Posted on Sep 8, 2008

Der mainstreamisierte Individualismus

“ZEIT-Journalist Jens Jessen hat über unsere Jugend geschrieben. Seine Zustandsbeschreibung über den unmutigen Teen und Twen, der verlernt hat aufzubegehren, ist nicht neu, dennoch Wirklichkeit. Einen Schuldigen findet Jessen allerdings nicht. Aber genau das wäre jetzt angebracht, um der Tristesse zu entkommen.” zoomer.de
Jessens Artikel müsste mittlerweile bekannt sein. Die Antwort von Zeit-Campus-Chef Hartung – ein schlechter Witz. Öko- und Globalisierungsschnösel als neue Revoluzzer? Tzz. Wenn man Hartungs Biografie kennt, kommt man sich ein bisschen verarscht vor.

Ich finde, dass der Gesichtspunkt, den ich für zoomer.de (oben verlinkt) zu Jessens Sichtweise der “Jugend ohne Charakter” fand, doch dann besser passt. Nicht, weil ich überheblich bin, sondern, weil Denise dasselbe beobachtet.

3 Comments

  • denise sagt:

    besonders gelungen in hartungs antwort finde ich folgenden satz:

    “Wer das behauptet, müsste in letzter Konsequenz auch Neonazis für besonders charakterfest halten – schließlich grenzen die sich besonders drastisch von der Mehrheitsgesellschaft ab.”

    Er fällt zwar abseits der Kernthese, sagt aber einiges über die Konzeption von Hartungs Erwiderung aus: ‘Mmh, eine Gegenpolemik? Was eignet sich dafür am besten? Ein Nazi-Vergleich?’

    Als ich den Text von Jessen neulich laß, hatte Hartung seine Antwort zwar noch nicht publiziert, wohl aber fiel aus seinem Munde in der von mir sehr geschätzten Radio-Sendun “Eine Stunde Zeit” bereits der Begriff: “Effiziente Idealisten” Ich dachte: wieder so eine nette Worthülse, gut erdacht Herr Hartung, es gibt wohl auch in Hamburg ein Cafe, in dem sie Ihren Mac abstellen, Latte drinken und nette Begriffe ersinnen können? diesen hier konnten Sie jedenfalls auch über drei Seiten nicht mit Sinn füllen.

    Anders mein Gefühl beim Jessen-Text: Er ist ein alter, störrischer Mann, der im senilen Fieber nur sehr haarscharf daran vorbeischrammt, von seiner Revoluzzer-Jugend einen Haufen Unsinn herbeizuphantasieren – das dachte ich manches Mal beim Lesen und war wütend auf dieses Männlein, das ich mir klein und vertrocknet in einer ZEIT-Redakteure-Altbau-Wohnung mit Bücheregalen bis unter die Drei-Meter-Decke vorstellte. Als ich mich bei jedem zweiten Satz drüber aufregte, dass so jemand – wie du schön schreibst – “mit dem Finger auf un zeigt”, dachte ich plötzlich: Darüber regst du dich auf und sonst hast du keine Sorgen? Nein, sonst habe ich nicht nur keine Sorgen, ich habe ansonsten grunsätzlich nicht viel, was sich nicht anfassen lässt. Wenn ich an dieser Stelle bescheiden auf einen alten Gedanken von mir hinweisen darf: http://www.casus-belli-blog.de/2007/10/11/wie-oel/ Ich denke, dass es das ist: Uns fehlen die echten Ideale. Auch wenn das, so auch von mir, schnell auf die Revoluzzer-Ebene runtergebrochen wird: es ist gar nicht das schlimmste, dass uns die ideale zum aufbegehren fehlen. wer von euch hat ein klares ziel im leben und eine vorstellung davon, wie (mittel, aber vor allem prinzipien) er da hin kommen will? ich nicht. mir fehlen jegliche ideale. wir sind vielleicht alle gleich individuell, manche von uns haben vielleicht sogar ziele, aber wir haben keinen plan.

    ich dachte, um das abzuschließen, eigentlich immer, ich sei besonders individuell, weil ich keinen auslandsaufenhalt habe, nur zwei sprachen leidlich spreche und außerdem keine große lust auf eine 60-Stunden-Woche verspühre sondern mehr so auf familie. ich hab sogar schon in paar existentielle entscheidungen getroffen, die nicht ohne konsequenzen geblieben sind. nun lese ich neulich in hartungs zeit campus: mit mir denken etwa 80 prozent aller studenten so. tolle wurst. es ist eben nicht einfach, “die jugend” zu sein und dabei gleichzeitig noch irgendwie anders.

    (ich finde im übrigen, das sollte gelegentlich bei einem zigarettchen vertieft werden, mit rede und gegenrede. hier so allein vor meinem pc komme ich mir fast selber vor, wie der alte mann, der mit dem finger auf uns zeigt. auch wenn mein billy-regal mir nur bis zur hüfte reicht.)

  • lantzschi sagt:

    keinen plan? das sehe ich ein bisschen anders, aber auch nur weil ich einen plan habe. zumindest einen ungefähren. bei anderen kann ich das nicht einschätzen.

    ichg denke die planlosigkeit der jugend ist kein phänomen des 21. jh. war doch schon immer so. sich treiben lassen. ist das nicht das eigentlich jugendliche ideal?

    ist jetzt nicht ideal der lebenslauf?

    ich habe ideale, aber die beschränken sich nicht nur auf die karriere.

    individuell? hach das sind wir wohl in einer aufgeklärten gesellschaft wohl alle nicht mehr. zuletzt war das kant ;)

  • [...] sind die 04er und 05er (übrigens die letzten coolen Jahrgänge, bevor Platz wurde für die karrieregeilen Medienstudis, aber dazu später mehr.)??? Habt ihr Jobs? Macht ihr Praktika? Wo seid ihr untergekommen? Wo lebt [...]