Posted on Jul 1, 2007

“Ilona, was waren das für Zeiten!”

Disclaimer: Ilona ist meine Oma, der Zitatengeber ihre Schwester, meine Großtante und sie heißt Gudrun

Seit einer Stunde bin ich wieder in Hoyerswerda, zurück aus Dessau. Da war ich gestern. Zum ersten Mal in meinem Leben lernte ich meine Großtante mütterlicherseits kennen. Mutti [hier in fast-Brandenburg-noch-Sachsen sagt man nicht Mama] gleich: “Die wird dir gefallen.”

Ja, sie hatte viel zu erzählen, die Gudrun. Aber fangen wir von vorn an.

Schade, dass es damals(c) noch keine Digitalkameras gab, sonst hätte ich euch schöne Bilder zeigen können: Mutti mit 13 in ihrem Ausgehkostüm, einer Riesenbrille, wie sie jetzt wieder in sind, und einer Frisur, wie sie Rockmusiker zur Zeit tragen, nur ein bisschen länger, aber der Scheitel genauso. Junge Frauen mit Blusen aus dem Exquisit, stylischen Trenchcoats, Kinderwagen, die man nicht mal seinem schlimmsten Feind wünschen würde. Der Osten 1977 war schön.

“Anhaltiner sind do allet Muffköppe.” Ich kann das nicht bestätigen. Ich habe Sachsen-Anhalt nach gestern in einer netten Erinnerung.
Unsere Fahrt führte uns von Sachsen, nach Brandenburg (Omma einsacken) und von da über Lutherstadt Wittenberg nach Dessau.  2,5h durch ländliche Gegend, wo Fuchs und Hase sich noch mit FDJ-Hemd gegenüber stehen und Lenin über den guten Schlaf der Anwohner wacht. Ich bin aufgewachsen in solch einer Einöde. Trotzdem ist etwas aus mir geworden. Jetzt mach ich auf urban und genieße mein Leben am Spreeufer bei einem Latte und harre den Dingen, die da kommen.

Aber zurück zu Gudrun. Gudrun rult. Es wurde gegrillt, gelacht und viel getrunken. Schon am Nachmittag den “Bunten” (Kräuterlikör) auf den Tisch gepackt, ich blieb bei einem Becks Green Lemon. Nach drei Steaks, Eier-, Kartoffel- und Nudelsalat, Mixed Pickles und gefühlten 10 Baguettestangen musste es dann doch ein Bunter tun. Oder 2. Oder 3. Das Bier war auch immer irgendwie voll. Und später noch ein Pfirsichlikörchen, den ich mit den alten Damen tilgte…”Nadine, der is do ma süffig. Ein feinet Tröpfchen.” Ich nickte, wohlwissend, dass die 40 Jahre älteren Frauen mein Pensum heute bei weitem überbieten würden.

Irgendwann, es war unvermeidlich, vorhersehbar und die grausigste Vorstellung für ein Enkelkind bei einem Familientreffen. Geschichten von damals(c). Aber da ich mittlerweile auch ein bisschen reifer bin, war es ok. Nein es waren sogar die besten Brüller des Abends. Gudrun berichtete vom Ereignis, wie sie ihre Tochter aufklärte. Sie hatte das ja nicht. “Wir hatten ja nischt. Wir wurden nich aufjeklärt. Meine Jüte, wat hatten wir Angst vorm Küssen, wa Ilona? Dabei hatten wir schon so große Busen. Wir waren extrem reif für unser Alter.” Und die Geschichte ging so:

Vor 25 Jahren beim Frühstück:
“Mutti, wann bekomm ich meine Tage? Die anderen haben sie alle schon” Gudrun zu uns: Ab da wusste ich, jetzt klär ich mein Kind uff und sachte zu Eckart (ihrem Mann): Eckart jib ma nochn Brötchen, jetzt kommt die Stunde der Wahrheit. Dann sachte ich zu Diana: “Naja nich mehr dieses Jahr, aber nächstes bestimmt. Und dann hab ich so erklärt und so.”

Gudrun berichtete auch davon, wie sie mit Eckart und Tochter mal “in den Westen war, kurz nach de Wende.” Großeinkauf. “Das Begrüßungsgeld uffn Kopp kloppen.” “Oah wir hatten so’n Hunger, schon übelst lange uff de Beene, gekooft alles kommt Eckart mit: “Gudrun kiek ma, Tapeziertische für 5 Mark.” “Eckart lass die Tische sein, ick hab Hunger, ick hab Durst, wir jehn zum Auto.” Hamm wir dit Auto nich mehr jefunden. “Of de Suche nach dem Auto hamm wa dann nochn Fleischer jesehn und Kassler jekooft. Für schlechte Zeiten.”

“Und dann waren wo noch in son komischet Jeschäfte wa?” (Gudrun meint Orion) “Dann zeichte die uns so’n Ding mit Batterien. Ausprobieren konnte man dit ja nich. Und teuer war das, neeee. Meente die Verkäuferin: “Ja ich kann ihn noch ein anderes bringen, wenn ihnen das zu groß is” Nee, sach ich, Eckart, wat sind wa da drin rumjeloofen und hamm nischt jekrischt, wa?

“Wir waren sehr arm. Nich ma Fernsehen hatten wa, simma imma bei de Nachbarskinder drüben klingeln jejangen. Ilona wir hatten ja jar nischt.” “Doch nen großen Busen.”

Ich könnte noch mehr erzählen. Lachen musste ich früher selten über die Geschichten. Wenn alte Leute melancholisch werden. Aber gestern war es die Wonne. Und Osten ist sowieso das Beste.

2 Comments

  • denise sagt:

    :-D der satz mit dem busen ist der wahnsinn. beide male.

    aber: warum hast du so ne komische elitepartner-werbung da in der sidebar? elite is mir klar, aber partnervermittlung?

  • lantzschi sagt:

    och so, recht lustig wa?

    für meine sidebar ich nix kann. die wird nach content generiert.