Wir haben ein Verständigungsproblem.

by lantzschi

Letztens, als ich mal wieder ein bisschen referiert und nachgedacht habe über Twitter, wies mich jemand darauf hin, dass es doch super wäre, mal einen Artikel über Twitter zu veröffentlichen. Also beruflich. Dieser Hinweis artete in eine Diskussion bzw. kreatives Brainstorminung zum Thema Netzkommunikation aus.

Ich muss dem hinzufügen, dass ich anders als z.B. Stefan von Denquer mich nach meinem Studium eher wenig mit den Fortschritten beschäftigt habe, die das Digitale uns so bringt. Social Media, Web3.0, Crowdsourcing, das ist mir alles zu abstrakt und auch schon wieder abgenüffelt wie mein Lieblingskuscheltier, das ich seit meinem Babyalter habe.

Toll, aber ansatzlos

Kanäle hier, Social Marketing da. Das versteh ich alles nicht. Das ist ziemlicher Nerdkram, auch wenn er etwas Fasznierendes hat. Denn mit Sicherheit liegt da die Zukunft des finanzierbaren Journalismus bzw. Schreibertums. Auch Offline. Jedoch steckt alles in den Kinderschuhen. Oder ist sogar noch Quark im Schaufenster. Wieso ist das so? Das frage ich mich in letzter Zeit ziemlich oft. Gerade auch wieder gestern, als es offiziell wurde, dass WatchBerlin die Segel gestrichen werden. Kurzdisclosure: WatchBerlin ist ein Holtzbrinckbaby. Ich arbeite für zoomer.de. Das ist auch ein Holtzbrinckbaby. Natürlich wusste ich das schon ein paar Tage vorher mit WB.

Ich sitze in letzter Zeit des Öfteren vor meinem Mac, in der Bahn oder auch in der Redaktion, liege im Bett und es will mir einfach nicht aus dem Kopf: Die Zukunft der digitalen Netzkommunikation. Mit seinen Auswirkungen und Chancen für Medien. Wenn man sich mit Leuten unterhält über tolle und günstigere Marketinginstrumente als bspw. den Einkauf von Google-Adwords gibt, heißt es meistens ganz pathosbehangen: “Geh nicht raus und spiel dich auf. Sei leise. Hör zu. Lerne. Gesteh Fehler ein. Spamme nicht. Guter Content allein macht es nicht. Er muss gefunden werden. Gib Goodies.” Das alles, das alles ist ganz nett. Ich verstehe das auch. Trotzdem ergibt sich daraus kein wirklicher Ansatz.

Konstruktion ist auch doof

Ich fühle mich wieder zurückversetzt in die Zeit, als ich das Thema für meine Bachelorarbeit wusste, aber keinen blassen Schimmer hatte, wie ich das denn nun angehen soll. Der Brocken ist groß und er ist abstrakt. Dann wiederum schießt es mir durch den Kopf: Was wäre, wenn da draußen endlich die Finanzierbarkeit für tolle Dinge wartet und auch noch dazu der Weg ganz offen vor einem liegt. Man muss ihn nur noch beschreiten. Was wäre dann? Konstruierte Evolution? Ist nicht genau das das Problem, was wir seit Jahren bei allen Medienhäusern vorfinden? Konstruierte Wege führen zu konstruierten Gebilden, die nach spätestens 8 Jahren wieder in sich zusammenfallen? Wie eine Sinuskurve? Quanten, die sich ausdehnen, wieder zusammenfallen, ausdehnen, zusammenfallen? Ist nicht die einzige Chance, die wir haben, dass es abstrakt ist? Viele Wege führen nach Rom? Ja schon. Aber:

Selbst die nerdigsten Nerds haben all das, von dem sie immer sprechen, was sie immer hochloben, wie sie einem Brocken vor die Füße werfen und dein eigenes Vorgehen verlachen, nichts bewirkt. Wenn sie sich aufregen, über große Verlage und ihre Bremser zu stolpern, dann können sie das doch auch alles allein machen oder? Zeigt mir ein Ding, was funktioniert. Und haltet endlich euer großspuriges Maul.

Ich will damit nicht sagen, dass es bisher irgendwas auf Dauer funktionierendes gab. Noch immer sitzen die falschen Menschen in Entscheiderpositionen und das wird erst ein Ende haben, wenn die alle tot sind. Denn ein ganz großes Mediendesaster wird es nicht geben. Oder ist die Welt schon untergegangen?

Aber das kann so lange alles nicht klappen, so lange ich mir noch anhören und auch lesen muss, dass irgendwer behauptet er dürfe nicht mitspielen. Das jedoch tarnt mit vernichtender Kritik einer neuen Sache, die er einfach nicht verstehen will. Nehmen wir das Bsp. Carta. Große Aufregung, da würden nur verkopfte Akademiker für Akademiker schreiben. Keiner von denen, die am lautesten rumschrien, haben sich dort einen Text bis zum Ende durchgelesen. Noch besser: Gegen Autoren und ihre Vita bashen. Mit Ausnahme von 2,3 Leuten wurde noch nie in der hiesigen Blogosphäre über die Carta-Autoren geschrieben. Auf einmal wollen sie alle kennen und wissen, was die in ihrer Vergangenheit denn schon für Mist veranstaltet haben.

Keiner traut sich ans Hirn

Ich frage mich doch ernsthaft: Überlegt man sich hier in Deutschland wirklich mal und gesteht sich das ganz offen ein, dass die deutsche Kommunikation im Netz bisher eine völlig Irrelevante ist? Wo bleibt das Agendasetting außerhalb der klassischen On- und Offlinemedien? Da kommen mal 1,2 Themen im halben Jahr, die wirklich eine Debatte auslösen, der Rest ist Küngelei. Und dann regt man sich auf, wenn man nicht ernst genommen wird. Noch schlimmer, jedes Projekt was versucht, Agendasetting zu betreiben, etwas zu sein, was man gern liest, was Debatten provoziert, das wird gleich abgestempelt mit wirrer Kritik, deren Argumentationspfeiler so klein wie die Eier der Kritiker sind oder mit: Oh, die wollen mich nicht dabei haben.

Nein andersrum: Ihr wollt doch gar nicht verstehen, nachdenken und diskutieren. Ihr wollt nichts verändern außer in eurem kleinen Mikroversum. Ha, da ist die Häme groß, geht ein “Berlin-Mitte-Projekt” den Bach runter, weil sich angeblich niemand außerhalb der eigenen Agentur dafür interessiert hätte. Wird Arroganz unterstellt. Brüller. Ihr traut euch ja noch nicht mal an Texte mit Hirn ran, ihr Affen.

Warum Deutschland medien- und netzmäßig nicht aus dem Arsch kommt, ist eigentlich ein Zusammenspiel vieler Faktoren: Große Verlage und Medienhäuser, die nicht mit ihren Konsumenten produzieren, diskutieren wollen. Egal über welchen Kanal. Große Verlage und Medienhäsuer, die nicht gewillt sind, neue Wege zu gehen. Egal über welchen Kanal.

Mit dem Mainstream reden sie auch nicht.

Blogger, die eigentlich Bretter heißen müssten. Weil sie die mehrfach vor dem Kopf haben. Und Blogleser, netzaffine, die gar nichts wissen (wollen) und nur nachplappern.

Also erzählt mir nichts von Kommunikation und Dialog, der euch von den dicken Fischen verwehrt bleibt. Hier sind Grenzen doch schon seit Jahren abgesteckt und werden bis aufs Zahnfleisch verteidigt.

Und dann, ich hätte es fast vergessen, gibt es da draußen die große Mehrheit, die nicht mal weiß, “was ein Twitter ist”. Und mit denen will irgendwie gar niemand sprechen.

Foto by Marc Isler (Creative Commons)

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