Es ist Mai 2008 und ich finde mich in der Mittagspause mit ihr an einem Tisch wieder. Eingeladen, dankenswerterweise. Wir sprechen über dies und das und beäugen belustigt die Creme Brulée und die Krawatte am Nebentisch. Das Wort “Zehlendorf” fällt oft. Sie scheint genauso fasziniert wie ich von dieser Gesellschaft Berlins, die wir nie kennenlernen werden und das schon gar nicht wollen.
Dann sprechen wir weiter, nebenbei widmen wir uns dem Risotto und dem Kalbsragout. Es ist nett und lecker. Ich ertappe mich dabei, wie ich eine etwas ehrfürchtige, um nicht zu sagen, demütige (im Sinne von Demut) Sitzhaltung einnehme. So ein Quatsch, trotzdem passiert.
Ich bin vollwertiger Gesprächspartner. Fühlt sich gut an. Sie nickt zustimmend, sie lacht und sie ist schockiert. All die Reaktionen, die man so zeigt, wenn man auch über persönliche Dinge und Erfahrungen spricht. Dennoch wundere ich mich, dass es so abläuft. Ein innerliches Kopfschütteln bei dem Gedanken, wie wahr dieser fiktive und mit Absicht übertriebene Text doch ist. Nennt man das jetzt Ironie? Oder ist das einfach nur die zynische Bratpfanne des Lebens, die gerade über meinen Kopf rauscht?
Ich las schon mal mehrere Stunden in ihrem Blog rum und fragte mich, ob ich das auch kann. Ich antworte für mich mit “Nein”. Das hat mich auf eine nächste interessante Frage gebracht, die es auch zu beantworten gilt und der wir uns bestimmt schon alle einmal ausgesetzt sahen. Wie fühlt es sich an, wenn man weiß, dass man da, wo andere Leute jetzt sind, nie angelangen wird? Was beschleicht einen, wenn man für sich feststellen muss, dass der geistige Horizont irgendwann ausgeschöpft sein wird und zwar bevor er bei anderen ausgeschöpft ist? Kann man sich so einfach damit abfinden, dass vor einem ein intelligenterer Mensch sitzt?
Nachts kommen mir stets die besten Gedanken, ich bin leider oft zu faul sie zu visualisieren. Meistens ist das ja bei mir die schriftliche Form. Schon allein diese Faulheit vielleicht geniale Ideen mit dem Schlaf im Nirgendwo versiegen zu lassen, ist bezeichnend. Später stelle ich mir selbst in Frage: “Hast du genügend getan?” “Ist es das, was du schon immer wolltest?” “Wo siehst du dich in 10 Jahren, physisch wie geistig?” “Sind das wirklich deine Ansprüche an dich selbst? Wenn ja, hast du sie erfüllt?” “Hättest du nicht alles viel besser machen können?” Diese Fragen stelle ich mir in unregelmäßigen Abständen, seit meine Mutter vor vier Jahren beim Abiball mit beifälliger Bestimmtheit sagte, dass ich da oben jetzt auch hätte stehen können. “Da oben” ist die Bezeichnung für die Gruppe der Abiturienten, die 1,3 und besser waren. Ich selbst habe 1,7. Ich antwortete auf diese Aussage ziemlich schnell: “Nein hätte ich nicht.” Mehr aus Trotz, weil ich insgeheim doch wusste, dass es möglich gewesen wäre, hätte ich mein Wochenende nicht lieber auf der proletarischen Dorfparty oder beim Surfen im Netz verbracht.
Doch was sagt ein Abiturdurchschnitt schon über die Intelligenz aus?
Ich unterschied schon bei den Besten immer in klug und intelligent. Die Klugen sind fleißig, strebsam, verstehen Zusammenhänge und damit auch mathematische Analytik so gut, dass sie im Studium locker eine 2 schreiben können. Dafür werden sie bewundert und um Hilfe gebeten. Ich schrieb eine unkluge 2, weil ich die erste Prüfung schob und für die Nachprüfung etwa zwei Wochen vorher mit dem Lernen begann. Zwischendrin besuchte ich wieder die ein oder andere Vorlesung. Im Grunde genommen aber brachte ich mir alles selbst bei. Bedeutet eine autodidaktische unkluge 2, dass man intelligent ist? Hmm, es bedeutet auf jeden Fall Arroganz. Trotzdem: Die Klugen waren in meinen Augen nie intelligent. Am Ende meiner 22 Lebensjahre kann ich sagen, dass Kluge mit viel Aufwand zwar einen besseren Durchschnitt erreichen und praktisch “besser” sind, aber was können diese Leute wirklich? Intelligent sind sie nicht. Dazu gehört mehr als in Statistik eine 2 zu zaubern. Oder einen 1,0-er Abschluss auf dem Bachelorzeugnis.
Doch offensichtlich haben diese Leute eins verstanden: Dass es unsinnig ist, sich zu sagen, ich könnte, wenn ich gewollt hätte. Das ist doch Selbstbetrug. Wieso macht man es dann nicht einfach? Wieso die Faulheit? Weil die Intelligenz noch ein Stück vom Leben haben will? Und dabei doch dieses Stück unter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleibt?
Aber sind es die eigenen oder doch die fremdbestimmten? Warum steht dann der Faust in meinem Bücherregel und verstaubt ungelesen? Weil ich ihn ja lesen könnte, wenn ich wollte. Ist das die intelligente Arroganz? Oder die arrogante Intelligenz? Bin ich vielleicht auch nur klug, aber fauler?
Zurück zu dem Mittagstisch in Berlin und den Krawatten aus Zehlendorf und Texte über Männer mit Bärten und deren kulturwissenschaftliche Begründung. Ich habe mir vorgenommen, mich nicht mehr mit gleichaltrigen Menschen, deren Intelligenz oder Klugheit zu befassen. Oder mich sogar in diesen Kontext zu stellen. Es hilft sich mit Leuten zu vergleichen, die älter und demnach (hoffentlich) weiser sind. Die berichten können. Und in diesem Vergleich musste ich für mich feststellen, dass ich da nicht heranreiche. Auch nicht in 10 Jahren. Aber vielleicht ist das auch gerade wieder Selbstbetrug und ich lache darüber. Könnte ich es denn schaffen, würde ich mich “anstrengen”, wie man im Volksmund so schön sagt? Nein. Selbst kluge Menschen würden scheitern, weil ihnen dazu der Intellekt fehlt.
Die Erkenntnis des Scheiterns, das nie stattgefunden hat und auch nie wird, ist ernüchternd. Für sich feststellen, dass das Streben in eine andere Richtung gehen wird, schreit nach neuen Zielen und Erkenntnissen, mit denen man leben kann. Bedeutet denn, nicht das Höchste zu wollen, dass man sich mit weniger zufrieden gibt? Bedeutet denn, nicht das Höchste wollen zu können, dass man auf geistiger Ebene versagt hat? Es bedeutet in meinen Augen lediglich, dass man immer das erwartet, was von einem selbst erwartet wird, oder was man glaubt von sich zu erwarten.
Trotzdem braucht genau diese Erkenntnis des Scheiterns eine charakterliche Stärke und Größe, die ich noch nicht habe. Ich arbeite daran, damit ich mit dem, was ich geistig zu leisten im Stande bin, zufrieden sein kann. Bis dahin lese ich weiter intelligente Texte, lasse die klugen beiseite und freue mich, dass ich das erreicht habe, was ich mir in Tagträumen ausgemalt hatte: Ein Tisch in Berlin und zwei Menschen die gutes Essen zu schätzen wissen. Nicht mehr und deshalb auch nicht weniger.















also gegen ende hin fast schon kunderaesque! habe ich da gerade einen intelligenten text gelesen? deine “erkenntnis des scheiterns” ist für mich die “erkenntnis wie man seinem scheitern entrinnt”. bei mir müssen dabei ganz einfach die dinge, die mich glücklich machen, überwiegen. sonst sackgang. egal ob klug oder inteli..intehli… mmh, kalbsragout!
kunderaesk? :D also bitte!
die erkenntnis des scheiterns muss ja nicht per se zu depressionen führen. man sollte trotzdem nur drüber nachdenken.
kalbsragout war hervorragend. an kräuterlinguine, pilzen (ich glaube, stein-) und einer dijonsenf-sauce.
ich liebe essen. und mein scheitern! ^^
ich mag diesen text. er drückt vieles aus, was mir schwer fallen würde auszudrücken. du scheinst auf dem weg zur erkenntnis des scheitern ein ganzes stück weiter zu sein, als ich. mich quälen gedanken an meine geistige begrenztheit oder an begrenzheiten auf anderen existentiellen bereichen manchmal sehr. zu charakterliche stärke und größe würde ich ganz pragmatisch noch pragmatismus als voraussetzung für eine derartige erkenntnis nennen. ich habe vor allem in letzter zeit eine menge menschen kennengelernt, die mit pragmatismus und dem angesprochenen charakter einfach eingesehen haben, dass es da eben jemand “über” ihnen gibt, in welchem sinne auch immer, und das auch stets so sein wird. diese menschen wirken zumindest sehr zufrieden. einfach schön! an schlechten tagen: beneidenswert. an zu guten tagen: verachtenswert. die balance hoffe ich irgendwann zu finden.
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