Posted on Nov 16, 2007

Berlin und sein Streik.

Beobachtungen im öffentlichen Nahverkehr (ohne S-Bahn versteht sich) während der Streiks der Deutschen Bahn.

 

 

Gerade in den letzten zwei Tagen sehne ich mir etwas Mittweida herbei. Ruhe, Besonnenheit, Nazis. Berlin deckt sich ins gewohnte Großstadt-Grau, das jedem urbanen Miesepeter vor Glück die Tränen in die Augen treiben würde. „Ich habs ja schon immer gesagt. Berlin ist scheiße“

Das kann man nun sehen wie man will, ich denke, das schlechte Wetter gehört zu Berlin wie die CurryWURSCHT und Wowi auf der nächsten Vip-Party anstatt im Roten Rathaus.

Ich liebe Berlin mittlerweile sogar wegen und nicht trotz seines Multikulti. Wundere mich manchmal über mich selbst, wie ich die kleinen Emigrantenkinderlein anlächele, während sie sich gefühlte 100% ihres Tages nur im Brüllton unterhalten und dabei mit ihrer Schreckschusspistole der heißesten Pre-Teenie-Pussi unter der Nase rumfuchteln, um ihre noch nicht vorhandenen Schamhaare am Gemächt zu kompensieren.

Oder die besoffenen Marzahner-Vollassis, die mit ihrem 15cent-Ekelbier die ganze Tram vollstinken, um im Bauarbeiterrausch zum nächsten Eisbärenspiel nach Hohenschönhausen zu juckeln.

Lustig sind auch die F’Hainer/Prenzlberger/Kreuzberger Öko-Köpi bleibt-Rastafaris, die bei der Kälte ihren ausgemergelten Kiff-Körper in mottenzerfressende Stoffleibchen hüllen.

Ganz zu schweigen die übergewichtigen Einzelhandelskauffrauen, die den gesamten Bus vereinnahmen, wild schnatternd, wild gestikulierend, mit ihrem dicken Hinterteil mein liebevoll geschmiertes Stullenpäckchen zerdrückend, sich aufregen, warum sich so viele Menschen in den Bus quetschen und daraufhin die Türen nicht mehr zugehen wollen.

Als sie nach 10 Minuten und einen keifenden Busfahrer später endlich die ungewollte Blockierer-Brut aus dem Bus gemobbt haben, grunzen sie zufrieden ein: „Hach, es gibt noch selbstlose Menschen in diesem Land“. Sie glucksen und grunzen und glucksen und grunzen, dabei schwingen ihre überproportional großen Brüste harmonisch zu den Schlaglöchern, die der Busfahrer allesamt mitnimmt.

Und dann gibt es da noch so Leute wie mich. Lieb, nur mit einem MP3-Player im Ohr bewaffnet, treten sie jeden grau-kalten Morgen gegen die Berliner Bevölkerung zum unfreiwilligen Kampf um den besten Platz an. Die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, weit aufgerissene Augen, gierig-naiv-liebevoll um sich schauend, was die Großstadt als nächstes für sie bereithält.

5 Comments

  • nasty sagt:

    ein sehr gelungener Text! der wahrheitsgehalt liegt hierbei bei 100%. Besonders dein letzter Satz, lässt mir tränchen in die äuglein schiessen, weil er so rührend ist:)

  • denise sagt:

    ruhe, besonnenheit, nazis. :) nur einer von vielen punktgenau sitzenden sätzen in diesem post. geilomat, lantzschi!

  • affong sagt:

    Echte Berliner würden vielleicht sagen: “Bier für 15 Cent? Wo?” Ich sage, dass es schön ist zu sehen, wie ein Streik nicht unbedingt kontraproduktiv sein muss. Und wie du trotz MP3-Players die übergewichtigen Einzelhandelskauffrauen verstanden hast, interessiert mich außerdem…

    Viel Spaß noch in Berlin! (Ernst gemeint.)

  • lantzschi sagt:

    das ist natürlich prekär, aber das ging so:

    während wir alle dichtgedrängt aneinander standen, passierte es mir, dass ein hörer aus dem ohr rutschte. aufgrund der bedrängnis kam ich nicht dazu, ihn wieder hinein zu tun.

    und die sache mit den echten berlinern:
    wie asozial ist das denn? reduzierst du die berliner auf die hartzIV-bauernschicht aus hohenschönhausen, lichtenberg, marzahn und hellersdorf?
    armutszeugnis für die stadt wäre das! so eine bevölkerungsschicht!

  • affong sagt:

    Eine durchaus nachvollziehbare Erklärung ist das. Muss dir aber in deiner Entscheidung recht geben, dass nicht im Primärtext verarbeitet zu haben. Zu umständlich – es hätte dem Beitrag seinen Fluss genommen…

    Angesichts dieser Erkenntnis darf man dir jedoch noch dazu gratulieren, nicht ebenfalls nachträglich als *selbstloser Mensch* bezeichnet worden zu sein. Gott sei Dank ist der Streik erstmal vorbei… und die S-Bahn fährt wieder.

    Und die Sache mit den echten Berlinern: Wie asozial ist das denn, die Hohenschönhausener, Lichtenberger, Marzahner und Hellersdorfer auf den ihnen eigenen Anteil an Hartz-IV-Empfängern zu reduzieren? Aber, du hast ja recht – war nicht nett gegenüber den echten Berlinern. Aber die waren/sind ja auch nicht immer nett gegenüber mir. Und zu dir?