete mich also vermehrt der elektronischen Musik. Endlich ein neues Pflaster zum beackern. Ging sogar zu Drum’n'Bass tanzen. Und so ganz zaghaft wandte ich mich der Popmusik zu. Frauenpop.

Und nun? im Jahr 2008? Ich habe keine Ahnung. Alles? Von allem das Beste? Kleine Perlen? Man muss sich den eigenen Musikgeschmack, insofern man sich wirklich für Musik interessiert und sich täglich damit auseiandersetzt, als eine Amöbe vorstellen. Zieht sich ein Arm ein,  kommt er an einer anderen Stelle wieder heraus. Eine Amöbe ist ständig in Veränderung, bewegt sich ohne festes Ziel und hat doch die Möglichkeit zu alten Orten zurückzukehren. Der Amöben-Motor können die eigene Neugier sein oder Empfehlungs-Portale wie Last.fm

In der Zwischenzeit sollte man jedoch die Stellen markieren, an denen man bereits Rast gemacht hat. Deswegen kaufe ich mir CDs. Wenn ich groß bin, will ich 10 Billy-Regale nebeneinanderstellen und stolz auf mich sein.

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