Es ist schon sonderbar, wie alles wiederkehrt. Und wie man langsam so eintaucht in dieses Metier, das sich da Medienwelt nennt. Wie man das ganz gut von außen betrachten kann und dann doch mittendrin steckt.
Thomas Leif hat meine Ideale nicht zerstört.
Er hat einfach nur die Privaten gebasht und bekommt dafür jetzt endlich sein Fett weg. Michael Moore in spießbürgerlicher deutscher Krümelkackerei. Armes Würstchen. Lustig wird’s natürlich, wenn mal wieder der ein oder andere Leif auf den Leim geht und den ÖR selbst ein Ei ins Nest legt, indem man behauptet, ÖR hätten Erwartungen enttäuscht, stünden nicht mehr für Qualität, seien genauso privat wie alle anderen, Machtgier, Kapitalismus, der ganze Kram. Das ist doch einfach nur lächerlich. Da wird mal wieder nur mehr als deutlich, dass Medienkritik in Deutschland völlig am Thema vorbeigeht und anachronistisch (sic!) wie eh und je ist.
1. Seit wann stehen die ÖR per se für Qualität? Wer hat das behauptet? Wann war das generell so? Steht das irgendwo festgeschrieben?
2. Seit wann stehen private Medienunternehmen per se für Scheiße? Wer hat das behauptet? Wann war das generell so? Steht das irgendwo festgeschrieben?
3. Haben die ÖR nicht einfach nur den Bildungsauftrag?
4. Wird er erfüllt?
5. Ist es nicht so, dass theoretisch alle deutschen Medienhäuser einen bräuchten? Ist das nicht der Grundansatz des Journalismus? Bildung durch Information?
Aus aller Medienkritik, die ich bisher gelesen habe, sprechen nur Klischees und unumstößliche Vorurteile. Dabei ist das ganze System doch recht einfach zu verstehen. Auf der einen Seite steht das Medienhaus (ganz egal ob privat oder ÖR). Das will/muss/soll Geld machen, damit es weiter besteht. Auf der anderen Seite stehen seine Mitarbeiter, die alle für ein Produkt arbeiten: Das Medium, das entweder Unterhaltung oder Information bietet. Mal so ganz abstrakt betrachtet, ist es nicht so, wie es funktioniert? Ist es nicht selbstverständlich, dass Geld verdient werden muss, damit Medien fortbestehen können? Diese sozialistische Denke, dass alles von vornherein nicht gut sein kann, was auf Profit aus ist, stößt mir immer wieder auf. Erinnert mich irgendwie an die Punks auf dem Alexanderplatz, die frei vom kapitalistischen System leben wollen und dann doch die Euros von ihren “Feinden” erbetteln. Bitte das Laub von den Bäumen essen, liebe Freunde.
Systemkritik in allen Ehren. Aber Fehler bitte machen lassen. Und wer nicht irgendwas mit Medien macht, sollte auch tunlichst davon lassen, Medienprodukte nach ihrer journalistischen Arbeit zu bewerten. Damit meine ich nicht, das Geschriebene und Gezeigte kritisch zu hinterfragen, eigene Recherchen anzustellen, wenn einem das Thema nicht tief genug geht, inhaltliche Fehler zu entdecken und anzumerken, hinzuweisen. Sondern damit meine ich diejenigen, die irgendwas auf irgendwelchen Blogs lesen oder wegen fehlender Subjekt-Prädikat-Objekt-Konstruktion in der Redaktion anrufen und sich über die Verrohung der deutschen Sprache und Journalismus überhaupt aufregen.
Und dann noch dieses Wort Journalismus. Völlig überbewertet. Die Vorstellungen davon grenzen ja schon fast an Heilsbringer. Jeder Depp kann Journalist sein, der drei Buchstaben an Häuserwände taggen kann. Meine Güte. Man muss ja wohl mal sagen dürfen, dass “Journalisten” Dienstleister sind. Der Journalismus ein Handwerk ist, was jeder auch ohne Studium erlernen kann und meinetwegen noch als Autodidakt erlernen kann. Thematisch gesehen wird’s dann eng, wenn man kein Fachgebiet hat, aber für Nachrichtenjournalismus reicht’s doch allemal. Hier ne dpa-Meldung, dort nen kleiner Anruf und ab dafür. Wenn man sie wenigstens Redakteure nennen würde, hätte das Ganze weit weniger Polarisationskraft. Denn Redakteure arbeiten für eine Redaktion und machen an einem Medienprodukt rum. Punkt. Mehr ist das nicht mit dem Journalismus. Das findet man auf ProSieben oder beim SWR. Dieselben Arbeitsweisen, dieselben Strukturen.
Kurt Beck und seine “Inseln der Qualität” – die ÖR. Pff. Dieser Mensch geht weit über das hinaus, was wir neudeutsch anachronistisch nennen. Aber lassen wir ihn mal. Zum Kanzler schafft er es ja sowieso nicht.
Das Problem sind doch nicht die “Journalisten”, Thomas Leif oder das Medienhaus, was sich refinanzieren muss, Gewinne machen will um neue Projekte anzuleiern, seine dicken Managergehälter aufstocken will oder sich einfach nur fortentwickeln möchte. Wenn wir alle ganz ehrlich zu uns selbst sind, sind wir das Problem. Die Kunden, Empfänger, Leser, Zuschauer, Zuhörer der Medienprodukte. Die, die wir immernoch zum nächsten Kiosk rennen und die BILD kaufen. Das mag jetzt vielleicht auch anachronistisch klingen, aber solange wir uns noch der Information oder guten Geschichten in der Masse verwehren, solange der Mainstream Mainstream will, solange werden wir mit diesem Dreck zugepfeffert werden, der sogar manchmal gar nicht so falsch sein muss, wie es die ganzen hinterwäldlerischen Kritiker des Boulevard immer behaupten. Dann haben es die “Journalisten” nämlich schwer und dürfen nur den Dreck machen, den wir lesen wollen. Könnte man natürlich auch sagen: Einfach nur noch Qualität vorsetzen und dann muss der Mob damit zu recht kommen. Doch so leicht ist das nicht, weil es immer einen geben wird, der da nicht mitmacht und Wettbewerbsvorteile genießt. Nein, die entscheidende Frage müssen wir an uns selbst richten:
Sind wir bereit für den Bildungsauftrag aller Medienhäuser?
Dann erst werden gute Geschichten bis zum Ende gelesen. Gute Geschichten sind der Grund, warum ich was mit Medien mache. Weil ich sie liebe zu lesen und liebe zu schreiben. Einen Menschen zu erreichen, dem sie etwas gebracht hat. Der sich daran erfreut hat. Aber dafür muss ich kein “Journalist” sein. Da reicht es, wenn ich Redakteur bin und der Chef mich machen lässt, weil er weiß, dass da draußen Leute sind, die auf gute Geschichten warten. Bis jetzt sind das zu wenige. Daran werden auch Thomas Leif, seine Kritiker und seine Speichellecker nichts ändern. Und wir sollten uns nicht weiter an diesen drei Schnittmengen aufreiben.
Aufmacher by Midgard (CC)
ich empfehle dir die letzte ausgabe des radio eins medienmagazin. experte zum thema ist horst müller aus mittweida.
hast du den link?
ja, der gute horst kommt auch im spiegelartikel über leif vor (hab ich ja verlinkt). sehr richtige aussagen.
hier isser:
http://www.radioeins.de/archiv/podcast/medienmagazin.html