Mittlerweile bin ich seit etwas mehr als einem Jahr für die Holtzbrinckgruppe tätig. Zeit für ein Resumee.
Alles fing damit an. Ein fast verpenntes Bewerbungsgespräch, ein Sprint über den Potsdamer Platz. Ein Gespräch, auf das ich mich aufgrund der Verpenntheit gar nicht vorbereitet hatte. Genommen hat man mich trotzdem. Nicht, weil es Holtzbrinck ist, sondern weil ich für Bewerbungsgespräche keine große Vorbereitungszeit brauche. Nicht, weil ich arrogant bin, vielleicht eher, weil ich es schon immer verstand, aus der größten Scheiße ein herrlich buntes Bonbon zu zaubern, wenn es darauf ankam. So habe ich auch mein Studium mit einer 1 vor dem Komma geschafft.
Mein Sinn hinter meinem Tun sehe ich stets so: Mach das, was du fühlst und was du mit dir vereinbaren kannst, was deiner Moral entspricht. Meine Welt besteht aus einer Abstraktion von dem, was täglich um mich herum passiert. Ich abstrahiere alles bis nichts mehr davon übrig ist, außer dem Kern des Ganzen. Dem eigentlichen Ding. Ich könnte Platon sein. Deswegen bin ich so wie ich bin. In seiner negativen Deutung, die viel zu oft zum Vorschein kommt, mache ich es mir also immer zu einfach. Ich suche den einfachsten Weg zum Ziel, ohne Hindernisse. Ich könnte das personifizierte ökonomische Prinzip sein. Und deshalb fall ich auch so oft damit auf die Fresse. Aber auch darin sehe ich einen Sinn.
So saß ich also beim Gespräch und nestelte an meinen Händen, war zugegebenermaßen nervös und auch wieder nicht. Ich beantwortete die obligatorischen Fragen und windete mich aus der klammernden Frage, was ich denn bei Online wolle, wenn ich doch meine Zukunft im magazinigen Print sehe. Ich muss irgendeinen Stuss erzählt haben, weil ich mich an meine Worte nicht mehr erinnern kann. Ich gab nebenher zu, den Onlineauftritt der NYT nicht zu kennen, habe diese Seite bis heute vielleicht so oft besucht, wie ich Finger an der rechten Hand habe.
Aber ich bekam die Praktikantenstelle. Ich bekam sie sogar auch noch, als ich sie wegen meiner Bachelorarbeit verschieben musste und so begann mein Praktikum bei tagesspiegel.de irgendwann Anfang Oktober 2007. Ich hatte keine Lust auf das Praktikum. Meine einzigen Beweggründe es doch zu tun, waren die Bezahlung und mein sonst sicher trostloses Dasein nach der Abgabe meiner Abschlussarbeit. Ich hätte auf der Straße gesessen. Volontariatsbewerbungen wurden vom Tagesspiegel, bei der TAZ, bei der Märkischen Oder Zeitung und bei der Märkischen Allgemeinen abgelehnt.
Bei der Axel-Springer-Akademie bin ich zwar in die zweite Runde gekommen. Nicht mehr. Ich war kurz traurig und schon gleich wieder nicht. Denn ich verfahre stets so: Wer nicht mit meiner Abstraktion konform gehen kann, der wäre kein guter Arbeitgeber für mich und dem wäre ich kein guter Arbeitnehmer. Das hat im Übrigen rein gar nichts mit Springer zu tun.
Auch in Franfurt/Oder hatte ich ein Bewerbungsgespräch, aber ich bin da nur hingefahren, weil man mir sagen wollte, wie scheiße ich eigentlich bin. Und dass meine Meinung über die BILD völlig populärmobbig wäre, dass da großer, erfolgreicher Journalismus gemacht werde. Dass ein Volontariat nicht dazu da wäre, etwas zu lernen, sondern sich auch gerne Doktoren auf die Stelle bewerben sollten. Dass Online bei der MOZ nicht nötig wäre. Man verkaufe sich über die Printausgabe. Achso. Na dann.
So saß ich also meinen ersten Tag in der Onlineredaktion des Tagesspiegel und fragte nach dem Sinn meines dortigen Sitzens. Ich hatte keine Pläne, keine Alternativen und eine Wohnung in Ostkreuz zu bezahlen. Meine Eltern konnten mich nicht mehr leiden, weil ich so ein Schludrian bin, dem nichts wichtig ist, außer Party. Ich hatte keine Lust mich zu beweisen.
“Wir haben ein Redaktionswiki, guck dort mal rein und wenn du es fertig gelesen hast, dann mach mal ein paar Berlinmeldungen. XY zeigt dir dann, wie das geht. Weißt du schon, wo der Kaffeeautomat steht? Ok, der ist da hinten, da sind Chips und die steckst du rein. Dann kommt Kaffee raus.”
Mittlerweile gibt es den Kaffee nicht mehr ganz kostenfrei, weil wir umgezogen sind, ein paar Hausnummern näher an den Landwehrkanal, aber immernoch so billig, um ihn nicht zu trinken, sondern lieber rüber zum Plus zu watscheln und chemisch verbrämte Cappuccino-Eimer zu kaufen.
Ich las zirka zwei Stunden das Wiki und war überrascht, welche Anforderungen in die tägliche Arbeit des Tickerns gesteckt wurden. Dann zeigte mir XY, wie der Ticker zu bedienen und zu scannen war, wie man Linkkopien auf die Homepage legt und bald redete ich schmunzelnd diesen Onlineslang der anderen Mitarbeiter, der sich sprachwissenschaftlich gesehen aus dem Wording eines CMS und seiner jahrelangen trivialen Abnutzung zusammensetzt, die mir völlig entgegenkam. Onlinejournalismussprache hat etwas Abstraktes, Pragmatisches, Unverblümtes und Zynisches. Ich bin Onlinejournalismus.
Ich genoss meine Zigaretten auf dem Flur, führte die obligatorischen Kennenlerngespräche mit den anderen und war überrascht über meine abschwächende Vorurteilsstigmata. Vielleicht war die Redaktion auch einfach nur der Knaller. Heute weiß ich, dass der zweite Punkt zutrifft. So verging Woche für Woche. Dann hatte ich auch endlich die Gelegenheit, sie kennen zu lernen.
1 jahr festanstellung. ich blogge. http://tinyurl.com/5hm2kr
[...] was doch so fruchtbar hätte sein können. Das ärgert mich. Ich, da ich nun seit einem Jahr (Fortsetzung folgt) Teil dieses Prozesses bin und dafür so dankbar mich jeden Tag zur Arbeit hieve und wirklich das [...]
[...] bisschen mehr Input kommt demnächst in den Fortsetzungen meines Holtzbrinck-Dramastücks, bis dahin poste ich gern diese drei sehr niedlichen Videos und verweise immer wieder gern auf [...]