Posted on Okt 11, 2007

Es soll noch Wunder geben…

denn a) habe ich wieder Lust zu bloggen und b) aber keine Zeit dafür.

Wie ich dann jetzt dazu komme? –> Spätschicht!

Mein Praktikum spannt mich derzeit voll ein. Meine wenige Freizeit muss ich leider für sinnvollere Dinge nutzen. Die Tücken des Alltags und eines organisierten Lebens führen bei mir schon Beta-Endorphin-Schüben. WOW! Mein Leben gefällt mir sozusagen.

Genug der Faselei, ihr erwartet sicher eine umfassende Tagesspiegel-Online-Lantzschi-Berlin-Zusammenfassung der letzten Wochen, okay. Vorsicht: Lang!

Montag vor einer Woche begann ich also mein Praktikum in der Tagesspiegel Online Redaktion. Aufgrund der letzten Misserfolge in Sachen Zukunftsplanung war ich anfangs eher skeptisch bzw. nicht sonderlich erfreut mir nun wieder drei Monate den Arsch abzubuckeln für die Frisierung meiner Vita.

Jedoch merkte ich bereits am ersten Tag, dass Online gar keine so schlechte Variante zu Print ist. Und ich merkte, wie tief immer noch die Gräben zwischen der Online- und Printredaktion sind. Klar bekommen wir jeden Tag die Texte unserer Kollegen frei Haus. Das wars dann aber auch schon. Wenn die Agenturmeldungen wieder nichts hergeben, gehts auch schon mal runter zu den Redaktionssitzungen, um sich bei Print ein paar Themen abzulunschen, nur das wird nicht gern gesehen. Auch wird in den Printtexten nie gern auf die Angebote von tagesspiegel.de hingewiesen, wenn es um “weiter Informationen unter…” geht. Eigentlich wird nie darauf hingewiesen. Ich weiß nicht, warum die Printler immernoch denken, wir würden ihre Texte an gemeinen Mob für lau verkaufen. Klar, ich bin auch eher der Printler, ich will mich hier auch keineswegs zum Gutmenschen hochpushen, aber die alteingesessenen Journalisten der ersten Generation haben noch immer nicht den Sinn eines Online-Pendants zur Zeitung verstanden: News, News, News und Mehrwert. Nun könnte man auch wieder offieren: schneller Content und Klicks. Das wollt ihr. Mehr nicht.

Um diese Vorurteile zu entkräften vielleicht mal so viel: Als ich mit Mercedes die Woche sprach, es ging um eigene Texte für das Berlin-Ressort wenn die Nachrichtenlage mal wieder mau ist…Bei Online ginge es nicht so sehr um eigenes, sondern um die Wertung und den Umgang mit Nachrichten. Wie man sie aufbereitet und was man aus ihnen macht, wie man Geschichten baut. Zur Kunst habe es SpOn gemacht. An meiner Arbeit merke ich, wie Recht sie damit hat. Klar läuft im Online alles mit den Agenturen und Copy und Paste. Doch man muss aus dem teilweisen Wirrwarr von AFP, DPA, DDP & Co. rausfiltern: Was bringen wir? Wie bringen wir es? Was interessiert unsere Leser wirklich? Was erfordert eine radikale Kürzung, was eine Neuaufbereitung? Bild oder nicht? Dossier dazu oder nicht? Umfrage dazu oder nicht?

Viele haben nie verstanden, wozu Online und wozu Print da ist. Welche Mediennutzungstypologien dahinter stecken. Und dass Klicks eben doch wichtig sind. Nicht allein für die TKPs dieser Welt. Nirgendwo sonst sieht man so schnell, was die Leser als Agenda wollen und begreifen. Strömungen in der Gesellschaft. Meinungen.

Klickmonster dieser Woche waren sicher nicht nur die leidigen Themen: Beck/Münte, Beckstein, Rudolf B wieder frei und der Bahnstreik. Nein, was wirklich an den Magen der Bevölkerung schlug waren Eva Herman und Dejagah. Ich kam gar nicht so schnell hinterher die Kommentare zu moderieren, wie sie einschlugen. Und ich wurde nie so oft eines Besseren in Sachen politisch unkorrekter und verstecker diffamierender Äußerungen belehrt. Henryk M. Broder (zwei Kommentare erschienen auf SpOn und tagesspiegel.de) und Herr Niggemeier sind wohl die Redelsführer des Mobs in dieser Angelegenheit. Und ganz gleich, ob man JBK nun doof findet oder die Herman oder den Dejagah oder den Iran. Lange wurde es vernachlässigt, von Medien und Politik finde ich diese Vernachlässigung sogar am schlimmsten: Debatten um eine gute Geschichtsaufarbeitung und den Islam. Wir scheinen besessen von Hitler-Themen und Allah-Themen. Wir bilden uns auf jeden Pups eine Meinung, wir machen Dejagah und Herman zum Politikum. Und führen einmal mehr mit gutem deutschen Beispiel voran, wie schnell wir uns doch mit wenigen Sätzen zum Gutmenschen stilisieren können und die ganze Debatte ad absurdum führen. Peinlich! Dazu später auf tugendsuende.de mehr. Deutlich wird aber: Da besteht Gesprächsbedarf. Um den Bogen wieder zum Tagesspiegel zu führen. Ja wir moderieren Kommentare. Ja wir löschen zu kritische Sachen, ohne mit der Wimper zu zucken. Wer sich an das WELT-Dilemma von damals erinnert, wird wissen wieso. Ja es gibt durchaus auch Menschen, die sich qualitativ wertvoll kritisch gegen Anhänger des Islam oder gegen den neuen bigotten demokratischen Liberalismus stellen können. Die löschen wir nicht. Aber die sind leider in der Minderheit. Ich musste schnell lernen, dass das Wort Islamisten Muslime und Fundamentalisten in einen Topf wirft und deshalb nicht akzeptiert werden könne. Ich lernte wiederum daraus, wie wir nicht selbst denken und uns zu Agitation und Populismus hinreißen lassen, ohne es zu merken. Daraus lernte ich wiederum, wie unwissend wir sind. Aussagen wie “Islam ist keine Religion, sondern eine gewaltverherrlichende Sekte” ließen mich ob dem Wut und Hass unter den Deutschen erschrecken. Kreuzzüge werden ad acta gelegt, als ob sie nie existiert hätten. Das Christentum habe sich schon längst aus seiner primitiven Phase emanzipiert, der Islam sei noch nicht so weit. Starker Tobak. Also später mehr.

Nun gut: Zwei Hauptaufgaben meines Praktikums…News bringen und Kommentare moderieren. Das Spannende am ersten ist dazu der layout-technische Hintergrund. Zwischenüberschriften, Stichzeile, Überschrift, Teaser, Bilder, Dossiers…alles muss auch gut aussehen. Die Seite muss ständig bebaut werden. Wer regelmäßig auf Online-Portalen liest, dem wird auffallen, dass sich gerade die Homepage ständig ändert. Themen getauscht werden, Bilder gewechselt werden. Die Onliner sind Bauarbeiter und Journalisten zugleich. Sogar die Bild- und Videoredaktion bei uns. Dazwischen immer wieder Markus (Redaktionsleiter) und Mercedes (Cheffe), die anmerken, das Bild sei langweilig, die BU ungünstig (MB: “Nadine!!!! die BU ist viel zu lang! Und Feldlager können nicht zum Opfer fallen! Bitte sofort ändern.”), die Themen austauschwürdig, SpOn, Welt, bla bringen das als Aufmacher, das müssen wir auch bringen, warum haben wir das und das noch nicht in der Skybox (Die Waagerechte über dem Aufmacher)? Neben dem hektischen Tippen und Bilder suchen, Kommentare moderieren, Seiten umbauen wird noch diskutiert: über Herman, Dejagah, ALG I. News sind unser täglich Brot, dass wir darüber sprechen, ist sonnenklar. Selbst die Kippenpause wird so zum politischen Diskurs. Für mich als TV- und Zeitungsfernbleiber aus Faulheit gibt es keinen besseren Job, sein zeitgenössisches Allgemeinwissen exponentiell zu steigern. Fragt mich alles über die Afghanistan-Mandate oder Sarkozys Besuch bei Putin. Oder doch der umstrittene Wiederaufbau des Berliner Schlosses mit dem Humboldtforum? Ich finde mein Interesse dafür fast erschreckend. Deswegen macht die Arbeit auch so viel Spaß. Neben den 5x-Dosen an Latte Macchiato und den gefühlten 2 Liter Mineralwasser aus dem Automaten findet sich mein Gehirn auf Vollbetrieb.

Jaa, was gibts noch umsonst hier? Die Zitty. Den Berlin-Führer der Zitty. Wir betreuen das ja mit. Online und so. Gestern brachte eine Kollegin eine Tonne frisch gepflückte Himbeeren mit. Je mehr Zeit verstrich, desto roter färbten sich die Tastaturen der Bild-Archiv-Rechner. Für Mercedes gabs gestern meinen Tabak umsonst. Für meinen Mitarbeiter im Politik-Ressort gabs meine Unterstützung ne volle halbe Stunde länger. Letzte Woche gabs Knut umsonst zum Essen. Ja es gibt sie wirklich – die Knut-Zuckerschaum-Bären von Haribo. Und was das beste Kostenlose ist? Die geilen Mitarbeiter.

Soo, indes hoffe ich, dass morgen nicht gestreikt wird, da ich sonst nicht nach Hoyerswerda komme. Nein MFGs erledigen sich, da ich bis 18.00 arbeiten muss. Ich melde mich also wieder aus Hoy mit neuen Erkenntnissen aus der Hauptstadt. Und wer bis hierhin durchgehalten hat, wird auch mit Impressionen versorgt :)

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Zwischen DGB- und DB-Gebäude noch hindurch und dann noch 5 Minuten mit dem Bus. Da ist der Verlag des Tagesspiegel.

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Mein Arbeitsplatz. Jeden Morgen gibts deutsche Presse für Lau, um zu sehen, was die Konkurrenz so macht. Man beachte das Latte-Glas.

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Die sagenumwobenen Knuts zum Essen. Lecker!

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